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Barraud: La Tailleuse de Soupe

1925 entdeckte der Klassikprofessor Carol Wight nachts in einer Maschinenwerkstatt einen ungewöhnlichen Leser. Ein Mechaniker lag auf dem schmutzigen Boden unter seiner Drehbank und las im Licht einer nackten Glühbirne Thukydides. Wight fragte ihn, weshalb er ausgerechnet einen griechischen Historiker aus dem fünften Jahrhundert vor Christus lese. Die Antwort war knapp: „because he makes me think“ – „weil er mich zum Denken bringt“. Thukydides helfe ihm zudem, die Gegenwart besser zu verstehen. [1]

Später stellte Wight jene Frage, die Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer bis heute kennen: Was bringt dir das? Der Mechaniker deutete auf seine Drehbank und sagte: „I can shape steel with this; … I can shape men.“ Mit der Maschine könne er Stahl formen, mit dem Buch Menschen. [1] Auf diese Episode bin ich über einen Essay des Atlantic-Autors Elias Wachtel gestossen, der sie 2026 wieder aufnahm. [2] Der Mechaniker liest Thukydides nicht, um Fakten anzuhäufen, sondern um seine eigene Welt anders sehen zu können.

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Kulikow: Tschirikow

Wenn du einen bereits bearbeiteten Text später wieder zur Hand nimmst, kennst du vielleicht das Problem: Zahlreiche Stellen sind gelb, grün oder rot markiert, doch du weisst nicht mehr genau, weshalb eine Passage wichtig war oder was du daraus mitnehmen wolltest. Markierungen helfen dabei, Aufmerksamkeit zu lenken und relevante Stellen wiederzufinden. Sie ersetzen jedoch nicht die gedankliche Verarbeitung eines Textes.

Dabei lohnt sich eine einfache Unterscheidung. Eine Markierung hebt eine Textstelle hervor. Eine Annotation verbindet sie mit einem eigenen Gedanken, etwa als Randnotiz, Kommentar, Frage oder Verweis. Eine praktische Regel lautet deshalb: Ergänze wichtige Markierungen um mindestens einen eigenen Gedanken. Dafür reichen oft wenige Wörter. Entscheidend ist nicht die Länge der Notiz, sondern dass du mit der markierten Stelle gedanklich etwas machst.

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Gauermann: Beim Hufschmied

Ich habe den Sommer unter anderem dazu genutzt, verschiedene aktuelle Entwicklungen in der Berufsbildung und beruflichen Weiterbildung genauer zu verfolgen. Besonders auffällig war für mich, dass sehr unterschiedliche Initiativen auf ein ähnliches Problem reagieren: Berufliche Kompetenz lässt sich unter Bedingungen schnellen technologischen Wandels immer weniger in einzelnen Kursen oder punktuellen Qualifikationen organisieren. Europäische Initiativen, Projekte des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und aktuelle OECD-Arbeiten weisen vielmehr in Richtung eines kontinuierlichen Systems der Kompetenzentwicklung. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht das einzige Thema, aber ein wichtiger Beschleuniger.

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Browne: A Girl Writing; The Pet Goldfinch

Vor einigen Jahren begann ich wieder, regelmässig von Hand zu schreiben. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen. Mein Alltag spielt sich weitgehend am Bildschirm ab, und ich möchte das nicht ändern. Doch immer dann, wenn ich etwas wirklich verstehen, durchdenken oder entscheiden möchte, greife ich zum Notizbuch.

Diese Gewohnheit entstand zunächst aus einem praktischen Impuls. Mit der Zeit stellte ich fest, dass sie etwas verändert: Gedanken werden klarer. Zusammenhänge treten deutlicher hervor. Schwierige Entscheidungen wirken weniger überwältigend. Lange hielt ich das für eine persönliche Eigenheit. Heute spricht einiges dafür, dass dahinter mehr steckt.

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Watrous: Just a Couple of Girls

Wer regelmässig wissenschaftliche Erkenntnisse über Lesen, #Lernen und ähnliche Themen konsultiert, begegnet einem vertrauten Muster. Irgendwo erscheint eine neue Studie. Wenige Tage später folgen die populärwissenschaftlichen Schlagzeilen: Papier sei dem Bildschirm überlegen, Bücher förderten das Verständnis, digitale Medien erschwerten die Konzentration. Die Studien unterscheiden sich, die Botschaft bleibt konstant.

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Batoni: Die büßende Magdalena

Mit zwanzig lernte ich, um voranzukommen. Mit dreissig lernte ich, um beruflich relevant zu bleiben. Mit fünfzig stelle ich mir eine andere Frage: Hat Lernen vielleicht weniger mit Karriere zu tun als mit der Art, wie wir altern? Diese Frage drängte sich mir bei der Lektüre verschiedener Texte zur Altersforschung auf. Überraschend war dabei nicht die Erkenntnis, dass ältere Menschen noch lernen können. Das dürfte heute kaum jemanden erstaunen. Überraschend war vielmehr die Vermutung, dass der Zusammenhang möglicherweise umgekehrt verläuft: Vielleicht lernen wir nicht weiter, weil wir geistig fit geblieben sind. Vielleicht bleiben wir geistig fit, weil wir weiterlernen.

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Morland:  Woman Reading by a Paper-Bell Shade

Wer schon einmal versucht hat, eine längere Liste, Fachbegriffe oder eine Präsentation auswendig zu lernen, kennt das Problem: Einzelne Informationen verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Besonders schwierig wird es, wenn die Inhalte wenig miteinander zu tun haben. Genau hier setzt die sogenannte Loci-Methode an – eine jahrtausendealte Lerntechnik, die bis heute verwendet wird.

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Thorvald Erichsen: Jorde skriver hjem

„Das ist gar kein Schreiben – das ist Tippen.“ Mit dieser spitzen Bemerkung soll Truman Capote einst die Prosa seines Kollegen Jack Kerouac kommentiert haben. Die Bemerkung war polemisch gemeint, doch sie trifft einen Nerv, der bis heute empfindlich ist: Verändert das Werkzeug, mit dem wir schreiben, auch die Art, wie wir denken? Meine Antwort lautet: Ja. Und wir unterschätzen diesen Einfluss systematisch.

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Anton Hickel: The House of Commons

Warum steigen manche Menschen in Organisationen auf – und andere nicht, obwohl sie fachlich mindestens ebenso kompetent sind? Diese Frage begegnet mir regelmässig. Im Unterricht, in Gesprächen mit Führungskräften, in Diskussionen über Karrierewege. Viele gehen implizit davon aus, dass sich Qualität langfristig durchsetzt. Wer die besseren Analysen liefert, wer klüger denkt, wer sorgfältiger arbeitet, wird früher oder später auch führen. So einfach ist es nicht.

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McTaggart: The Storm

In der heutigen digital vernetzten Welt ist das Smartphone für viele von uns ein ständiger Begleiter. Doch wie wirkt sich die blosse Anwesenheit dieses Geräts auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit aus? Diese Frage wurde erstmals durch die sogenannte Brain-Drain-Hypothese aufgeworfen, die besagt, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere geistigen Kapazitäten beeinträchtigen kann. In diesem Beitrag möchte ich mir die ursprüngliche Studie anschauen und sie mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontieren, die die Validität dieser Annahme infrage stellen.

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