Wie viel Macht hat die innere Uhr wirklich?
![]()
Eine finnische Langzeitstudie legt nahe, dass ausgeprägte Abendmenschen häufiger eine Invaliditätsrente beziehen. Andere Untersuchungen finden Zusammenhänge mit Sterblichkeit, Einkommen und kognitiver Leistungsfähigkeit. Doch welche Rolle spielt dabei die innere Uhr selbst? Ein kritischer Blick auf die Forschung zeigt, weshalb einfache Erklärungen zu kurz greifen.
70 Prozent höheres Risiko – was steckt dahinter?
„Dieser Schlaftyp geht womöglich früher in Rente“, titelte t-online Anfang Oktober 2026. Anlass war eine finnische Langzeitstudie, die einen Zusammenhang zwischen dem sogenannten Chronotyp und dem Bezug einer Invaliditätsrente festgestellt hatte. Menschen mit einem ausgeprägten Abendchronotyp wiesen demnach eine rund 70 Prozent höhere Ereignisrate auf als Morgentypen [1].
Die Forschenden der Universität Oulu hatten 5’679 Personen aus einer nordfinnischen Geburtskohorte untersucht. Mit 46 Jahren wurden die Teilnehmenden als Morgen-, Zwischen- oder Abendtypen eingeordnet. Anschliessend wurde während zwölf Jahren erfasst, wer erstmals eine Invaliditätsrente erhielt. Bei Männern mit spätem Chronotyp waren es 8,3 Prozent, gegenüber 5,0 Prozent der Morgentypen. Bei Frauen betrugen die entsprechenden Anteile 12,1 und 7,2 Prozent.
Die Unterschiede sind bemerkenswert, doch die relative Angabe von 70 Prozent klingt eindrücklicher als die absoluten Differenzen von 3,3 beziehungsweise 4,9 Prozentpunkten. Zudem ging es um den erstmaligen Bezug finnischer Leistungen wegen eingeschränkter Erwerbsfähigkeit, einschliesslich teilweiser oder befristeter Renten, und nicht zwingend um das endgültige Ausscheiden aus dem Berufsleben. Die untersuchte Leistungskategorie lässt sich auch nicht unmittelbar mit der schweizerischen IV-Rente gleichsetzen.
Vor allem aber stellt sich eine grundsätzliche Frage: Ist der späte Chronotyp selbst für die beobachteten Unterschiede verantwortlich, oder hängt er mit anderen Eigenschaften und Lebensumständen zusammen, die ebenfalls die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit beeinflussen? Einige ausgewählte Studien helfen, diese Frage genauer einzuordnen.
Was der Chronotyp eigentlich beschreibt
Die geläufige Einteilung in „Lerchen“ und „Eulen“ vereinfacht ein biologisch komplexes Phänomen. Der Chronotyp beschreibt die individuelle zeitliche Ausrichtung des zirkadianen Systems, das unter anderem Schlaf, Wachheit und verschiedene physiologische Prozesse reguliert. Genetische Faktoren spielen dabei ebenso eine Rolle wie das Alter und Umweltbedingungen, insbesondere die Lichtexposition. Tatsächlich handelt es sich um ein kontinuierliches Merkmal und nicht um zwei klar abgegrenzte Menschentypen [2].
Der Chronotyp ist ausserdem nicht mit den tatsächlichen Schlafgewohnheiten gleichzusetzen. Ein ausgeprägter Abendtyp kann durchaus jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen, wenn es seine beruflichen Verpflichtungen erfordern. Entscheidend ist, ob sich dieser Tagesablauf mit seinem bevorzugten Schlafrhythmus vereinbaren lässt und ausreichend Schlaf ermöglicht.
In diesem Zusammenhang wird häufig vom sozialen Jetlag gesprochen. Gemeint ist die zeitliche Verschiebung der Schlafmitte zwischen Arbeits- und freien Tagen. Wer unter der Woche früh aufstehen muss, am Wochenende aber deutlich später schläft, weist möglicherweise einen ausgeprägten sozialen Jetlag auf. Dieser beschreibt zunächst eine messbare Abweichung zwischen zwei Schlafmustern, nicht automatisch ein Schlafdefizit oder eine gesundheitliche Schädigung.
Das Verhältnis zwischen biologischer und gesellschaftlicher Zeit hatte ich bereits im Zusammenhang mit der Zeitumstellung im Frühling thematisiert. Für die Beurteilung der Chronotypenforschung ist die Unterscheidung wesentlich: Ein später Chronotyp führt nicht zwangsläufig zu Schlafmangel, und die zeitlichen Anforderungen des Alltags können das beobachtete Schlafverhalten erheblich beeinflussen.
Gesundheit und Beruf: Was die Studien erklären und was nicht
Die finnische Untersuchung wird besonders interessant, wenn man die statistischen Analysen genauer betrachtet. Die erhöhte Ereignisrate bei Abendtypen blieb zunächst bestehen, nachdem Unterschiede bei Ausbildung und beruflicher Stellung berücksichtigt worden waren. Anders sah es aus, als die Forschenden zusätzliche Faktoren wie Gesundheitszustand, Schlafverhalten und Arbeitszeiten einbezogen. Der Zusammenhang schwächte sich deutlich ab; im vollständig angepassten Modell näherten sich die Schätzwerte dem Wert 1 an und waren statistisch nicht mehr signifikant [1].
Das heisst nicht, dass der Chronotyp bedeutungslos wäre. Ein fehlender statistisch signifikanter Befund ist kein Beweis dafür, dass kein Effekt existiert. Vielmehr verdeutlichen die Ergebnisse ein grundlegendes Problem von Beobachtungsstudien. Ein Zusammenhang kann entstehen, weil ein dritter Faktor sowohl den gemessenen Chronotyp als auch die spätere Erwerbsfähigkeit beeinflusst. Ebenso denkbar ist, dass der Chronotyp zunächst das Schlafverhalten beeinflusst, dieses längerfristig gesundheitliche Probleme begünstigt und dadurch die Arbeitsfähigkeit abnimmt. In diesem Fall wäre die Gesundheit ein möglicher Vermittlungsmechanismus. Wer sie statistisch herausrechnet, entfernt unter Umständen einen Teil des Zusammenhangs, den er eigentlich verstehen möchte.
Hinzu kommt die Möglichkeit umgekehrter Kausalität. Bereits bestehende Erkrankungen oder psychische Belastungen könnten den mit 46 Jahren gemessenen Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst haben. Gesundheit, Schlafverhalten und Arbeitsbedingungen wurden ausserdem nur zu diesem Zeitpunkt erhoben und können sich während der zwölfjährigen Nachbeobachtung verändert haben. Die Studie erlaubt deshalb keine eindeutige Entscheidung zwischen den verschiedenen Erklärungen.
Wie wichtig solche Unterscheidungen sind, zeigt eine weitere finnische Langzeitstudie. Hublin und Kaprio untersuchten den Zusammenhang zwischen Chronotyp und Sterblichkeit anhand einer Zwillingskohorte mit knapp 23’000 Personen in der abschliessenden Analyse [3]. Über einen Zeitraum von 37 Jahren zeigte sich bei ausgeprägten Abendtypen gegenüber ausgeprägten Morgentypen zunächst eine um 21 Prozent erhöhte Sterberate, nachdem #Alter und Geschlecht berücksichtigt worden waren. Nach zusätzlicher Anpassung für weitere Faktoren reduzierte sich dieser Unterschied auf neun Prozent. Vor allem Rauchen und Alkoholkonsum trugen zur Abschwächung bei. Unter Nichtrauchenden mit höchstens geringem Alkoholkonsum fanden die Forschenden keine erhöhte Sterblichkeit.
Auch hier bleibt offen, wie die Faktoren ursächlich zusammenhängen. Rauchen und Alkoholkonsum könnten unabhängige Einflussfaktoren sein, aber auch mit Lebensbedingungen zusammenhängen, die ihrerseits durch den Chronotyp beeinflusst werden. Die statistische Anpassung zeigt, wie stark sich ein Zusammenhang verändert. Sie erklärt nicht abschliessend, weshalb die Faktoren miteinander verbunden sind.
Ähnliches gilt für die beruflichen Perspektiven. Eine Untersuchung derselben nordfinnischen Geburtskohorte fand einen indirekten negativen Zusammenhang zwischen spätem Chronotyp und Einkommen, insbesondere bei Männern [4]. Dabei spielten Unterschiede in der Berufserfahrung und im Gesundheitszustand eine Rolle. Einen direkten Effekt des Chronotyps auf die Lohnhöhe konnten die Forschenden in ihrem statistischen Modell nicht nachweisen. Da die Einkommens- und Invaliditätsrentenstudie auf derselben Geburtskohorte beruhen, stellen ihre Ergebnisse keine voneinander unabhängigen Bestätigungen dar.
Die Befunde sprechen dafür, den Chronotyp als möglichen Hinweis auf unterschiedliche gesundheitliche und berufliche Belastungen ernst zu nehmen. Sie rechtfertigen aber keine pauschale Aussage, Abendmenschen seien aufgrund ihrer inneren Uhr grundsätzlich benachteiligt. Die Ergebnisse stammen zudem aus bestimmten gesellschaftlichen und institutionellen Kontexten. Inwieweit sie sich auf andere Länder, Arbeitsbedingungen und Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, muss weitere Forschung zeigen.
Lernen wir zur richtigen Tageszeit besser?
Auch für das #Lernen erscheint die Bedeutung des Chronotyps zunächst einleuchtend. Wenn Aufmerksamkeit und Wachheit im Tagesverlauf schwanken, müsste es einen Unterschied machen, wann jemand lernt oder eine Prüfung absolviert. Die Bedeutung des Schlafs für Gedächtnisbildung und Wissenserwerb hatte ich bereits in einem früheren Beitrag behandelt. Der Chronotyp erweitert diese Perspektive um die Frage, ob neben ausreichend Schlaf auch die zeitliche Passung von Lernaktivitäten von Bedeutung ist.
Bereits 2024 hatte ich hier eine Untersuchung vorgestellt, nach der „Eulen“ bei bestimmten kognitiven Tests besser abschnitten als Morgentypen. Eine inzwischen erschienene systematische Übersichtsarbeit von Chauhan und Kollegen relativiert eine solche Verallgemeinerung [5]. Die Forschenden werteten 65 Studien zum Zusammenhang zwischen Chronotyp und kognitiver Leistungsfähigkeit aus. In mehr als 80 Prozent der Untersuchungen fand sich kein eigenständiger Haupteffekt des Chronotyps. Ein genereller kognitiver Vorteil von Morgen- oder Abendmenschen lässt sich daraus nicht konsistent ableiten.
Interessanter ist die Wechselwirkung zwischen Chronotyp und Tageszeit. In 29 von 64 einschlägigen Untersuchungen jüngerer Erwachsener fanden sich Hinweise auf einen sogenannten Synchronisationseffekt. Bestimmte kognitive Leistungen fielen besser aus, wenn die Testzeit zur individuellen zeitlichen Präferenz passte. Bei älteren Erwachsenen zeigte sich ein solcher Effekt sogar in 10 von 12 Untersuchungen. Die Befunde betrafen insbesondere Aufmerksamkeit, Inhibition und Gedächtnis. Allerdings waren sie nicht durchgehend einheitlich, und aus dem Anteil positiver Studien lässt sich nicht auf die durchschnittliche Grösse des Effekts schliessen.
Für den Bildungsbereich stellt sich die Frage, ob sich solche Unterschiede auch im tatsächlichen Lernerfolg zeigen. Eine Untersuchung von Yeo und Kollegen analysierte dazu die digitalen Lernaktivitäten von 33’645 Universitätsstudierenden in Singapur [6]. Anhand der Zugriffe auf ein Lernmanagementsystem ermittelten die Forschenden, wie stark sich der Aktivitätsrhythmus zwischen Unterrichtstagen und freien Tagen verschob. Studierende, deren Aktivitäten an Unterrichtstagen um mehr als zwei Stunden nach vorne verlagert waren, erzielten im Durchschnitt schlechtere Noten. Die beobachteten Unterschiede waren statistisch klein bis mittel.
Die Untersuchung erfasste allerdings weder den biologischen Chronotyp noch die tatsächlichen Schlafzeiten direkt. Das beobachtete Aktivitätsmuster kann mit dem Chronotyp zusammenhängen, wird aber auch durch Stundenpläne, Lerngewohnheiten und persönliche Verpflichtungen beeinflusst. Besonders interessant ist deshalb eine weitere Beobachtung: Studierende einer Weiterbildungsfakultät, die sich an berufstätige Erwachsene richtet, gehörten häufiger zu jenen, deren digitaler Aktivitätsrhythmus an Unterrichtstagen später statt früher lag. Möglicherweise spiegelt dies vorrangig die zeitlichen Anforderungen der Erwerbsarbeit wider.
Gerade für die Erwachsenenbildung ist diese Unterscheidung wichtig. Dass bei älteren Erwachsenen in Laboruntersuchungen häufiger Synchronisationseffekte beobachtet wurden, lässt noch keine unmittelbaren Rückschlüsse auf ihren langfristigen Lernerfolg zu. Ebenso wenig beweist ein Zusammenhang zwischen digitalen Aktivitätsmustern und Studiennoten, dass späterer Unterricht automatisch bessere Ergebnisse hervorbringt. Die Forschung liefert Hinweise auf die Bedeutung zeitlicher Passung, aber noch keine ausreichende Grundlage für allgemeine Empfehlungen zur optimalen Unterrichtszeit.
Wenn die innere Uhr auf gesellschaftliche Zeitstrukturen trifft
Was bleibt von den teilweise eindrücklichen Forschungsergebnissen? Zunächst die Erkenntnis, dass der Chronotyp mit verschiedenen gesundheitlichen, beruflichen und kognitiven Merkmalen zusammenhängt. Wie diese Beziehungen zustande kommen, lässt sich jedoch häufig nicht eindeutig bestimmen. Biologische Disposition, individuelles Verhalten und äussere Rahmenbedingungen können dabei auf unterschiedliche Weise zusammenwirken.
Das erschwert auch praktische Schlussfolgerungen. Flexible Arbeitszeiten oder unterschiedliche Unterrichtsfenster könnten Menschen helfen, ihren Alltag besser auf ihren individuellen Rhythmus abzustimmen. Ob solche Massnahmen tatsächlich Gesundheit, Arbeitsfähigkeit oder Lernerfolg verbessern, hängt jedoch von ihrer konkreten Ausgestaltung ab und müsste empirisch überprüft werden. Eine beobachtete zeitliche Fehlanpassung ist noch kein Nachweis für die Wirksamkeit einer bestimmten organisatorischen Veränderung.
Gleichzeitig wäre es verfehlt, die Verantwortung ausschliesslich bei gesellschaftlichen Strukturen oder beim Individuum zu suchen. Schlafgewohnheiten und Gesundheitsverhalten spielen eine Rolle, entstehen aber nicht unabhängig von Arbeitszeiten, familiären Verpflichtungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Wer seinen Tagesablauf weitgehend selbst gestalten kann, verfügt über andere Handlungsmöglichkeiten als jemand mit festen Schichtzeiten oder umfangreichen Betreuungspflichten.
Die finnische Studie, mit der dieser Beitrag begann, zeigt deshalb mehr als einen statistischen Unterschied zwischen Lerchen und Eulen. Sie illustriert, wie schwierig es ist, biologische Voraussetzungen von den Bedingungen zu trennen, unter denen Menschen arbeiten und leben. Der Chronotyp ist keine hinreichende Erklärung für berufliche Nachteile, aber auch keine bedeutungslose biologische Eigenschaft. Seine möglichen Auswirkungen werden erst verständlich, wenn weitere Einflussfaktoren berücksichtigt werden.
Die Forschung liefert gute Gründe, individuelle biologische Unterschiede ernst zu nehmen. Sie mahnt aber ebenso zur Vorsicht, wenn aus solchen Unterschieden weitreichende Aussagen über Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder berufliche Chancen abgeleitet werden. Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, wie leistungsfähig ein Mensch ist, sondern auch, wie viel von dem, was wir als individuelle Leistung beurteilen, tatsächlich von den Bedingungen abhängt, unter denen sie erbracht werden muss.
💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)
Quellen [1] T. Räihä et al., «Evening chronotype and disability pensions: 12-year register-based follow-up of middle-aged adults from the Northern Finland birth cohort 1966», Occupational & Environmental Medicine, online veröffentlicht am 30. September 2026. https://doi.org/10.1136/oemed-2026-110995
[2] T. Roenneberg, L. K. Pilz, G. Zerbini und E. C. Winnebeck, «Chronotype and Social Jetlag: A (Self-) Critical Review», Biology, Bd. 8, Nr. 3, Art. 54, 2019. https://doi.org/10.3390/biology8030054
[3] C. Hublin und J. Kaprio, «Chronotype and mortality – a 37-year follow-up study in Finnish adults», Chronobiology International, Bd. 40, Nr. 7, S. 841–849, 2023. https://doi.org/10.1080/07420528.2023.2215342
[4] A. Conlin et al., «The association between chronotype and wages at mid-age», Economics & Human Biology, Bd. 50, Art. 101266, 2023. https://doi.org/10.1016/j.ehb.2023.101266
[5] S. Chauhan et al., «Chronotype and synchrony effects in human cognitive performance: A systematic review», Chronobiology International, Bd. 42, Nr. 4, S. 463–499, 2025. https://doi.org/10.1080/07420528.2025.2490495
[6] S. C. Yeo et al., «University students’ diurnal learning-directed behavior is strongly influenced by school start times with implications for grades», Sleep, Bd. 46, Nr. 7, Art. zsad141, 2023. https://doi.org/10.1093/sleep/zsad141
Bildquelle Frederic Leighton (1830–1896): Flaming June, Museo de Arte de Ponce, Puerto Rico, Public Domain.
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook von Google verwendet.
Topic #ProductivityPorn | #Erwachsenenbildung