Was Zertifikate nicht beweisen

“The practical world, the business world, has created the 'credentials society,’ and beginning in the 40s and 50s it became a mania to qualify for a particular line, to have a certificate or a diploma in this, that, or the other thing — in many things that are not really subjects at all — activities in the so-called real world which should be carried on by intelligent people but not necessarily by people who have taken a course. What is too bad is that people have very little faith in the value of intelligence, of general principles.”
Auf dieses Zitat bin ich vor ein paar Tagen über Hacker News gestossen. Hätte dort nicht gestanden, von wem es stammt, hätte ich es ohne Weiteres einer aktuellen Diskussion über Microcredentials, Weiterbildungszertifikate oder KI-Kurse zugeordnet. Gesagt hat es der amerikanische Kulturhistoriker Jacques Barzun. Und zwar 1980.
In einem Interview mit dem Christian Science Monitor wurde Barzun gefragt, wie sich die Universität seiner Zeit vom älteren Ideal der Universität unterscheide. Seine Antwort beginnt mit der „credentials society“. Seit den 1940er- und 1950er-Jahren, so Barzun, sei ein regelrechter Drang entstanden, Menschen für immer mehr Tätigkeiten durch Kurse, Diplome und Zertifikate zu qualifizieren. Seine eigentliche Kritik gilt aber dem Misstrauen gegenüber etwas, das sich schwieriger dokumentieren lässt: allgemeine #Bildung, Urteilskraft und die Fähigkeit, sich auch dann zurechtzufinden, wenn niemand die passende Lösung vorbereitet hat. [1]
Auch 46 Jahre später wirkt die Diagnose weiterhin aktuell. Der eigentliche Streitpunkt lässt sich in drei Begriffe fassen: #Lernen, Können und Nachweisen. Lernen bedeutet, sich Wissen und Fähigkeiten anzueignen. Können zeigt sich darin, sie in unterschiedlichen Situationen einzusetzen. Ein Nachweis wiederum macht bestimmte Leistungen für Dritte sichtbar. Die drei Ebenen hängen zusammen, sind aber nicht austauschbar.
Gerade heute, wo wir immer mehr Kompetenzen zertifizieren und gleichzeitig immer mehr Wissen durch #KI verfügbar wird, lohnt es sich, diese Unterschiede ernst zu nehmen.
Die Welt der Nachweise
Barzun war mit seiner Beobachtung nicht allein. Bereits 1979 hatte der Soziologe Randall Collins sein Buch The Credential Society veröffentlicht. Sein Ausgangspunkt lässt sich einfach formulieren: Wenn ein Abschluss zum Normalfall wird, braucht es den nächsten, um sich noch unterscheiden zu können. Bildungsabschlüsse vermitteln Wissen und öffnen Möglichkeiten, sie regulieren aber zugleich den Zugang zu Berufen und gesellschaftlichen Positionen. [2]
Diese Dynamik setzt sich bis heute fort, inzwischen in neuen Formen. Neben Berufs- und Hochschulabschlüssen gibt es Herstellerzertifikate, Onlinekurse, digitale Badges, Bootcamps und Microcredentials, also kurze, in sich abgeschlossene Lerneinheiten, für die ein formaler Nachweis vergeben wird. Weiterbildung lässt sich damit immer feiner portionieren, prüfen und sichtbar machen.
Gerade für Erwachsene kann das sinnvoll sein. Nicht jede neue berufliche Aufgabe verlangt einen weiteren mehrjährigen Studiengang. Wer sich gezielt neues Wissen aneignet, sollte diese Leistung auch dokumentieren können. Allerdings entsteht dabei eine Schieflage: Was sich einfach zertifizieren lässt, wird sichtbar, während anderes im Hintergrund bleibt. Ein absolvierter Dreistundenkurs erscheint mit Datum und Logo im LinkedIn-Profil. Jahrelange Erfahrung, sorgfältige Lektüre, informelles Lernen oder die Fähigkeit, in einer unübersichtlichen Situation einen vernünftigen Entscheid zu treffen, passen in kein ebenso handliches Feld.
Der Nachweis ist einfacher zu zeigen, als das Können nachzuweisen.
Warum wir Zertifikate benötigen
Es wäre zu einfach, daraus eine Klage über die Zertifikatsgesellschaft zu machen. Abschlüsse und Zertifikate erfüllen reale Funktionen. Wer jemanden einstellt, kann dessen Wissen und Fähigkeiten kaum vollständig überprüfen. Ein anerkannter Abschluss bietet eine praktische Orientierung und signalisiert, dass bestimmte Anforderungen erfüllt wurden.
Bei Ärztinnen, Elektrikern, Pilotinnen oder anderen Tätigkeiten, bei denen Fehler erhebliche Folgen haben können, geht es um mehr als Bequemlichkeit. Formale Qualifikationen helfen, Mindeststandards zu sichern. Auch in weniger regulierten Berufen reduzieren sie Unsicherheit.
Das Problem beginnt dort, wo aus einem nützlichen Hinweis ein Ersatzurteil wird. Wer eine Prüfung bestanden hat, verfügt noch lange nicht über die Fähigkeit, sein Wissen in jeder unbekannten Situation angemessen einzusetzen. Umgekehrt kann jemand eine Tätigkeit ausgezeichnet beherrschen, ohne den dafür erwarteten Abschluss vorweisen zu können.
Wie schwer es ist, auf vertraute Qualifikationsnachweise zu verzichten, zeigt die Bewegung hin zum sogenannten „skills-based hiring“. Unternehmen erklären, bei Einstellungen stärker auf Fähigkeiten statt auf Hochschulabschlüsse zu achten. Eine gemeinsame Untersuchung des Burning Glass Institute und der Harvard Business School aus dem Jahr 2024 zeigt allerdings, wie begrenzt die tatsächlichen Veränderungen bislang geblieben sind.
Der Effekt war verschwindend klein: Nach Berechnungen der Forscher eröffneten die neuen Einstellungspraktiken bei weniger als einer von 700 Einstellungen im Jahr 2023 in den USA zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen ohne Hochschulabschluss. Bei den untersuchten Stellen, deren formale Abschlussanforderungen gestrichen worden waren, stieg der Anteil neu eingestellter Personen ohne Bachelorabschluss zwar um durchschnittlich 3,5 Prozentpunkte. Der Gesamteffekt blieb jedoch gering, weil solche Änderungen nur 3,6 Prozent der betrachteten Stellen betrafen. Bei rund 45 Prozent der untersuchten Unternehmen veränderte sich das tatsächliche Einstellungsverhalten praktisch gar nicht. [3]
Das ist mehr als eine interessante Arbeitsmarktstatistik. Unternehmen können in ihren Leitbildern Fähigkeiten über Abschlüsse stellen und dennoch auf das vertraute Signal des Diploms zurückgreifen, sobald sie tatsächlich entscheiden müssen. Einen Abschluss im Bewerbungsformular abzufragen ist einfach. Herauszufinden, ob jemand ein unbekanntes Problem erkennen, einordnen und vernünftig bearbeiten kann, verlangt erheblich mehr Aufwand.
Was sich schlecht zertifizieren lässt
An diesem Punkt wird Barzuns Argument zugleich interessant und problematisch. Er stellt der Welt der Zertifikate „intelligence“ und „general principles“ gegenüber. Das kann so klingen, als gäbe es intelligente Menschen, die sich auch ohne Ausbildung zurechtfinden, und andere, die eben einen Kurs brauchen.
Barzun sprach allerdings keineswegs aus institutioneller Distanz. Er hatte jahrzehntelang an der Columbia University gelehrt, deren allgemeinbildendes Curriculum mitgeprägt und leitende akademische Ämter bekleidet. [4] Man kann deshalb fragen, ob sein Vertrauen in „intelligence“ und allgemeine Prinzipien auf einer Bildung beruht, deren Voraussetzungen er im Zitat unterschätzt. Auch allgemeine Prinzipien müssen erst erworben und verstanden werden. Zudem sind die Gelegenheiten, sich eine umfassende Bildung anzueignen, gesellschaftlich ungleich verteilt. Intelligenz allein ist deshalb ein unzureichender Gegenentwurf zur Zertifikatsgesellschaft. Urteilskraft entsteht aus Wissen, Erfahrung und Übung, und gute Bildung kann genau das vermitteln.
Dennoch berührt Barzun einen entscheidenden Punkt: Nicht alles, was für kompetentes Handeln wichtig ist, lässt sich sauber in einzelne Lernziele zerlegen und zertifizieren.
Nehmen wir eine Lehrperson, die eine Unterrichtsstunde sorgfältig vorbereitet hat. Die Lernziele sind klar, die Beispiele gewählt, die Aufgaben passen zum Stoff. Nach zwanzig Minuten merkt sie trotzdem, dass etwas nicht stimmt. Die Teilnehmenden nicken, können aber eine einfache Frage zur Anwendung des eben Besprochenen nicht beantworten. Die Lehrperson könnte nun den vorbereiteten Ablauf fortsetzen. Stattdessen unterbricht sie ihn, greift eine Bemerkung aus der Gruppe auf, entwickelt daraus spontan ein anderes Beispiel und lässt die Teilnehmenden das Problem noch einmal aus einer neuen Perspektive bearbeiten.
Was genau war hier die entscheidende Kompetenz? Fachwissen war nötig, ebenso methodisches Wissen und Erfahrung. Ausschlaggebend war die Fähigkeit, eine unerwartete Situation überhaupt als solche wahrzunehmen, verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen und im richtigen Moment vom Plan abzuweichen. Ein Kompetenzraster kann einzelne Bestandteile davon beschreiben. Es kann kaum vorwegnehmen, wann sie in welcher Kombination gebraucht werden.
Prüfungen können solchen Situationen näherkommen. Fallstudien, Simulationen und reale Arbeitsaufträge erfassen mehr als ein einfacher Wissenstest. Dennoch bleiben sie gestaltete Situationen mit bekannten Rahmenbedingungen. Berufliches Können zeigt sich auch darin, zu erkennen, dass der vorliegende Fall gerade nicht dem bekannten Muster entspricht. Bildungsinstitutionen benötigen vergleichbare Kriterien, um Leistungen beurteilen zu können. Ein Teil professioneller Kompetenz wird allerdings erst unter Bedingungen sichtbar, die sich nur begrenzt standardisieren lassen.
Was KI verändert
Generative KI führt diese Frage noch einen Schritt weiter. Wer heute ein Sprachmodell benutzt, kann sich Wissen erklären, Texte zusammenfassen und erste Lösungsvorschläge erstellen lassen. Die Antworten sind oft in Sekunden verfügbar und sprachlich überzeugend. Ihre Qualität lässt sich jedoch nur mit entsprechenden Kenntnissen zuverlässig beurteilen.
Das lässt sich an einem einfachen Fall zeigen. Jemand lässt einen längeren Vertrag durch ein Sprachmodell zusammenfassen. Die Zusammenfassung ist verständlich und weitgehend korrekt, lässt aber eine unscheinbare Klausel aus. Ausgerechnet diese Klausel regelt die Kündigungsfrist, die für den konkreten Fall entscheidend ist. Wer den Vertrag nur über die Zusammenfassung kennenlernt, bemerkt die Lücke möglicherweise gar nicht. Wer hingegen weiss, dass Kündigungsfristen oder Haftungsfragen für die eigene Entscheidung zentral sind, wird gezielt nachfragen und die entsprechenden Passagen im Original prüfen.
Hier zeigt sich, wie eng Fachwissen und Urteilskraft miteinander verbunden sind. Erst entsprechende Kenntnisse ermöglichen es, die eigene Situation richtig einzuschätzen, relevante Fragen zu stellen und die Grenzen des eigenen Verständnisses zu erkennen.
Der Zugang zu einer plausiblen ersten Antwort wird durch KI immer einfacher. Die anspruchsvolle Aufgabe bleibt, ihre Brauchbarkeit für den konkreten Zweck einzuschätzen. Was fehlt? Welche Annahmen wurden gemacht? Welche Informationen sind nebensächlich, welche entscheidend? Wann reicht das eigene Wissen zur Prüfung aus, und wann braucht es jemanden mit mehr Fachkenntnis?
KI macht besonders sichtbar, wo Wissen in Urteil übergehen muss.
Unsere Reaktion auf diesen neuen Kompetenzbedarf ist bezeichnend. Es entsteht eine weitere Schicht von Kursen, Badges und Zertifikaten. Angeboten werden AI-Literacy-Schulungen, Prompting-Zertifikate und Nachweise für den Umgang mit einzelnen Werkzeugen. Die neuen Systeme erfordern zweifellos neue Kenntnisse. Ihre Möglichkeiten, Grenzen und Risiken muss man kennenlernen und verstehen.
Doch ausgerechnet das, worauf es beim Umgang mit KI besonders ankommt, lässt sich durch einen standardisierten Kurs nur begrenzt belegen. Ein Zertifikat kann dokumentieren, dass jemand etwas über KI gelernt hat. Ob diese Person Monate später in einer neuen Situation eine fehlerhafte Antwort erkennt, ihre Bedeutung richtig einschätzt oder bewusst auf den Einsatz eines KI-Systems verzichtet, bleibt weitgehend offen. Das Lernen ist dokumentiert, das Können muss sich erst noch zeigen.
Selbst die KI-Verordnung der Europäischen Union ist hier zurückhaltender, als manche Weiterbildungsangebote vermuten lassen. Sie regelt die Entwicklung und Nutzung von KI-Systemen und verpflichtet Anbieter und Betreiber dazu, Massnahmen zur Förderung der KI-Kompetenz der beteiligten Personen zu ergreifen. Dabei sollen technisches Wissen, Erfahrung, Aus- und Fortbildung sowie der konkrete Einsatzkontext berücksichtigt werden.
Artikel 4 wurde im Juli 2026 im Rahmen einer Überarbeitung der Verordnung präzisiert. Die neue Fassung stellt ausdrücklich klar, dass Anbieter und Betreiber kein bestimmtes individuelles Kompetenzniveau garantieren müssen. Die Europäische Kommission hält ausserdem fest, dass zur Erfüllung der Verpflichtung kein bestimmtes Zertifikat erforderlich ist. [5, 6]
Ein neuer Bildungsbedarf erzeugt also keineswegs automatisch einen neuen Zertifikatsbedarf.
Der Nachweis und die Wirklichkeit
Hier liegt wohl auch die einfachste Antwort auf Barzuns „credentials society“: gute Bildung bleibt wichtig, anspruchsvolle Abschlüsse ebenso. Die Frage ist vielmehr, welche Aussagen wir aus einem Nachweis ableiten und wo wir ihm mehr zutrauen, als er tatsächlich leisten kann.
Ein Zertifikat dokumentiert bestimmte Leistungen zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen. Schon deshalb bildet es nur einen Ausschnitt ab. Wer einen Kurs absolviert hat, hat wahrscheinlich etwas gelernt. Ob dieses Wissen auch in unerwarteten Situationen verfügbar ist und sinnvoll angewendet werden kann, zeigt sich oft erst später. Ebenso kann jemand über beträchtliche Fähigkeiten verfügen, für die ihm schlicht der formale Nachweis fehlt.
Barzun hatte dafür 1980 eine polemische Formel. Seine Alternative, das Vertrauen in „intelligence“ und allgemeine Prinzipien, ist zu einfach. Seine Diagnose ist es nicht. Wir haben ausgefeilte Verfahren entwickelt, um Qualifikationen nachzuweisen. Wie gut Menschen mit ihrem Wissen umgehen, müssen wir weiterhin an ihrem Handeln erkennen.
Die „credentials society“ ist nicht verschwunden. Wir haben sie nur besser zertifiziert.
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Quellen
[1] D. Owens, „Looking at man and his arts; Jacques Barzun, Cultural historian and critic“, The Christian Science Monitor, 17. Juli 1980. https://www.csmonitor.com/1980/0717/071710.html
[2] R. Collins, The Credential Society: An Historical Sociology of Education and Stratification. New York: Academic Press, 1979. https://search.worldcat.org/title/802816243
[3] M. Sigelman, J. B. Fuller und A. Martin, Skills-Based Hiring: The Long Road from Pronouncements to Practice. Burning Glass Institute und Harvard Business School, Februar 2024. https://www.hbs.edu/ris/Publication%20Files/Skills-Based%20Hiring_80b90afa-f6b5-4de9-b7f8-5d8232ce20e2.pdf
[4] Columbia University, „Jacques Barzun“, Columbia 250. https://www.c250.columbia.edu/c250_celebrates/remarkable_columbians/jacques_barzun.html
[5] Europäische Union, Verordnung (EU) 2024/1689, Art. 4, „KI-Kompetenz“, konsolidierte Fassung vom 27. Juli 2026. https://ai-act-service-desk.ec.europa.eu/en/ai-act/article-4
[6] Europäische Kommission, „AI Literacy – Questions & Answers“, Shaping Europe's Digital Future, 2026. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/faqs/ai-literacy-questions-answers
Bildquelle Constantin Meunier (1831–1905): Arbeidsters in glasblazerij (Women Working in a Glass Factory), Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Brüssel, Public Domain (Wikimedia Commons).
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.
Topic #Maschinenwelten | #Erwachsenenbildung