Wenn sich Lernen leicht anfühlt

Chintreuil: Der Regenschauer

Ein anspruchsvoller Fachtext, ein voller Terminkalender und eine Frage an die KI. Sekunden später erscheint eine Erklärung, die Begriffe klärt, Argumente ordnet und das Wesentliche zusammenfasst. Sie klingt einleuchtend, vielleicht sogar vertraut. Wir lesen, nicken und wenden uns der nächsten Aufgabe zu. Nur eine Frage bleibt offen: Könnte ich das jetzt auch ohne sie erklären?

Wer KI für solche Aufgaben nutzt, kennt diese Erleichterung. Wo vorher ein schwieriger Gedankengang stand, liegt nun eine verständliche Darstellung. Das ist ein echter Nutzen. Aber wie viel davon haben wir selbst verstanden, und wie viel verstehen wir nur, solange die Erklärung vor uns liegt?

Beliebt ist nicht gleich wirksam

Ein Experiment von Pia Kreijkes und ihrem Forschungsteam zeigt, warum sich die Frage lohnt [1]. An sieben englischen Schulen befassten sich Jugendliche im Alter von 14 bis 15 Jahren mit zwei historischen Texten zur Apartheid und zur Kubakrise. Die Daten von rund 350 Teilnehmenden gingen in die Auswertung ein. Die Jugendlichen wurden zufällig zwei Gruppen zugeteilt. Alle nutzten bei einem Text einen KI-Chatbot. Beim zweiten Text fertigten sie entweder eigene Notizen an oder kombinierten Chatbot und Notizen. Drei Tage später wurde geprüft, was sie verstanden hatten und behalten konnten.

Mit eigenständigen Notizen schnitten die Jugendlichen besser ab als mit dem Chatbot allein: beim Verständnis der Zusammenhänge, beim Behalten von Einzelinformationen und beim freien Erinnern. Die Kombination aus Chatbot und Notizen brachte gegenüber der ausschliesslichen KI-Nutzung ebenfalls Vorteile beim Textverständnis und beim Behalten, nicht aber nachweisbar beim freien Erinnern. Die beiden Notizvarianten wurden nicht direkt gegeneinander getestet.

Beim Erleben der Lernaufgabe zeichnete sich ein anderes Bild ab. In der Gruppe, die beide Lernformen ausprobiert hatte, wurde der Chatbot häufiger bevorzugt als das Anfertigen eigener Notizen. Viele Jugendliche empfanden ihn auch als hilfreicher. Die Studie erhob allerdings nicht direkt, wie viel die Jugendlichen ihrer eigenen Einschätzung nach gelernt hatten. Sie belegt somit nicht, dass die Jugendlichen ihren eigenen Lernerfolg überschätzten. Wie lässt sich dennoch erklären, dass sie eine Lernform bevorzugten, während die andere zu besseren Testergebnissen führte?

Die Anstrengung, die zum Lernen gehört

Einen möglichen Erklärungsansatz liefert eine andere Studie. Louis Deslauriers und sein Team verglichen 2019 in universitären Physikkursen aktives #Lernen mit klassischen Vorlesungen, die von erfahrenen, gut bewerteten Lehrpersonen gehalten wurden [2]. Die Studierenden, die selbst Aufgaben bearbeiten mussten, erzielten bessere Testergebnisse. Gleichzeitig hatten sie das Gefühl, weniger gelernt zu haben. Hier wurde die persönliche Einschätzung des Lernerfolgs tatsächlich erhoben. Die Forschenden führen die Diskrepanz teilweise darauf zurück, dass die zusätzliche geistige Anstrengung als Zeichen schlechteren Lernens fehlgedeutet wurde.

Eine verständlich dargebotene Information lässt sich mühelos nachvollziehen. Etwas ganz anderes ist es, denselben Gedanken ohne Vorlage zu erklären, seine Voraussetzungen zu benennen oder ein Gegenbeispiel zu finden. Dann wird aus dem Wiedererkennen einer Erklärung eine eigenständige Denkleistung. Dass Vertrautheit mit einem Text leicht als eigenes Verständnis fehlinterpretiert werden kann, ist in der Lernpsychologie bekannt. Diese Fehleinschätzung lässt sich als Illusion des Verstehens beschreiben.

Robert und Elizabeth Bjork haben solche Unterschiede zwischen unmittelbarer Leichtigkeit und langfristigem Lernerfolg unter dem Begriff Desirable Difficulties beschrieben [3]. Manche Lernhandlungen wirken zunächst anstrengender, fördern unter geeigneten Bedingungen aber das spätere Erinnern. Wenn wir eigene Notizen verfassen, müssen wir auswählen, Beziehungen herstellen und Formulierungen finden. Nicht jede Mühe hilft: Wer an fehlendem Vorwissen scheitert, lernt dadurch nicht automatisch mehr. Entscheidend ist, ob eine Anforderung eine sinnvolle Verarbeitung auslöst.

Auch die Notizen im Experiment von Kreijkes et al. zeigen, weshalb das wichtig ist. Bei rund einem Viertel der Jugendlichen, die Chatbot und Notizen kombinierten, fanden die Forschenden umfangreiche Formulierungsüberschneidungen zwischen den Notizen und den KI-Antworten. Das beweist nicht, wie ein einzelner Gedanke entstanden ist. Es deutet aber darauf hin, dass manche Jugendliche fertige Formulierungen übernahmen, statt eigene zu entwickeln.

Gegen #KI als Lernhilfe spricht das nicht. Jugendliche stellten dem Chatbot auch Fragen, die über die Ausgangstexte hinausführten und in den Tests nicht berücksichtigt wurden. In einer weiteren Untersuchung mit Mathematikaufgaben zeigte sich zudem, wie wichtig die Gestaltung der KI-Unterstützung ist [4]. Während ein gewöhnlicher Chatbot die spätere Leistung ohne KI beeinträchtigte, zeigte sich bei einem auf Hinweise ausgerichteten KI-Tutor kein messbarer Unterschied zur Kontrollgruppe. Der Tutor verhinderte damit weitgehend den beobachteten Nachteil, ohne einen zusätzlichen Lerngewinn nachzuweisen.

Kreijkes et al. untersuchten Jugendliche bei einer kurzen Geschichtsaufgabe. Für den Chatbot wurde GPT-3.5 Turbo eingesetzt. Ob Erwachsene mit heutigen Modellen gleich abschneiden würden, ist offen. Für den eigenen Lernalltag bietet sich dennoch eine einfache Unterscheidung an: Unterstützung annehmen, ohne die gesamte gedankliche Verarbeitung abzugeben.

Ein möglicher Ablauf sieht so aus:

  1. Selbst lesen: Den Text zunächst aufmerksam erschliessen und eigene Fragen festhalten.
  2. Gezielt nachfragen: Die KI für unklare Begriffe, fehlende Zusammenhänge oder eine andere Perspektive nutzen.
  3. Ohne Vorlage erklären: Das KI-Fenster schliessen und die Kerngedanken aus dem Gedächtnis in eigenen Worten wiedergeben.

Der letzte Schritt entspricht dem Prinzip der Retrieval Practice: Eigenständiges Abrufen kann das langfristige Behalten verbessern, wie unter anderem Roediger und Karpicke gezeigt haben [5]. Die gesamte Abfolge ist damit noch nicht experimentell geprüft.

Eine Erklärung kann uns den Zugang zu einem Thema erleichtern. Ob wir es gelernt haben, zeigt sich eher, wenn sie nicht mehr vor uns liegt. Könnte ich das jetzt auch ohne sie erklären?


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Quellen [1] P. Kreijkes et al., «Effects of LLM use and note-taking on reading comprehension and memory: A randomised experiment in secondary schools», Computers & Education, Bd. 243, Art. 105514, 2026. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2025.105514

[2] L. Deslauriers et al., «Measuring actual learning versus feeling of learning in response to being actively engaged in the classroom», Proceedings of the National Academy of Sciences, Bd. 116, Nr. 39, S. 19251–19257, 2019. https://doi.org/10.1073/pnas.1821936116

[3] E. L. Bjork und R. A. Bjork, «Making Things Hard on Yourself, But in a Good Way: Creating Desirable Difficulties to Enhance Learning», in Psychology and the Real World, S. 56–64, 2011. https://bjorklab.psych.ucla.edu/wp-content/uploads/sites/13/2016/11/Making-Things-Hard-on-Yourself-but-in-a-Good-Way-20111.pdf

[4] H. Bastani et al., «Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics», Proceedings of the National Academy of Sciences, Bd. 122, Nr. 26, Art. e2422633122, 2025. https://doi.org/10.1073/pnas.2422633122

[5] H. L. Roediger und J. D. Karpicke, «Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention», Psychological Science, Bd. 17, Nr. 3, S. 249–255, 2006. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01693.x

Bildquelle Antoine Chintreuil (1814–1873): Der Regenschauer, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt, Public Domain (Wikimedia Commons).

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.

Topic #Maschinenwelten | #Erwachsenenbildung

Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.