Cognitive Offloading und KI: Warum wir unser Denken schützen müssen

Della Vecchia: Creation of a Homunculus

Die Diskussion um künstliche Intelligenz kreist meist um Effizienzgewinne, Automatisierung und neue Arbeitsformen oder gar den Verlust derselben. Weniger sichtbar, aber mindestens ebenso bedeutsam, ist eine zweite Ebene: die Frage, wie KI unser Denken beeinflusst. In den vergangenen Monaten habe ich mich mit diesem Thema befasst und entsprechende Beiträge und Studien gelesen. Zusammen ergeben sie ein Bild, das mich nachdenklich stimmt. KI nimmt uns nicht nur Arbeit ab – sie verschiebt auch, was wir als geistige Eigenleistung betrachten. Ich möchte in diesem Beitrag darlegen, was wir darüber wissen, warum das sog. Cognitive Offloading im Kontext von KI so stark zunimmt und wie wir aktiv gegensteuern können. Nicht, weil KI per se problematisch ist, sondern weil unser Umgang mit ihr entscheidet, ob sie unser Denken ergänzt oder ersetzt.

Was Cognitive Offloading eigentlich bedeutet

Der Begriff ist nicht neu. Cognitive Offloading beschreibt das Auslagern gedanklicher Aufgaben an Hilfsmittel – von der Einkaufsliste bis zur Navigations-App. Wir tun das täglich und meistens aus guten Gründen: Es entlastet unser Gedächtnis und ermöglicht uns, Ressourcen anderweitig einzusetzen. So weit, so bekannt. Doch generative #KI markiert einen qualitativen Sprung. Wir lagern nicht mehr nur Fakten oder Erinnerungen aus, sondern zunehmend komplexere Denkprozesse: das Strukturieren, Zusammenfassen, ja sogar das Argumentieren. Die Maschine übernimmt Tätigkeiten, die früher als Kern unserer geistigen Leistungsfähigkeit galten. Genau darin liegt die Ambivalenz: KI kann Denken erleichtern oder Denken ersetzen.

Warum KI Offloading so stark beschleunigt

1. Geschwindigkeit ersetzt Auseinandersetzung

Schülerinnen und Schüler geben in einer Oxford-Untersuchung an, KI helfe ihnen, schneller zu denken – allerdings oft oberflächlicher. Dieses „Schneller-sein-wollen“ führt dazu, dass Lernende KI als Abkürzung nutzen. Was verschwindet, ist der Zwischenschritt der eigenen Auseinandersetzung.

2. KI erzeugt polierte Ergebnisse ohne gedankliche Tiefe

Ein Beitrag in der Harvard Business Review beschreibt dieses Phänomen anschaulich: KI kann Präsentationen, Texte oder Berichte generieren, die auf den ersten Blick professionell wirken, aber inhaltlich substanzarm bleiben. In Unternehmen führt das zu „Workslop“ – Arbeit, die zwar formal korrekt aussieht, aber anderen zusätzliche Arbeit verursacht. Das eigentliche Problem: Die polierte Oberfläche verschleiert, dass kein eigener Denkprozess stattgefunden hat.

3. Neurowissenschaftliche Befunde zeigen: Wir denken weniger

Der New Scientist fasst verschiedene Studien zusammen, die zeigen, dass die Nutzung von ChatGPT während anspruchsvollen Aufgaben mit geringerer Hirnaktivität einhergeht. Nicht, weil KI unser Gehirn beschädigt, sondern weil wir weniger kognitiv involviert sind. Die Maschine denkt für uns – und wir lassen es zu.

4. Deskilling: Fähigkeiten bauen sich ab, wenn wir sie nicht nutzen

Wer selten schreibt, verliert seinen Stil. Wer Rechnungen nicht mehr im Kopf löst, verliert das Gefühl für Zahlen. Und wer sich Wissen nur noch generieren lässt, trainiert seine analytischen Fähigkeiten weniger. Genau diesen Prozess habe ich bereits hier in einem anderen Beitrag beschrieben.

Wo die Risiken besonders sichtbar werden

Schule & Hochschule

Jugendliche nutzen KI aus pragmatischen Gründen: Sie ist schnell, freundlich, verfügbar und liefert Erklärungen ohne Peinlichkeit. Die Oxford-Daten zeigen, dass ein Teil der Jugendlichen bereits das Gefühl hat, abhängig zu sein. Besonders gefährdet sind Lernende, die ohnehin Mühe haben, Lernprozesse zu steuern. Für sie wird KI schnell zur Denkprothese.

Gerade im schulischen #Lernen ist jedoch der Weg relevanter als das Ergebnis. Wer Zusammenhänge nicht selbst erarbeitet, baut kein dauerhaftes Wissen auf. Der Verlust findet also nicht im Output statt, sondern im Prozess.

Beruf & Arbeitsleben

Im Arbeitsleben zeigt sich das Problem anders, aber ebenso deutlich. Workslop ist Offloading auf Kosten anderer: Die Maschine produziert etwas, das jemand anderes korrigieren muss. Mitarbeitende berichten laut der HBR-Studie, dass sie viel Zeit damit verbringen, KI-generierten Output zu „reparieren“. Aus kognitiver Trägheit wird organisationaler Schaden. Aus individueller Passivität wird kollektive Ineffizienz.

Alltag & Informationsverarbeitung

Sogar im Privaten nimmt KI uns Entscheidungen ab: Was wir sehen, lesen, kochen, schauen. Informationen werden vorgeschlagen, statt gesucht. Das Denken wird bequem. Doch je weniger wir uns aktiv informieren, desto anfälliger werden wir für Fehleinschätzungen.

Generell gilt: Je häufiger wir Offloading betreiben, desto seltener desto weniger denken wir selber.

Warum es trotzdem keinen Grund zur Panik gibt

Trotz all dieser Befunde, KI macht uns nicht automatisch dümmer. Sie schafft lediglich neue Möglichkeiten, Denkprozesse zu verkürzen. Das Risiko entsteht nicht primär durch die Technologie, sondern durch unser fehlendes Bewusstsein, diese Technologie auch sinnstiftend einzusetzen:

Mit anderen Worten: KI kann Denkprozesse verstärken – wenn wir sie nicht anstelle unserer Denkprozesse einsetzen.

Die entscheidende Frage: Wer denkt hier eigentlich?

Für mich ist das der Kern: Nicht die Maschine entscheidet, sondern wir. Wer KI ungefiltert arbeiten lässt, gibt die Verantwortung für sein Denken ab. Wer jedoch bewusst auswählt, interpretiert und reflektiert, bindet die Maschine konstruktiv in den eigenen Denkprozess ein.

Ich erlebe in meiner eigenen Arbeit immer wieder, dass KI brauchbare oder sogar sehr gute Dienste leistet, wenn ich mit einer eigenen Hypothese starte. KI kann dann prüfen, ergänzen oder infrage stellen. Problematisch wird es, wenn ich sie frage, was ich denken (oder tun) soll. Lernen, Schreiben, Entscheiden – all dies bleibt letztlich ein menschlicher Prozess. KI kann ihn unterstützen, aber nicht ersetzen.

Wie wir unser Denken erhalten können

Für mich kristallisieren sich dazu fünf Prinzipien heraus, die für Schule, Beruf und Alltag gelten:

1. Zuerst denken, dann KI nutzen Der wichtigste Schritt ist derjenige, der meist als erstes weggelassen wird. Eine eigene Skizze, ein Gedankengerüst oder eine erste Hypothese zwingt uns, aktiv zu bleiben. Studien zeigen: Wer zuerst selbst denkt, bleibt auch beim Einsatz von KI geistig involviert.

2. KI nach Materialien, nicht nach Lösungen fragen Frage nach Materialien, Perspektiven, Quellen oder Gegenargumenten – aber überprüfe diese und lass die Interpretation bei Dir. So vermeidest Du den „Anker-Effekt“, bei dem die erste KI-Antwort Deine weitere Argumentation prägt.

3. KI als Sparringpartner, nicht als Ghostwriter verwenden Mach Dir bewusst, dass KI Texte produziert, die gut klingen, aber keine eigenen Gedanken enthalten. Der Mehrwert entsteht erst durch Dein Urteil. Genau hier unterscheiden sich „Piloten“ von „Passagieren“, wie es der HBR-Beitrag ausdrückt.

4. Denkprozesse sichtbar machen Vergleiche KI-Outputs, kommentiere Unterschiede, markiere Lücken, identifiziere Fehler. Diese Metakognition schützt vor Deskilling.

5. Qualitätsstandards klar definieren Ob Schule oder Unternehmen: Es braucht Normen. KI-Output darf nicht ungeprüft weitergegeben werden. Die Verantwortung für Inhalte bleibt beim Menschen – formell, fachlich und ethisch.

Fazit: KI macht uns nicht dümmer – aber sie macht es uns leichter, uns dumm zu verhalten

Cognitive Offloading ist kein neues Phänomen, aber KI hebt es auf ein neues Niveau. Wir stehen vor einer paradoxen Situation: Noch nie konnten wir so schnell Wissen abrufen, und selten war die Gefahr so gross, dass wir dabei weniger verstehen. KI selbst ist nicht grundsätzlich das Problem. Die Herausforderung liegt in unserem Umgang damit. Die gute Nachrichtist aber, dass wir steuern können, wie stark das Offloading unsere Fähigkeiten beeinflusst. Wer bewusst mit KI arbeitet, bleibt kognitiv aktiv. Wer zuerst denkt und erst nachher eine KI nutzt, sorgt dafür, dass die Maschine das Denken ergänzt, nicht ersetzt. Und wer KI als Werkzeug des Verstehens nutzt – nicht des Abkürzens –, erhält die Tiefe, die Lernen, Arbeiten und Entscheiden ausmacht.

Damit bleibt ein einfacher, aber zentraler Gedanke: KI kann vieles – aber sie nimmt uns nicht die Verantwortung ab, selbst zu denken.


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Bildquelle Pietro della Vecchia (1602/3–1678): Creation of a Homunculus, Königliches Schloss auf dem Wawel, Krakau, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.