Besser lernen mit Annotationen: 5 Methoden für Texte auf Papier und am Bildschirm

Kulikow: Tschirikow

Wenn du einen bereits bearbeiteten Text später wieder zur Hand nimmst, kennst du vielleicht das Problem: Zahlreiche Stellen sind gelb, grün oder rot markiert, doch du weisst nicht mehr genau, weshalb eine Passage wichtig war oder was du daraus mitnehmen wolltest. Markierungen helfen dabei, Aufmerksamkeit zu lenken und relevante Stellen wiederzufinden. Sie ersetzen jedoch nicht die gedankliche Verarbeitung eines Textes.

Dabei lohnt sich eine einfache Unterscheidung. Eine Markierung hebt eine Textstelle hervor. Eine Annotation verbindet sie mit einem eigenen Gedanken, etwa als Randnotiz, Kommentar, Frage oder Verweis. Eine praktische Regel lautet deshalb: Ergänze wichtige Markierungen um mindestens einen eigenen Gedanken. Dafür reichen oft wenige Wörter. Entscheidend ist nicht die Länge der Notiz, sondern dass du mit der markierten Stelle gedanklich etwas machst.

Was die Forschung dazu sagt

Eine aktuelle Studie von Jieting Jerry Xin und Nicole Judith Tavares untersuchte 6517 textuelle Annotationen von 54 Studierenden auf der Lernplattform Perusall [1]. Die Forschenden unterschieden zehn Typen, darunter Notizen, Reflexionen, Kritik, Wissensanwendung und die Verknüpfung neuer Inhalte mit vorhandenem Wissen. Einige dieser Formen standen mit Engagement oder akademischer Leistung in Zusammenhang.

Die Ergebnisse sind korrelativ und stammen aus einem spezifischen sozialen Hochschulkontext. Sie zeigen also nicht, dass bestimmte Annotationen automatisch zu besseren Lernergebnissen führen. Eine breitere Übersicht über verbreitete Lerntechniken kommt ausserdem zu einem zurückhaltenden Urteil über blosses Highlighting oder Unterstreichen: Dunlosky und Kollegen stufen diese Technik aufgrund der uneinheitlichen Befundlage als wenig nützlich ein, während aktivere Verfahren wie das Erklären in eigenen Worten günstiger bewertet werden [2]. Einige dieser Formen knüpfen an Lernstrategien wie Elaboration und elaborative Befragung an, die ich bereits in einem früheren Beitrag vorgestellt habe.

Die beobachteten Annotationstypen bieten damit einen guten Ausgangspunkt für eine einfache Lernheuristik. Daraus lassen sich fünf Methoden ableiten, die du sowohl auf Papier als auch digital verwenden kannst.

1. Erklären

Leitfrage: Was bedeutet das in meinen eigenen Worten?

Wenn du eine Aussage nur markierst, hast du sie nicht unbedingt verstanden. Versuchst du dagegen, denselben Gedanken selbst zu formulieren, musst du seine Bedeutung zunächst erfassen. Dabei zeigt sich schnell, ob du den Inhalt tatsächlich erklären kannst oder lediglich die Formulierung des Textes wiedererkennst.

Steht dort etwa: „Das Arbeitsgedächtnis verfügt nur über eine begrenzte Kapazität“, könnte deine Randnotiz lauten:

„Ich kann nur wenige neue Informationen gleichzeitig aktiv verarbeiten.“

Die Paraphrase muss weder vollständig noch besonders elegant sein. Ihr Zweck besteht darin, einen Gedanken aus der Sprache des Textes in deine eigene Sprache zu übertragen.

2. Hinterfragen

Leitfrage: Stimmt das, und was spricht dafür oder dagegen?

Beim Lesen von Lehrbüchern und wissenschaftlichen Texten kann leicht der Eindruck entstehen, eine Aussage sei eindeutiger oder allgemeingültiger, als sie tatsächlich ist. Beim #Lernen lohnt es sich deshalb, Voraussetzungen, Grenzen oder mögliche Widersprüche bewusst zu prüfen.

Neben einer markierten Passage könntest du etwa notieren:

„Gilt das auch für erfahrene Lernende?“

„Welche Belege gibt es dafür?“

„Widerspricht das nicht der Aussage aus Kapitel 3?“

Damit nimmst du einen Text nicht nur auf, sondern setzt dich mit seinen Argumenten auseinander. Gleichzeitig markierst du Stellen, die du später noch klären oder mit anderen Quellen vergleichen möchtest.

3. Verknüpfen

Leitfrage: Womit hängt das zusammen?

Neue Informationen lassen sich besser einordnen, wenn du sie mit bereits vorhandenem Wissen verbindest. Die Perusall-Studie bezeichnet eine solche Form der Annotation als Schema Bridging, also als ausdrückliche Verbindung zwischen neuen Inhalten und bestehenden Wissensstrukturen [1].

Bei einem Text über Lernprozesse könnte eine Notiz lauten:

„Hier geht es ebenfalls um begrenzte Verarbeitungskapazität wie bei der Cognitive-Load-Theorie, aber aus einer anderen Perspektive.“

Solche Verknüpfungen müssen keineswegs immer theoretischer Natur sein. Liest du beispielsweise etwas über Gruppendynamik, könnte am Rand stehen:

„Genau das ist in unserer letzten Gruppenarbeit passiert.“

Du baust damit Beziehungen zwischen neuem Wissen, bereits bekannten Konzepten und eigenen Erfahrungen auf. Ein einzelner Gedanke bleibt nicht isoliert, sondern erhält einen Platz in einem grösseren Zusammenhang.

4. Anwenden

Leitfrage: Wo kann ich diesen Gedanken auf einen neuen Fall übertragen?

Ob du ein Konzept verstanden hast, zeigt sich unter anderem daran, ob du es für einen anderen Fall nutzen kannst. Dabei geht es um mehr als darum, ein passendes Beispiel zu finden. Du verwendest eine Aussage aus dem Text, um eine Situation zu erklären, zu beurteilen oder daraus eine Handlung abzuleiten.

Nach einer Passage über die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses könntest du notieren:

„Dann sollte ich meine Lernpräsentation reduzieren und nicht fünf neue Begriffe gleichzeitig erklären.“

Bei einem betriebswirtschaftlichen Modell könnte die Annotation dagegen lauten:

„Damit würde ich den Fall aus der letzten Gruppenarbeit anders beurteilen.“

Mit solchen Notizen prüfst du zugleich, wie weit dein Verständnis trägt. Wenn du ein Konzept auf einen neuen Fall übertragen kannst, hast du mehr damit gemacht, als lediglich seine Definition zu behalten.

5. Ergänzen

Leitfrage: Was fehlt noch, damit ich diese Stelle verstehe oder weiterverwenden kann?

Manche Passagen sind wichtig, obwohl noch etwas offenbleibt. Vielleicht fehlt dir ein Beispiel, eine Gegenposition, eine Definition oder ein Beleg. Eine Annotation kann diese Lücke sichtbar machen und gleichzeitig festhalten, welchen nächsten Schritt du unternehmen möchtest.

Mögliche Notizen wären:

„Dazu ein konkretes Beispiel suchen.“

„Mit Studie XY vergleichen.“

„Unklar: Wie wird dieser Begriff gemessen?“

„Gegenargument aus der Vorlesung ergänzen.“

Die Annotation wird damit zu einer kleinen Arbeitsanweisung. Das ist besonders nützlich bei Texten, auf die du später für eine Prüfung, eine schriftliche Arbeit oder eine Diskussion zurückkommen möchtest.

Die fünf Methoden auf einen Blick

Methode Leitfrage Beispiel für eine Annotation
Erklären Was bedeutet das in meinen eigenen Worten? „Also bedeutet das …“
Hinterfragen Stimmt das, und was spricht dafür oder dagegen? „Gilt das auch, wenn …?“
Verknüpfen Womit hängt das zusammen? „Das erinnert mich an …“
Anwenden Wo kann ich das auf einen neuen Fall übertragen? „Für diesen Fall bedeutet das …“
Ergänzen Was fehlt noch? „Dazu noch … prüfen.“

Nicht jede Markierung braucht einen Kommentar

Aus diesen fünf Methoden sollte keine neue Pflichtübung werden. Wenn du jeden markierten Satz ausführlich kommentierst, verbringst du bald mehr Zeit mit Randnotizen als mit dem eigentlichen Lernen. Sinnvoller ist es, sparsam zu markieren und dort weiterzuarbeiten, wo eine Passage tatsächlich wichtig genug ist, dass du sie verstehen, behalten oder später verwenden möchtest.

Oft reicht dafür eine einzige zusätzliche Operation: erklären, hinterfragen, verknüpfen, anwenden oder ergänzen. Welche davon sinnvoll ist, hängt vom Text und von deinem Lernziel ab.

Auf Papier und am Bildschirm

Für diese fünf Methoden spielt das Medium nur eine Nebenrolle. Auf Papier genügen kurze Randnotizen, Pfeile, Fragezeichen oder Verweise auf andere Seiten. Digital kannst du dieselben Gedanken als Kommentar an einer Markierung festhalten, etwa in einem PDF-Reader, einem E-Book oder einer Lernplattform.

Das Werkzeug beeinflusst vor allem, wie bequem du annotierst und wie leicht du deine Notizen später wiederfindest. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: Eine Markierung zeigt, was im Text wichtig ist. Eine Annotation hält fest, was du selbst damit gedacht hast.

Dieser Beitrag ist Teil einer lockeren Serie:
1. Effektiv und nachhaltig lernen: 4 wissenschaftlich fundierte Strategien
2. Effektiv und nachhaltig lernen (2): weitere wissenschaftlich fundierte Strategien
3. Die 2-7-30-Regel: Eine einfache Methode, Spaced Repetition umzusetzen
4. Schlaf: Die unterschätzte Ressource für besseres Lernen
5. Drei evidenzbasierte Schritte, die Dein Lernen messbar verbessern
6. Wie wir weniger vergessen – fünf einfache Wege, Wissen dauerhaft zu verankern
7. Variation statt Wiederholung
8. Besser lernen mit Annotationen: 5 Methoden für Texte auf Papier und am Bildschirm

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Quellen [1] J. J. Xin und N. J. Tavares, „Weaving the tapestry of student annotations on Perusall: Uncovering annotation types, syntactic patterns, and their role in learning“, Learning and Instruction, Bd. 104, Art. 102346, 2026, doi: 10.1016/j.learninstruc.2026.102346.

[2] J. Dunlosky, K. A. Rawson, E. J. Marsh, M. J. Nathan und D. T. Willingham, „Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques: Promising Directions From Cognitive and Educational Psychology“, Psychological Science in the Public Interest, Bd. 14, Nr. 1, S. 4–58, 2013, doi: 10.1177/1529100612453266.

Bildquelle Iwan Kulikow (1875–1941): Der Schriftsteller Tschirikow, Gemäldegalerie, Murom, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.

Topic #Erwachsenenbildung

Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.