Wie wir weniger vergessen – fünf einfache Wege, Wissen dauerhaft zu verankern

Anonymes Portrait eines Philosophen, Italien, 17. Jahrhundert

Du kennst das vielleicht: Nach einem intensiven Kurstag gehst Du mit einem guten Gefühl nach Hause. Die Inhalte waren spannend, die Übungen sinnvoll, die Gruppe engagiert. Doch eine Woche später, beim Wiederholen der Unterlagen, ist vieles verschwunden. Du erkennst Schlagworte, aber der Zusammenhang ist weg. Und schon stellt sich die leise Frage: Wieso bleibt so wenig hängen, obwohl ich mich doch wirklich konzentriert habe? Dieses Erlebnis ist ganz normal. Unser Gehirn vergisst schnell – nicht, weil es schlecht arbeitet, sondern weil es effizient ist. Es sortiert aus, was im Moment nicht überlebenswichtig scheint. Doch das bedeutet nicht, dass Lernen zum Kampf gegen das Vergessen werden muss. Es gibt einfache Wege, das Gedächtnis zu unterstützen: Wege, die keine besondere Begabung und keinen grossen Aufwand verlangen. Fünf davon möchte ich Dir zeigen. Sie lassen sich sofort anwenden, besonders gut beim #Lernen in der beruflichen Weiterbildung.

Warum wir vergessen

Die Forschung spricht hier von der „Vergessenskurve“. Schon der Psychologe Hermann Ebbinghaus stellte Ende des 19. Jahrhunderts fest, dass Menschen innerhalb von Stunden einen Grossteil des neu Gelernten wieder verlieren. Heute wissen wir, dass das Gehirn Informationen nur dann langfristig speichert, wenn sie aktiv genutzt oder mit bestehenden Erfahrungen verknüpft werden. Anders gesagt: Wissen bleibt nicht, weil wir es einmal gehört oder verstanden haben, sondern weil wir es immer wieder abrufen, verbinden und anwenden.

Vergessenskurve nach Ebbinghaus Vergessenskurve nach Ebbinghaus (Quelle: agolution.com)

Viele Lernende versuchen, Vergessen durch Wiederholen der Unterlagen zu vermeiden. Doch reines Nachlesen oder erneutes Durchgehen der Notizen ist meist wenig wirksam. Entscheidend ist, dass das Gehirn selbst arbeitet – durch Erinnern, Erzählen, Üben, Reflektieren. Genau dort setzen die folgenden Methoden an.

1. „Brain Dump“: Wissen aktiv abrufen

Nach dem Lernen alles aufschreiben, was man noch weiss: Das ist der Kern des sogenannten Brain Dump. Ohne Hilfsmittel, ohne Nachschlagen. Was einfach klingt, hat eine starke Wirkung. Das aktive Abrufen zwingt das Gehirn, Verbindungen zu aktivieren, die beim reinen Lesen passiv bleiben. Wer versucht, Wissen aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, verankert es tiefer.

Beispiel: Am Ende eines Moduls zu Projektmanagement notierst Du drei Minuten lang alles, was Dir zum Thema „Risikomanagement“ einfällt: Begriffe, Abläufe, Beispiele. Danach vergleichst Du mit Deinen Unterlagen oder besprichst Dich kurz mit anderen. So erkennst Du, was sitzt und wo Du nacharbeiten solltest.

Der Effekt: Du trainierst Dein Gedächtnis gezielt, statt es nur zu füttern.

2. „Personal Reflection“: Neues mit Bekanntem verknüpfen

Das Gehirn liebt Zusammenhänge. Neues Wissen bleibt besser haften, wenn es an persönliche Erfahrungen oder bereits vorhandenes Wissen anschliesst. Diese Technik nennt sich elaborative Interrogation.

Beispiel: Nach einer Lektion über Kommunikation überlegst Du, in welchen Situationen Du das Gelernte bereits erlebt hast. Vielleicht erinnerst Du Dich an ein Gespräch mit einem schwierigen Kunden oder an eine Teamdiskussion, bei der Missverständnisse entstanden. Notiere, was Du damals anders hättest machen können – mit dem neuen Wissen im Kopf.

Der Effekt: Solche kurzen Reflexionsmomente sind wirkungsvoll. Sie verwandeln Theorie in Erfahrung und helfen, Wissen zu „vernetzen“. Das Gehirn speichert nicht isolierte Fakten, sondern Sinnzusammenhänge.

3. „Immediate Use“: Neues sofort anwenden

Wenn wir etwas Neues lernen und es nicht gleich verwenden, verblasst es rasch. Je schneller wir das Wissen anwenden, desto stabiler wird es.

Beispiel: In einem Kurs zu Feedback-Techniken erhältst Du nach dem Input die Aufgabe, innerhalb von zehn Minuten ein kurzes Feedback an eine Kollegin zu formulieren. Es geht nicht um Perfektion, sondern um den unmittelbaren Transfer. Indem Du das Gelernte gleich ausprobierst, signalisierst Du Deinem Gehirn: Das ist relevant, das brauche ich.

Der Effekt: Schnelles Anwenden verhindert, dass Wissen im Kurzzeitgedächtnis stecken bleibt. Und es steigert das Selbstvertrauen: Du merkst unmittelbar, dass Du das Neue bereits nutzen kannst.

4. „Rehearse for 40 Seconds“: Kurz wiederholen, bewusst festhalten

Eine Methode, die fast meditativ wirkt: Nach einer Lerneinheit nimmst Du Dir 40 Sekunden Zeit, um das Wichtigste innerlich zu wiederholen. Keine Notizen, kein Austausch – nur gedanklich.

Beispiel: Am Ende eines Nachmittagsseminars über Zeitmanagement lehnst Du Dich kurz zurück, schliesst die Augen und gehst nochmals durch, was hängen bleiben soll: die drei zentralen Prinzipien, ein Satz, der Dich besonders angesprochen hat, eine Idee, die Du umsetzen willst.

Der Effekt: Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass selbst kurze mentale Wiederholungen helfen, Erinnerungen zu festigen. Das Gehirn nutzt diese ruhigen Momente, um Informationen zu „sortieren“ und dauerhaft abzuspeichern.

5. „Predict whether you will remember“: Lernbewusstsein stärken

Diese Methode trainiert das Bewusstsein für den eigenen Lernprozess. Sie ist erstaunlich einfach: Du schätzt ein, ob Du Dich später an etwas erinnern wirst – und prüfst das nach einiger Zeit.

Beispiel: Zu Beginn eines Moduls denkst Du kurz darüber nach, ob Du Dich in einer Woche noch an die drei Phasen eines Projekts erinnern wirst. Du trägst Deine Einschätzung im Lernjournal ein. Eine Woche später prüfst Du: Was weisst Du noch? Was hast Du unterschätzt oder überschätzt?

Der Effekt: Solche kleinen Prognosen fördern das metakognitive Denken, das Nachdenken über das eigene Lernen. Du lernst, Deine Aufmerksamkeit bewusster zu steuern, und erkennst, welche Inhalte noch nicht gefestigt sind.

Fazit: Erinnerung ist Übungssache

Vergessen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck einer gesunden, filternden Gedächtnisleistung. Entscheidend ist, wie wir mit diesem Wissen umgehen.

Die fünf Methoden – Brain Dump, Personal Reflection, Immediate Use, Rehearse for 40 Seconds und Predict whether you will remember – zeigen, dass wir unser Gedächtnis nicht überlisten müssen. Es genügt, ihm regelmässig kleine Impulse zu geben: erinnern, verknüpfen, anwenden, innehalten.

Im Alltag und besonders in der #Bildung sind das keine zusätzlichen Aufgaben, sondern kurze Gewohnheiten, die Lernen nachhaltiger machen. Ich z. B. merke immer wieder: Das, was ich aktiv nutze und mit Erfahrungen verbinde, bleibt lebendig. Der Rest verblasst! Und das ist auch in Ordnung, denn Lernen ist kein einmaliger Akt, sondern ein ständiges Wiederentdecken.

Vielleicht probierst Du eine dieser Methoden schon beim nächsten Kurs aus. Dein Gedächtnis – und Dein Lernerfolg – werden es Dir danken. Leise, aber zuverlässig.

Dieser Beitrag ist Teil einer lockeren Serie:
1. Effektiv und nachhaltig lernen: 4 wissenschaftlich fundierte Strategien
2. Effektiv und nachhaltig lernen (2): weitere wissenschaftlich fundierte Strategien
3. Die 2-7-30-Regel: Eine einfache Methode, Spaced Repetition umzusetzen
4. Schlaf: Die unterschätzte Ressource für besseres Lernen
5. Drei evidenzbasierte Schritte, die Dein Lernen messbar verbessern
6. Wie wir weniger vergessen – fünf einfache Wege, Wissen dauerhaft zu verankern
7. Variation statt Wiederholung

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Bildquelle Anonymes Portrait eines Philosophen, Italien, 17. Jahrhundert, Akademie der Bildenden Künste, Warschau, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

Topic #Erwachsenenbildung

Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.