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Selbstbetrachtungen

Valadon: Bol de fruits

„The good life is a process, not a state of being. It is a direction, not a destination.“

Carl Rogers formuliert diesen Satz in On Becoming a Person. Das gute Leben ist für ihn kein Zustand, den wir eines Tages erreichen und anschliessend besitzen. Es ist ein Prozess des Werdens, geprägt von wachsender Offenheit für die eigene Erfahrung und zunehmendem Vertrauen in die eigene Wahrnehmung [1]. Der Psychologe Stephen Joseph fasst diesen Gedanken treffend so zusammen: Entscheidend ist nicht, das Glück als späteren Zustand anzustreben, sondern die Art, wie wir uns zu unserem Leben verhalten [2].

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Zampighi: La montre

Ich trage fast jeden Tag eine mechanische Armbanduhr. Das ist, nüchtern betrachtet, keine besonders vernünftige Entscheidung mehr. Mein Smartphone zeigt die Zeit genauer an, mein Computer ebenfalls, und selbst innerhalb der Welt der Armbanduhren wäre eine einfache Quarzuhr punkto Genauigkeit technisch überlegen. Meine mechanische Uhr schafft es sogar, jeden Monat einige Minuten von der objektiven Zeit abzuweichen – ein Feature, das mein Smartphone erstaunlicherweise nicht bietet. Trotzdem trage ich sie. Nicht trotz ihrer Überholtheit, sondern gerade deshalb.

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Firmin-Girard: Les sirènes

Christopher Nolan hat Homers Odyssee ins Kino gebracht. Ein Stoff, dessen schriftliche Fassung rund 2700 Jahre alt ist, funktioniert 2026 noch immer als grosses kulturelles Ereignis. Die interessantere Frage ist allerdings eine andere. Warum beschäftigt uns eine Geschichte weiterhin, deren Welt von Göttern, Zyklopen, Sirenen und Zauberinnen bevölkert ist? Warum erscheint uns Odysseus trotz dieser gewaltigen historischen Distanz nicht völlig fremd?

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Caputo: The ballet

„Ich hatte diese Woche überhaupt keine Zeit.“ Es ist einer jener Sätze, die ich fast täglich höre oder selbst sage. Manchmal stimmt er. Oft fühlt er sich zumindest wahr an. Was aber, wenn genau dieses Gefühl täuscht? Vielleicht ist unser grösstes Problem gar nicht die fehlende Zeit – sondern wie wir sie wahrnehmen.

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Batoni: Die büßende Magdalena

Mit zwanzig lernte ich, um voranzukommen. Mit dreissig lernte ich, um beruflich relevant zu bleiben. Mit fünfzig stelle ich mir eine andere Frage: Hat Lernen vielleicht weniger mit Karriere zu tun als mit der Art, wie wir altern? Diese Frage drängte sich mir bei der Lektüre verschiedener Texte zur Altersforschung auf. Überraschend war dabei nicht die Erkenntnis, dass ältere Menschen noch lernen können. Das dürfte heute kaum jemanden erstaunen. Überraschend war vielmehr die Vermutung, dass der Zusammenhang möglicherweise umgekehrt verläuft: Vielleicht lernen wir nicht weiter, weil wir geistig fit geblieben sind. Vielleicht bleiben wir geistig fit, weil wir weiterlernen.

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Salvator Rosa: Pythagoras Emerging from the Underworld

Denn wo Gespenster Platz genommen, // Ist auch der Philosoph willkommen. // Damit man seiner Kunst und Gunst sich freue, // Erschafft er gleich ein Dutzend neue. – Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, Vers 7843 ff. / Mephistopheles

Wer heute durch Buchhandlungen, Podcasts oder soziale Medien streift, begegnet der Antike beinahe überall. Marcus Aurelius zirkuliert als Kalenderweisheit auf Instagram, Seneca taucht in Unternehmer-Newslettern auf, und stoische Gelassenheit gilt im Tech-Milieu inzwischen fast als obligatorische mentale Grundausstattung. Besonders Autoren wie Ryan Holiday haben aus der antiken Philosophie eine global vermarktbare Orientierungstechnik gemacht: Philosophie als Instrument zur Selbstdisziplinierung in einer beschleunigten Welt.

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Thorvald Erichsen: Jorde skriver hjem

„Das ist gar kein Schreiben – das ist Tippen.“ Mit dieser spitzen Bemerkung soll Truman Capote einst die Prosa seines Kollegen Jack Kerouac kommentiert haben. Die Bemerkung war polemisch gemeint, doch sie trifft einen Nerv, der bis heute empfindlich ist: Verändert das Werkzeug, mit dem wir schreiben, auch die Art, wie wir denken? Meine Antwort lautet: Ja. Und wir unterschätzen diesen Einfluss systematisch.

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Pieter Claesz: Vanitasstillleben mit Selbstporträt

Wir wissen meistens ziemlich genau, was uns guttäte. Weniger vergleichen. Mehr schlafen. Den Feierabend nicht mit E-Mails verbringen. Und dennoch handeln wir regelmässig gegen diese Einsichten – nicht aus Schwäche, sondern weil zwischen dem Verstehen und dem tatsächlichen Leben eine Lücke klafft, die sich mit noch mehr Wissen nicht schliessen lässt. Was also fehlt? Der französische Philosophiehistoriker Pierre Hadot hat darauf eine unerwartete Antwort gegeben: Übung. Nicht Theorien und Argumente, sondern Praxis, Wiederholung, Training. Eine Antwort, die die Antike schon kannte und die wir, so Hadot, weitgehend vergessen haben.

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Bruegel d. Ä.: Grosser Turmbau zu Babel

Ich greife einen Gedanken auf, der mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf geht. Er stammt von Robert Spaemann, einem katholischen Philosophen, und ist ebenso schlicht wie unbequem: Bildung ist nicht Ausbildung. Ein gebildeter Mensch ist nicht einfach jemand mit viel Wissen oder mit einer gut verwertbaren Qualifikation, sondern jemand, der Zusammenhänge versteht, urteilen kann und sein Wissen in ein umfassenderes Verständnis von Welt und Mensch einordnet. Bildung, so Spaemann, ist Orientierung. Je länger ich diesen Satz mit mir herumtrage, desto deutlicher wird mir, wie sehr er quer zu vielen gegenwärtigen Debatten steht.

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Caillebotte:  Paar beim Spaziergang

Es ist ein vertrautes Gefühl: Du starrst auf den Bildschirm, der Cursor blinkt vorwurfsvoll, die Gedanken kreisen, ohne anzukommen. Nicht Ablenkung ist das Problem, sondern eine seltsame innere Blockade. Instinktiv stehst du auf, gehst ein paar Schritte, und plötzlich ordnet sich etwas. Die Lösung war die ganze Zeit da, nur nicht erreichbar im Sitzen. Was wie eine persönliche Marotte wirkt, verweist auf einen grundlegenden Irrtum unserer Arbeitskultur: Wir behandeln den Geist wie einen Muskel, den man durch blosse Anstrengung stärken kann. Länger sitzen, härter fokussieren, schneller reagieren. Doch genau diese Gleichung geht nicht auf.

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