Die unterschätzten Stunden des Tages

Caputo: The ballet

„Ich hatte diese Woche überhaupt keine Zeit.“ Es ist einer jener Sätze, die ich fast täglich höre oder selbst sage. Manchmal stimmt er. Oft fühlt er sich zumindest wahr an. Was aber, wenn genau dieses Gefühl täuscht? Vielleicht ist unser grösstes Problem gar nicht die fehlende Zeit – sondern wie wir sie wahrnehmen.

Die Autorin Laura Vanderkam behauptet etwas Überraschendes: Die meisten Menschen haben mehr frei verfügbare Zeit, als sie glauben. Nicht weil sie weniger arbeiten, sondern weil sie ihre Zeit falsch einschätzen.

Ein einfaches Experiment zeigt das. Wenn du während einer Woche in groben 30-Minuten-Schritten notierst, womit du deine Zeit tatsächlich verbringst, erlebst du oft eine Überraschung. Die Arbeitszeit fällt meist geringer aus, als du dachtest. Gleichzeitig tauchen Stunden auf, die scheinbar „verschwunden“ waren: hier eine Stunde am Smartphone, dort eine Stunde vor dem Fernseher, dazwischen einige Zeitfenster, die dir kaum bewusst waren. Sobald du diese Stunden schwarz auf weiss vor dir siehst, verändert sich etwas. Die Zeit wirkt plötzlich weniger knapp.

Denn genau darum geht es: nicht um Effizienz, sondern um Wahrnehmung. Wer seine Zeit sichtbar macht, nimmt sie plötzlich anders wahr. Zwischen Arbeit, Schlaf und Verpflichtungen steckt oft mehr Spielraum, als das eigene Gefühl vermuten lässt.

Genau das lässt sich gerade jetzt beobachten, mitten im Sommer. Die Tage sind lang, die Sonne geht spät unter. Nach einem heissen Arbeitstag werden die Abendstunden oft zur schönsten Zeit des Tages. Statt die Nachmittagshitze auszusitzen, lockt der Abend nach draussen: ein Buch im Garten, in der Aare schwimmen gehen, ein Apéro und gute Gespräche mit Freunden. Trotzdem behandeln viele diese Stunden wie blossen Leerlauf zwischen Feierabend und Schlafengehen.

Vielleicht verschenken wir gerade hier die wertvollste Zeit des Tages. Eine bewusst gewählte Stunde genügt. Dann fühlt sich ein Abend nicht mehr wie ein Rest des Arbeitstags an, sondern wie ein eigener Teil des Lebens. Der Unterschied liegt weniger in der Aktivität als im Entscheid, diese Zeit bewusst zu gestalten.

Seneca hat das schon vor beinahe zweitausend Jahren so gesehen: Das Leben sei nicht zu kurz – wir machten es oft dazu, weil wir unsere Zeit vergeuden. Seine Kritik galt allerdings nicht der Musse oder Erholung, sondern der Unachtsamkeit und Zerstreuung. Seine Botschaft ist aktueller denn je.

Zeitmanagement beginnt nicht mit Apps, Kalendern oder ausgefeilten Produktivitätssystemen. Es beginnt mit einer einfachen Frage: Womit verbringst du deine 168 Stunden in dieser Woche – und entspricht das dem Leben, das du eigentlich führen möchtest?

Mehr Zeit können wir nicht schaffen. Aber vielleicht sollten wir gerade jetzt, solange die Sommerabende noch lang und hell sind, die schönsten Stunden des Tages nicht achtlos verstreichen lassen.


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Bildquelle Ulisse Caputo (1872–1948): Il balletto, Privatbesitz, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.