Die Stürme der Seele: Odysseus und die Kunst, Kurs zu halten

Firmin-Girard: Les sirènes

Christopher Nolan hat Homers Odyssee ins Kino gebracht. Ein Stoff, dessen schriftliche Fassung rund 2700 Jahre alt ist, funktioniert 2026 noch immer als grosses kulturelles Ereignis. Die interessantere Frage ist allerdings eine andere. Warum beschäftigt uns eine Geschichte weiterhin, deren Welt von Göttern, Zyklopen, Sirenen und Zauberinnen bevölkert ist? Warum erscheint uns Odysseus trotz dieser gewaltigen historischen Distanz nicht völlig fremd?

Eine mögliche Antwort findet sich bereits bei Seneca. Der römische Philosoph und Staatsmann des 1. Jahrhunderts n. Chr. gehört zu den wichtigsten Vertretern der späteren Stoa. In seinen Epistulae morales, den philosophischen Briefen an Lucilius aus seinem Spätwerk, geht es immer wieder darum, wie sich ein Mensch gegenüber seinen Leidenschaften, Ängsten und äusseren Umständen verhalten soll [1]. Im 88. Brief greift Seneca dafür auf Odysseus zurück:

„… mit uns treiben die Stürme der Seele täglich ihr verwirrendes Spiel, unsere Verworfenheit lässt uns die ganze Leidensgeschichte des Odysseus an uns selbst erfahren. Nichts bleibt uns erspart, weder die Schönheitsreize für das Auge, noch der Grimm des Feindes; von hier drohen wilde Ungeheuer, die nach Menschenblut lechzen, von dort ertönen sinnbestrickende Schmeicheltöne, berechnet auf unser Verderben; Schiffbruch und alles mögliche Unheil sucht uns in bunter Folge heim.“ (Epistulae morales, 88, 17; „Ulixes“ ersetzt durch „Odysseus“.)

Seneca liest die Odyssee nicht als fantastische Reisegeschichte. Er verlegt die Irrfahrt ins Innere des Menschen. Die See, auf der Odysseus umhergetrieben wird, wird zur Metapher für eine Existenz, in der sich Versuchung und Bedrohung, eigene Schwächen und äussere Widerstände kaum sauber voneinander trennen lassen. Genau darin liegt wohl ein wesentlicher Grund für die erstaunliche Gegenwärtigkeit des Epos.

Die Stürme der Seele

Odysseus will nach dem Trojanischen Krieg nach Ithaka zurückkehren. Aus der Heimreise werden zehn Jahre. Immer wieder kommt er vom Kurs ab, durch Stürme und Götter, durch seine Gefährten und nicht zuletzt durch eigene Fehlentscheidungen. Sein Problem besteht selten darin, einen klar erkennbaren Gegner einfach überwinden zu müssen. Er bewegt sich durch wechselnde Situationen, deren Regeln er zunächst nicht kennt. Er muss beobachten, improvisieren, verhandeln, täuschen und Entscheidungen unter Unsicherheit treffen.

Gleich im ersten Vers der Odyssee bezeichnet Homer seinen Helden als polytropos. Das vieldeutige Wort lässt sich unter anderem als „vielgewandt“, „vielerfahren“, „listenreich“ oder als ein Mann „vieler Wendungen“ verstehen. Gerade diese Mehrdeutigkeit passt zur Figur. Der Althistoriker Jonathan S. Burgess weist in seiner neueren Studie The Travels of Odysseus auf die enge Verbindung von Odysseus’ Identität und seinem langen Umherirren hin [2]. Ein aktueller Beitrag von National Geographic fasst denselben Gedanken populärer: Die Stärke dieses Helden liegt nicht allein in kriegerischer Tapferkeit, sondern in Klugheit, Anpassungsfähigkeit und Urteilskraft [3].

So unterscheidet sich Odysseus vom dominanten Heldentyp der Ilias. Dort richtet sich der Blick stärker auf Ruhm, Ehre und aussergewöhnliche kriegerische Leistung. Die Odyssee stellt dagegen immer wieder die Frage, wie ein Mensch handlungsfähig bleibt, wenn sich die Bedingungen verändern und frühere Gewissheiten nicht mehr tragen. Odysseus ist nicht deshalb interessant, weil er stets weiss, was zu tun ist. Interessant ist seine Fähigkeit, sich in einer neuen Lage zunächst zurechtzufinden und seinen Kurs immer wieder neu zu bestimmen.

Schönheitsreize und Schmeicheltöne

Seneca nennt als nächste Gefahren die „Schönheitsreize für das Auge“ und die „sinnbestrickenden Schmeicheltöne“. Gerade die Odyssee zeigt, dass Versuchungen selten dadurch gefährlich werden, dass sie offensichtlich schrecklich sind. Meist erscheinen sie zunächst attraktiv. Die Lotophagen bieten Vergessen. Wer vom Lotus kostet, verliert die Sehnsucht nach der Heimat. Kalypso bietet Odysseus Sicherheit und ein angenehmes Leben fern von Ithaka. Die Sirenen locken nicht bloss mit Schönheit, sondern versprechen Wissen über Troja und die Welt.

Gefährlich ist all das, weil es Odysseus sein Ziel vergessen lassen könnte. Ohne Ithaka wären viele dieser Begegnungen keine Versuchungen, sondern einfach Möglichkeiten. Gerade hier lässt sich Senecas Lesart problemlos in die Gegenwart verlängern. Man öffnet beispielsweise einen Browser, weil man für einen Text eine bestimmte Information prüfen will. Eine halbe Stunde später hat man drei interessante Artikel geöffnet, zwei neue Themen für später notiert und ein Video gesehen, das mit der ursprünglichen Aufgabe wenig zu tun hat. Nichts davon war wertlos. Gerade deshalb funktioniert die Ablenkung so gut. Nicht das offensichtlich Sinnlose bringt einen vom Kurs ab, sondern häufig das ebenfalls Interessante.

Die Sirenenepisode geht noch einen Schritt weiter. Odysseus weiss, dass er ihrem Gesang nicht widerstehen können wird. Deshalb lässt er seinen Männern die Ohren mit Wachs verschliessen und sich selbst an den Mast binden. Er vertraut nicht darauf, im entscheidenden Augenblick genügend Willenskraft aufzubringen, sondern schränkt im Voraus die Handlungsmöglichkeiten seines späteren Ichs ein. Die vielleicht klügste List des Odysseus richtet sich hier gegen Odysseus selbst.

Für dieses Prinzip gibt es heute einen eigenen Begriff. In Psychologie und Verhaltensökonomie spricht man von Selbstbindung oder einem commitment device. In Anlehnung an die homerische Episode ist auch vom Ulysses pact die Rede. Gemeint ist eine freiwillig eingegangene Beschränkung, die verhindern soll, dass das zukünftige Ich einen zuvor gefassten Plan unter dem Einfluss kurzfristiger Versuchungen wieder aufgibt [4]. Ein automatischer Sparauftrag funktioniert nach demselben Muster, ebenso eine technische Sperre gegen bestimmte Ablenkungen oder eine gegenüber anderen eingegangene Verpflichtung. Selbstbeherrschung besteht unter dieser Perspektive nicht darin, jederzeit stark genug zu sein. Sie kann auch darin liegen, die eigene Schwäche rechtzeitig ernst zu nehmen.

Nicht jeder Feind kommt von aussen

Seneca spricht anschliessend vom „Grimm des Feindes“ und von wilden Ungeheuern. In der Odyssee gibt es davon genug. Allerdings zeigt gerade die Begegnung mit Polyphem, wie schwierig es ist, äussere Bedrohung und eigene Verantwortung auseinanderzuhalten. Odysseus entkommt dem menschenfressenden Zyklopen durch eine seiner berühmtesten Listen. Er nennt sich „Niemand“, macht Polyphem betrunken und blendet ihn. Damit rettet er sich und seine verbliebenen Gefährten. Als das Schiff bereits davonsegelt, könnte die Episode beendet sein. Odysseus kann jedoch nicht widerstehen und ruft dem besiegten Gegner seinen wirklichen Namen zu. Polyphem soll wissen, wer ihn überlistet hat.

Hier zeigt sich die ganze Widersprüchlichkeit des polytropos. Der Mann, der klug genug ist, seinen Namen abzulegen, ist kurz darauf eitel genug, ihn hinauszuschreien. Seine Intelligenz hat ihn gerettet, sein Bedürfnis nach Anerkennung bringt ihn erneut in Gefahr. Polyphem kennt nun den Namen seines Gegners und kann seinen Vater Poseidon gezielt um Rache bitten.

Odysseus scheitert also nicht einfach an mangelnder Klugheit. Einige jener Eigenschaften, die ihn erfolgreich machen, werden unter anderen Bedingungen zu Schwächen: Ehrgeiz, Selbstbewusstsein, Neugier und der Wunsch, für die eigene Leistung Anerkennung zu erhalten. Manche Stürme brechen über uns herein, andere erzeugen wir zumindest teilweise selbst. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum makellosen Helden. Odysseus’ Bedeutung besteht nicht darin, keine Fehler zu machen, sondern darin, nach seinen Fehlern weiter handlungsfähig bleiben zu müssen.

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Schiffbruch

Senecas Aufzählung endet bei „Schiffbruch und allem möglichen Unheil“. Für Odysseus ist das keine Metapher. Im Verlauf seiner Reise verliert er sämtliche Gefährten. Der erfolgreiche Kriegsherr aus Troja kehrt nicht als unversehrter Sieger nach Hause zurück. Die Irrfahrt setzt ihm Grenzen. List löst nicht jedes Problem, Mut schützt nicht vor Verlust, und auch Erfahrung verhindert nicht den nächsten Fehlentscheid.

Christopher Nolan rückt diese Seite der Figur deutlich ins Zentrum seiner Neuverfilmung. Die NZZ beschreibt seinen Odysseus als einen vom Unglück der Welt, von eigener Hybris und eigenen Fehlentscheiden gebrochenen Menschen [5]. Zu einem ähnlichen Befund kommt, auf anderem Weg, auch der Althistoriker Raimund Schulz in seiner kürzlich erschienenen Studie: Er liest Odysseus primär sozialhistorisch, als Nachkommen einer Familie von Betrügern in einer archaischen Konkurrenzgesellschaft, und sieht gerade in dessen Wandel vom selbstbewussten Hochstapler zum zweifelnden, gebrochenen Helden den Grund für seine Anschlussfähigkeit an die Gegenwart [6]. Seneca knüpft an einer anderen Stelle an: Ihn interessiert nicht die soziale Herkunft der Figur, sondern die psychische Bewegung, die sie durchläuft. Das greift einen Zug auf, der bereits die antike Figur von einfachen Heldenerzählungen unterscheidet. Odysseus’ Reise ist kein geradliniger Triumph. Er gelangt an ihr Ziel, nachdem vieles, worüber er zu verfügen glaubte, verloren gegangen ist.

Gerade darin liegt vielleicht eine weitere Ursache seiner Langlebigkeit. In einem längeren Leben lässt sich kaum vermeiden, dass Pläne scheitern, Sicherheiten verschwinden oder Entscheidungen sich im Rückblick als falsch erweisen. Senecas Bild vom Schiffbruch ist deshalb auch ohne antikes Mittelmeer verständlich. Entscheidend ist weniger, ob solche Brüche vorkommen, sondern wie man sich nach ihnen neu orientiert.

Ithaka

Eine Frage bleibt allerdings: Warum fährt Odysseus überhaupt weiter? Er hätte mehrere Gelegenheiten, seine Reise zu beenden. Kalypso bietet ihm ein Leben fern von den Gefahren des Meeres. Bei den Phäaken wird er aufgenommen und geschützt, und König Alkinoos würde ihn gerne bei sich behalten. Odysseus lehnt diese Möglichkeiten ab, weil er nach Ithaka will.

Hier verändert sich die Bedeutung der ganzen Geschichte. Die Odyssee handelt oberflächlich vom Reisen, im Kern aber vom Heimkehren. Odysseus sucht nicht einfach einen Ort auf einer Karte. Er sucht Penelope, seinen Sohn Telemach, sein Haus und einen Platz in einer Gemeinschaft. Erst dieses Ziel erklärt rückwirkend, weshalb die Begegnungen unterwegs zu Versuchungen werden. Der Lotus ist gefährlich, weil er Ithaka vergessen lässt. Kalypsos Angebot ist gefährlich, weil es ein anderes Leben an die Stelle des gewählten setzen könnte. Die Sirenen sind gefährlich, weil sie Odysseus vom Kurs abbringen.

Eine Irrfahrt setzt ein Ziel voraus. Das ist vielleicht die stärkste Verbindung zur Gegenwart. In einer Welt mit einer kaum überschaubaren Zahl an Möglichkeiten besteht Orientierung nicht nur darin, neue Optionen zu erkennen. Sie verlangt ebenso die Fähigkeit, auf Möglichkeiten zu verzichten. Odysseus ist polytropos, wandlungsfähig und offen für wechselnde Situationen. Seine Wandlungsfähigkeit hat jedoch eine Grenze: Trotz aller Umwege will er wieder nach Ithaka.

Unsere eigenen Irrfahrten

Wir leben nicht mehr in Homers Welt. Niemand erwartet hinter der nächsten Küste einen Zyklopen, Poseidon beeinflusst keine Reiseplanung, und die Sirenen sind aus unseren Seekarten verschwunden. Senecas Lesart funktioniert trotzdem. Die „Stürme der Seele“ treiben weiterhin ihr Spiel. Wir lassen uns ablenken, überschätzen uns, suchen Anerkennung, treffen Entscheidungen unter Unsicherheit und müssen mit Folgen leben, die wir nicht vorgesehen haben. Manches widerfährt uns, anderes verursachen wir selbst. Gelegentlich bemerken wir erst spät, dass wir zwar sehr beschäftigt waren, aber nicht mehr genau wissen, wohin wir eigentlich unterwegs sind.

Dass Christopher Nolan die Geschichte 2026 erneut auf die grosse Leinwand bringt, ist aus dieser Perspektive mehr als ein weiterer Beleg für die kulturelle Haltbarkeit eines Klassikers. Jede Neuverfilmung übersetzt den Stoff zwangsläufig in ihre eigene Gegenwart. Dass diese Übersetzung überhaupt immer wieder möglich ist, hat möglicherweise genau mit jener Beobachtung zu tun, die Seneca bereits vor fast zweitausend Jahren machte: Die äusseren Formen unserer Gefahren verändern sich stärker als die menschlichen Konflikte, die sich in ihnen spiegeln.

Vielleicht fasziniert Odysseus deshalb nach fast drei Jahrtausenden noch immer. Nicht weil er über allen Gefahren steht, sondern weil er sich verirrt, Fehler macht, Verluste erleidet und trotzdem immer wieder versucht, seinen Kurs neu zu bestimmen. Odysseus kommt nicht ohne Schiffbruch nach Ithaka. Er kommt nach Ithaka, obwohl er Schiffbruch erlitten hat.


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Quellen [1] K. M. Vogt, “Seneca”, Stanford Encyclopedia of Philosophy, Stanford University, 17. Okt. 2007, überarb. 13. Feb. 2024. [Online]. Verfügbar: https://plato.stanford.edu/entries/seneca/

[2] J. S. Burgess, The Travels of Odysseus. Oxford: Oxford University Press, 2025.

[3] National Geographic Redaktion, „Odysseus: Warum Homers Held seiner Zeit voraus war“, National Geographic, 18. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2026/07/was-homers-odyssee-ueber-die-griechische-kolonisation-verraet/

[4] G. Bryan, D. Karlan und S. Nelson, “Commitment Devices”, Annual Review of Economics, Bd. 2, S. 671–698, 2010, doi: 10.1146/annurev.economics.102308.124324. [Online]. Verfügbar: https://www.annualreviews.org/doi/10.1146/annurev.economics.102308.124324

[5] T. Sedlmaier, „The Odyssey von Christopher Nolan: Kritik zum Blockbuster“, Neue Zürcher Zeitung, 17. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: https://www.nzz.ch/feuilleton/kino-fernsehen-streaming/so-viel-kritik-wie-christopher-nolans-the-odyssey-musste-vorab-selten-ein-blockbuster-einstecken-haben-sich-die-schlimmsten-befuerchtungen-bewahrheitet-ld.10015281

[6] R. Schulz, Odysseus. Mythos und Wahrheit. Stuttgart: Klett-Cotta, 2026. Vgl. dazu auch M. Möller, „Warum Odysseus heute noch fasziniert“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/warum-odysseus-heute-noch-fasziniert-200908684.html

Bildquellen 1. Marie-François Firmin-Girard (1838–1921): Les sirènes, Musée des Beaux-Arts, Narbonne Public Domain. 2. Arnold Böcklin (1827–1901): Odysseus und Calypso, Kunstmuseum, Basel Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet. Für das Erstellen der Infografik wurde ChatGPT benutzt.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.