Die Freiheit, das Alte nicht aufgeben zu müssen

Zampighi: La montre

Ich trage fast jeden Tag eine mechanische Armbanduhr. Das ist, nüchtern betrachtet, keine besonders vernünftige Entscheidung mehr. Mein Smartphone zeigt die Zeit genauer an, mein Computer ebenfalls, und selbst innerhalb der Welt der Armbanduhren wäre eine einfache Quarzuhr punkto Genauigkeit technisch überlegen. Meine mechanische Uhr schafft es sogar, jeden Monat einige Minuten von der objektiven Zeit abzuweichen – ein Feature, das mein Smartphone erstaunlicherweise nicht bietet. Trotzdem trage ich sie. Nicht trotz ihrer Überholtheit, sondern gerade deshalb.

Ähnlich geht es mir beim Schreiben. Ich schreibe viel von Hand und benutze dafür ausdrücklich einen Füllfederhalter. Auch hier ist es schwierig, mit Effizienz zu argumentieren. Eine Tastatur ist schneller, ein Kugelschreiber unkomplizierter, Spracheingabe inzwischen erstaunlich brauchbar. Dennoch gibt es Situationen, in denen ich lieber Papier vor mir habe, die Feder über die Seite führe und Gedanken in einem Tempo festhalte, das deutlich unter meiner Tippgeschwindigkeit liegt.

Man könnte solche Vorlieben vorschnell unter #Nostalgie verbuchen. Das liegt nahe, denn unsere Gegenwart ist reich an Retro-Ästhetik, Reissues, Vintage-Looks und Wiederbelebungen vergangener Formen. Agnes Arnold-Forster zeigt in ihrer Geschichte der Nostalgie, dass die Vorstellung einer verlorenen besseren Vergangenheit keineswegs erst mit dem digitalen Zeitalter entstanden ist. Gerade Zeiten raschen gesellschaftlichen und technologischen Wandels bieten dafür einen fruchtbaren Boden [1].

Nur trifft diese Beschreibung meine Haltung nicht besonders gut.

Eine nostalgische Position würde ungefähr lauten: Früher waren die Dinge besser, also möchte ich etwas von dieser verlorenen Welt bewahren oder zurückholen. Meine Haltung funktioniert aber anders. Ich weiss, dass es heute effizientere, bequemere und technisch überlegene Alternativen gibt. Gerade deshalb kann ich frei entscheiden, wann ich sie benutze und wann nicht. Das ist für mich keine Rückwärtsbewegung, sondern eine bewusste Selektionsentscheidung innerhalb der Moderne.

Der eigentliche Unterschied liegt nicht in den Dingen selbst, sondern darin, wie Vergangenheit und Gegenwart zueinander ins Verhältnis gesetzt werden. Nostalgie erzählt eine Verlustgeschichte. Mich interessiert eher ein Modell der Koexistenz. Das Smartphone macht die mechanische Uhr überflüssig, aber nicht bedeutungslos. Die Tastatur ersetzt Handschrift in vielen Situationen, ohne dass damit das Schreiben von Hand verschwinden muss.

Der Polaroid-Filter in der Kamera-App, der eine vergangene Ästhetik simuliert, ist etwas anderes als mit einem Füllfederhalter tatsächlich von Hand zu schreiben. Das eine zitiert Vergangenheit, das andere erhält eine Praxis als gegenwärtige Option.

Sobald eine Praxis funktional überflüssig wird, kann sie symbolisch interessanter werden. Genau dafür liefert auch die Konsumforschung einen passenden Hintergrund. Russell Belk hat beschrieben, wie Besitztümer Teil unseres Selbstbilds werden können [2]. Andere Arbeiten zeigen, dass einzelne Gegenstände sich mit Biografie, Rollen und Erinnerungen verbinden [3]. Meine Uhr ist dann nicht mehr bloss ein Instrument zur Zeitmessung, sondern wird zu einem vertrauten Bestandteil des eigenen Alltags.

Solche Dinge erzählen allerdings nicht nur uns selbst etwas über uns. Sie senden auch nach aussen Signale. Forschung zu subtilen Konsumsignalen zeigt, dass Produkte Zugehörigkeit, Wissen und soziale Distinktion vermitteln können, gerade wenn ihre Bedeutung nicht für alle gleich offensichtlich ist [4]. Das ist interessant, aber für meine Frage nur die halbe Geschichte.

Mich interessiert vor allem die Bewegung nach innen. Ich würde sie innere Distinktion nennen: die Fähigkeit, zwischen dem zu unterscheiden, was technisch möglich, gesellschaftlich üblich oder maximal effizient ist, und dem, was ich selbst für eine bestimmte Situation wählen möchte.

Damit ist nicht gemeint, das Umständliche zum moralisch Besseren zu erklären. Ich schreibe diesen Text selbstverständlich am Computer. Ich möchte nur selbst entscheiden können, welche Technik für welche Tätigkeit den Ton angibt. Gerade dieses „nicht müssen, aber können“ verändert den Charakter der Entscheidung.

Innere Distinktion wäre dann keine Flucht vor der Gegenwart, sondern eine Form von Selbstbestimmung innerhalb ihrer Möglichkeiten. Ich kann die bequemste, schnellste oder neueste Option wählen, aber ich bin ihr nicht automatisch verpflichtet. Fortschritt erweitert den Möglichkeitsraum. Er muss ihn nicht verengen.

Auch bei Kleidung lässt sich etwas davon beobachten. Der Hoodie ist ein schönes Beispiel dafür, wie schnell aus einer Geste der Nonkonformität eine Uniform werden kann. Was in Teilen der Tech- und Wissenswelt einmal als Bruch mit der alten Businesskleidung galt, ist vielerorts selbst zur Konvention geworden. Gleichzeitig sehe ich bei manchen Menschen wieder häufiger Hemden, Strick, Wollhosen oder Lederschuhe. Ob daraus ein breiter Trend wird, ist für meinen Punkt gar nicht entscheidend. Interessant ist, dass sich mit jeder neuen Norm auch das Potenzial zur Distinktion verschiebt. Der sogenannte „Red Sneakers Effect“ passt dazu: Bewusste Abweichung von Kleidungsnormen kann unter bestimmten Bedingungen sogar Kompetenz und Status signalisieren, wenn sie als absichtlich wahrgenommen wird [5].

Damit komme ich wieder zu meiner mechanischen Uhr zurück. Sie hat den Kampf gegen das Smartphone als Zeitmesser längst verloren. Darum zeigt sie uns heute deutlicher, wozu wir Dinge sonst noch brauchen.

Meine mechanische Uhr ist ungenauer als mein Smartphone, mein Füllfederhalter schreibt langsamer als meine Tastatur, und ein Paar Lederschuhe wird den Sneaker in Sachen Bequemlichkeit kaum schlagen [6]. Das ist kein Argument gegen moderne Technik. Im Gegenteil: Erst weil ich auf sie jederzeit zurückgreifen kann, werden die älteren Möglichkeiten zu echten Entscheidungen. Ein Teil moderner Freiheit besteht genau darin, nicht zurückzumüssen, aber zu können. Bewusst und mit Stil.


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Quellen & Anmerkungen [1] A. Arnold-Forster, Nostalgia: A History of a Dangerous Emotion. London: Picador, 2024.

[2] R. W. Belk, “Possessions and the Extended Self”, Journal of Consumer Research, Bd. 15, Nr. 2, S. 139–168, 1988. [Online]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1086/209154

[3] S. S. Kleine, R. E. Kleine III und C. T. Allen, “How Is a Possession “Me” or “Not Me”? Characterizing Types and an Antecedent of Material Possession Attachment”, Journal of Consumer Research, Bd. 22, Nr. 3, S. 327–343, 1995. [Online]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1086/209454

[4] J. Berger und M. Ward, “Subtle Signals of Inconspicuous Consumption”, Journal of Consumer Research, Bd. 37, Nr. 4, S. 555–569, 2010. [Online]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1086/655445

[5] S. Bellezza, F. Gino und A. Keinan, “The Red Sneakers Effect: Inferring Status and Competence from Signals of Nonconformity”, Journal of Consumer Research, Bd. 41, Nr. 1, S. 35–54, 2014. [Online]. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1086/674870

[6] Dem möchte ich aus subjektiver Erfahrung widersprechen: Wer dies behauptet, kauft schlicht die falschen Schuhe – oder kennt seine richtige Schuhgrösse nicht.

Bildquelle Eugenio Zampighi (1859–1944): La montre, Privatbesitz, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet. Für das Erstellen der Infografik wurde ChatGPT benutzt.

Topic #Selbstbetrachtungen | #Maschinenwelten

Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.