Nicht ankommen, sondern leben – Carl Rogers und die antike Frage nach dem guten Leben
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„The good life is a process, not a state of being. It is a direction, not a destination.“
Carl Rogers formuliert diesen Satz in On Becoming a Person. Das gute Leben ist für ihn kein Zustand, den wir eines Tages erreichen und anschliessend besitzen. Es ist ein Prozess des Werdens, geprägt von wachsender Offenheit für die eigene Erfahrung und zunehmendem Vertrauen in die eigene Wahrnehmung [1]. Der Psychologe Stephen Joseph fasst diesen Gedanken treffend so zusammen: Entscheidend ist nicht, das Glück als späteren Zustand anzustreben, sondern die Art, wie wir uns zu unserem Leben verhalten [2].
Damit beantwortet Rogers in psychologischer Sprache eine Frage, die sehr viel älter ist: Was heisst es, gut zu leben? Aristoteles und #Epikur kommen zu anderen Antworten als Rogers. Dennoch verbindet sie etwas Wesentliches. Das gute Leben muss gelebt werden. Der entscheidende Unterschied liegt weniger im Prozess selbst als darin, wer oder was diesem Prozess seine Richtung gibt. Diese Frage ist nicht nur philosophiegeschichtlich interessant. Sie stellt sich bis heute überall dort, wo Menschen über persönliche Entwicklung nachdenken oder andere dabei begleiten.
Das gute Leben muss gelebt werden
Bei Aristoteles heisst das Ziel menschlichen Lebens Eudaimonia. Die verbreitete Übersetzung mit #Glück kann in die Irre führen, weil sie leicht an einen angenehmen inneren Zustand denken lässt. Eudaimonie bezeichnet vielmehr ein gelingendes Leben als Ganzes. Aristoteles verbindet sie mit vernünftiger Tätigkeit gemäss der Tugend und betrachtet sie über die Dauer eines Lebens hinweg [3].
Damit liegt das Ziel nicht einfach am Ende eines Weges. Eudaimonie verwirklicht sich im Tätigsein selbst. Ein gutes Leben besteht nicht darin, einmal einen bestimmten Zustand erreicht zu haben, sondern darin, gut zu leben.
Epikur setzt einen anderen Akzent. Bei ihm steht mit ataraxia, der Freiheit von seelischer Unruhe, ein Ideal im Zentrum, das zunächst stärker nach einem erreichbaren Zustand klingt. Doch auch Ataraxie lässt sich nicht von der Lebensweise trennen, aus der sie hervorgeht.
Das zeigt sich besonders deutlich an Epikurs Lehre von den Wünschen. Manche sind natürlich und notwendig, andere zwar natürlich, aber nicht notwendig, wieder andere leer oder unbegründet. Philosophische Lebensführung besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Wünsche zu erfüllen. Sie verlangt vielmehr, Wünsche zu prüfen und unterscheiden zu lernen [4]. Wer nach Reichtum, Ansehen oder immer neuen Bedürfnissen verlangt, vermehrt unter Umständen gerade jene Unruhe, von der er sich befreien möchte. Freundschaft wiederum besitzt bei Epikur einen ausserordentlich hohen Stellenwert. Sein Ideal ist kein einsamer Rückzug von der Welt [5].
Aristoteles und Epikur vertreten sehr unterschiedliche Vorstellungen des guten Lebens. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie nicht nur fragen, wie ein Mensch sich entwickeln kann. Sie verfügen auch über inhaltliche Massstäbe dafür, wie er leben sollte.
Pierre Hadot hat diesen Charakter antiker Philosophie mit dem Begriff der Lebensform beschrieben. Philosophie sollte ihre Schüler nicht bloss informieren, sondern formen. Lehre und Lebenspraxis gehörten zusammen [6].
Hier trennt sich Rogers von seinen antiken Gesprächspartnern.
Wer bestimmt die Richtung?
Rogers gibt keine vergleichbare Lehre darüber vor, welche Wünsche richtig sind oder welche Tugenden ein gelungenes Leben ausmachen. Seine Aufmerksamkeit richtet sich stärker darauf, unter welchen Bedingungen Menschen ihre eigene Entwicklungsrichtung erkennen können.
Dafür verwendet er Begriffe wie psychologische Freiheit, Offenheit gegenüber Erfahrung und Vertrauen in den eigenen Organismus. Wer weniger damit beschäftigt ist, Erfahrungen abzuwehren oder einem von aussen übernommenen Selbstbild zu entsprechen, kann mehr Informationen aus dem eigenen Erleben berücksichtigen. Rogers hielt diesen inneren Prozess keineswegs für unfehlbar. Gerade weil Menschen offen für die Folgen ihres Handelns bleiben, können sie ihre Entscheidungen korrigieren [1].
Diese Bewegung lässt sich aus heutiger Sicht als eine Form von Autonomie beschreiben. Der Begriff ist hier eine Zuspitzung, nicht Rogers’ eigener Oberbegriff. Gemeint ist auch keine Freiheit nach dem Muster „Alles, was ich selbst gewählt habe, ist richtig“. Rogers nimmt vielmehr an, dass Menschen unter Bedingungen grösserer psychologischer Freiheit dazu neigen, konstruktivere und stärker mit ihrer Erfahrung übereinstimmende Entscheidungen zu treffen.
Darin liegt die interessante Verschiebung gegenüber Aristoteles und Epikur. Nicht der Gedanke, dass das gute Leben ein Prozess oder eine Praxis ist, unterscheidet Rogers grundsätzlich von ihnen. Neu gewichtet wird vielmehr die Frage, woher die Richtung kommt.
Aristoteles verweist auf Vernunft und Tugend. Epikur prüft Wünsche daran, ob sie tatsächlich zu einem ungestörten Leben beitragen. Rogers vertraut stärker darauf, dass ein Mensch, der sich von fremden Bewertungsmassstäben löst und seine Erfahrung unverzerrter wahrnimmt, seine Richtung zunehmend selbst bestimmen kann.
Zwischen Orientierung und Autonomie
Für Coaching und persönliche Entwicklung ist diese Differenz mehr als eine theoretische Feinheit. Entwicklungsprozesse beginnen häufig mit Zielen: Was soll sich verändern? Was soll erreicht werden? Woran lässt sich Fortschritt erkennen?
Rogers legt nahe, davor eine andere Frage zu stellen: Ist dieses Ziel überhaupt das eigene?
Ein Ziel kann vernünftig formuliert, messbar und erreichbar sein und trotzdem hauptsächlich aus Erwartungen anderer stammen. Begleitung besteht dann nicht nur darin, einen Menschen möglichst effizient zu einem bereits bestimmten Ziel zu führen. Auch die Richtung selbst muss Gegenstand des Prozesses sein.
Hier berührt sich Rogers erneut mit Hadots Vorstellung von Philosophie als Lebenspraxis, ohne dass beides gleichgesetzt werden sollte. Gemeinsam ist ihnen der Gedanke, dass Einsicht allein wenig verändert. Ob eine Vorstellung vom guten Leben trägt, zeigt sich erst darin, wie jemand wahrnimmt, entscheidet und handelt. Auch gute Begleitung muss sich letztlich an dieser gelebten Praxis bewähren.
Aristoteles und Epikur setzen Rogers zugleich ein notwendiges Korrektiv entgegen. Autonomie allein liefert noch keinen Massstab für ein gutes Leben. Menschen können sich täuschen, widersprüchliche Wünsche verfolgen oder sich selbst und anderen schaden. Umgekehrt wird eine Lehre vom guten Leben problematisch, wenn sie die Richtung vollständig vorgibt und für die eigene Erfahrung kaum Raum lässt.
Zwischen beiden Polen bleibt eine Spannung, die sich nicht einfach auflösen lässt. Eine Vorstellung vom guten Leben braucht Orientierung, ohne den Menschen auf einen vorgegebenen Lebensentwurf festzulegen. Rogers verschiebt das Gewicht stärker zur eigenen Erfahrung, Aristoteles und Epikur stärker zu begründbaren Vorstellungen davon, was ein gutes Leben ausmacht.
Vielleicht ist deshalb nicht nur wichtig, welche #Ziele wir verfolgen, sondern auch, wie wir zu der Richtung gekommen sind, in die wir gehen. Ganz ankommen werden wir dabei nicht. Rogers würde vermutlich sagen: Das ist kein Mangel des guten Lebens, sondern eine seiner Bedingungen.
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Quellen
[1] C. R. Rogers, On Becoming a Person: A Therapist’s View of Psychotherapy. Boston, MA, USA: Houghton Mifflin, 1961, insbesondere „The Good Life and the Fully Functioning Person“. Frei verfügbar: https://www.panarchy.org/rogers/person.html
[2] S. Joseph, „Do You Seek Happiness as a Direction or a Destination?“, Psychology Today, 7. Feb. 2024. Frei verfügbar: https://www.psychologytoday.com/gb/blog/what-doesnt-kill-us/202402/do-you-seek-happiness-as-a-direction-or-a-destination/amp
[3] L. Evans, „Aristotle’s Guide To Living Well“, Philosophy Now, Nr. 151, 2022. Frei verfügbar: https://philosophynow.org/issues/151/AristotlesGuideToLivingWell
[4] „Ancient Ethical Theory“, Stanford Encyclopedia of Philosophy, zuletzt substanziell überarbeitet am 5. Feb. 2021. Frei verfügbar: https://plato.stanford.edu/entries/ethics-ancient/
[5] D. Konstan, „Epicurus“, Stanford Encyclopedia of Philosophy, zuletzt substanziell überarbeitet am 8. Juli 2022. Frei verfügbar: https://plato.stanford.edu/entries/epicurus/
[6] M. Sharpe, „Pierre Hadot“, Internet Encyclopedia of Philosophy. Frei verfügbar: https://iep.utm.edu/hadot/
Bildquelle Suzanne Valadon (1865–1938): Bol de fruits, Musée de Montmartre, Paris, Public Domain (Wikimedia Commons).
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.
Topic #Selbstbetrachtungen | #Philosophie