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    <title>productivityporn &amp;mdash; EpicMind</title>
    <link>https://epicmind.ch/tag:productivityporn</link>
    <description>Weisheiten für das digitale Leben</description>
    <pubDate>Sun, 16 Aug 2026 23:13:15 +0000</pubDate>
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      <title>productivityporn &amp;mdash; EpicMind</title>
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      <title>Warum wir lieber ergänzen als weglassen</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Lego-Skulptur auf dem Legocampus in Billund&#xA;&#xA;Eine wacklige Lego-Brücke steht am Anfang einer Reihe psychologischer Experimente. Der Ingenieur Leidy Klotz baute sie gemeinsam mit seinem dreijährigen Sohn. Einer der beiden Pfeiler war zu kurz, die Brücke deshalb instabil. Klotz griff in die Kiste, um einen passenden Stein zu suchen. Sein Sohn löste das Problem anders: Er nahm einen Stein vom längeren Pfeiler weg. Die Brücke war nun stabil, obwohl sie aus weniger Teilen bestand. Oder genauer: weil sie aus weniger Teilen bestand.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die Geschichte interessiert mich auch deshalb, weil ich selbst mit LEGO® SERIOUS PLAY® arbeite. Beim Bauen liegt es nahe, nach einem weiteren Stein zu greifen. Jede Ergänzung ist sichtbar. Das Entfernen eines Steins wirkt dagegen zunächst wie ein Rückschritt, kann ein Modell jedoch ebenso grundlegend verändern.&#xA;&#xA;Klotz untersuchte gemeinsam mit Forschenden aus Psychologie und Sozialwissenschaften, ob dahinter ein allgemeines Denkmuster steckt. Die Ergebnisse zeigen: Wenn wir etwas verbessern wollen, denken wir häufiger ans Hinzufügen als ans Weglassen. Diese Neigung wird als Additive Bias bezeichnet.&#xA;&#xA;Mehr kommt uns schneller in den Sinn&#xA;&#xA;In einem Experiment sollten Versuchspersonen eine Lego-Konstruktion stabilisieren. Eine Plattform ruhte auf einem einzelnen Pfeiler. Viele Teilnehmende ergänzten weitere Stützen, obwohl das Entfernen eines vorhandenen Steins die einfachere Lösung gewesen wäre. Als jeder zusätzlich eingesetzte Stein Geld kostete, entschieden sich mehr Personen fürs Wegnehmen. Das Muster blieb nicht auf Lego beschränkt. Auch bei geometrischen Figuren, Texten und einem bereits überladenen Ausflugsprogramm ergänzten die Teilnehmenden eher Elemente, als vorhandene zu entfernen. Unter zusätzlicher geistiger Belastung verstärkte sich diese Neigung [1].&#xA;&#xA;Wir lehnen das Weglassen also nicht unbedingt ab. Häufig kommt es uns schlicht nicht in den Sinn. Additive Ideen sind schneller verfügbar. Wenn die erste Idee einigermassen funktioniert, suchen wir nicht weiter. Wurden Versuchspersonen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie auch etwas entfernen könnten, fanden sie häufiger vereinfachende Lösungen [2].&#xA;&#xA;In populären Darstellungen wird der Additive Bias gelegentlich damit erklärt, dass unser Gehirn das Weglassen nicht möge oder evolutionär auf das Sammeln ausgerichtet sei. Solche Erklärungen sind plausibel, gehen aber über die Experimente hinaus. Belegt ist vor allem eine Schieflage bei der Suche nach Lösungen: Addition wird spontan berücksichtigt, Subtraktion erfordert eher einen zweiten, bewussten Denkschritt.&#xA;&#xA;Scheinproduktivität durch noch mehr Organisation&#xA;&#xA;Vielleicht kennst du das: Die Aufgaben häufen sich und du verlierst den Überblick. Als Lösung bietet sich eine neue App an. Du ergänzt deine Aufgabenliste um Kategorien, entwickelst eine genauere Morgenroutine oder baust ein weiteres Planungsinstrument in deinen Alltag ein. Ich kenne diesen Reflex aus meiner eigenen Arbeitsorganisation. Wenn Unterricht, Lehrgangsverantwortung, Selbständigkeit und Weiterbildung gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen, suche ich rasch nach einer besseren Methode oder einem zusätzlichen Werkzeug. Das vermittelt zunächst das beruhigende Gefühl, die Komplexität wieder unter Kontrolle zu haben.&#xA;&#xA;Jede Ergänzung kann für sich vernünftig sein. Zusammen ergeben die Hilfsmittel jedoch leicht ein Arbeitssystem, das selbst Arbeit verursacht. Aufgaben müssen nicht nur erledigt, sondern auch erfasst, sortiert, synchronisiert und überprüft werden. Die Suche nach höherer Produktivität erzeugt neue Verpflichtungen [3]. Die unbequemere Frage lautet nicht, wie ich alles noch genauer organisiere. Sie lautet, welche Aufgabe, Information oder Verpflichtung wegfallen kann. Eine neue App lässt sich einrichten und als sichtbare Verbesserung verbuchen. Eine gestrichene Verpflichtung hinterlässt dagegen keine erkennbare Leistung.&#xA;&#xA;Warum Organisationen das Hinzufügen belohnen&#xA;&#xA;In Organisationen geht es nicht nur um individuelle Denkgewohnheiten. Hinzu kommen Strukturen, die additive Lösungen begünstigen. Wenn ein Problem auftritt, wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Ein Fehler führt zu einem weiteren Kontrollschritt. Für eine neue Aufgabe entsteht eine zusätzliche Rolle.&#xA;&#xA;Das kann im Einzelfall sinnvoll sein. Dennoch prüfen Organisationen das Hinzufügen meist gründlicher als das Abschaffen. Wer ein Projekt startet, eine Regel erlässt oder einen Prozess erweitert, kann Aktivität nachweisen. Wer verhindert, dass unnötige Arbeit entsteht, hinterlässt weniger sichtbare Spuren.&#xA;&#xA;Eine neue Regel besitzt zudem einen klar benennbaren Zweck. Ihre Folgekosten verteilen sich dagegen auf viele Menschen und über einen längeren Zeitraum. So entstehen Prozesse mit immer mehr Schritten. Jede Ergänzung hatte irgendwann einen Grund. Selten wird jedoch geprüft, ob dieser noch besteht. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt den Additive Bias deshalb nicht bloss als individuelles Denkmuster, sondern verbindet ihn mit Bürokratie, Konsum und politischen Interessen [4].&#xA;&#xA;Allerdings wäre es zu einfach, organisatorische Komplexität allein psychologisch zu erklären. Haftungsfragen, politische Kompromisse, wirtschaftliche Interessen und Machtverhältnisse tragen ebenfalls dazu bei. Der Additive Bias ist keine Gesamterklärung. Er zeigt aber, weshalb ein Vorschlag für etwas Neues häufig bessere Ausgangsbedingungen hat als die Forderung, etwas Bestehendes abzuschaffen.&#xA;&#xA;Was würden wir heute nicht mehr hinzufügen?&#xA;&#xA;Aus dem Additive Bias folgt nicht, dass weniger grundsätzlich besser wäre. Manche Brücken benötigen tatsächlich einen zusätzlichen Pfeiler. Eine Organisation kann unter fehlenden Regeln leiden, und ein neues Werkzeug kann eine Aufgabe erleichtern.&#xA;&#xA;Entscheidend ist, Addition und Subtraktion mit derselben Ernsthaftigkeit zu prüfen. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht, was wir als Nächstes ergänzen könnten, sondern: Wann haben wir zuletzt versucht, ein Problem zu lösen, indem wir etwas weggelassen haben?&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-wir-lieber-ergaenzen-als-weglassen&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Quellen&#xA;[1] https://www.boost.co.nz/blog/2021/06/new-cognitive-bias-and-agile-simplicity/&#xA;[2] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/additive-bias-warum-uns-das-weglassen-bei-loesungen-schwerfaellt&#xA;[3] https://anthonysanni.com/productivity-shorts-been-thinking/problem-solving-additive-bias&#xA;[4] https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/karsten-wildberger-gabriel-yoran-verkrempelung-kapitalismus-additive-bias-e547325/&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Lego-Skulptur auf dem Legocampus in Billund, fotografiert 2015 von WileyFoxes, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Coaching | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/80/Bricks_-_panoramio_%284%29.jpg/960px-Bricks_-_panoramio_%284%29.jpg" alt="Lego-Skulptur auf dem Legocampus in Billund"/></p>

<p>Eine wacklige Lego-Brücke steht am Anfang einer Reihe psychologischer Experimente. Der Ingenieur Leidy Klotz baute sie gemeinsam mit seinem dreijährigen Sohn. Einer der beiden Pfeiler war zu kurz, die Brücke deshalb instabil. Klotz griff in die Kiste, um einen passenden Stein zu suchen. Sein Sohn löste das Problem anders: Er nahm einen Stein vom längeren Pfeiler weg. Die Brücke war nun stabil, obwohl sie aus weniger Teilen bestand. Oder genauer: weil sie aus weniger Teilen bestand.</p>



<p>Die Geschichte interessiert mich auch deshalb, weil ich selbst mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Lego_Serious_Play">LEGO® SERIOUS PLAY®</a> arbeite. Beim Bauen liegt es nahe, nach einem weiteren Stein zu greifen. Jede Ergänzung ist sichtbar. Das Entfernen eines Steins wirkt dagegen zunächst wie ein Rückschritt, kann ein Modell jedoch ebenso grundlegend verändern.</p>

<p>Klotz untersuchte gemeinsam mit Forschenden aus Psychologie und Sozialwissenschaften, ob dahinter ein allgemeines Denkmuster steckt. Die Ergebnisse zeigen: Wenn wir etwas verbessern wollen, denken wir häufiger ans Hinzufügen als ans Weglassen. Diese Neigung wird als <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Additive_bias"><em>Additive Bias</em></a> bezeichnet.</p>

<h2 id="mehr-kommt-uns-schneller-in-den-sinn">Mehr kommt uns schneller in den Sinn</h2>

<p>In einem Experiment sollten Versuchspersonen eine Lego-Konstruktion stabilisieren. Eine Plattform ruhte auf einem einzelnen Pfeiler. Viele Teilnehmende ergänzten weitere Stützen, obwohl das Entfernen eines vorhandenen Steins die einfachere Lösung gewesen wäre. Als jeder zusätzlich eingesetzte Stein Geld kostete, entschieden sich mehr Personen fürs Wegnehmen. Das Muster blieb nicht auf Lego beschränkt. Auch bei geometrischen Figuren, Texten und einem bereits überladenen Ausflugsprogramm ergänzten die Teilnehmenden eher Elemente, als vorhandene zu entfernen. Unter zusätzlicher geistiger Belastung verstärkte sich diese Neigung [1].</p>

<p>Wir lehnen das Weglassen also nicht unbedingt ab. Häufig kommt es uns schlicht nicht in den Sinn. Additive Ideen sind schneller verfügbar. Wenn die erste Idee einigermassen funktioniert, suchen wir nicht weiter. Wurden Versuchspersonen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie auch etwas entfernen könnten, fanden sie häufiger vereinfachende Lösungen [2].</p>

<p>In populären Darstellungen wird der Additive Bias gelegentlich damit erklärt, dass unser Gehirn das Weglassen nicht möge oder evolutionär auf das Sammeln ausgerichtet sei. Solche Erklärungen sind plausibel, gehen aber über die Experimente hinaus. Belegt ist vor allem eine Schieflage bei der Suche nach Lösungen: Addition wird spontan berücksichtigt, Subtraktion erfordert eher einen zweiten, bewussten Denkschritt.</p>

<h2 id="scheinproduktivität-durch-noch-mehr-organisation">Scheinproduktivität durch noch mehr Organisation</h2>

<p>Vielleicht kennst du das: Die Aufgaben häufen sich und du verlierst den Überblick. Als Lösung bietet sich eine neue App an. Du ergänzt deine Aufgabenliste um Kategorien, entwickelst eine genauere Morgenroutine oder baust ein weiteres Planungsinstrument in deinen Alltag ein. <a href="./warum-wir-aufschieben-neun-typen-der-prokrastination">Ich kenne diesen Reflex</a> aus meiner eigenen Arbeitsorganisation. Wenn Unterricht, Lehrgangsverantwortung, Selbständigkeit und Weiterbildung gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen, suche ich rasch nach einer besseren Methode oder einem zusätzlichen Werkzeug. Das vermittelt zunächst das beruhigende Gefühl, <a href="./die-dringlichkeitsfalle-uberwinden-und-mehr-zeit-fur-das-wesentliche-finden">die Komplexität wieder unter Kontrolle zu haben</a>.</p>

<p>Jede Ergänzung kann für sich vernünftig sein. Zusammen ergeben die Hilfsmittel jedoch leicht ein Arbeitssystem, das selbst Arbeit verursacht. Aufgaben müssen nicht nur erledigt, sondern auch erfasst, sortiert, synchronisiert und überprüft werden. Die Suche nach höherer Produktivität erzeugt neue Verpflichtungen [3]. Die unbequemere Frage lautet nicht, wie ich alles noch genauer organisiere. Sie lautet, welche Aufgabe, Information oder Verpflichtung wegfallen kann. Eine neue App lässt sich einrichten und als sichtbare Verbesserung verbuchen. Eine gestrichene Verpflichtung hinterlässt dagegen keine erkennbare Leistung.</p>

<h2 id="warum-organisationen-das-hinzufügen-belohnen">Warum Organisationen das Hinzufügen belohnen</h2>

<p>In Organisationen geht es nicht nur um individuelle Denkgewohnheiten. Hinzu kommen Strukturen, die additive Lösungen begünstigen. Wenn ein Problem auftritt, wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Ein Fehler führt zu einem weiteren Kontrollschritt. Für eine neue Aufgabe entsteht eine zusätzliche Rolle.</p>

<p>Das kann im Einzelfall sinnvoll sein. Dennoch prüfen Organisationen das Hinzufügen meist gründlicher als das Abschaffen. Wer ein Projekt startet, eine Regel erlässt oder einen Prozess erweitert, kann Aktivität nachweisen. Wer verhindert, dass unnötige Arbeit entsteht, hinterlässt weniger sichtbare Spuren.</p>

<p>Eine neue Regel besitzt zudem einen klar benennbaren Zweck. Ihre Folgekosten verteilen sich dagegen auf viele Menschen und über einen längeren Zeitraum. <a href="./das-parkinsonsche-gesetz-warum-sich-arbeit-immer-ausdehnt">So entstehen Prozesse mit immer mehr Schritten.</a> Jede Ergänzung hatte irgendwann einen Grund. Selten wird jedoch geprüft, ob dieser noch besteht. Die <em>Süddeutsche Zeitung</em> beschreibt den Additive Bias deshalb nicht bloss als individuelles Denkmuster, sondern verbindet ihn mit Bürokratie, Konsum und politischen Interessen [4].</p>

<p>Allerdings wäre es zu einfach, organisatorische Komplexität allein psychologisch zu erklären. Haftungsfragen, politische Kompromisse, wirtschaftliche Interessen und Machtverhältnisse tragen ebenfalls dazu bei. Der Additive Bias ist keine Gesamterklärung. Er zeigt aber, weshalb ein Vorschlag für etwas Neues häufig bessere Ausgangsbedingungen hat als die Forderung, etwas Bestehendes abzuschaffen.</p>

<h2 id="was-würden-wir-heute-nicht-mehr-hinzufügen">Was würden wir heute nicht mehr hinzufügen?</h2>

<p>Aus dem Additive Bias folgt nicht, dass weniger grundsätzlich besser wäre. Manche Brücken benötigen tatsächlich einen zusätzlichen Pfeiler. Eine Organisation kann unter fehlenden Regeln leiden, und ein neues Werkzeug kann eine Aufgabe erleichtern.</p>

<p>Entscheidend ist, Addition und Subtraktion mit derselben Ernsthaftigkeit zu prüfen. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht, was wir als Nächstes ergänzen könnten, sondern: Wann haben wir zuletzt versucht, ein Problem zu lösen, indem wir etwas weggelassen haben?</p>

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<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-wir-lieber-ergaenzen-als-weglassen">Discuss...</a></p>

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<p><strong>Quellen</strong>
[1] <a href="https://www.boost.co.nz/blog/2021/06/new-cognitive-bias-and-agile-simplicity/">https://www.boost.co.nz/blog/2021/06/new-cognitive-bias-and-agile-simplicity/</a>
[2] <a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/additive-bias-warum-uns-das-weglassen-bei-loesungen-schwerfaellt">https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/additive-bias-warum-uns-das-weglassen-bei-loesungen-schwerfaellt</a>
[3] <a href="https://anthonysanni.com/productivity-shorts-been-thinking/problem-solving-additive-bias">https://anthonysanni.com/productivity-shorts-been-thinking/problem-solving-additive-bias</a>
[4] <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/karsten-wildberger-gabriel-yoran-verkrempelung-kapitalismus-additive-bias-e547325/">https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/karsten-wildberger-gabriel-yoran-verkrempelung-kapitalismus-additive-bias-e547325/</a></p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<em>Lego-Skulptur auf dem Legocampus in Billund</em>, fotografiert 2015 von <a href="https://web.archive.org/web/20161031075430/http://www.panoramio.com/user/8828080?with_photo_id=124655604">WileyFoxes</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en">CC BY-SA 3.0</a>, via Wikimedia Commons.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Coaching" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Coaching</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
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      <guid>https://epicmind.ch/warum-wir-lieber-ergaenzen-als-weglassen</guid>
      <pubDate>Fri, 24 Jul 2026 07:44:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Warum wir aufschieben: Neun Typen der Prokrastination</title>
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      <description>&lt;![CDATA[von Schadow: Hölle&#xA;&#xA;Meine Steuererklärung scheitert selten daran, dass ich keine Zeit dafür hätte. Meist scheitert sie zunächst daran, dass ich keine Lust verspüre, mich einer Aufgabe zu unterwerfen, deren unmittelbaren Nutzen ich nicht erkenne. Ähnlich geht es mir bei Behördenschreiben oder administrativen Pflichten, die von aussen an mich herangetragen werden.&#xA;&#xA;Mein Verhaltensmuster ist ziemlich zuverlässig: Ich verweigere zunächst den Beginn und erledige stattdessen demonstrativ etwas anderes. Natürlich handelt es sich dabei nicht um irgendeine Ablenkung, sondern um etwas vermeintlich Wichtiges. Ich beantworte E-Mails, ordne Unterlagen oder erledige eine Aufgabe, die ebenfalls schon länger auf meiner Liste steht. So kann ich mir einreden, produktiv zu sein. Erst wenn die Frist näher rückt und der äussere Druck gross genug wird, widme ich mich der ursprünglichen Aufgabe.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Lange hätte ich dieses Verhalten als mangelnde Disziplin bezeichnet. In der Typologie des Sozialwissenschaftlers Itamar Shatz [1] finde ich jedoch eine passendere Erklärung: Ich erkenne mich im „Rebellen“ wieder. Dieser schiebt Aufgaben nicht einfach aus Bequemlichkeit auf. Er wehrt sich gegen Fremdbestimmung und versucht, sich durch das Aufschieben ein Stück Autonomie zurückzuholen.&#xA;&#xA;Der Rebell ist allerdings nur einer von neun Prokrastinationstypen, die Shatz unterscheidet. Dahinter steht eine wichtige Erkenntnis: Es gibt nicht den Prokrastinierer. Menschen schieben aus unterschiedlichen Gründen auf und benötigen entsprechend unterschiedliche Gegenstrategien.&#xA;&#xA;Kein Mangel an Willenskraft&#xA;&#xA;In meinem ersten Beitrag zum Thema habe ich #Prokrastination als freiwilliges Verzögern einer Aufgabe trotz absehbarer negativer Konsequenzen beschrieben. Entscheidend ist die Abgrenzung zum bewussten Aufschieben. Wer eine Aufgabe verschiebt, weil noch Informationen fehlen oder weil ein späterer Zeitpunkt tatsächlich günstiger ist, prokrastiniert nicht. Von Prokrastination sprechen wir, wenn wir wissen, dass uns die Verzögerung schadet, und trotzdem nicht handeln.&#xA;&#xA;Häufig wird dieses Verhalten auf schlechte Planung, fehlende Motivation oder zu wenig Willenskraft zurückgeführt. Shatz hält das für eine Verwechslung von Ursache und Symptom. Hinter dem Aufschieben können Angst, Erschöpfung, Perfektionismus, geringe Erfolgserwartungen, Ablenkbarkeit oder ein Konflikt mit äusseren Erwartungen stehen. Derselbe Mensch kann je nach Aufgabe aus ganz unterschiedlichen Gründen prokrastinieren [2].&#xA;&#xA;Das erklärt auch, weshalb allgemeine Produktivitätstipps so unzuverlässig funktionieren. Eine strengere Deadline kann einem leicht ablenkbaren Menschen helfen. Bei jemandem, der sich gegen äussere Kontrolle wehrt, verstärkt sie möglicherweise den Widerstand. Erholung ist für einen erschöpften Menschen notwendig. Für jemanden, der vor allem das unmittelbar Angenehme sucht, kann sie hingegen zur nächsten Ausweichhandlung werden.&#xA;&#xA;In meinem zweiten Beitrag habe ich mit Skinners Gesetz einen Ansatz vorgestellt, der die Freude am Handeln erhöht oder die Kosten des Nichtstuns vergrössert. Auch solche Anreize können nützlich sein. Sie greifen aber zu kurz, wenn die eigentliche Ursache nicht erkannt wird.&#xA;&#xA;Neun Typen der Prokrastination&#xA;&#xA;Shatz unterscheidet neun typische Muster. Sie sind nicht als wissenschaftliche Diagnosen oder unveränderliche Persönlichkeitstypen zu verstehen. Vielmehr bieten sie ein Raster, um genauer zu beobachten, was hinter dem eigenen Aufschieben steckt.&#xA;&#xA;| Typ                  | Typisches Muster                                        | Mögliche Ursache                                                    | Passender Umgang                                                                                    |&#xA;| -------------------- | ------------------------------------------------------- | ------------------------------------------------------------------- | --------------------------------------------------------------------------------------------------- |&#xA;| Besorgter        | Beginnt nicht, weil etwas schiefgehen könnte            | Angst vor negativen Konsequenzen oder Bewertung von aussen                             | Befürchtung konkret benennen, ihre Wahrscheinlichkeit prüfen und mit einem kleinen Schritt beginnen |&#xA;| Erschöpfter      | Fühlt sich zu müde oder ausgelaugt für die Aufgabe      | Überlastung oder Stress                 | Erholung priorisieren, Anforderungen überprüfen und unrealistische Ziele reduzieren                 |&#xA;| Perfektionist    | Beginnt spät oder wird nie fertig                       | Überhöhter eigener Anspruch, das Ergebnis genügt nie ganz       | Vorab festlegen, was «gut genug» bedeutet, und eine unfertige erste Version zulassen                |&#xA;| Pessimist        | Erwartet, ohnehin keinen Erfolg zu haben                | Geringe Selbstwirksamkeit und starke Selbstkritik                   | Annahmen überprüfen und sich so beraten, wie man einen Freund beraten würde                         |&#xA;| Träumer          | Denkt gerne über Ziele nach, setzt sie aber kaum um     | Die Vorstellung der Zukunft ist attraktiver als die konkrete Arbeit | Wünsche in beobachtbare Handlungen, Termine und nächste Schritte übersetzen                         |&#xA;| Zickzack-Typ     | Springt laufend zwischen Aufgaben und Reizen            | Ablenkbarkeit, fehlende Prioritäten oder eine reizreiche Umgebung   | Ein Ziel schriftlich festhalten, Ablenkungen entfernen und die Aufgabe in Schritte zerlegen         |&#xA;| Rebell           | Widersetzt sich vor allem fremden Vorgaben              | Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle                              | Eigenen Nutzen klären und innerhalb der Aufgabe echte Wahlmöglichkeiten schaffen                    |&#xA;| Adrenalin-Sucher | Arbeitet erst kurz vor Ablauf der Frist                 | Aktivierung und Spannung durch Zeitdruck                            | Zwischenfristen setzen und die Kosten des hektischen Endspurts ehrlich bilanzieren                  |&#xA;| Hedonist         | Entscheidet sich für das, was sich jetzt besser anfühlt | Unmittelbare Belohnungen wiegen stärker als spätere Vorteile        | Versuchungen erschweren und die Aufgabe mit einer zeitnahen kleinen Belohnung verbinden             |&#xA;&#xA;Die Übersicht macht deutlich, dass eine identische Handlung sehr verschiedene Hintergründe haben kann. Zwei Personen reichen ihre Unterlagen erst am letzten Tag ein. Die eine fürchtet, einen Fehler zu machen, und kontrolliert jedes Detail mehrfach. Die andere empfindet die Aufgabe als fremdbestimmt und beginnt aus Widerstand nicht. Eine gemeinsame Deadline bedeutet noch keine gemeinsame Ursache.&#xA;&#xA;Wie sich eine Ursache bei mir konkret zeigt: der Rebell und die Illusion der Kontrolle&#xA;&#xA;Beim Rebellen erfüllt die Prokrastination eine besondere Funktion. Das Aufschieben vermittelt kurzfristig das Gefühl, sich einer Anordnung nicht vollständig zu unterwerfen. Ich entscheide schliesslich selbst, wann ich die Steuererklärung ausfülle. Indem ich zuerst andere Aufgaben erledige, stelle ich symbolisch meine eigene Prioritätenordnung wieder her. Das Problem liegt im Ergebnis. Was sich zunächst wie Selbstbestimmung anfühlt, führt zu immer stärkerer Fremdbestimmung. Die Frist rückt näher, der Handlungsspielraum schrumpft, und am Ende diktiert der Zeitdruck, wann und unter welchen Bedingungen ich arbeiten muss. Der Rebell verschafft sich durch das Aufschieben kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle und verliert dadurch langfristig umso mehr davon.&#xA;&#xA;Mehr Druck ist deshalb nicht unbedingt die beste Antwort. Hilfreicher ist es, den eigenen Nutzen der Aufgabe zu klären. Eine Steuererklärung bleibt eine Pflicht. Ich kann sie aber als Voraussetzung betrachten, um finanzielle Angelegenheiten abzuschliessen, Unsicherheit zu beseitigen und anschliessend wieder über meine Zeit zu verfügen. Ebenso kann ich mir innerhalb der Aufgabe Wahlmöglichkeiten schaffen: Wann erledige ich sie? In welcher Reihenfolge gehe ich vor? Welche Unterlagen bereite ich zuerst vor? Hole ich Unterstützung oder arbeite ich allein? Die Aufgabe wird dadurch nicht angenehmer. Sie erscheint aber weniger als reiner Gehorsamsakt.&#xA;&#xA;Erst die Ursache, dann die Methode&#xA;&#xA;Die neun Typen erklären, weshalb es keine universelle Methode gegen Prokrastination gibt. &#34;Fang einfach an&#34; kann dem Besorgten helfen, sofern der erste Schritt klein genug ist. Einem tatsächlich erschöpften Menschen vermittelt derselbe Rat möglicherweise nur, er müsse seine Grenzen ignorieren. Eine öffentliche Verpflichtung kann für den Zickzack-Typ eine sinnvolle Struktur schaffen. Beim Rebellen kann sie zusätzlichen Widerstand auslösen.&#xA;&#xA;Vor der Wahl einer Methode steht deshalb eine genauere Diagnose des eigenen Verhaltens. Dabei helfen drei Fragen:&#xA;&#xA;Was vermeide ich bei dieser Aufgabe konkret?&#xA;Welches Gefühl verschwindet kurzfristig, wenn ich sie aufschiebe?&#xA;Welche Veränderung würde genau diese Hürde verkleinern?&#xA;&#xA;Manchmal lautet die Antwort Angst vor einem schlechten Ergebnis. Manchmal fehlt ein klarer erster Schritt. Vielleicht ist die Aufgabe tatsächlich unnötig, schlecht definiert oder unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum zu bewältigen. Nicht jede Abneigung ist ein psychologisches Problem, das mit besserem #Selbstmanagement gelöst werden muss.&#xA;&#xA;Nützliche Orientierung statt festes Etikett&#xA;&#xA;Die Typologie von Shatz vereinfacht natürlich komplexes Verhalten. Menschen lassen sich kaum dauerhaft einer einzigen Kategorie zuordnen. Bei administrativen Pflichten kann ich als Rebell reagieren, beim Schreiben eines wichtigen Textes dagegen perfektionistische Züge zeigen. Erschöpfung kann Ablenkbarkeit verstärken, während Pessimismus und Angst häufig gemeinsam auftreten.&#xA;&#xA;Der Wert der Typologie liegt daher nicht darin, sich selbst ein neues Etikett zu geben. Sie stellt bessere Fragen bereit. Statt mich pauschal als undiszipliniert zu beurteilen, kann ich untersuchen, welche Funktion das Aufschieben in einer konkreten Situation erfüllt. Das ist weniger moralisch, aber anspruchsvoller: Eine unpassende Gegenstrategie lässt sich leicht anwenden. Die tatsächliche Ursache zu erkennen, verlangt ehrliche Selbstbeobachtung.&#xA;&#xA;Meine Steuererklärung wird durch diese Erkenntnis weder interessanter noch schneller erledigbar. Ich muss sie weiterhin ausfüllen. Ich kann jedoch darauf verzichten, mich zunächst wegen mangelnder Willenskraft zu verurteilen und anschliessend noch mehr Druck aufzubauen. Sinnvoller ist es, meinen Widerstand als Hinweis zu verstehen und die Aufgabe so weit wie möglich wieder zu meiner eigenen zu machen.&#xA;&#xA;Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: wie diszipliniere ich mich besser? Sie lautet: warum schiebe ich genau diese Aufgabe auf?&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-wir-aufschieben-neun-typen-der-prokrastination&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] R. Blakely, «Zigzagger, dreamer or rebel: what kind of procrastinator are you?», The Times, 10. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: https://www.thetimes.com/uk/science/article/what-kind-of-procrastinator-are-you-cmqhd7zfq&#xA;[2] I. Shatz, «Why People Procrastinate: The Psychology and Causes of Procrastination», Solving Procrastination. [Online]. Verfügbar: https://solvingprocrastination.com/why-people-procrastinate/&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Friedrich Wilhelm von Schadow und Schüler (1788–1862): Hölle (rechter Teil des Triptychons Fegfeuer - Paradies - Hölle), Museum Kunstpalast, Düsseldorf Public Domain,FriedrichWilhelmvonSchadowundSch%C3%BCler,1848%E2%80%931852,%C3%96llaufLeinwand.jpg).&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Coaching | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/be/H%C3%B6lle_%28rechter_Teil_des_Triptychons_Fegfeuer_-_Paradies_-_H%C3%B6lle%29%2C_Friedrich_Wilhelm_von_Schadow_und_Sch%C3%BCler%2C_1848%E2%80%931852%2C_%C3%96ll_auf_Leinwand.jpg/960px-H%C3%B6lle_%28rechter_Teil_des_Triptychons_Fegfeuer_-_Paradies_-_H%C3%B6lle%29%2C_Friedrich_Wilhelm_von_Schadow_und_Sch%C3%BCler%2C_1848%E2%80%931852%2C_%C3%96ll_auf_Leinwand.jpg" alt="von Schadow: Hölle"/></p>

<p>Meine Steuererklärung scheitert selten daran, dass ich keine Zeit dafür hätte. Meist scheitert sie zunächst daran, dass ich keine Lust verspüre, mich einer Aufgabe zu unterwerfen, deren unmittelbaren Nutzen ich nicht erkenne. Ähnlich geht es mir bei Behördenschreiben oder administrativen Pflichten, die von aussen an mich herangetragen werden.</p>

<p>Mein Verhaltensmuster ist ziemlich zuverlässig: Ich verweigere zunächst den Beginn und erledige stattdessen demonstrativ etwas anderes. Natürlich handelt es sich dabei nicht um irgendeine Ablenkung, sondern um etwas vermeintlich Wichtiges. Ich beantworte E-Mails, ordne Unterlagen oder erledige eine Aufgabe, die ebenfalls schon länger auf meiner Liste steht. So kann ich mir einreden, produktiv zu sein. Erst wenn die Frist näher rückt und der äussere Druck gross genug wird, widme ich mich der ursprünglichen Aufgabe.</p>



<p>Lange hätte ich dieses Verhalten als mangelnde Disziplin bezeichnet. In der Typologie des Sozialwissenschaftlers Itamar Shatz [1] finde ich jedoch eine passendere Erklärung: Ich erkenne mich im „Rebellen“ wieder. Dieser schiebt Aufgaben nicht einfach aus Bequemlichkeit auf. Er wehrt sich gegen Fremdbestimmung und versucht, sich durch das Aufschieben ein Stück Autonomie zurückzuholen.</p>

<p>Der Rebell ist allerdings nur einer von neun Prokrastinationstypen, die Shatz unterscheidet. Dahinter steht eine wichtige Erkenntnis: Es gibt nicht den Prokrastinierer. Menschen schieben aus unterschiedlichen Gründen auf und benötigen entsprechend unterschiedliche Gegenstrategien.</p>

<h2 id="kein-mangel-an-willenskraft">Kein Mangel an Willenskraft</h2>

<p>In meinem ersten Beitrag zum Thema habe ich <a href="https://epicmind.ch/tag:Prokrastination" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Prokrastination</span></a> <a href="https://epicmind.ch/was-ist-prokrastination-und-wie-gehe-ich-damit-sinnvoll-um">als freiwilliges Verzögern einer Aufgabe trotz absehbarer negativer Konsequenzen</a> beschrieben. Entscheidend ist die Abgrenzung zum bewussten Aufschieben. Wer eine Aufgabe verschiebt, weil noch Informationen fehlen oder weil ein späterer Zeitpunkt tatsächlich günstiger ist, prokrastiniert nicht. Von Prokrastination sprechen wir, wenn wir wissen, dass uns die Verzögerung schadet, und trotzdem nicht handeln.</p>

<p>Häufig wird dieses Verhalten auf schlechte Planung, fehlende Motivation oder zu wenig Willenskraft zurückgeführt. Shatz hält das für eine Verwechslung von Ursache und Symptom. Hinter dem Aufschieben können Angst, Erschöpfung, Perfektionismus, geringe Erfolgserwartungen, Ablenkbarkeit oder ein Konflikt mit äusseren Erwartungen stehen. Derselbe Mensch kann je nach Aufgabe aus ganz unterschiedlichen Gründen prokrastinieren [2].</p>

<p>Das erklärt auch, weshalb allgemeine Produktivitätstipps so unzuverlässig funktionieren. Eine strengere Deadline kann einem leicht ablenkbaren Menschen helfen. Bei jemandem, der sich gegen äussere Kontrolle wehrt, verstärkt sie möglicherweise den Widerstand. Erholung ist für einen erschöpften Menschen notwendig. Für jemanden, der vor allem das unmittelbar Angenehme sucht, kann sie hingegen zur nächsten Ausweichhandlung werden.</p>

<p>In meinem zweiten Beitrag habe ich mit <a href="https://epicmind.ch/prokrastination-uberwinden-mit-skinners-gesetz">Skinners Gesetz einen Ansatz vorgestellt, der die Freude am Handeln erhöht oder die Kosten des Nichtstuns vergrössert</a>. Auch solche Anreize können nützlich sein. Sie greifen aber zu kurz, wenn die eigentliche Ursache nicht erkannt wird.</p>

<h2 id="neun-typen-der-prokrastination">Neun Typen der Prokrastination</h2>

<p>Shatz unterscheidet neun typische Muster. Sie sind nicht als wissenschaftliche Diagnosen oder unveränderliche Persönlichkeitstypen zu verstehen. Vielmehr bieten sie ein Raster, um genauer zu beobachten, was hinter dem eigenen Aufschieben steckt.</p>

<table>
<thead>
<tr>
<th>Typ</th>
<th>Typisches Muster</th>
<th>Mögliche Ursache</th>
<th>Passender Umgang</th>
</tr>
</thead>

<tbody>
<tr>
<td><strong>Besorgter</strong></td>
<td>Beginnt nicht, weil etwas schiefgehen könnte</td>
<td>Angst vor negativen Konsequenzen oder Bewertung von aussen</td>
<td>Befürchtung konkret benennen, ihre Wahrscheinlichkeit prüfen und mit einem kleinen Schritt beginnen</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Erschöpfter</strong></td>
<td>Fühlt sich zu müde oder ausgelaugt für die Aufgabe</td>
<td>Überlastung oder Stress</td>
<td>Erholung priorisieren, Anforderungen überprüfen und unrealistische Ziele reduzieren</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Perfektionist</strong></td>
<td>Beginnt spät oder wird nie fertig</td>
<td>Überhöhter eigener Anspruch, das Ergebnis genügt nie ganz</td>
<td>Vorab festlegen, was «gut genug» bedeutet, und eine unfertige erste Version zulassen</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Pessimist</strong></td>
<td>Erwartet, ohnehin keinen Erfolg zu haben</td>
<td>Geringe Selbstwirksamkeit und starke Selbstkritik</td>
<td>Annahmen überprüfen und sich so beraten, wie man einen Freund beraten würde</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Träumer</strong></td>
<td>Denkt gerne über Ziele nach, setzt sie aber kaum um</td>
<td>Die Vorstellung der Zukunft ist attraktiver als die konkrete Arbeit</td>
<td>Wünsche in beobachtbare Handlungen, Termine und nächste Schritte übersetzen</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Zickzack-Typ</strong></td>
<td>Springt laufend zwischen Aufgaben und Reizen</td>
<td>Ablenkbarkeit, fehlende Prioritäten oder eine reizreiche Umgebung</td>
<td>Ein Ziel schriftlich festhalten, Ablenkungen entfernen und die Aufgabe in Schritte zerlegen</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Rebell</strong></td>
<td>Widersetzt sich vor allem fremden Vorgaben</td>
<td>Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle</td>
<td>Eigenen Nutzen klären und innerhalb der Aufgabe echte Wahlmöglichkeiten schaffen</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Adrenalin-Sucher</strong></td>
<td>Arbeitet erst kurz vor Ablauf der Frist</td>
<td>Aktivierung und Spannung durch Zeitdruck</td>
<td>Zwischenfristen setzen und die Kosten des hektischen Endspurts ehrlich bilanzieren</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Hedonist</strong></td>
<td>Entscheidet sich für das, was sich jetzt besser anfühlt</td>
<td>Unmittelbare Belohnungen wiegen stärker als spätere Vorteile</td>
<td>Versuchungen erschweren und die Aufgabe mit einer zeitnahen kleinen Belohnung verbinden</td>
</tr>
</tbody>
</table>

<p>Die Übersicht macht deutlich, dass eine identische Handlung sehr verschiedene Hintergründe haben kann. Zwei Personen reichen ihre Unterlagen erst am letzten Tag ein. Die eine fürchtet, einen Fehler zu machen, und kontrolliert jedes Detail mehrfach. Die andere empfindet die Aufgabe als fremdbestimmt und beginnt aus Widerstand nicht. Eine gemeinsame Deadline bedeutet noch keine gemeinsame Ursache.</p>

<h2 id="wie-sich-eine-ursache-bei-mir-konkret-zeigt-der-rebell-und-die-illusion-der-kontrolle">Wie sich eine Ursache bei mir konkret zeigt: der Rebell und die Illusion der Kontrolle</h2>

<p>Beim Rebellen erfüllt die Prokrastination eine besondere Funktion. Das Aufschieben vermittelt kurzfristig das Gefühl, sich einer Anordnung nicht vollständig zu unterwerfen. Ich entscheide schliesslich selbst, wann ich die Steuererklärung ausfülle. Indem ich zuerst andere Aufgaben erledige, stelle ich symbolisch meine eigene Prioritätenordnung wieder her. Das Problem liegt im Ergebnis. Was sich zunächst wie Selbstbestimmung anfühlt, führt zu immer stärkerer Fremdbestimmung. Die Frist rückt näher, der Handlungsspielraum schrumpft, und am Ende diktiert der Zeitdruck, wann und unter welchen Bedingungen ich arbeiten muss. Der Rebell verschafft sich durch das Aufschieben kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle und verliert dadurch langfristig umso mehr davon.</p>

<p>Mehr Druck ist deshalb nicht unbedingt die beste Antwort. Hilfreicher ist es, den eigenen Nutzen der Aufgabe zu klären. Eine Steuererklärung bleibt eine Pflicht. Ich kann sie aber als Voraussetzung betrachten, um finanzielle Angelegenheiten abzuschliessen, Unsicherheit zu beseitigen und anschliessend wieder über meine Zeit zu verfügen. Ebenso kann ich mir innerhalb der Aufgabe Wahlmöglichkeiten schaffen: Wann erledige ich sie? In welcher Reihenfolge gehe ich vor? Welche Unterlagen bereite ich zuerst vor? Hole ich Unterstützung oder arbeite ich allein? Die Aufgabe wird dadurch nicht angenehmer. Sie erscheint aber weniger als reiner Gehorsamsakt.</p>

<h2 id="erst-die-ursache-dann-die-methode">Erst die Ursache, dann die Methode</h2>

<p>Die neun Typen erklären, weshalb es keine universelle Methode gegen Prokrastination gibt. “Fang einfach an” kann dem Besorgten helfen, sofern der erste Schritt klein genug ist. Einem tatsächlich erschöpften Menschen vermittelt derselbe Rat möglicherweise nur, er müsse seine Grenzen ignorieren. Eine öffentliche Verpflichtung kann für den Zickzack-Typ eine sinnvolle Struktur schaffen. Beim Rebellen kann sie zusätzlichen Widerstand auslösen.</p>

<p>Vor der Wahl einer Methode steht deshalb eine genauere Diagnose des eigenen Verhaltens. Dabei helfen drei Fragen:</p>
<ol><li>Was vermeide ich bei dieser Aufgabe konkret?</li>
<li>Welches Gefühl verschwindet kurzfristig, wenn ich sie aufschiebe?</li>
<li>Welche Veränderung würde genau diese Hürde verkleinern?</li></ol>

<p>Manchmal lautet die Antwort Angst vor einem schlechten Ergebnis. Manchmal fehlt ein klarer erster Schritt. Vielleicht ist die Aufgabe tatsächlich unnötig, schlecht definiert oder unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum zu bewältigen. Nicht jede Abneigung ist ein psychologisches Problem, das mit besserem <a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstmanagement" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstmanagement</span></a> gelöst werden muss.</p>

<h2 id="nützliche-orientierung-statt-festes-etikett">Nützliche Orientierung statt festes Etikett</h2>

<p>Die Typologie von Shatz vereinfacht natürlich komplexes Verhalten. Menschen lassen sich kaum dauerhaft einer einzigen Kategorie zuordnen. Bei administrativen Pflichten kann ich als Rebell reagieren, beim Schreiben eines wichtigen Textes dagegen perfektionistische Züge zeigen. Erschöpfung kann Ablenkbarkeit verstärken, während Pessimismus und Angst häufig gemeinsam auftreten.</p>

<p>Der Wert der Typologie liegt daher nicht darin, sich selbst ein neues Etikett zu geben. Sie stellt bessere Fragen bereit. Statt mich pauschal als undiszipliniert zu beurteilen, kann ich untersuchen, welche Funktion das Aufschieben in einer konkreten Situation erfüllt. Das ist weniger moralisch, aber anspruchsvoller: Eine unpassende Gegenstrategie lässt sich leicht anwenden. Die tatsächliche Ursache zu erkennen, verlangt ehrliche Selbstbeobachtung.</p>

<p>Meine Steuererklärung wird durch diese Erkenntnis weder interessanter noch schneller erledigbar. Ich muss sie weiterhin ausfüllen. Ich kann jedoch darauf verzichten, mich zunächst wegen mangelnder Willenskraft zu verurteilen und anschliessend noch mehr Druck aufzubauen. Sinnvoller ist es, meinen Widerstand als Hinweis zu verstehen und die Aufgabe so weit wie möglich wieder zu meiner eigenen zu machen.</p>

<p>Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: wie diszipliniere ich mich besser? Sie lautet: warum schiebe ich genau diese Aufgabe auf?</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-wir-aufschieben-neun-typen-der-prokrastination">Discuss...</a></p>

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<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] R. Blakely, «Zigzagger, dreamer or rebel: what kind of procrastinator are you?», <em>The Times</em>, 10. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://www.thetimes.com/uk/science/article/what-kind-of-procrastinator-are-you-cmqhd7zfq">https://www.thetimes.com/uk/science/article/what-kind-of-procrastinator-are-you-cmqhd7zfq</a>
[2] I. Shatz, «Why People Procrastinate: The Psychology and Causes of Procrastination», <em>Solving Procrastination</em>. [Online]. Verfügbar: <a href="https://solvingprocrastination.com/why-people-procrastinate/">https://solvingprocrastination.com/why-people-procrastinate/</a></p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_von_Schadow">Friedrich Wilhelm von Schadow</a> und Schüler (1788–1862): <em>Hölle</em> (rechter Teil des Triptychons Fegfeuer – Paradies – Hölle), Museum Kunstpalast, Düsseldorf <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:H%C3%B6lle_(rechter_Teil_des_Triptychons_Fegfeuer_-_Paradies_-_H%C3%B6lle),_Friedrich_Wilhelm_von_Schadow_und_Sch%C3%BCler,_1848%E2%80%931852,_%C3%96ll_auf_Leinwand.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Coaching" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Coaching</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/warum-wir-aufschieben-neun-typen-der-prokrastination</guid>
      <pubDate>Sat, 18 Jul 2026 07:09:30 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Die unterschätzten Stunden des Tages</title>
      <link>https://epicmind.ch/die-unterschaetzten-stunden-des-tages?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Caputo: The ballet&#xA;&#xA;„Ich hatte diese Woche überhaupt keine Zeit.“ Es ist einer jener Sätze, die ich fast täglich höre oder selbst sage. Manchmal stimmt er. Oft fühlt er sich zumindest wahr an. Was aber, wenn genau dieses Gefühl täuscht? Vielleicht ist unser grösstes Problem gar nicht die fehlende Zeit – sondern wie wir sie wahrnehmen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die Autorin Laura Vanderkam behauptet etwas Überraschendes: Die meisten Menschen haben mehr frei verfügbare Zeit, als sie glauben. Nicht weil sie weniger arbeiten, sondern weil sie ihre Zeit falsch einschätzen.&#xA;&#xA;Ein einfaches Experiment zeigt das. Wenn du während einer Woche in groben 30-Minuten-Schritten notierst, womit du deine Zeit tatsächlich verbringst, erlebst du oft eine Überraschung. Die Arbeitszeit fällt meist geringer aus, als du dachtest. Gleichzeitig tauchen Stunden auf, die scheinbar „verschwunden“ waren: hier eine Stunde am Smartphone, dort eine Stunde vor dem Fernseher, dazwischen einige Zeitfenster, die dir kaum bewusst waren. Sobald du diese Stunden schwarz auf weiss vor dir siehst, verändert sich etwas. Die Zeit wirkt plötzlich weniger knapp.&#xA;&#xA;Denn genau darum geht es: nicht um Effizienz, sondern um Wahrnehmung. Wer seine Zeit sichtbar macht, nimmt sie plötzlich anders wahr. Zwischen Arbeit, Schlaf und Verpflichtungen steckt oft mehr Spielraum, als das eigene Gefühl vermuten lässt.&#xA;&#xA;Genau das lässt sich gerade jetzt beobachten, mitten im Sommer. Die Tage sind lang, die Sonne geht spät unter. Nach einem heissen Arbeitstag werden die Abendstunden oft zur schönsten Zeit des Tages. Statt die Nachmittagshitze auszusitzen, lockt der Abend nach draussen: ein Buch im Garten, in der Aare schwimmen gehen, ein Apéro und gute Gespräche mit Freunden. Trotzdem behandeln viele diese Stunden wie blossen Leerlauf zwischen Feierabend und Schlafengehen.&#xA;&#xA;Vielleicht verschenken wir gerade hier die wertvollste Zeit des Tages. Eine bewusst gewählte Stunde genügt. Dann fühlt sich ein Abend nicht mehr wie ein Rest des Arbeitstags an, sondern wie ein eigener Teil des Lebens. Der Unterschied liegt weniger in der Aktivität als im Entscheid, diese Zeit bewusst zu gestalten.&#xA;&#xA;Seneca hat das schon vor beinahe zweitausend Jahren so gesehen: Das Leben sei nicht zu kurz – wir machten es oft dazu, weil wir unsere Zeit vergeuden. Seine Kritik galt allerdings nicht der Musse oder Erholung, sondern der Unachtsamkeit und Zerstreuung. Seine Botschaft ist aktueller denn je. &#xA;&#xA;Zeitmanagement beginnt nicht mit Apps, Kalendern oder ausgefeilten Produktivitätssystemen. Es beginnt mit einer einfachen Frage: Womit verbringst du deine 168 Stunden in dieser Woche – und entspricht das dem Leben, das du eigentlich führen möchtest?&#xA;&#xA;Mehr Zeit können wir nicht schaffen. Aber vielleicht sollten wir gerade jetzt, solange die Sommerabende noch lang und hell sind, die schönsten Stunden des Tages nicht achtlos verstreichen lassen.&#xA;&#xA;---&#xA;Reaktionen&#xA;&#xA;Armin Hanisch (Mastodon) hat in einem Blogbeitrag direkt Bezug genommen auf diese meine Gedanken. Danke dafür!&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/die-unterschaetzten-stunden-des-tages&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Ulisse Caputo (1872–1948): Il balletto, Privatbesitz, Public Domain,byUlisseCaputo.jpg).&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/8a/The_ballet_%281911%29%2C_by_Ulisse_Caputo.jpg/960px-The_ballet_%281911%29%2C_by_Ulisse_Caputo.jpg" alt="Caputo: The ballet"/></p>

<p>„Ich hatte diese Woche überhaupt keine Zeit.“ Es ist einer jener Sätze, die ich fast täglich höre oder selbst sage. Manchmal stimmt er. Oft fühlt er sich zumindest wahr an. Was aber, wenn genau dieses Gefühl täuscht? Vielleicht ist unser grösstes Problem gar nicht die fehlende Zeit – sondern wie wir sie wahrnehmen.</p>



<p><a href="https://www.vox.com/future-perfect/488838/time-management-calendar-busy-productivity">Die Autorin Laura Vanderkam behauptet etwas Überraschendes</a>: Die meisten Menschen haben mehr frei verfügbare Zeit, als sie glauben. Nicht weil sie weniger arbeiten, sondern weil sie ihre Zeit falsch einschätzen.</p>

<p>Ein einfaches Experiment zeigt das. Wenn du während einer Woche in groben 30-Minuten-Schritten notierst, womit du deine Zeit tatsächlich verbringst, erlebst du oft eine Überraschung. Die Arbeitszeit fällt meist geringer aus, als du dachtest. Gleichzeitig tauchen Stunden auf, die scheinbar „verschwunden“ waren: hier eine Stunde am Smartphone, dort eine Stunde vor dem Fernseher, dazwischen einige Zeitfenster, die dir kaum bewusst waren. Sobald du diese Stunden schwarz auf weiss vor dir siehst, verändert sich etwas. Die Zeit wirkt plötzlich weniger knapp.</p>

<p>Denn genau darum geht es: nicht um Effizienz, sondern um Wahrnehmung. Wer seine Zeit sichtbar macht, nimmt sie plötzlich anders wahr. Zwischen Arbeit, Schlaf und Verpflichtungen steckt oft mehr Spielraum, als das eigene Gefühl vermuten lässt.</p>

<p>Genau das lässt sich gerade jetzt beobachten, mitten im Sommer. Die Tage sind lang, die Sonne geht spät unter. Nach einem heissen Arbeitstag werden die Abendstunden oft zur schönsten Zeit des Tages. Statt die Nachmittagshitze auszusitzen, lockt der Abend nach draussen: ein Buch im Garten, in der Aare schwimmen gehen, ein Apéro und gute Gespräche mit Freunden. Trotzdem behandeln viele diese Stunden wie blossen Leerlauf zwischen Feierabend und Schlafengehen.</p>

<p>Vielleicht verschenken wir gerade hier die wertvollste Zeit des Tages. Eine bewusst gewählte Stunde genügt. Dann fühlt sich ein Abend nicht mehr wie ein Rest des Arbeitstags an, sondern wie ein eigener Teil des Lebens. Der Unterschied liegt weniger in der Aktivität als im Entscheid, diese Zeit bewusst zu gestalten.</p>

<p><a href="./besser-leben-mit-seneca">Seneca hat das schon vor beinahe zweitausend Jahren so gesehen</a>: Das Leben sei nicht zu kurz – wir machten es oft dazu, weil wir unsere Zeit vergeuden. Seine Kritik galt allerdings nicht der Musse oder Erholung, sondern der Unachtsamkeit und Zerstreuung. Seine Botschaft ist aktueller denn je.</p>

<p>Zeitmanagement beginnt nicht mit Apps, Kalendern oder ausgefeilten Produktivitätssystemen. Es beginnt mit einer einfachen Frage: Womit verbringst du deine 168 Stunden in dieser Woche – und entspricht das dem Leben, das du eigentlich führen möchtest?</p>

<p>Mehr Zeit können wir nicht schaffen. Aber vielleicht sollten wir gerade jetzt, solange die Sommerabende noch lang und hell sind, die schönsten Stunden des Tages nicht achtlos verstreichen lassen.</p>

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<h4 id="reaktionen">Reaktionen</h4>

<p>Armin Hanisch (<a href="https://bildung.social/@Linkshaender">Mastodon</a>) hat <a href="https://www.arminhanisch.de/2026/07/blog-sommer/">in einem Blogbeitrag</a> direkt Bezug genommen auf diese meine Gedanken. Danke dafür!</p>

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<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/die-unterschaetzten-stunden-des-tages">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ulisse_Caputo">Ulisse Caputo</a> (1872–1948): <em>Il balletto</em>, Privatbesitz, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_ballet_(1911),_by_Ulisse_Caputo.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
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    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
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      <guid>https://epicmind.ch/die-unterschaetzten-stunden-des-tages</guid>
      <pubDate>Fri, 10 Jul 2026 11:43:21 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Glücklicher leben mit Cicero</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Abel de Pujol: La clémence de César&#xA;&#xA;Die meisten Menschen wünschen sich ein glückliches Leben. Doch worin besteht Glück eigentlich? Für die einen bedeutet es Gesundheit, für andere beruflichen Erfolg, finanzielle Sicherheit oder erfüllte Beziehungen. Die moderne Ratgeberliteratur empfiehlt Achtsamkeit, Dankbarkeit oder positive Gewohnheiten. Hinter all diesen Ansätzen steht mehrheitlich dieselbe Annahme: Glück sei ein Zustand, den wir erreichen oder bewahren können.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Marcus Tullius Cicero hätte dieser Vorstellung vermutlich widersprochen. Nicht weil er Glück für unwichtig hielt, sondern weil er glaubte, dass wir es an der falschen Stelle suchen. Wer sein Leben darauf ausrichtet, glücklich zu werden, läuft Gefahr, den Blick auf das Wesentliche zu verlieren. Entscheidend sei nicht, wie wir uns fühlen, sondern wer wir sind. Glück entsteht nicht dadurch, dass wir ihm nachjagen, sondern als Folge eines tugendhaften Lebens. Bezeichnend dafür: Ciceros bekanntestes philosophisches Werk trägt nicht den Titel Über das glückliche Leben, sondern De officiis – Von den Pflichten. Verantwortung, Gerechtigkeit, Gemeinsinn, moralisches Handeln – das klingt eher nach einem Handbuch für Staatsmänner als nach einer Anleitung zu einem erfüllten Leben.&#xA;&#xA;Und doch, liest man das Werk heute mit etwas Abstand zu seinem historischen Entstehungskontext, tritt darin eine Botschaft hervor, die genau diesen Anschein widerlegt: Ein gutes Leben beginnt nicht mit der Frage, was uns glücklich macht. Es beginnt mit der Frage, was einen guten Menschen auszeichnet.&#xA;&#xA;Ein Philosoph in einer Zeit des Umbruchs&#xA;&#xA;Cicero verfasste De officiis im Herbst des Jahres 44 v. Chr., als sich die Römische Republik in ihrer schwersten Krise befand. Caesar war ermordet worden, die politischen Machtkämpfe eskalierten erneut. Auch Cicero selbst sollte ihnen zum Opfer fallen: Nur wenige Wochen nach Abschluss des Werkes wurde er auf Befehl des zweiten Triumvirats ermordet.&#xA;&#xA;Das Buch entstand also nicht in einer Phase philosophischer Musse, sondern unter dem Eindruck eines Staates, dessen moralische Grundlagen zu zerbrechen drohten. Es ist ein Brief an seinen Sohn Marcus, der damals in Athen studierte. Cicero wollte ihm keine theoretische Philosophie vermitteln, sondern Orientierung für ein verantwortungsvolles Leben. Er greift dabei zahlreiche Gedanken der griechischen Stoa auf, entwickelt sie aber eigenständig weiter und verbindet sie mit seiner Erfahrung als Politiker, Redner und Staatsmann. Im Mittelpunkt steht nicht der Weise, der sich aus der Welt zurückzieht, sondern der Mensch, der mitten im gesellschaftlichen Leben Verantwortung übernimmt.&#xA;&#xA;Der Irrtum unserer Zeit&#xA;&#xA;Wer heute nach Ratschlägen für ein glückliches Leben sucht, findet unzählige Bücher, Podcasts und Videos. Viele davon versprechen mehr Gelassenheit, höhere Produktivität oder grössere Zufriedenheit. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Problematisch wird es erst, wenn Glück selbst zum eigentlichen Ziel wird.&#xA;&#xA;Cicero würde diesen Gedanken umkehren. Nicht das Glück sollte unser Ziel sein, sondern die Tugend. Glück ist kein Besitz, den man erwerben kann, sondern die natürliche Folge eines gut geführten Lebens. Schon zu Beginn des Werkes erklärt er, dass alles sittlich richtige Handeln letztlich aus vier Grundtugenden hervorgeht: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mässigung. Es sind keine vier voneinander getrennten Eigenschaften, sondern verschiedene Ausdrucksformen eines guten Charakters. Seine Definition der Klugheit fällt dabei aus dem Rahmen dessen, was man erwarten würde: Sie besteht nicht in Cleverness oder strategischem Geschick, sondern in der ernsthaften Suche nach Wahrheit. Cicero schreibt: [1]&#xA;&#xA;  „Alle Begierde nach Erkenntniß und Wissenschaft ist der menschlichen Natur eigenthümlich.“ (I. 4, 13)&#xA;&#xA;Wissen besitzt für ihn keinen Selbstzweck. Erkenntnis soll dazu dienen, besser zu handeln; wer nur um des Wissens willen lernt, verfehlt dessen eigentlichen Zweck. Philosophie ist deshalb keine Flucht aus dem Alltag, sondern eine Vorbereitung auf verantwortliches Handeln.&#xA;&#xA;Charakter entsteht durch Handeln&#xA;&#xA;Der wichtigste Gedanke des ganzen Werkes lautet: Charakter ist nicht angeboren. Er entsteht durch das, was wir täglich tun. Deshalb interessiert sich Cicero weit weniger für grosse moralische Heldentaten als für die kleinen Entscheidungen des Alltags. Halte ich mein Wort? Begegne ich anderen gerecht? Handle ich aus Überzeugung oder bloss aus Eigennutz? Solche Fragen wirken unscheinbar. Sie formen langfristig den Menschen, den wir werden.&#xA;&#xA;Besonders deutlich zeigt sich das in seiner Beschreibung der Gerechtigkeit. Ihr erster Grundsatz ist einfach:&#xA;&#xA;  „Der erste Grundsatz der Gerechtigkeit ist, dass Niemand einem Anderen Schaden zufüge.“ (I. 7, 20)&#xA;&#xA;Der zweite besteht darin, gemeinschaftliche Güter zum Nutzen aller und persönliches Eigentum rechtmässig zu verwenden. Gerechtigkeit bedeutet für Cicero also weit mehr als die Einhaltung von Gesetzen. Sie beschreibt eine innere Haltung gegenüber den Mitmenschen. Ebenso scharf verurteilt er die Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht. Nicht nur, wer selbst Schaden anrichtet, handelt ungerecht; auch wer Unrecht geschehen lässt, obwohl er es verhindern könnte, verletzt seine Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. Verantwortung heisst also nicht nur, selbst korrekt zu handeln, sondern auch, dort einzuschreiten, wo offensichtliches Unrecht geschieht.&#xA;&#xA;Glück folgt der Tugend&#xA;&#xA;Cicero spricht kaum über Glück, weil sich die Frage für ihn in erster Linie gar nicht stellt. Ein Mensch kann äusserlich erfolgreich sein und dennoch kein gutes Leben führen. Er kann reich sein, angesehen oder mächtig und dabei seinen Charakter verlieren. Umgekehrt kann jemand Schwierigkeiten erleben und dennoch seine Würde bewahren, weil er sich nicht von seinen Grundsätzen entfernt. Glück wird dadurch zu einer Folge des Charakters, nicht zu dessen Voraussetzung.&#xA;&#xA;Das widerspricht einer weit verbreiteten Annahme unserer Zeit, wonach wir zuerst erfolgreich, unabhängig oder zufrieden werden müssten, um anschliessend moralisch handeln zu können. Cicero dreht diese Reihenfolge um. Zuerst steht der Charakter. Alles andere folgt daraus, wenn auch nicht immer in Form äusseren Erfolgs. Ein erfülltes Leben hängt weniger davon ab, was wir besitzen oder erreichen, als davon, welche Art Mensch wir Tag für Tag werden.&#xA;&#xA;Der scheinbare Gegensatz zwischen Moral und Nutzen&#xA;&#xA;Wer sich im Alltag ehrlich verhält, erlebt gelegentlich, dass andere schneller ans Ziel kommen. Wer Rücksicht nimmt, verliert mitunter Zeit. Wer sich an Regeln hält, verzichtet vielleicht auf kurzfristige Vorteile. Es liegt nahe, daraus zu schliessen, Moral und persönlicher Nutzen stünden oft im Widerspruch. Genau dieser Frage widmet Cicero das zweite und dritte Buch von De officiis. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Der Widerspruch ist nur scheinbar. Was wirklich nützlich ist, kann niemals unsittlich sein. Er schreibt:&#xA;&#xA;  „Nichts, was unsittlich ist, kann nützlich sein; und nichts, was sittlich ist, kann unnütz sein.“ (III. 17, 77)&#xA;&#xA;Damit widerspricht Cicero einer Denkweise, die bis heute verbreitet ist. Allzu oft unterscheiden wir zwischen dem moralisch Richtigen und dem praktisch Sinnvollen, sprechen von „faulen Kompromissen“, „kleinen Notlügen“ oder davon, dass man im Berufsleben manchmal „eben realistisch“ sein müsse. Für Cicero ist das eine gefährliche Selbsttäuschung. Wer kurzfristigen Gewinn über seine Grundsätze stellt, erzielt vielleicht einen äusseren Vorteil. Er beschädigt aber zugleich das Wertvollste, was er besitzt: seinen eigenen Charakter. So erklärt sich auch, weshalb Cicero List und Täuschung so entschieden ablehnt. Ein Erfolg, der auf Unehrlichkeit beruht, ist in seinen Augen kein wirklicher Erfolg, denn jeder Gewinn, der den eigenen Charakter untergräbt, bedeutet letztlich einen Verlust.&#xA;&#xA;Der Mensch lebt nicht für sich allein&#xA;&#xA;Der Mensch sei von Natur aus kein Einzelgänger, schreibt Cicero. Wir entwickeln uns erst im Zusammenleben mit anderen. Bereits im ersten Buch heisst es:&#xA;&#xA;  „Nicht für uns allein sind wir geboren; unser Vaterland fordert einen Theil unseres Daseins, unsere Freunde einen andern.“ (I. 7, 22)&#xA;&#xA;Dieser Satz gehört zu den bekanntesten Gedanken des ganzen Werkes, und das zu Recht: Er erinnert daran, dass ein gelungenes Leben immer auch Beziehungen umfasst. Familie, Freundschaften, Kolleginnen und Kollegen, das Gemeinwesen – all das sind keine Hindernisse persönlicher Freiheit, sondern Voraussetzungen dafür. Viele Vorstellungen vom Glück kreisen fast ausschliesslich um das eigene Wohlbefinden. Cicero verschiebt den Blickwinkel: Ein Mensch wird nicht glücklicher, indem er sich immer stärker um sich selbst dreht, sondern indem er Teil einer grösseren Gemeinschaft wird und Verantwortung übernimmt. Auch seine Auffassung von Wohltätigkeit passt in dieses Bild. Grosszügigkeit ist für ihn keine Gefühlsregung, sondern eine Tugend; allerdings eine, die weder wahllos noch zur Selbstdarstellung erfolgen soll, sondern mit Vernunft, Augenmass und echtem Nutzen für andere.&#xA;&#xA;Erfolg ist vergänglich, Charakter bleibt&#xA;&#xA;Wer De officiis liest, bemerkt schnell, dass Cicero Erfolg keineswegs gering schätzt. Als Staatsmann wusste er, wie wichtig Ansehen, Einfluss und Leistungsfähigkeit sein können. Er war kein weltfremder Asket. Aber er unterscheidet sorgfältig zwischen dem, was wir besitzen, und dem, was wir sind. Äusserer Erfolg hängt oft von Umständen ab, die wir nur begrenzt beeinflussen können. Gesundheit, Vermögen, gesellschaftliche Anerkennung – all das kann verloren gehen. Der eigene Charakter dagegen begleitet uns in jeder Lebenslage.&#xA;&#xA;Darum überzeugen Ciceros Gedanken auch nach über zweitausend Jahren noch. Sie versprechen kein dauerhaftes Glücksgefühl und keine einfache Lebensformel. Sie richten den Blick auf etwas Beständigeres: die tägliche Arbeit am eigenen Charakter. Wir müssen nicht ständig fragen, ob wir gerade glücklich sind. Vielleicht genügt eine einfachere Frage: „Handle ich heute so, dass ich auch morgen noch mit mir selbst im Reinen sein kann?“ Auch die psychologische Forschung kommt zu ähnlichen Schlüssen. Menschen erleben langfristige Zufriedenheit häufig dort, wo sie Sinn erfahren, Verantwortung übernehmen und ihre Werte tatsächlich leben. Cicero hätte das vermutlich nicht überrascht. Für ihn war Glück nie das Ziel eines guten Lebens, sondern dessen natürliche Folge.&#xA;&#xA;Drei Fragen zum Weiterdenken&#xA;&#xA;Zum Schluss bleiben drei einfache Fragen, die Ciceros Überlegungen in den eigenen Alltag übertragen können:&#xA;&#xA;Welche meiner täglichen Entscheidungen stärken meinen Charakter – und welche schwächen ihn?&#xA;Wo verwechsle ich kurzfristigen Vorteil mit langfristigem Nutzen?&#xA;Würde ich dieselbe Entscheidung treffen, wenn ausschliesslich mein Gewissen darüber urteilen müsste?&#xA;&#xA;Cicero schrieb De officiis in einer Zeit politischer Krisen und persönlicher Unsicherheit. Umso mehr überrascht die Gelassenheit seines Werkes. Statt Rezepte für Erfolg, Wohlstand oder Glück zu versprechen, richtet er den Blick auf etwas Dauerhafteres: den Charakter. Darin unterscheidet er sich grundlegend von vielen modernen Ratgebern zur Selbstoptimierung. Diese fragen meist, wie wir erfolgreicher, produktiver oder zufriedener werden. Cicero stellt eine andere Frage: Wie werden wir ein guter Mensch? Wer versucht, klug, gerecht, mutig und massvoll zu handeln, wird Rückschläge nicht vermeiden können. Aber er gewinnt etwas, das äussere Erfolge allein niemals schenken können: die Gewissheit, sich selbst treu geblieben zu sein.&#xA;&#xA;Vielleicht ist genau das der Gedanke, den ein Mann kurz vor seinem eigenen Tod noch festhalten wollte. Glück lässt sich nicht erzwingen, nicht planen und nicht dauerhaft festhalten. Wer es unmittelbar sucht, läuft Gefahr, ihm ständig hinterherzulaufen. Wer dagegen seinen Charakter bildet und das Richtige tut, entdeckt oft, dass Glück kein Ziel ist, das erreicht werden muss, sondern eine Folge eines gut gelebten Lebens.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/gluecklicher-leben-mit-cicero&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Anmerkung&#xA;[1] Alle Zitate werden in der Übersetzung von Raphael Kühner, 1873, Cicero&#39;s drei Bücher von den Pflichten, zweite verbesserte Auflage, Hoffmann&#39;sche Verlags-Buchhandlung, Stuttgart, unverändert wiedergegeben: https://projekt-gutenberg.org/authors/marcus-tullius-cicero/books/ciceros-drei-buecher-von-den-pflichten/&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Alexandre Abel de Pujol (1785–1861): La clémence de César (Cicero verteidigt Q. Ligarius vor Caesar), Musée des Beaux-Arts, Valenciennes, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Philosophie | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2d/La_cl%C3%A9mence_de_C%C3%A9sar.jpg" alt="Abel de Pujol: La clémence de César"/></p>

<p>Die meisten Menschen wünschen sich ein glückliches Leben. Doch worin besteht Glück eigentlich? Für die einen bedeutet es Gesundheit, für andere beruflichen Erfolg, finanzielle Sicherheit oder erfüllte Beziehungen. Die moderne Ratgeberliteratur empfiehlt Achtsamkeit, Dankbarkeit oder positive Gewohnheiten. Hinter all diesen Ansätzen steht mehrheitlich dieselbe Annahme: Glück sei ein Zustand, den wir erreichen oder bewahren können.</p>



<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Marcus_Tullius_Cicero">Marcus Tullius Cicero</a> hätte dieser Vorstellung vermutlich widersprochen. Nicht weil er Glück für unwichtig hielt, sondern weil er glaubte, dass wir es an der falschen Stelle suchen. Wer sein Leben darauf ausrichtet, glücklich zu werden, läuft Gefahr, den Blick auf das Wesentliche zu verlieren. Entscheidend sei nicht, wie wir uns fühlen, sondern wer wir sind. Glück entsteht nicht dadurch, dass wir ihm nachjagen, sondern als Folge eines tugendhaften Lebens. Bezeichnend dafür: Ciceros bekanntestes philosophisches Werk trägt nicht den Titel <em>Über das glückliche Leben</em>, sondern <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/De_officiis"><em>De officiis</em> – <em>Von den Pflichten</em></a>. Verantwortung, Gerechtigkeit, Gemeinsinn, moralisches Handeln – das klingt eher nach einem Handbuch für Staatsmänner als nach einer Anleitung zu einem erfüllten Leben.</p>

<p>Und doch, liest man das Werk heute mit etwas Abstand zu seinem historischen Entstehungskontext, tritt darin eine Botschaft hervor, die genau diesen Anschein widerlegt: Ein gutes Leben beginnt nicht mit der Frage, was uns glücklich macht. Es beginnt mit der Frage, was einen guten Menschen auszeichnet.</p>

<h2 id="ein-philosoph-in-einer-zeit-des-umbruchs">Ein Philosoph in einer Zeit des Umbruchs</h2>

<p>Cicero verfasste <em>De officiis</em> im Herbst des Jahres 44 v. Chr., als sich die Römische Republik in ihrer schwersten Krise befand. Caesar war ermordet worden, die politischen Machtkämpfe eskalierten erneut. Auch Cicero selbst sollte ihnen zum Opfer fallen: Nur wenige Wochen nach Abschluss des Werkes wurde er auf Befehl des zweiten Triumvirats ermordet.</p>

<p>Das Buch entstand also nicht in einer Phase philosophischer Musse, sondern unter dem Eindruck eines Staates, dessen moralische Grundlagen zu zerbrechen drohten. Es ist ein Brief an seinen Sohn Marcus, der damals in Athen studierte. Cicero wollte ihm keine theoretische Philosophie vermitteln, sondern Orientierung für ein verantwortungsvolles Leben. Er greift dabei zahlreiche Gedanken der griechischen Stoa auf, entwickelt sie aber eigenständig weiter und verbindet sie mit seiner Erfahrung als Politiker, Redner und Staatsmann. Im Mittelpunkt steht nicht der Weise, der sich aus der Welt zurückzieht, sondern der Mensch, der mitten im gesellschaftlichen Leben Verantwortung übernimmt.</p>

<h2 id="der-irrtum-unserer-zeit">Der Irrtum unserer Zeit</h2>

<p>Wer heute nach Ratschlägen für ein glückliches Leben sucht, findet unzählige Bücher, Podcasts und Videos. Viele davon versprechen mehr Gelassenheit, höhere Produktivität oder grössere Zufriedenheit. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Problematisch wird es erst, wenn Glück selbst zum eigentlichen Ziel wird.</p>

<p>Cicero würde diesen Gedanken umkehren. Nicht das Glück sollte unser Ziel sein, sondern die Tugend. Glück ist kein Besitz, den man erwerben kann, sondern die natürliche Folge eines gut geführten Lebens. Schon zu Beginn des Werkes erklärt er, dass alles sittlich richtige Handeln letztlich aus vier Grundtugenden hervorgeht: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mässigung. Es sind keine vier voneinander getrennten Eigenschaften, sondern verschiedene Ausdrucksformen eines guten Charakters. Seine Definition der Klugheit fällt dabei aus dem Rahmen dessen, was man erwarten würde: Sie besteht nicht in Cleverness oder strategischem Geschick, sondern in der ernsthaften Suche nach Wahrheit. Cicero schreibt: [1]</p>

<blockquote><p><strong><em>„Alle Begierde nach Erkenntniß und Wissenschaft ist der menschlichen Natur eigenthümlich.“</em></strong> (I. 4, 13)</p></blockquote>

<p>Wissen besitzt für ihn keinen Selbstzweck. Erkenntnis soll dazu dienen, besser zu handeln; wer nur um des Wissens willen lernt, verfehlt dessen eigentlichen Zweck. Philosophie ist deshalb keine Flucht aus dem Alltag, sondern eine Vorbereitung auf verantwortliches Handeln.</p>

<h2 id="charakter-entsteht-durch-handeln">Charakter entsteht durch Handeln</h2>

<p>Der wichtigste Gedanke des ganzen Werkes lautet: Charakter ist nicht angeboren. Er entsteht durch das, was wir täglich tun. Deshalb interessiert sich Cicero weit weniger für grosse moralische Heldentaten als für die kleinen Entscheidungen des Alltags. Halte ich mein Wort? Begegne ich anderen gerecht? Handle ich aus Überzeugung oder bloss aus Eigennutz? Solche Fragen wirken unscheinbar. Sie formen langfristig den Menschen, den wir werden.</p>

<p>Besonders deutlich zeigt sich das in seiner Beschreibung der Gerechtigkeit. Ihr erster Grundsatz ist einfach:</p>

<blockquote><p><strong><em>„Der erste Grundsatz der Gerechtigkeit ist, dass Niemand einem Anderen Schaden zufüge.“</em></strong> (I. 7, 20)</p></blockquote>

<p>Der zweite besteht darin, gemeinschaftliche Güter zum Nutzen aller und persönliches Eigentum rechtmässig zu verwenden. Gerechtigkeit bedeutet für Cicero also weit mehr als die Einhaltung von Gesetzen. Sie beschreibt eine innere Haltung gegenüber den Mitmenschen. Ebenso scharf verurteilt er die Gleichgültigkeit gegenüber Unrecht. Nicht nur, wer selbst Schaden anrichtet, handelt ungerecht; auch wer Unrecht geschehen lässt, obwohl er es verhindern könnte, verletzt seine Pflicht gegenüber der Gemeinschaft. Verantwortung heisst also nicht nur, selbst korrekt zu handeln, sondern auch, dort einzuschreiten, wo offensichtliches Unrecht geschieht.</p>

<h2 id="glück-folgt-der-tugend">Glück folgt der Tugend</h2>

<p>Cicero spricht kaum über Glück, weil sich die Frage für ihn in erster Linie gar nicht stellt. Ein Mensch kann äusserlich erfolgreich sein und dennoch kein gutes Leben führen. Er kann reich sein, angesehen oder mächtig und dabei seinen Charakter verlieren. Umgekehrt kann jemand Schwierigkeiten erleben und dennoch seine Würde bewahren, weil er sich nicht von seinen Grundsätzen entfernt. Glück wird dadurch zu einer Folge des Charakters, nicht zu dessen Voraussetzung.</p>

<p>Das widerspricht einer weit verbreiteten Annahme unserer Zeit, wonach wir zuerst erfolgreich, unabhängig oder zufrieden werden müssten, um anschliessend moralisch handeln zu können. Cicero dreht diese Reihenfolge um. Zuerst steht der Charakter. Alles andere folgt daraus, wenn auch nicht immer in Form äusseren Erfolgs. Ein erfülltes Leben hängt weniger davon ab, was wir besitzen oder erreichen, als davon, welche Art Mensch wir Tag für Tag werden.</p>

<h2 id="der-scheinbare-gegensatz-zwischen-moral-und-nutzen">Der scheinbare Gegensatz zwischen Moral und Nutzen</h2>

<p>Wer sich im Alltag ehrlich verhält, erlebt gelegentlich, dass andere schneller ans Ziel kommen. Wer Rücksicht nimmt, verliert mitunter Zeit. Wer sich an Regeln hält, verzichtet vielleicht auf kurzfristige Vorteile. Es liegt nahe, daraus zu schliessen, Moral und persönlicher Nutzen stünden oft im Widerspruch. Genau dieser Frage widmet Cicero das zweite und dritte Buch von <em>De officiis</em>. Seine Antwort fällt eindeutig aus: Der Widerspruch ist nur scheinbar. Was wirklich nützlich ist, kann niemals unsittlich sein. Er schreibt:</p>

<blockquote><p><strong><em>„Nichts, was unsittlich ist, kann nützlich sein; und nichts, was sittlich ist, kann unnütz sein.“</em></strong> (III. 17, 77)</p></blockquote>

<p>Damit widerspricht Cicero einer Denkweise, die bis heute verbreitet ist. Allzu oft unterscheiden wir zwischen dem moralisch Richtigen und dem praktisch Sinnvollen, sprechen von „faulen Kompromissen“, „kleinen Notlügen“ oder davon, dass man im Berufsleben manchmal „eben realistisch“ sein müsse. Für Cicero ist das eine gefährliche Selbsttäuschung. Wer kurzfristigen Gewinn über seine Grundsätze stellt, erzielt vielleicht einen äusseren Vorteil. Er beschädigt aber zugleich das Wertvollste, was er besitzt: seinen eigenen Charakter. So erklärt sich auch, weshalb Cicero List und Täuschung so entschieden ablehnt. Ein Erfolg, der auf Unehrlichkeit beruht, ist in seinen Augen kein wirklicher Erfolg, denn jeder Gewinn, der den eigenen Charakter untergräbt, bedeutet letztlich einen Verlust.</p>

<h2 id="der-mensch-lebt-nicht-für-sich-allein">Der Mensch lebt nicht für sich allein</h2>

<p>Der Mensch sei von Natur aus kein Einzelgänger, schreibt Cicero. Wir entwickeln uns erst im Zusammenleben mit anderen. Bereits im ersten Buch heisst es:</p>

<blockquote><p><strong><em>„Nicht für uns allein sind wir geboren; unser Vaterland fordert einen Theil unseres Daseins, unsere Freunde einen andern.“</em></strong> (I. 7, 22)</p></blockquote>

<p>Dieser Satz gehört zu den bekanntesten Gedanken des ganzen Werkes, und das zu Recht: Er erinnert daran, dass ein gelungenes Leben immer auch Beziehungen umfasst. Familie, Freundschaften, Kolleginnen und Kollegen, das Gemeinwesen – all das sind keine Hindernisse persönlicher Freiheit, sondern Voraussetzungen dafür. Viele Vorstellungen vom Glück kreisen fast ausschliesslich um das eigene Wohlbefinden. Cicero verschiebt den Blickwinkel: Ein Mensch wird nicht glücklicher, indem er sich immer stärker um sich selbst dreht, sondern indem er Teil einer grösseren Gemeinschaft wird und Verantwortung übernimmt. Auch seine Auffassung von Wohltätigkeit passt in dieses Bild. Grosszügigkeit ist für ihn keine Gefühlsregung, sondern eine Tugend; allerdings eine, die weder wahllos noch zur Selbstdarstellung erfolgen soll, sondern mit Vernunft, Augenmass und echtem Nutzen für andere.</p>

<h2 id="erfolg-ist-vergänglich-charakter-bleibt">Erfolg ist vergänglich, Charakter bleibt</h2>

<p>Wer <em>De officiis</em> liest, bemerkt schnell, dass Cicero Erfolg keineswegs gering schätzt. Als Staatsmann wusste er, wie wichtig Ansehen, Einfluss und Leistungsfähigkeit sein können. Er war kein weltfremder Asket. Aber er unterscheidet sorgfältig zwischen dem, was wir besitzen, und dem, was wir sind. Äusserer Erfolg hängt oft von Umständen ab, die wir nur begrenzt beeinflussen können. Gesundheit, Vermögen, gesellschaftliche Anerkennung – all das kann verloren gehen. Der eigene Charakter dagegen begleitet uns in jeder Lebenslage.</p>

<p>Darum überzeugen Ciceros Gedanken auch nach über zweitausend Jahren noch. Sie versprechen kein dauerhaftes Glücksgefühl und keine einfache Lebensformel. Sie richten den Blick auf etwas Beständigeres: die tägliche Arbeit am eigenen Charakter. Wir müssen nicht ständig fragen, ob wir gerade glücklich sind. Vielleicht genügt eine einfachere Frage: „Handle ich heute so, dass ich auch morgen noch mit mir selbst im Reinen sein kann?“ Auch die psychologische Forschung kommt zu ähnlichen Schlüssen. Menschen erleben langfristige Zufriedenheit häufig dort, wo sie Sinn erfahren, Verantwortung übernehmen und ihre Werte tatsächlich leben. Cicero hätte das vermutlich nicht überrascht. Für ihn war Glück nie das Ziel eines guten Lebens, sondern dessen natürliche Folge.</p>

<h2 id="drei-fragen-zum-weiterdenken">Drei Fragen zum Weiterdenken</h2>

<p>Zum Schluss bleiben drei einfache Fragen, die Ciceros Überlegungen in den eigenen Alltag übertragen können:</p>
<ol><li>Welche meiner täglichen Entscheidungen stärken meinen Charakter – und welche schwächen ihn?</li>
<li>Wo verwechsle ich kurzfristigen Vorteil mit langfristigem Nutzen?</li>
<li>Würde ich dieselbe Entscheidung treffen, wenn ausschliesslich mein Gewissen darüber urteilen müsste?</li></ol>

<p>Cicero schrieb <em>De officiis</em> in einer Zeit politischer Krisen und persönlicher Unsicherheit. Umso mehr überrascht die Gelassenheit seines Werkes. Statt Rezepte für Erfolg, Wohlstand oder Glück zu versprechen, richtet er den Blick auf etwas Dauerhafteres: den Charakter. Darin unterscheidet er sich grundlegend von vielen modernen Ratgebern zur Selbstoptimierung. Diese fragen meist, wie wir erfolgreicher, produktiver oder zufriedener werden. Cicero stellt eine andere Frage: Wie werden wir ein guter Mensch? Wer versucht, klug, gerecht, mutig und massvoll zu handeln, wird Rückschläge nicht vermeiden können. Aber er gewinnt etwas, das äussere Erfolge allein niemals schenken können: die Gewissheit, sich selbst treu geblieben zu sein.</p>

<p>Vielleicht ist genau das der Gedanke, den ein Mann kurz vor seinem eigenen Tod noch festhalten wollte. Glück lässt sich nicht erzwingen, nicht planen und nicht dauerhaft festhalten. Wer es unmittelbar sucht, läuft Gefahr, ihm ständig hinterherzulaufen. Wer dagegen seinen Charakter bildet und das Richtige tut, entdeckt oft, dass Glück kein Ziel ist, das erreicht werden muss, sondern eine Folge eines gut gelebten Lebens.</p>

<hr/>

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<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/gluecklicher-leben-mit-cicero">Discuss...</a></p>

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<p><strong>Anmerkung</strong>
[1] Alle Zitate werden in der Übersetzung von Raphael Kühner, 1873, <em>Cicero&#39;s drei Bücher von den Pflichten</em>, zweite verbesserte Auflage, Hoffmann&#39;sche Verlags-Buchhandlung, Stuttgart, unverändert wiedergegeben: <a href="https://projekt-gutenberg.org/authors/marcus-tullius-cicero/books/ciceros-drei-buecher-von-den-pflichten/">https://projekt-gutenberg.org/authors/marcus-tullius-cicero/books/ciceros-drei-buecher-von-den-pflichten/</a></p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexandre_Abel_de_Pujol">Alexandre Abel de Pujol</a> (1785–1861): <em>La clémence de César</em> (Cicero verteidigt Q. Ligarius vor Caesar), Musée des Beaux-Arts, Valenciennes, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_cl%C3%A9mence_de_C%C3%A9sar.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

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        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
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      <guid>https://epicmind.ch/gluecklicher-leben-mit-cicero</guid>
      <pubDate>Fri, 03 Jul 2026 12:22:09 +0000</pubDate>
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      <title>Denken mit Stift und Papier</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Browne: A Girl Writing; The Pet Goldfinch&#xA;&#xA;Vor einigen Jahren begann ich wieder, regelmässig von Hand zu schreiben. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen. Mein Alltag spielt sich weitgehend am Bildschirm ab, und ich möchte das nicht ändern. Doch immer dann, wenn ich etwas wirklich verstehen, durchdenken oder entscheiden möchte, greife ich zum Notizbuch.&#xA;&#xA;Diese Gewohnheit entstand zunächst aus einem praktischen Impuls. Mit der Zeit stellte ich fest, dass sie etwas verändert: Gedanken werden klarer. Zusammenhänge treten deutlicher hervor. Schwierige Entscheidungen wirken weniger überwältigend. Lange hielt ich das für eine persönliche Eigenheit. Heute spricht einiges dafür, dass dahinter mehr steckt.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Wir schreiben heute wahrscheinlich mehr als jede Generation vor uns – Nachrichten, E-Mails, Kommentare, Suchanfragen. Gleichzeitig schreiben wir immer seltener von Hand. Schreiben ist für viele zum reinen Übertragungsmedium geworden. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es ursprünglich noch eine andere Funktion hatte: Gedanken zu entwickeln.&#xA;&#xA;Schreiben als Denkform&#xA;&#xA;Wer schreibt, hält Gedanken nicht einfach fest. Häufig entstehen sie erst während des Schreibens.&#xA;&#xA;Jeder kennt die Erfahrung: Eine Idee wirkt im Kopf überzeugend. Erst wenn man versucht, sie aufzuschreiben, werden Unklarheiten sichtbar. Argumente müssen geordnet, Begriffe präzisiert, Zusammenhänge hergestellt werden. Schreiben zwingt zu Entscheidungen. Gerade deshalb eignet es sich so gut zum Denken.&#xA;&#xA;In der Schreibforschung gilt diese Erkenntnis seit Langem als weitgehend unbestritten: Schreiben ist nicht nur Kommunikation, sondern ein kognitiver Prozess. Während wir schreiben, strukturieren wir Wissen, entdecken Widersprüche, entwickeln neue Perspektiven. Das Blatt Papier wird gewissermassen zum Gesprächspartner.&#xA;&#xA;Philosophen wussten das schon lange. Seneca schrieb Briefe, die zugleich Selbstgespräche waren. Marcus Aurelius führte Aufzeichnungen, die nicht für andere bestimmt waren, sondern für ihn selbst – ein Denken in Schrift. Das Notizbuch war kein Archiv, sondern ein Werkzeug.&#xA;&#xA;Die Stärke der Langsamkeit&#xA;&#xA;Von Hand zu schreiben ist langsamer. Genau darin liegt einer ihrer grössten Vorteile. Die geringere Schreibgeschwindigkeit zwingt dazu auszuwählen. Gedanken werden verdichtet statt bloss übertragen. Informationen werden verarbeitet, bevor sie notiert werden.&#xA;&#xA;Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Handschrift komplexe Netzwerke im Gehirn aktiviert: Erinnerungen werden abgerufen, sprachlich formuliert und gleichzeitig durch feinmotorische Bewegungen begleitet. Vor einigen Tagen habe ich hier über eine Studie berichtet, die Unterschiede zwischen dem Lesen auf Papier und auf Tablets untersuchte. Dort ging es vor allem um räumliche Orientierung und Integrationsprozesse beim Lesen 1]. Auch beim Schreiben spricht deshalb einiges dafür, dass physische Medien Denkprozesse anders unterstützen als digitale Werkzeuge – wenn auch vermutlich aus teilweise anderen Gründen. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Verlangsamung der Handschrift zwingt dazu, Gedanken stärker zu verdichten. [Wer verstehen statt lediglich dokumentieren möchte, kann gerade davon profitieren.&#xA;&#xA;Gedanken ordnen, Gefühle verstehen&#xA;&#xA;Besonders interessant – und in der öffentlichen Diskussion bisher wenig beachtet – ist ein anderer Aspekt: Schreiben hilft nicht nur dabei, Wissen zu strukturieren, sondern auch Emotionen.&#xA;&#xA;Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte der Psychologe James Pennebaker das Konzept des expressiven Schreibens. Menschen schrieben über belastende Erfahrungen – nicht um literarische Texte zu verfassen, sondern um Erlebtes zu verarbeiten. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass dieses Schreiben helfen kann, belastende Gedanken einzuordnen und ihre psychische Wirkung zu verringern [2].&#xA;&#xA;Der Mechanismus ist erstaunlich einleuchtend: Solange Gedanken im Kopf kreisen, bleiben sie diffus. Sobald sie in Worte gefasst werden, erhalten sie eine Form. Das Problem verschwindet dadurch nicht. Aber es wird greifbarer.&#xA;&#xA;Emily Rónay Johnston von der University of California, Merced verweist auf neuere neurowissenschaftliche Arbeiten, die darauf hindeuten, dass bereits das bewusste Benennen von Gefühlen Hirnregionen aktiviert, die an Planung und Selbststeuerung beteiligt sind, während die Amygdala, zuständig für Bedrohungs- und Angstreaktionen, ruhiger werden kann [3]. Wer Gefühle aufschreibt, reagiert weniger impulsiv und gewinnt Abstand zur Situation. Vielleicht erklärt das, weshalb viele Menschen intuitiv zu Papier greifen, wenn sie sich über etwas ärgern. Ein nie abgeschickter Brief, einige Seiten im Tagebuch: Sie lösen das Problem nicht. Aber sie schaffen Ordnung im eigenen Denken.&#xA;&#xA;Papier als Denkraum&#xA;&#xA;Hier liegt die eigentliche Stärke des Papiers. Ein Bildschirm eignet sich hervorragend zum Speichern, Suchen und Organisieren. Papier lädt zum Erkunden ein: Pfeile entstehen zwischen Gedanken. Begriffe werden eingerahmt. Skizzen verbinden sich mit Stichworten. Ganze Seiten werden zu Landkarten des Denkens. Nicht selten entdecke ich Zusammenhänge erst, weil sie räumlich vor mir liegen.&#xA;&#xA;Diese räumliche Freiheit lässt sich zwar digital nachbilden; aber sie fühlt sich anders an. Papier fordert keine Benachrichtigungen, kennt keine geöffneten Tabs und bietet keine Suchfunktion. Gerade dadurch zwingt es dazu, beim Gedanken zu bleiben.&#xA;&#xA;Papier für das Denken, digital für das Verwalten&#xA;&#xA;All das ist kein Plädoyer für analoges Arbeiten. Für Recherche, Archivierung und Zusammenarbeit sind digitale Werkzeuge den meisten Papierlösungen deutlich überlegen – und ich möchte darauf nicht verzichten.&#xA;&#xA;Der Fehler liegt nicht darin, dass wir digital arbeiten. Er liegt darin, dass wir fast alles digital erledigen. Nicht jede Tätigkeit stellt dieselben Anforderungen. Wer Informationen verwalten möchte, ist mit dem Computer gut beraten. Wer nachdenken, planen oder schwierige Entscheidungen vorbereiten will, ist es oft mit Papier.&#xA;&#xA;Seneca und Marcus Aurelius schrieben nicht, weil Papier Wissen konserviert. Sie schrieben, weil Schreiben ihnen half, zu denken. Das Schreiben war Teil des Denkens. Und es ist das bis heute.&#xA;&#xA;Ein Notizbuch ersetzt weder Fachliteratur noch digitale Werkzeuge. Aber es erfüllt eine Aufgabe, die diese nur begrenzt übernehmen können: Es schafft einen Raum, in dem Gedanken langsam genug werden, um Gestalt anzunehmen.&#xA;&#xA;Papier ist langsam. Gerade deshalb eignet es sich für jene Tätigkeiten, bei denen Geschwindigkeit nicht das Ziel ist. Wer schreibt, hält Gedanken nicht bloss fest. Er entwickelt sie. Und manchmal ordnet er dabei nicht nur seine Ideen, sondern auch sich selbst. Papier eignet sich zum Denken. Der Computer zum Verwalten des Gedachten.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778.&#xA;&#xA;[2] J. W. Pennebaker und J. F. Beall, „Confronting a traumatic event: Toward an understanding of inhibition and disease“, Journal of Abnormal Psychology, vol. 95, no. 3, pp. 274–281, 1986. https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0021-843X.95.3.274.&#xA;&#xA;[3] E. R. Johnston, „Writing builds resilience by changing your brain, helping you face everyday challenges“, The Conversation, 2026. [Online]. online: https://theconversation.com/writing-builds-resilience-by-changing-your-brain-helping-you-face-everyday-challenges-265188.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Henriette Browne (1829–1901): A Girl Writing; The Pet Goldfinch, Victoria and Albert Museum, London, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f0/Browne%2C_Henriette_-_A_Girl_Writing%3B_The_Pet_Goldfinch_-_Google_Art_Project.jpg/1280px-Browne%2C_Henriette_-_A_Girl_Writing%3B_The_Pet_Goldfinch_-_Google_Art_Project.jpg" alt="Browne: A Girl Writing; The Pet Goldfinch"/></p>

<p>Vor einigen Jahren begann ich wieder, regelmässig von Hand zu schreiben. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen. Mein Alltag spielt sich weitgehend am Bildschirm ab, und ich möchte das nicht ändern. Doch immer dann, wenn ich etwas wirklich verstehen, durchdenken oder entscheiden möchte, greife ich zum Notizbuch.</p>

<p>Diese Gewohnheit entstand zunächst aus einem praktischen Impuls. Mit der Zeit stellte ich fest, dass sie etwas verändert: Gedanken werden klarer. Zusammenhänge treten deutlicher hervor. Schwierige Entscheidungen wirken weniger überwältigend. Lange hielt ich das für eine persönliche Eigenheit. Heute spricht einiges dafür, dass dahinter mehr steckt.</p>



<p>Wir schreiben heute wahrscheinlich mehr als jede Generation vor uns – Nachrichten, E-Mails, Kommentare, Suchanfragen. Gleichzeitig schreiben wir immer seltener von Hand. Schreiben ist für viele zum reinen Übertragungsmedium geworden. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es ursprünglich noch eine andere Funktion hatte: Gedanken zu entwickeln.</p>

<h2 id="schreiben-als-denkform">Schreiben als Denkform</h2>

<p>Wer schreibt, hält Gedanken nicht einfach fest. Häufig entstehen sie erst während des Schreibens.</p>

<p>Jeder kennt die Erfahrung: Eine Idee wirkt im Kopf überzeugend. Erst wenn man versucht, sie aufzuschreiben, werden Unklarheiten sichtbar. Argumente müssen geordnet, Begriffe präzisiert, Zusammenhänge hergestellt werden. Schreiben zwingt zu Entscheidungen. Gerade deshalb eignet es sich so gut zum Denken.</p>

<p><a href="./handschrift-und-digitalisierung-was-die-forschung-wirklich-zeigt">In der Schreibforschung</a> gilt diese Erkenntnis seit Langem als weitgehend unbestritten: Schreiben ist nicht nur Kommunikation, sondern ein kognitiver Prozess. Während wir schreiben, strukturieren wir Wissen, entdecken Widersprüche, entwickeln neue Perspektiven. Das Blatt Papier wird gewissermassen zum Gesprächspartner.</p>

<p><a href="./pierre-hadot-philosophie-als-uebung">Philosophen wussten das schon lange.</a> Seneca schrieb Briefe, die zugleich Selbstgespräche waren. Marcus Aurelius führte Aufzeichnungen, die nicht für andere bestimmt waren, sondern für ihn selbst – ein Denken in Schrift. Das Notizbuch war kein Archiv, sondern ein Werkzeug.</p>

<h2 id="die-stärke-der-langsamkeit">Die Stärke der Langsamkeit</h2>

<p>Von Hand zu schreiben ist langsamer. Genau darin liegt einer ihrer grössten Vorteile. Die geringere Schreibgeschwindigkeit zwingt dazu auszuwählen. Gedanken werden verdichtet statt bloss übertragen. Informationen werden verarbeitet, bevor sie notiert werden.</p>

<p>Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Handschrift komplexe Netzwerke im Gehirn aktiviert: Erinnerungen werden abgerufen, sprachlich formuliert und gleichzeitig durch feinmotorische Bewegungen begleitet. Vor einigen Tagen <a href="./lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich">habe ich hier</a> über eine Studie berichtet, die Unterschiede zwischen dem Lesen auf Papier und auf Tablets untersuchte. Dort ging es vor allem um räumliche Orientierung und Integrationsprozesse beim Lesen [1]. Auch beim Schreiben spricht deshalb einiges dafür, dass physische Medien Denkprozesse anders unterstützen als digitale Werkzeuge – wenn auch vermutlich aus teilweise anderen Gründen. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Verlangsamung der Handschrift zwingt dazu, Gedanken stärker zu verdichten. <a href="./vom-wert-der-langsamkeit-in-der-textproduktion">Wer verstehen statt lediglich dokumentieren möchte, kann gerade davon profitieren.</a></p>

<h2 id="gedanken-ordnen-gefühle-verstehen">Gedanken ordnen, Gefühle verstehen</h2>

<p>Besonders interessant – und in der öffentlichen Diskussion bisher wenig beachtet – ist ein anderer Aspekt: Schreiben hilft nicht nur dabei, Wissen zu strukturieren, sondern auch Emotionen.</p>

<p>Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte der Psychologe <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James_Pennebaker">James Pennebaker</a> das Konzept des <a href="https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/42109-uebungsplatz-expressives-schreiben.html">expressiven Schreibens</a>. Menschen schrieben über belastende Erfahrungen – nicht um literarische Texte zu verfassen, sondern um Erlebtes zu verarbeiten. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass dieses Schreiben helfen kann, belastende Gedanken einzuordnen und ihre psychische Wirkung zu verringern [2].</p>

<p>Der Mechanismus ist erstaunlich einleuchtend: Solange Gedanken im Kopf kreisen, bleiben sie diffus. Sobald sie in Worte gefasst werden, erhalten sie eine Form. Das Problem verschwindet dadurch nicht. Aber es wird greifbarer.</p>

<p><a href="https://writingstudies.ucmerced.edu/content/emily-r%C3%B3nay-johnston">Emily Rónay Johnston</a> von der University of California, Merced verweist auf neuere neurowissenschaftliche Arbeiten, die darauf hindeuten, dass bereits das bewusste Benennen von Gefühlen Hirnregionen aktiviert, die an Planung und Selbststeuerung beteiligt sind, während die Amygdala, zuständig für Bedrohungs- und Angstreaktionen, ruhiger werden kann [3]. Wer Gefühle aufschreibt, reagiert weniger impulsiv und gewinnt Abstand zur Situation. Vielleicht erklärt das, weshalb viele Menschen intuitiv zu Papier greifen, wenn sie sich über etwas ärgern. Ein nie abgeschickter Brief, einige Seiten im Tagebuch: Sie lösen das Problem nicht. Aber sie schaffen Ordnung im eigenen Denken.</p>

<h2 id="papier-als-denkraum">Papier als Denkraum</h2>

<p>Hier liegt die eigentliche Stärke des Papiers. Ein Bildschirm eignet sich hervorragend zum Speichern, Suchen und Organisieren. Papier lädt zum Erkunden ein: Pfeile entstehen zwischen Gedanken. Begriffe werden eingerahmt. Skizzen verbinden sich mit Stichworten. Ganze Seiten werden zu Landkarten des Denkens. Nicht selten entdecke ich Zusammenhänge erst, weil sie räumlich vor mir liegen.</p>

<p>Diese räumliche Freiheit lässt sich zwar digital nachbilden; aber sie fühlt sich anders an. Papier fordert keine Benachrichtigungen, kennt keine geöffneten Tabs und bietet keine Suchfunktion. Gerade dadurch zwingt es dazu, beim Gedanken zu bleiben.</p>

<h2 id="papier-für-das-denken-digital-für-das-verwalten">Papier für das Denken, digital für das Verwalten</h2>

<p>All das ist kein Plädoyer für analoges Arbeiten. Für Recherche, Archivierung und Zusammenarbeit sind digitale Werkzeuge den meisten Papierlösungen deutlich überlegen – und ich möchte darauf nicht verzichten.</p>

<p>Der Fehler liegt nicht darin, dass wir digital arbeiten. Er liegt darin, dass wir fast alles digital erledigen. Nicht jede Tätigkeit stellt dieselben Anforderungen. Wer Informationen verwalten möchte, ist mit dem Computer gut beraten. Wer nachdenken, planen oder schwierige Entscheidungen vorbereiten will, ist es oft mit Papier.</p>

<p>Seneca und Marcus Aurelius schrieben nicht, weil Papier Wissen konserviert. Sie schrieben, weil Schreiben ihnen half, zu denken. Das Schreiben war Teil des Denkens. Und es ist das bis heute.</p>

<p>Ein Notizbuch ersetzt weder Fachliteratur noch digitale Werkzeuge. Aber es erfüllt eine Aufgabe, die diese nur begrenzt übernehmen können: <a href="./mein-experiment-mit-einem-lehrjournal-30-day-challenge-2025">Es schafft einen Raum, in dem Gedanken langsam genug werden, um Gestalt anzunehmen</a>.</p>

<p>Papier ist langsam. Gerade deshalb eignet es sich für jene Tätigkeiten, bei denen Geschwindigkeit nicht das Ziel ist. Wer schreibt, hält Gedanken nicht bloss fest. Er entwickelt sie. Und manchmal ordnet er dabei nicht nur seine Ideen, sondern auch sich selbst. Papier eignet sich zum Denken. Der Computer zum Verwalten des Gedachten.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier">Discuss...</a></p>

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<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778">https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778</a>.</p>

<p>[2] J. W. Pennebaker und J. F. Beall, „Confronting a traumatic event: Toward an understanding of inhibition and disease“, Journal of Abnormal Psychology, vol. 95, no. 3, pp. 274–281, 1986. <a href="https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0021-843X.95.3.274">https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0021-843X.95.3.274</a>.</p>

<p>[3] E. R. Johnston, „Writing builds resilience by changing your brain, helping you face everyday challenges“, The Conversation, 2026. [Online]. online: <a href="https://theconversation.com/writing-builds-resilience-by-changing-your-brain-helping-you-face-everyday-challenges-265188">https://theconversation.com/writing-builds-resilience-by-changing-your-brain-helping-you-face-everyday-challenges-265188</a>.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henriette_Browne">Henriette Browne</a> (1829–1901): <em>A Girl Writing; The Pet Goldfinch</em>, Victoria and Albert Museum, London, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Browne,_Henriette_-_A_Girl_Writing;_The_Pet_Goldfinch_-_Google_Art_Project.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
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      <guid>https://epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier</guid>
      <pubDate>Fri, 26 Jun 2026 09:06:42 +0000</pubDate>
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      <title>Lesen: Über welche Bildschirme sprechen wir eigentlich?</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Watrous: Just a Couple of Girls&#xA;&#xA;Wer regelmässig wissenschaftliche Erkenntnisse über Lesen, #Lernen und ähnliche Themen konsultiert, begegnet einem vertrauten Muster. Irgendwo erscheint eine neue Studie. Wenige Tage später folgen die populärwissenschaftlichen Schlagzeilen: Papier sei dem Bildschirm überlegen, Bücher förderten das Verständnis, digitale Medien erschwerten die Konzentration. Die Studien unterscheiden sich, die Botschaft bleibt konstant.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Auch vor wenigen Tagen machte eine solche Untersuchung die Runde. Sie kommt zu einem ähnlichen Schluss wie viele ihrer Vorgänger: Wer auf Papier liest, verarbeitet komplexe Inhalte offenbar effizienter als jemand, der denselben Text auf einem digitalen Gerät liest. Doch während ich die Berichte darüber las, blieb ich an einer anderen Frage hängen. Nicht daran, ob Papier Vorteile hat. Sondern daran, was genau eigentlich mit „Bildschirm“ gemeint ist. Denn je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir über digitales Lesen oft in viel zu groben Kategorien sprechen.&#xA;&#xA;Was die Studie zeigt – und was nicht&#xA;&#xA;Die Studie Manga reading on paper vs. digital devices [1] liess Studierende einen Manga entweder in gedruckter Form oder auf einem Tablet lesen und untersuchte anschliessend ihre Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomografie.&#xA;&#xA;Die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert: Die Teilnehmenden verstanden die Geschichte unabhängig vom Medium ähnlich gut. Bei komplexeren Fragen jedoch benötigten die Tablet-Leser mehr Zeit, um die richtigen Antworten zu finden. Gleichzeitig zeigten ihre Gehirne stärkere Aktivität in jenen Bereichen, die für Sprachverarbeitung, räumliche Orientierung und die Verknüpfung von Informationen zuständig sind. Die Forscher schliessen daraus, dass Papier dem Gehirn zusätzliche Orientierungspunkte liefert. Man erinnert sich nicht nur an den Inhalt eines Textes, sondern auch daran, wo dieser stand: links oder rechts, vorne oder hinten im Buch, oben oder unten auf einer Seite. Das Gehirn erstellt gewissermassen eine räumliche Landkarte des Gelesenen, die später beim Erinnern und Verknüpfen von Informationen hilft.&#xA;&#xA;Bevor man diese Befunde jedoch verallgemeinert, lohnt sich ein zweiter Blick auf den Untersuchungsgegenstand. Manga ist eine ausgesprochen spezifische Textsorte: visuell verdichtet, stark bildbasiert, mit einer eigenen Leserichtung und Erzählweise. Ob sich dieselben Effekte bei einem Roman, einem Fachbuch oder einem Zeitungsartikel in gleicher Form zeigen würden, bleibt offen. Die Studie liefert einen interessanten Baustein zum Verständnis des Lesens, aber keinen Beweis für eine generelle Überlegenheit des Papiers.&#xA;&#xA;Das Problem mit dem Sammelbegriff „Bildschirm“&#xA;&#xA;Noch grundsätzlicher stört mich allerdings etwas anderes. In der Berichterstattung wird aus „Tablet schlechter als Papier“ regelmässig „Bildschirme schlechter als Papier“. Das erscheint mir problematisch.&#xA;&#xA;Ein Tablet verfügt über einen selbstleuchtenden Bildschirm, zeigt Farben, unterstützt Apps, Benachrichtigungen und Animationen. Es ist ein Multifunktionsgerät, auf dem Lesen nur eine Tätigkeit unter vielen ist. Ein E-Reader dagegen ähnelt einem Buch deutlich stärker. Seine E-Ink-Anzeige reflektiert Licht wie Papier, statt es auszustrahlen. Die Geräte sind meist monochrom, ablenkungsarm und werden fast ausschliesslich zum Lesen genutzt. Wer nach einer Stunde auf einem Tablet ermüdet, macht auf einem E-Reader nicht zwingend dieselbe Erfahrung.&#xA;&#xA;Beide Geräte besitzen zwar einen Bildschirm, doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Sie in denselben Topf zu werfen, ist ungefähr so erhellend wie die Aussage, Fahrräder und Motorräder seien dasselbe, weil beide zwei Räder haben.&#xA;&#xA;Hinzu kommt, dass die möglichen Ursachen für Unterschiede beim Lesen auf verschiedenen Ebenen liegen können. Eine Rolle spielen die Bildschirmtechnologie, die Helligkeit, das Ablenkungspotenzial, die Art der Navigation durch den Text, die Haptik des Geräts oder die räumliche Orientierung innerhalb eines Dokuments. Wer all diese Faktoren unter dem Begriff „Bildschirmlesen“ zusammenfasst, kann am Ende kaum noch sagen, welcher davon tatsächlich wirksam ist.&#xA;&#xA;Was wirklich für Papier spricht – und was offen bleibt&#xA;&#xA;Interessanterweise geht es in der Studie gar nicht um Augenbelastung oder Bildschirmhelligkeit. Das zentrale Argument der Autoren ist räumlicher Natur. Ein physisches Buch verändert sich während des Lesens. Die gelesenen Seiten werden mehr, die ungelesenen weniger. Bestimmte Passagen erhalten eine physische Position innerhalb des Objekts. Man weiss oft noch, dass eine wichtige Stelle ungefähr im ersten Drittel des Buches auf einer linken Seite stand, ohne sich bewusst daran erinnern zu wollen.&#xA;&#xA;Diese Orientierungshilfen fehlen beim Tablet weitgehend. Sie fehlen allerdings auch beim E-Reader. Wer die Erklärung der Forscher für überzeugend hält, müsste deshalb konsequenterweise davon ausgehen, dass auch E-Reader zumindest einen Teil dieses Nachteils ebenfalls zeigen. Die Frage ist lediglich, wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt und ob andere Vorteile von E-Ink-Geräten ihn teilweise kompensieren.&#xA;&#xA;Genau hier wird die Forschungslage erstaunlich dünn. Viele ältere Studien entstanden zu einer Zeit, als E-Reader noch kaum verbreitet waren. Untersucht wurden meist Computerbildschirme oder Tablets. Die Ergebnisse wurden später häufig auf digitales Lesen insgesamt übertragen. Ob diese Verallgemeinerung gerechtfertigt ist, wurde jedoch selten systematisch überprüft – zumindest so weit ich als Laie die Literatur überblicke. Der direkte Vergleich zwischen Papier und modernen E-Readern bleibt damit weitgehend ein Forschungsdesiderat.&#xA;&#xA;Was wir eigentlich fragen sollten&#xA;&#xA;Die neue Studie liefert interessante Hinweise darauf, wie unser Gehirn Geschichten verarbeitet. Sie stützt die Annahme, dass physische Bücher dem Denken räumliche Ankerpunkte geben, die bei komplexen Inhalten helfen können. Das allein macht die Arbeit lesenswert.&#xA;&#xA;Was sie jedoch nicht zeigt, ist die Überlegenheit von Papier gegenüber jeder Form digitalen Lesens. Dafür untersucht sie die digitale Seite der Gleichung zu wenig differenziert.&#xA;&#xA;Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Bildschirmlesen so zu behandeln, als wäre das eine einheitliche Tätigkeit. Zwischen Smartphone, Tablet, Computerbildschirm und E-Reader liegen erhebliche Unterschiede – technisch, ergonomisch und möglicherweise auch kognitiv. Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Papier oder digital? Sondern: Welche Eigenschaften eines Mediums unterstützen konzentriertes Denken – und welche erschweren es?&#xA;&#xA;Das erscheint mir nicht nur die interessantere Frage. Es ist vermutlich auch die wissenschaftlich präzisere. Ähnliches gilt übrigens auch für die Forschung zum Thema handschriftliches Schreiben auf Papier vs. auf „Bildschirmen“.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Harry Wilson Watrous (1857–1940): Just a Couple of Girls, Brooklyn Museum, New York, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/17/Harry_Wilson_Watrous_Just_a_Couple_of_Girls_1915.jpg/960px-Harry_Wilson_Watrous_Just_a_Couple_of_Girls_1915.jpg" alt="Watrous: Just a Couple of Girls"/></p>

<p>Wer regelmässig wissenschaftliche Erkenntnisse über Lesen, <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a> und ähnliche Themen konsultiert, begegnet einem vertrauten Muster. Irgendwo erscheint eine neue Studie. Wenige Tage später folgen die populärwissenschaftlichen Schlagzeilen: Papier sei dem Bildschirm überlegen, Bücher förderten das Verständnis, digitale Medien erschwerten die Konzentration. Die Studien unterscheiden sich, die Botschaft bleibt konstant.</p>



<p>Auch vor wenigen Tagen <a href="https://graziamagazine.com/us/articles/why-this-old-school-reading-habit-quietly-upgrades-your-brain-neuroscientists-just-confirmed/">machte eine solche Untersuchung die Runde</a>. Sie kommt zu einem ähnlichen Schluss wie viele ihrer Vorgänger: Wer auf Papier liest, verarbeitet komplexe Inhalte offenbar effizienter als jemand, der denselben Text auf einem digitalen Gerät liest. Doch während ich die Berichte darüber las, blieb ich an einer anderen Frage hängen. Nicht daran, ob Papier Vorteile hat. Sondern daran, was genau eigentlich mit „Bildschirm“ gemeint ist. Denn je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir über <a href="./warum-lesen-dein-leben-verandern-kann">digitales Lesen</a> oft in viel zu groben Kategorien sprechen.</p>

<h2 id="was-die-studie-zeigt-und-was-nicht">Was die Studie zeigt – und was nicht</h2>

<p>Die Studie <em>Manga reading on paper vs. digital devices</em> [1] liess Studierende einen Manga entweder in gedruckter Form oder auf einem Tablet lesen und untersuchte anschliessend ihre Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomografie.</p>

<p>Die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert: Die Teilnehmenden verstanden die Geschichte unabhängig vom Medium ähnlich gut. Bei komplexeren Fragen jedoch benötigten die Tablet-Leser mehr Zeit, um die richtigen Antworten zu finden. Gleichzeitig zeigten ihre Gehirne stärkere Aktivität in jenen Bereichen, die für Sprachverarbeitung, räumliche Orientierung und die Verknüpfung von Informationen zuständig sind. Die Forscher schliessen daraus, dass Papier dem Gehirn zusätzliche Orientierungspunkte liefert. Man erinnert sich nicht nur an den Inhalt eines Textes, sondern auch daran, wo dieser stand: links oder rechts, vorne oder hinten im Buch, oben oder unten auf einer Seite. Das Gehirn erstellt gewissermassen eine räumliche Landkarte des Gelesenen, die später beim Erinnern und Verknüpfen von Informationen hilft.</p>

<p>Bevor man diese Befunde jedoch verallgemeinert, lohnt sich ein zweiter Blick auf den Untersuchungsgegenstand. Manga ist eine ausgesprochen spezifische Textsorte: visuell verdichtet, stark bildbasiert, mit einer eigenen Leserichtung und Erzählweise. Ob sich dieselben Effekte bei einem Roman, einem Fachbuch oder einem Zeitungsartikel in gleicher Form zeigen würden, bleibt offen. Die Studie liefert einen interessanten Baustein zum Verständnis des Lesens, aber keinen Beweis für eine generelle Überlegenheit des Papiers.</p>

<h2 id="das-problem-mit-dem-sammelbegriff-bildschirm">Das Problem mit dem Sammelbegriff „Bildschirm“</h2>

<p>Noch grundsätzlicher stört mich allerdings etwas anderes. In der Berichterstattung wird aus „Tablet schlechter als Papier“ regelmässig „Bildschirme schlechter als Papier“. Das erscheint mir problematisch.</p>

<p>Ein Tablet verfügt über einen selbstleuchtenden Bildschirm, zeigt Farben, unterstützt Apps, Benachrichtigungen und Animationen. Es ist ein Multifunktionsgerät, auf dem Lesen nur eine Tätigkeit unter vielen ist. Ein E-Reader dagegen ähnelt einem Buch deutlich stärker. Seine E-Ink-Anzeige reflektiert Licht wie Papier, statt es auszustrahlen. Die Geräte sind meist monochrom, ablenkungsarm und werden fast ausschliesslich zum Lesen genutzt. Wer nach einer Stunde auf einem Tablet ermüdet, macht auf einem E-Reader nicht zwingend dieselbe Erfahrung.</p>

<p>Beide Geräte besitzen zwar einen Bildschirm, doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Sie in denselben Topf zu werfen, ist ungefähr so erhellend wie die Aussage, Fahrräder und Motorräder seien dasselbe, weil beide zwei Räder haben.</p>

<p>Hinzu kommt, dass die möglichen Ursachen für Unterschiede beim Lesen auf verschiedenen Ebenen liegen können. Eine Rolle spielen die Bildschirmtechnologie, die Helligkeit, das Ablenkungspotenzial, die Art der Navigation durch den Text, die Haptik des Geräts oder die räumliche Orientierung innerhalb eines Dokuments. Wer all diese Faktoren unter dem Begriff „Bildschirmlesen“ zusammenfasst, kann am Ende kaum noch sagen, welcher davon tatsächlich wirksam ist.</p>

<h2 id="was-wirklich-für-papier-spricht-und-was-offen-bleibt">Was wirklich für Papier spricht – und was offen bleibt</h2>

<p>Interessanterweise geht es in der Studie gar nicht um Augenbelastung oder Bildschirmhelligkeit. Das zentrale Argument der Autoren ist räumlicher Natur. Ein physisches Buch verändert sich während des Lesens. Die gelesenen Seiten werden mehr, die ungelesenen weniger. Bestimmte Passagen erhalten eine physische Position innerhalb des Objekts. Man weiss oft noch, dass eine wichtige Stelle ungefähr im ersten Drittel des Buches auf einer linken Seite stand, ohne sich bewusst daran erinnern zu wollen.</p>

<p>Diese Orientierungshilfen fehlen beim Tablet weitgehend. Sie fehlen allerdings auch beim E-Reader. Wer die Erklärung der Forscher für überzeugend hält, müsste deshalb konsequenterweise davon ausgehen, dass auch E-Reader zumindest einen Teil dieses Nachteils ebenfalls zeigen. Die Frage ist lediglich, wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt und ob andere Vorteile von E-Ink-Geräten ihn teilweise kompensieren.</p>

<p>Genau hier wird die Forschungslage erstaunlich dünn. Viele ältere Studien entstanden zu einer Zeit, als E-Reader noch kaum verbreitet waren. Untersucht wurden meist Computerbildschirme oder Tablets. Die Ergebnisse wurden später häufig auf digitales Lesen insgesamt übertragen. Ob diese Verallgemeinerung gerechtfertigt ist, wurde jedoch selten systematisch überprüft – zumindest so weit ich als Laie die Literatur überblicke. Der direkte Vergleich zwischen Papier und modernen E-Readern bleibt damit weitgehend ein Forschungsdesiderat.</p>

<h2 id="was-wir-eigentlich-fragen-sollten">Was wir eigentlich fragen sollten</h2>

<p>Die neue Studie liefert interessante Hinweise darauf, wie unser Gehirn Geschichten verarbeitet. Sie stützt die Annahme, dass physische Bücher dem Denken räumliche Ankerpunkte geben, die bei komplexen Inhalten helfen können. Das allein macht die Arbeit lesenswert.</p>

<p>Was sie jedoch nicht zeigt, ist die Überlegenheit von Papier gegenüber jeder Form digitalen Lesens. Dafür untersucht sie die digitale Seite der Gleichung zu wenig differenziert.</p>

<p>Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Bildschirmlesen so zu behandeln, als wäre das eine einheitliche Tätigkeit. Zwischen Smartphone, Tablet, Computerbildschirm und E-Reader liegen erhebliche Unterschiede – technisch, ergonomisch und möglicherweise auch kognitiv. Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Papier oder digital? Sondern: <a href="./die-verlorenen-werkzeuge-des-lernens">Welche Eigenschaften eines Mediums unterstützen konzentriertes Denken</a> – und welche erschweren es?</p>

<p>Das erscheint mir nicht nur die interessantere Frage. Es ist vermutlich auch die wissenschaftlich präzisere. Ähnliches gilt übrigens auch für die Forschung zum Thema <a href="https://text.tchncs.de/gisiger/papier-und-digital-effizient-verbinden-3-und-was-ist-mit-stift-auf-display">handschriftliches Schreiben auf Papier vs. auf „Bildschirmen“</a>.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778">https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778</a>.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Harry_Watrous">Harry Wilson Watrous</a> (1857–1940): <em>Just a Couple of Girls</em>, Brooklyn Museum, New York, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Harry_Wilson_Watrous_Just_a_Couple_of_Girls_1915.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich</guid>
      <pubDate>Thu, 18 Jun 2026 12:54:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Lernen mit der Loci-Methode: Wie man Wissen über Orte im Gedächtnis verankert</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Morland:  Woman Reading by a Paper-Bell Shade&#xA;&#xA;Wer schon einmal versucht hat, eine längere Liste, Fachbegriffe oder eine Präsentation auswendig zu lernen, kennt das Problem: Einzelne Informationen verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Besonders schwierig wird es, wenn die Inhalte wenig miteinander zu tun haben. Genau hier setzt die sogenannte Loci-Methode an – eine jahrtausendealte Lerntechnik, die bis heute verwendet wird.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Der Grundgedanke ist simpel: Man verbindet den Lernstoff mit bekannten Orten. Tatsächlich nutzt die Methode eine Stärke unseres Gehirns, die viele im Alltag unterschätzen: Menschen erinnern sich oft erstaunlich präzise an Räume, Wege und räumliche Abläufe. Wer sich etwa an seine Primarschule oder die Wohnung der Grosseltern erinnert, sieht häufig sofort konkrete Bilder vor sich. Die Loci-Methode macht sich genau dieses räumliche Gedächtnis zunutze.&#xA;&#xA;Woher kommt die Methode?&#xA;&#xA;Die Ursprünge der Loci-Methode reichen bis in die Antike zurück. Schon griechische und römische Redner nutzten sie, um lange Reden frei vortragen zu können. Bücher waren damals selten und teuer, vieles musste auswendig gelernt werden. Besonders in der #Rhetorik spielte das Gedächtnis deshalb eine zentrale Rolle.&#xA;&#xA;Der Legende nach geht die Methode auf den griechischen Dichter Simonides von Keos zurück. Nachdem ein Gebäude eingestürzt war, soll er die Opfer anhand ihrer ursprünglichen Sitzordnung identifiziert haben. Daraus entstand die Einsicht, dass räumliche Anordnungen Erinnerungen besonders zuverlässig strukturieren können. Später verwendeten auch berühmte Redner wie Cicero diese Technik.&#xA;&#xA;Auch moderne Gedächtnissportler greifen bis heute auf dieselbe Grundidee zurück. Der technologische Fortschritt hat die Funktionsweise unseres Gehirns nämlich nicht verändert. Noch immer gilt: Bilder und räumliche Vorstellungen prägen sich meist leichter ein als abstrakte Informationen oder reine Textfolgen: „Unserem Gehirn fällt es schwer, sich schnell mehrere unzusammenhängende Begriffe oder Zahlen zu merken.“ [1] Genau deshalb helfen Bilder und Orte beim #Lernen.&#xA;&#xA;Wie ist die Methode aufgebaut?&#xA;&#xA;Die Loci-Methode folgt einem klaren Ablauf. Sie benötigt keine besondere Begabung, wohl aber etwas Übung. Anfangs wirkt der Prozess oft ungewohnt, nach einigen Anwendungen wird er jedoch deutlich einfacher.&#xA;&#xA;Im Zentrum stehen drei Elemente:&#xA;&#xA;eine vertraute Route oder Umgebung&#xA;feste Ankerpunkte entlang dieser Route&#xA;bildhafte Verknüpfungen mit dem Lernstoff&#xA;&#xA;Zunächst wählt man einen Ort, den man sehr gut kennt. Das kann die eigene Wohnung sein, der Arbeitsweg, ein Spaziergang durch die Altstadt oder sogar ein vertrautes Schulzimmer. Wichtig ist lediglich, dass die Reihenfolge der Orte eindeutig ist.&#xA;&#xA;Anschliessend legt man konkrete Stationen fest. In einer Wohnung könnten das beispielsweise Eingangstür, Garderobe, Sofa, Tisch, Bücherregal und Balkon sein. Diese Punkte bilden später die Struktur für die Informationen.&#xA;&#xA;Nun beginnt der eigentliche Lernprozess: Die Inhalte werden als möglichst lebendige Bilder mit diesen Orten verbunden. Je ungewöhnlicher oder absurder die Vorstellung, desto besser funktioniert sie oft. Genau darin liegt eine gewisse Eigenart der Methode. Unser Gehirn reagiert besonders stark auf Überraschungen, Emotionen und skurrile Bilder.&#xA;&#xA;Wer sich etwa die Reihenfolge bestimmter Begriffe merken möchte, könnte sich vorstellen, dass auf dem Sofa plötzlich ein riesiges Wörterbuch explodiert oder dass aus dem Kühlschrank französische Vokabeln herausfliegen. Solche Bilder wirken albern – und genau deshalb bleiben sie häufig haften.&#xA;&#xA;Wie kann man die Methode konkret verwenden?&#xA;&#xA;Besonders gut eignet sich die Loci-Methode für Lernstoff mit klarer Reihenfolge. Dazu gehören beispielsweise:&#xA;&#xA;Vokabeln&#xA;Präsentationen&#xA;historische Ereignisse&#xA;Fachbegriffe&#xA;Listen&#xA;Prüfungsthemen&#xA;&#xA;Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Sprachlernen. Angenommen, man möchte sich fünf französische Wörter merken. Die Wohnung dient dabei als Route.&#xA;&#xA;An der Eingangstür sitzt eine riesige „pomme“ (Apfel), die den Weg versperrt. Auf dem Sofa springt ein „chat“ (Katze) herum. Im Badezimmer schwimmt ein „poisson“ (Fisch) in der Badewanne. Am Küchentisch liegt ein überdimensionales „livre“ (Buch), und auf dem Balkon steht plötzlich ein „cheval“ (Pferd).&#xA;&#xA;Wer später gedanklich durch die Wohnung geht, ruft dadurch automatisch die Begriffe ab. Die Orte dienen als mentale Auslöser.&#xA;&#xA;Ähnlich funktioniert die Methode auch bei Präsentationen. Statt den Vortrag Wort für Wort auswendig zu lernen, verbindet man die einzelnen Themen mit Stationen entlang einer Route. Dadurch erinnert man sich an die Reihenfolge und an die wichtigsten Inhalte, ohne mechanisch auswendig sprechen zu müssen.&#xA;&#xA;Im Berufsalltag kann die Technik ebenfalls nützlich sein. Wer sich Namen, Gesprächspunkte oder Abläufe merken möchte, kann diese gedanklich an Orte koppeln. Gerade bei Vorträgen oder Prüfungen hilft dies oft gegen das bekannte „Blackout“-Gefühl.&#xA;&#xA;Die Methode ist also leicht und überall einsetzbar. Allerdings gilt auch: Die Technik ersetzt kein Verständnis. Wer Inhalte nicht begreift, kann sie zwar kurzfristig speichern, aber kaum sinnvoll anwenden.&#xA;&#xA;Warum funktioniert das überhaupt?&#xA;&#xA;Die genaue Funktionsweise des Gedächtnisses ist bis heute nicht vollständig verstanden. Bekannt ist jedoch, dass räumliche Orientierung und bildhafte Vorstellungen tief im menschlichen Denken verankert sind.&#xA;&#xA;Die Loci-Methode nutzt dabei mehrere psychologische Effekte gleichzeitig:&#xA;&#xA;Strukturierung von Informationen&#xA;Verknüpfung mit bekannten Räumen&#xA;emotionale oder absurde Bilder&#xA;aktives statt passives Lernen&#xA;&#xA;Gerade der letzte Punkt wird häufig unterschätzt. Viele Menschen lernen passiv: lesen, markieren, wiederholen. Die Loci-Methode zwingt hingegen dazu, Informationen aktiv umzuwandeln und mit eigenen Vorstellungen zu verbinden (Elaboration). Dadurch entsteht eine tiefere Verarbeitung des Lernstoffs.&#xA;&#xA;Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Reihenfolgen stabil bleiben. Wer seine Route kennt, kann Inhalte oft erstaunlich zuverlässig abrufen.&#xA;&#xA;Vor- und Nachteile&#xA;&#xA;Die Methode hat klare Stärken, aber auch Grenzen. Hilfreich ist sie insbesondere dann, wenn grosse Mengen an Fakten gelernt werden müssen. Viele Menschen erleben zudem, dass Lernen dadurch kreativer und weniger monoton wird. Die Methode funktioniert ohne technische Hilfsmittel und lässt sich nahezu überall anwenden.&#xA;&#xA;Allerdings braucht der Einstieg Zeit. Gute Bilder zu entwickeln ist anstrengender, als Informationen einfach zu lesen. Gerade am Anfang empfinden viele die Technik als umständlich. Hinzu kommt, dass sie sich nicht für jede Art von Lernen eignet. Tiefes Verständnis, kritisches Denken oder mathematische Zusammenhänge lassen sich dadurch nicht automatisch verbessern.&#xA;&#xA;Auch die Wiederholung bleibt wichtig. Ohne regelmässiges Auffrischen (Spaced Repetition) werden die mentalen Bilder mit der Zeit unscharf: „Ohne Wiederholung werden die gemerkten Bilder im Kopf immer unschärfer.“ [2]&#xA;&#xA;Warum man die Loci-Methode auch heute noch anwenden kann&#xA;&#xA;Die Loci-Methode gehört zu den ältesten bekannten Lerntechniken - und vermutlich auch zu den unterschätztesten. Ihr Erfolg beruht nicht auf Magie oder aussergewöhnlichen Gedächtnisleistungen, sondern auf einer geschickten Nutzung menschlicher Wahrnehmung.&#xA;&#xA;Wer bereit ist, sich auf die ungewohnten Bilder und räumlichen Vorstellungen einzulassen, entdeckt oft eine überraschend wirkungsvolle Lernstrategie. Eine so einfache Methode mag altmodisch wirken aber vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] Luca Intzen, „Mnemotechnik: Lernen mit der Loci-Methode“, Betzold Blog, 2026.&#xA;[2] „Loci-Methode“, Wikipedia, 2026.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Henry Robert Morland (1716/19–1797): Woman Reading by a Paper-Bell Shade, Yale Center for British Art, New Haven, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/c1/Henry_Robert_Morland_-_Woman_Reading_by_a_Paper-Bell_Shade_-_Google_Art_Project.jpg/960px-Henry_Robert_Morland_-_Woman_Reading_by_a_Paper-Bell_Shade_-_Google_Art_Project.jpg" alt="Morland:  Woman Reading by a Paper-Bell Shade"/></p>

<p>Wer schon einmal versucht hat, eine längere Liste, Fachbegriffe oder eine Präsentation auswendig zu lernen, kennt das Problem: Einzelne Informationen verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Besonders schwierig wird es, wenn die Inhalte wenig miteinander zu tun haben. Genau hier setzt die sogenannte <strong>Loci-Methode</strong> an – eine jahrtausendealte Lerntechnik, die bis heute verwendet wird.</p>



<p>Der Grundgedanke ist simpel: Man verbindet den Lernstoff mit bekannten Orten. Tatsächlich nutzt die Methode eine Stärke unseres Gehirns, die viele im Alltag unterschätzen: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/ueber-denken-im-raum-das-uralte-navigierende-gehirn-100.html">Menschen erinnern sich oft erstaunlich präzise an Räume, Wege und räumliche Abläufe.</a> Wer sich etwa an seine Primarschule oder die Wohnung der Grosseltern erinnert, sieht häufig sofort konkrete Bilder vor sich. Die Loci-Methode macht sich genau dieses räumliche Gedächtnis zunutze.</p>

<h2 id="woher-kommt-die-methode">Woher kommt die Methode?</h2>

<p>Die Ursprünge der Loci-Methode reichen bis in die Antike zurück. <a href="./uberzeugend-argumentieren-mit-aristoteles">Schon griechische und römische Redner nutzten sie, um lange Reden frei vortragen zu können.</a> Bücher waren damals selten und teuer, vieles musste auswendig gelernt werden. Besonders in der <a href="https://epicmind.ch/tag:Rhetorik" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Rhetorik</span></a> spielte das Gedächtnis deshalb eine zentrale Rolle.</p>

<p>Der Legende nach geht die Methode auf den griechischen Dichter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Simonides_von_Keos">Simonides von Keos</a> zurück. Nachdem ein Gebäude eingestürzt war, soll er die Opfer anhand ihrer ursprünglichen Sitzordnung identifiziert haben. Daraus entstand die Einsicht, dass räumliche Anordnungen Erinnerungen besonders zuverlässig strukturieren können. Später verwendeten auch berühmte Redner wie Cicero diese Technik.</p>

<p>Auch moderne Gedächtnissportler greifen bis heute auf dieselbe Grundidee zurück. Der technologische Fortschritt hat die Funktionsweise unseres Gehirns nämlich nicht verändert. Noch immer gilt: Bilder und räumliche Vorstellungen prägen sich meist leichter ein als abstrakte Informationen oder reine Textfolgen: „Unserem Gehirn fällt es schwer, sich schnell mehrere unzusammenhängende Begriffe oder Zahlen zu merken.“ [1] Genau deshalb helfen Bilder und Orte beim <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a>.</p>

<h2 id="wie-ist-die-methode-aufgebaut">Wie ist die Methode aufgebaut?</h2>

<p>Die Loci-Methode folgt einem klaren Ablauf. Sie benötigt keine besondere Begabung, wohl aber etwas Übung. Anfangs wirkt der Prozess oft ungewohnt, nach einigen Anwendungen wird er jedoch deutlich einfacher.</p>

<p>Im Zentrum stehen drei Elemente:</p>
<ol><li>eine vertraute <strong>Route</strong> oder Umgebung</li>
<li>feste <strong>Ankerpunkte</strong> entlang dieser Route</li>
<li>bildhafte <strong>Verknüpfungen</strong> mit dem Lernstoff</li></ol>

<p>Zunächst wählt man einen Ort, den man sehr gut kennt. Das kann die eigene Wohnung sein, der Arbeitsweg, ein Spaziergang durch die Altstadt oder sogar ein vertrautes Schulzimmer. Wichtig ist lediglich, dass die Reihenfolge der Orte eindeutig ist.</p>

<p>Anschliessend legt man konkrete Stationen fest. In einer Wohnung könnten das beispielsweise Eingangstür, Garderobe, Sofa, Tisch, Bücherregal und Balkon sein. Diese Punkte bilden später die Struktur für die Informationen.</p>

<p>Nun beginnt der eigentliche Lernprozess: Die Inhalte werden als möglichst lebendige Bilder mit diesen Orten verbunden. Je ungewöhnlicher oder absurder die Vorstellung, desto besser funktioniert sie oft. Genau darin liegt eine gewisse Eigenart der Methode. Unser Gehirn reagiert besonders stark auf Überraschungen, Emotionen und skurrile Bilder.</p>

<p>Wer sich etwa die Reihenfolge bestimmter Begriffe merken möchte, könnte sich vorstellen, dass auf dem Sofa plötzlich ein riesiges Wörterbuch explodiert oder dass aus dem Kühlschrank französische Vokabeln herausfliegen. Solche Bilder wirken albern – und genau deshalb bleiben sie häufig haften.</p>

<h2 id="wie-kann-man-die-methode-konkret-verwenden">Wie kann man die Methode konkret verwenden?</h2>

<p>Besonders gut eignet sich die Loci-Methode für Lernstoff mit klarer Reihenfolge. Dazu gehören beispielsweise:</p>
<ul><li>Vokabeln</li>
<li>Präsentationen</li>
<li>historische Ereignisse</li>
<li>Fachbegriffe</li>
<li>Listen</li>
<li>Prüfungsthemen</li></ul>

<p>Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Sprachlernen. Angenommen, man möchte sich fünf französische Wörter merken. Die Wohnung dient dabei als Route.</p>

<p>An der Eingangstür sitzt eine riesige „pomme“ (Apfel), die den Weg versperrt. Auf dem Sofa springt ein „chat“ (Katze) herum. Im Badezimmer schwimmt ein „poisson“ (Fisch) in der Badewanne. Am Küchentisch liegt ein überdimensionales „livre“ (Buch), und auf dem Balkon steht plötzlich ein „cheval“ (Pferd).</p>

<p>Wer später gedanklich durch die Wohnung geht, ruft dadurch automatisch die Begriffe ab. Die Orte dienen als mentale Auslöser.</p>

<p>Ähnlich funktioniert die Methode auch bei Präsentationen. Statt den Vortrag Wort für Wort auswendig zu lernen, verbindet man die einzelnen Themen mit Stationen entlang einer Route. Dadurch erinnert man sich an die Reihenfolge und an die wichtigsten Inhalte, ohne mechanisch auswendig sprechen zu müssen.</p>

<p>Im Berufsalltag kann die Technik ebenfalls nützlich sein. Wer sich Namen, Gesprächspunkte oder Abläufe merken möchte, kann diese gedanklich an Orte koppeln. Gerade bei Vorträgen oder Prüfungen hilft dies oft gegen das bekannte „Blackout“-Gefühl.</p>

<p>Die Methode ist also leicht und überall einsetzbar. Allerdings gilt auch: Die Technik ersetzt kein Verständnis. Wer Inhalte nicht begreift, kann sie zwar kurzfristig speichern, aber kaum sinnvoll anwenden.</p>

<h2 id="warum-funktioniert-das-überhaupt">Warum funktioniert das überhaupt?</h2>

<p>Die genaue Funktionsweise des Gedächtnisses ist bis heute nicht vollständig verstanden. Bekannt ist jedoch, dass räumliche Orientierung und bildhafte Vorstellungen tief im menschlichen Denken verankert sind.</p>

<p>Die Loci-Methode nutzt dabei mehrere psychologische Effekte gleichzeitig:</p>
<ul><li><a href="https://www.ccsenet.org/journal/index.php/ijps/article/view/0/53011">Strukturierung</a> von Informationen</li>
<li><a href="https://www.learningscientists.org/blog/2019/9/18-1">Verknüpfung</a> mit bekannten Räumen</li>
<li>emotionale oder absurde <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12514325/">Bilder</a></li>
<li><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0149763424002069">aktives</a> statt passives Lernen</li></ul>

<p>Gerade der letzte Punkt wird häufig unterschätzt. Viele Menschen lernen passiv: lesen, markieren, wiederholen. Die Loci-Methode zwingt hingegen dazu, Informationen aktiv umzuwandeln und mit eigenen Vorstellungen zu verbinden (<a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-4-wissenschaftlich-fundierte-strategien">Elaboration</a>). Dadurch entsteht eine tiefere Verarbeitung des Lernstoffs.</p>

<p>Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Reihenfolgen stabil bleiben. Wer seine Route kennt, kann Inhalte oft erstaunlich zuverlässig abrufen.</p>

<h2 id="vor-und-nachteile">Vor- und Nachteile</h2>

<p>Die Methode hat klare Stärken, aber auch Grenzen. Hilfreich ist sie insbesondere dann, wenn grosse Mengen an Fakten gelernt werden müssen. Viele Menschen erleben zudem, dass Lernen dadurch kreativer und weniger monoton wird. Die Methode funktioniert ohne technische Hilfsmittel und lässt sich nahezu überall anwenden.</p>

<p>Allerdings braucht der Einstieg Zeit. Gute Bilder zu entwickeln ist anstrengender, als Informationen einfach zu lesen. Gerade am Anfang empfinden viele die Technik als umständlich. Hinzu kommt, dass sie sich nicht für jede Art von Lernen eignet. Tiefes Verständnis, kritisches Denken oder mathematische Zusammenhänge lassen sich dadurch nicht automatisch verbessern.</p>

<p>Auch die Wiederholung bleibt wichtig. Ohne regelmässiges Auffrischen (<a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-4-wissenschaftlich-fundierte-strategien">Spaced Repetition</a>) werden die mentalen Bilder mit der Zeit unscharf: „Ohne Wiederholung werden die gemerkten Bilder im Kopf immer unschärfer.“ [2]</p>

<h2 id="warum-man-die-loci-methode-auch-heute-noch-anwenden-kann">Warum man die Loci-Methode auch heute noch anwenden kann</h2>

<p>Die Loci-Methode gehört zu den ältesten bekannten Lerntechniken – und vermutlich auch zu den unterschätztesten. Ihr Erfolg beruht nicht auf Magie oder aussergewöhnlichen Gedächtnisleistungen, sondern auf einer geschickten Nutzung menschlicher Wahrnehmung.</p>

<p>Wer bereit ist, sich auf die ungewohnten Bilder und räumlichen Vorstellungen einzulassen, entdeckt oft eine überraschend wirkungsvolle Lernstrategie. Eine so einfache Methode mag altmodisch wirken aber vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.</p>

<hr/>

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<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert">Discuss...</a></p>

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<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] Luca Intzen, „Mnemotechnik: Lernen mit der Loci-Methode“, Betzold Blog, 2026.
[2] „Loci-Methode“, Wikipedia, 2026.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Robert_Morland">Henry Robert Morland</a> (1716/19–1797): <em>Woman Reading by a Paper-Bell Shade</em>, Yale Center for British Art, New Haven, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henry_Robert_Morland_-_Woman_Reading_by_a_Paper-Bell_Shade_-_Google_Art_Project.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
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      <guid>https://epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert</guid>
      <pubDate>Fri, 22 May 2026 12:33:22 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Besser leben mit Seneca</title>
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      <description>&lt;![CDATA[Atelier/Werkstatt von Gerrit van Honthorst: Der Tod Senecas&#xA;&#xA;Wenn ich heute Menschen zuhöre – im Zug, im Büro, beim Abendessen oder auch einfach online –, dann höre ich erstaunlich oft dieselben Untertöne: Erschöpfung, Gereiztheit, Vergleichsdruck, diffuse Unruhe. Viele leben in materiellem Wohlstand und wirken gleichzeitig innerlich erschöpft. Man optimiert Schlaf, Ernährung, Produktivität und Freizeitgestaltung, und dennoch bleibt häufig das Gefühl zurück, dass irgendetwas nicht stimmt. Und doch: Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, unser Leben angenehm zu gestalten, und gleichzeitig so grosse Mühe, Ruhe zu finden.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;In solchen Momenten lohnt sich manchmal der Blick weit zurück. Manche Probleme sind nämlich erstaunlich konstant geblieben. Der römische Philosoph Seneca schrieb vor fast zweitausend Jahren an seinen Bruder Gallio über Zorn, Ehrgeiz, Angst, Reichtum, öffentliche Meinung und die Schwierigkeit, ein gutes Leben zu führen (De vita beata, eigentlich ad Gallionem de vita beata, deutsch „An Gallio über das glückliche Leben“). Seine Welt war brutaler als unsere, politisch noch instabiler und von existenziellen Risiken geprägt. Trotzdem wirken viele seiner Gedanken heute fast irritierend aktuell. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht auf Komfort abzielen, sondern auf innere Stabilität.&#xA;&#xA;1. Lerne, Dich nicht von Deinen Gefühlen regieren zu lassen&#xA;&#xA;Seneca fordert keine Gefühllosigkeit. Er verlangt nicht, dass man kalt oder unberührt wird. Ihm geht es vielmehr um das, was die Stoa „Apatheia“ nennt – nicht Gleichgültigkeit, sondern Freiheit gegenüber den eigenen emotionalen Ausschlägen. Wer ständig zwischen Euphorie und Verzweiflung schwankt, wird zum Spielball der Umstände.&#xA;&#xA;Er formuliert das überraschend klar: „… da Alles verbannt ist, was uns entweder reizt oder schreckt.“ III (4.)&#xA;&#xA;Und an anderer Stelle schreibt er von einer „… sicher gestellten Ruhe und Erhabenheit der Seele …“ V (1.)&#xA;&#xA;Ich finde bemerkenswert, wie modern das klingt. Unsere Gegenwart lebt geradezu von emotionaler Übersteuerung. Empörung erzeugt Reichweite, Angst bindet Aufmerksamkeit und digitale Plattformen belohnen starke Reaktionen. Wer permanent online ist, lebt oft in einem künstlich erhöhten Erregungszustand. Man reagiert auf jede Nachricht, jede Krise, jede Provokation. Ruhe wirkt beinahe verdächtig.&#xA;&#xA;Seneca würde darin vermutlich keine Freiheit sehen, sondern Abhängigkeit. Nicht die Welt regiert dann unser Leben, sondern unsere Reaktionen auf sie. Gerade deshalb erscheint mir seine Forderung nach innerem Gleichgewicht heute weniger wie antike Weisheit und mehr wie eine Form geistiger Selbstverteidigung.&#xA;&#xA;2. Besitze Dinge, aber lasse Dich nicht von ihnen besitzen&#xA;&#xA;Kaum etwas widerspricht der Gegenwart so sehr wie Senecas Verhältnis zum Reichtum. Er verteufelt Besitz nicht grundsätzlich. Er war selbst wohlhabend und politisch einflussreich. Gerade deshalb ist seine Position interessant. Das Problem ist für ihn nicht der Besitz, sondern die seelische Bindung daran.&#xA;&#xA;Er schreibt: „Ich will Reichthümer, sowohl vorhandene, als mir abgehende, auf gleiche Weise verachten …“ XX (2.)&#xA;&#xA;Und weiter: „… er erklärt, man müsse jene Dinge verachten, nicht damit man sie nicht besitze, sondern damit man sie nicht mit Angst besitze …“ XXI (3.)&#xA;&#xA;Das trifft einen empfindlichen Punkt moderner Gesellschaften. Heute wird Konsum oft nicht mehr nur als Luxus verstanden, sondern als Ausdruck der eigenen Identität. Wohnungen, Kleidung, Reisen oder technische Geräte dienen nicht selten dazu, sich selbst darzustellen. Wer bin ich? Die Antwort lautet immer häufiger: Schau an, was ich besitze.&#xA;&#xA;Das Problem beginnt dort, wo Besitz psychologisch notwendig wird. Dann erzeugt Wohlstand nicht Ruhe, sondern Verlustangst. Man hat plötzlich nicht mehr Dinge, sondern die Dinge haben einen selbst. Seneca würde vermutlich sagen: Wer seinen inneren Wert vom Äusseren abhängig macht, lebt ständig auf unsicherem Boden.&#xA;&#xA;Interessanterweise klingt das keineswegs asketisch. Es ist vielmehr ein Plädoyer für innere Unabhängigkeit. Reichtum darf angenehm sein. Er darf das Leben erleichtern. Er darf aber nicht darüber entscheiden, ob ein Mensch sich selbst achtet.&#xA;&#xA;3. Ein gutes Leben entsteht nicht nur für Dich allein&#xA;&#xA;Einer der schönsten Gedanken Senecas ist vielleicht auch einer der unbequemsten. Der Mensch, so schreibt er, lebt nicht nur für sich selbst. Sinn entsteht erst in Beziehung zu anderen.&#xA;&#xA;„Ich will so leben, als wüßte ich, ich sei für Andere geboren …“ XX (2.)&#xA;&#xA;Und weiter: „Mich, den Einzelnen, hat sie Allen, mir, dem Einzelnen, Alle geschenkt.“ XX (3.)&#xA;&#xA;Das steht quer zu einer Kultur, die Selbstverwirklichung oft fast ausschliesslich individuell denkt. Natürlich ist persönliche Freiheit wichtig. Doch viele Menschen erleben irgendwann, dass reine Selbstoptimierung seltsam leer werden kann. Karriere, Status oder Erlebnisjagd ersetzen keine Verbundenheit.&#xA;&#xA;Ich habe manchmal den Eindruck, dass unsere Gesellschaft das Gemeinschaftliche verlernt hat. Man spricht viel über Selbstschutz, #Selbstmanagement und Selbstvermarktung – aber erstaunlich wenig darüber, wem man eigentlich nützt. Genau dort setzt Seneca an. Ein sinnvolles Leben entsteht nicht allein aus persönlichem Genuss, sondern aus Beziehung, Verantwortung und Grosszügigkeit.&#xA;&#xA;Das klingt zunächst moralisch. Tatsächlich ist es aber auch psychologisch plausibel. Menschen brauchen das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein als ihrer eigenen Biografie.&#xA;&#xA;4. Masshalten ist keine Schwäche, sondern eine Kunst&#xA;&#xA;Die Antike kannte noch keine sozialen Medien, keine Streamingplattformen und keine digitale Dauerablenkung. Dennoch verstand Seneca bereits etwas Grundsätzliches über den Menschen: Grenzenlosigkeit macht selten glücklich.&#xA;&#xA;„Alles, was ich besitze, will ich weder auf schmutzige Weise hüten, noch verschwenderisch verstreuen …“ XX (3.)&#xA;&#xA;Und über den Genuss schreibt er knapp: „… die Mäßigung darin erfreut.“ X (3.)&#xA;&#xA;Beinahe banal. Natürlich soll man Mass halten. Doch genau das scheint modernen Gesellschaften immer schwerer zu fallen. Unsere Welt ist auf Maximierung angelegt: mehr Leistung, mehr Sichtbarkeit, mehr Konsum, mehr Unterhaltung, mehr Effizienz. Selbst Erholung wird optimiert.&#xA;&#xA;Dabei entsteht oft ein paradoxes Ergebnis. Menschen haben unendlich viele Möglichkeiten und verlieren gerade dadurch ihre innere Ruhe. Senecas Idee der Mässigung ist deshalb nicht kleinbürgerliche Bescheidenheit, sondern eine Form bewusster Selbstbegrenzung. Nicht alles, was möglich ist, muss ausgeschöpft werden. Vielleicht liegt darin sogar eine unterschätzte Form von Freiheit.&#xA;&#xA;5. Lebe nach Deinem Gewissen, nicht nach der Menge&#xA;&#xA;Kaum eine Passage wirkt aktueller als Senecas Warnung vor der Macht der öffentlichen Meinung.&#xA;&#xA;„Nichts will ich der Meinung, Alles meiner Ueberzeugung wegen thun …“ XX (3.)&#xA;&#xA;Und schon ganz am Anfang des Werkes schreibt er: „… daß wir nicht nach Vernunftgründen, sondern nach Beispielen leben …“ I (3.)&#xA;&#xA;Man könnte meinen, dieser Satz sei für das Zeitalter sozialer Medien geschrieben worden. Noch nie war es so einfach, sich permanent mit anderen zu vergleichen. Zustimmung wird sichtbar gemacht, Meinungen werden öffentlich bewertet und soziale Anerkennung lässt sich in Zahlen messen.&#xA;&#xA;Das verändert Menschen. Viele beginnen irgendwann unbewusst, nicht mehr nach Überzeugung zu handeln, sondern nach Resonanz. Was wirkt gut? Was wird geliked? Was bringt Zustimmung? Seneca sieht darin eine Gefahr für die innere Freiheit. Wer sich ständig am Urteil der Menge orientiert, verliert irgendwann den Zugang zum eigenen Urteil.&#xA;&#xA;Bemerkenswert ist dabei, dass Seneca selbst kein weltfremder Einsiedler war. Er bewegte sich im Machtzentrum des römischen Reiches, war reich, politisch einflussreich und zugleich ständig bedroht. Gerade deshalb wirken seine Gedanken glaubwürdig. Er schrieb nicht aus sicherer Distanz über die Versuchungen von Ruhm und Macht, sondern mitten aus ihnen heraus.&#xA;&#xA;Warum Seneca heute wieder gelesen werden sollte&#xA;&#xA;Vielleicht erleben stoische Denker gerade deshalb eine Renaissance. Nicht weil Menschen plötzlich wieder ernsthaft antike Philosophie lesen würden, sondern weil moderne Gesellschaften permanent Bedürfnisse erzeugen und gleichzeitig kaum Orientierung bieten. Allerdings wird die Stoa heute oft missverstanden. Viele behandeln sie wie ein weiteres Werkzeug der Selbstoptimierung: effizienter arbeiten, härter werden, produktiver funktionieren, emotional unangreifbar erscheinen. In sozialen Medien wirkt der Stoiker nicht selten wie ein asketischer Hochleistungsmensch mit Morgenroutine und perfekter Selbstkontrolle.&#xA;&#xA;Damit verfehlt man Seneca allerdings ziemlich gründlich. Die Stoa ist keine Technik zur Leistungssteigerung und auch keine emotionslose Business-Philosophie für Menschen mit Kalender-App und Koffeinproblem. Seneca interessiert sich nicht dafür, wie Du mehr erreichst, sondern wie Du innerlich freier wirst. Er verspricht kein perfektes Leben, keine dauernde Zufriedenheit und schon gar keine Wellness-Philosophie. Seine Texte handeln vielmehr davon, wie man trotz Unsicherheit, Verlust, Druck und menschlicher Schwäche Haltung bewahren kann.&#xA;&#xA;Seine Gedanken sind nämlich unbequem. Sie verlangen Disziplin, Selbstbeobachtung und die Bereitschaft, sich nicht vollständig von Konsum, öffentlicher Meinung oder Emotionen treiben zu lassen. Gerade darin liegt ihre Aktualität.&#xA;&#xA;Interessanterweise war Seneca selbst keine makellose Figur und lebte keineswegs immer nach seinen eigenen Idealen. Doch vielleicht macht gerade das seine Texte menschlich. Er schrieb nicht als unfehlbarer Weiser, sondern als jemand, der dieselben Spannungen kannte wie wir: Ehrgeiz und Zweifel, Komfort und Gewissen, Macht und innere Unruhe.&#xA;&#xA;Die Ruhe, die wir verlernt haben&#xA;&#xA;Je älter ich werde, desto weniger überzeugen mich einfache Glücksversprechen. Viele moderne Ratgeber versprechen Optimierung, Effizienz oder mentale Kontrolle. Seneca interessiert sich für etwas anderes: Charakter. Für ihn entsteht ein gutes Leben nicht aus maximalem Genuss, sondern aus innerer Haltung.&#xA;&#xA;Das wirkt zunächst streng. Gleichzeitig liegt darin etwas Tröstliches. Denn äussere Umstände lassen sich nur begrenzt kontrollieren. Die eigene Haltung dagegen zumindest teilweise schon. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ein römischer Philosoph aus dem ersten Jahrhundert plötzlich wieder relevant erscheint. Nicht weil er einfache Lösungen bietet, sondern weil er uns daran erinnert, dass ein ruhiger Geist wahrscheinlich wertvoller ist als ein perfekt kuratiertes Leben.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/besser-leben-mit-seneca&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Atelier/Werkstatt von Gerrit van Honthorst (1592–1656): Der Tod Senecas, Centraal Museum, Utrecht, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Philosophie | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/12/The_Death_of_Seneca_from_the_workshop_of_Gerard_van_Honthorst_Centraal_Museum_4498.jpg/1280px-The_Death_of_Seneca_from_the_workshop_of_Gerard_van_Honthorst_Centraal_Museum_4498.jpg" alt="Atelier/Werkstatt von Gerrit van Honthorst: Der Tod Senecas"/></p>

<p>Wenn ich heute Menschen zuhöre – im Zug, im Büro, beim Abendessen oder auch einfach online –, dann höre ich erstaunlich oft dieselben Untertöne: Erschöpfung, Gereiztheit, Vergleichsdruck, diffuse Unruhe. Viele leben in materiellem Wohlstand und wirken gleichzeitig innerlich erschöpft. Man optimiert Schlaf, Ernährung, Produktivität und Freizeitgestaltung, und dennoch bleibt häufig das Gefühl zurück, dass irgendetwas nicht stimmt. Und doch: Noch nie hatten wir so viele Möglichkeiten, unser Leben angenehm zu gestalten, und gleichzeitig so grosse Mühe, Ruhe zu finden.</p>



<p>In solchen Momenten lohnt sich manchmal der Blick weit zurück. Manche Probleme sind nämlich erstaunlich konstant geblieben. Der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Seneca">römische Philosoph Seneca</a> schrieb vor fast zweitausend Jahren an seinen Bruder Gallio über Zorn, Ehrgeiz, Angst, Reichtum, öffentliche Meinung und die Schwierigkeit, ein gutes Leben zu führen (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/De_vita_beata"><em>De vita beata</em></a>, eigentlich <em>ad Gallionem de vita beata</em>, deutsch <a href="http://www.zeno.org/Philosophie/M/Seneca,+Lucius+Annaeus/Vom+gl%C3%BCckseligen+Leben">„An Gallio über das glückliche Leben“</a>). Seine Welt war brutaler als unsere, politisch noch instabiler und von existenziellen Risiken geprägt. Trotzdem wirken viele seiner Gedanken heute fast irritierend aktuell. Vielleicht gerade deshalb, weil sie nicht auf Komfort abzielen, sondern auf innere Stabilität.</p>

<h2 id="1-lerne-dich-nicht-von-deinen-gefühlen-regieren-zu-lassen">1. Lerne, Dich nicht von Deinen Gefühlen regieren zu lassen</h2>

<p>Seneca fordert keine Gefühllosigkeit. Er verlangt nicht, dass man kalt oder unberührt wird. Ihm geht es vielmehr um das, was die Stoa <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Apatheia">„Apatheia“</a> nennt – nicht Gleichgültigkeit, sondern Freiheit gegenüber den eigenen emotionalen Ausschlägen. Wer ständig zwischen Euphorie und Verzweiflung schwankt, wird zum Spielball der Umstände.</p>

<p>Er formuliert das überraschend klar: <em>„… da Alles verbannt ist, was uns entweder reizt oder schreckt.“</em> III (4.)</p>

<p>Und an anderer Stelle schreibt er von einer <em>„… sicher gestellten Ruhe und Erhabenheit der Seele …“</em> V (1.)</p>

<p>Ich finde bemerkenswert, wie modern das klingt. Unsere Gegenwart lebt geradezu von emotionaler Übersteuerung. Empörung erzeugt Reichweite, Angst bindet Aufmerksamkeit und digitale Plattformen belohnen starke Reaktionen. Wer permanent online ist, lebt oft in einem künstlich erhöhten Erregungszustand. Man reagiert auf jede Nachricht, jede Krise, jede Provokation. Ruhe wirkt beinahe verdächtig.</p>

<p>Seneca würde darin vermutlich keine Freiheit sehen, sondern Abhängigkeit. Nicht die Welt regiert dann unser Leben, sondern unsere Reaktionen auf sie. Gerade deshalb erscheint mir seine Forderung nach innerem Gleichgewicht heute weniger wie antike Weisheit und mehr wie eine Form geistiger Selbstverteidigung.</p>

<h2 id="2-besitze-dinge-aber-lasse-dich-nicht-von-ihnen-besitzen">2. Besitze Dinge, aber lasse Dich nicht von ihnen besitzen</h2>

<p>Kaum etwas widerspricht der Gegenwart so sehr wie Senecas Verhältnis zum Reichtum. Er verteufelt Besitz nicht grundsätzlich. Er war selbst wohlhabend und politisch einflussreich. Gerade deshalb ist seine Position interessant. Das Problem ist für ihn nicht der Besitz, sondern die seelische Bindung daran.</p>

<p>Er schreibt: <em>„Ich will Reichthümer, sowohl vorhandene, als mir abgehende, auf gleiche Weise verachten …“</em> XX (2.)</p>

<p>Und weiter: <em>„… er erklärt, man müsse jene Dinge verachten, nicht damit man sie nicht besitze, sondern damit man sie nicht mit Angst besitze …“</em> XXI (3.)</p>

<p>Das trifft einen empfindlichen Punkt moderner Gesellschaften. Heute wird Konsum oft nicht mehr nur als Luxus verstanden, sondern als Ausdruck der eigenen Identität. Wohnungen, Kleidung, Reisen oder technische Geräte dienen nicht selten dazu, sich selbst darzustellen. Wer bin ich? Die Antwort lautet immer häufiger: Schau an, was ich besitze.</p>

<p>Das Problem beginnt dort, wo Besitz psychologisch notwendig wird. Dann erzeugt Wohlstand nicht Ruhe, sondern Verlustangst. Man hat plötzlich nicht mehr Dinge, sondern die Dinge haben einen selbst. Seneca würde vermutlich sagen: Wer seinen inneren Wert vom Äusseren abhängig macht, lebt ständig auf unsicherem Boden.</p>

<p>Interessanterweise klingt das keineswegs asketisch. Es ist vielmehr ein Plädoyer für innere Unabhängigkeit. Reichtum darf angenehm sein. Er darf das Leben erleichtern. Er darf aber nicht darüber entscheiden, ob ein Mensch sich selbst achtet.</p>

<h2 id="3-ein-gutes-leben-entsteht-nicht-nur-für-dich-allein">3. Ein gutes Leben entsteht nicht nur für Dich allein</h2>

<p>Einer der schönsten Gedanken Senecas ist vielleicht auch einer der unbequemsten. Der Mensch, so schreibt er, lebt nicht nur für sich selbst. Sinn entsteht erst in Beziehung zu anderen.</p>

<p><em>„Ich will so leben, als wüßte ich, ich sei für Andere geboren …“</em> XX (2.)</p>

<p>Und weiter: <em>„Mich, den Einzelnen, hat sie Allen, mir, dem Einzelnen, Alle geschenkt.“</em> XX (3.)</p>

<p>Das steht quer zu einer Kultur, die Selbstverwirklichung oft fast ausschliesslich individuell denkt. Natürlich ist persönliche Freiheit wichtig. Doch viele Menschen erleben irgendwann, dass reine Selbstoptimierung seltsam leer werden kann. Karriere, Status oder Erlebnisjagd ersetzen keine Verbundenheit.</p>

<p>Ich habe manchmal den Eindruck, dass unsere Gesellschaft das Gemeinschaftliche verlernt hat. Man spricht viel über Selbstschutz, <a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstmanagement" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstmanagement</span></a> und Selbstvermarktung – aber erstaunlich wenig darüber, wem man eigentlich nützt. Genau dort setzt Seneca an. Ein sinnvolles Leben entsteht nicht allein aus persönlichem Genuss, sondern aus Beziehung, Verantwortung und Grosszügigkeit.</p>

<p>Das klingt zunächst moralisch. Tatsächlich ist es aber auch psychologisch plausibel. Menschen brauchen das Gefühl, Teil von etwas Grösserem zu sein als ihrer eigenen Biografie.</p>

<h2 id="4-masshalten-ist-keine-schwäche-sondern-eine-kunst">4. Masshalten ist keine Schwäche, sondern eine Kunst</h2>

<p>Die Antike kannte noch keine sozialen Medien, keine Streamingplattformen und keine digitale Dauerablenkung. Dennoch verstand Seneca bereits etwas Grundsätzliches über den Menschen: Grenzenlosigkeit macht selten glücklich.</p>

<p><em>„Alles, was ich besitze, will ich weder auf schmutzige Weise hüten, noch verschwenderisch verstreuen …“</em> XX (3.)</p>

<p>Und über den Genuss schreibt er knapp: <em>„… die Mäßigung darin erfreut.“</em> X (3.)</p>

<p>Beinahe banal. Natürlich soll man Mass halten. Doch genau das scheint modernen Gesellschaften immer schwerer zu fallen. Unsere Welt ist auf Maximierung angelegt: mehr Leistung, mehr Sichtbarkeit, mehr Konsum, mehr Unterhaltung, mehr Effizienz. Selbst Erholung wird optimiert.</p>

<p>Dabei entsteht oft ein paradoxes Ergebnis. Menschen haben unendlich viele Möglichkeiten und verlieren gerade dadurch ihre innere Ruhe. Senecas Idee der Mässigung ist deshalb nicht kleinbürgerliche Bescheidenheit, sondern eine Form bewusster Selbstbegrenzung. Nicht alles, was möglich ist, muss ausgeschöpft werden. Vielleicht liegt darin sogar eine unterschätzte Form von Freiheit.</p>

<h2 id="5-lebe-nach-deinem-gewissen-nicht-nach-der-menge">5. Lebe nach Deinem Gewissen, nicht nach der Menge</h2>

<p>Kaum eine Passage wirkt aktueller als Senecas Warnung vor der Macht der öffentlichen Meinung.</p>

<p><em>„Nichts will ich der Meinung, Alles meiner Ueberzeugung wegen thun …“</em> XX (3.)</p>

<p>Und schon ganz am Anfang des Werkes schreibt er: <em>„… daß wir nicht nach Vernunftgründen, sondern nach Beispielen leben …“</em> I (3.)</p>

<p>Man könnte meinen, dieser Satz sei für das Zeitalter sozialer Medien geschrieben worden. Noch nie war es so einfach, sich permanent mit anderen zu vergleichen. Zustimmung wird sichtbar gemacht, Meinungen werden öffentlich bewertet und soziale Anerkennung lässt sich in Zahlen messen.</p>

<p>Das verändert Menschen. Viele beginnen irgendwann unbewusst, nicht mehr nach Überzeugung zu handeln, sondern nach Resonanz. Was wirkt gut? Was wird geliked? Was bringt Zustimmung? Seneca sieht darin eine Gefahr für die innere Freiheit. Wer sich ständig am Urteil der Menge orientiert, verliert irgendwann den Zugang zum eigenen Urteil.</p>

<p>Bemerkenswert ist dabei, dass Seneca selbst kein weltfremder Einsiedler war. Er bewegte sich im Machtzentrum des römischen Reiches, war reich, politisch einflussreich und zugleich ständig bedroht. Gerade deshalb wirken seine Gedanken glaubwürdig. Er schrieb nicht aus sicherer Distanz über die Versuchungen von Ruhm und Macht, sondern mitten aus ihnen heraus.</p>

<h2 id="warum-seneca-heute-wieder-gelesen-werden-sollte">Warum Seneca heute wieder gelesen werden sollte</h2>

<p>Vielleicht <a href="https://modernstoicism.com/why-not-stoicism-by-massimo-pigliucci/">erleben stoische Denker gerade deshalb eine Renaissance</a>. Nicht weil Menschen plötzlich wieder ernsthaft antike Philosophie lesen würden, sondern weil moderne Gesellschaften permanent Bedürfnisse erzeugen und gleichzeitig kaum Orientierung bieten. Allerdings wird die Stoa heute oft missverstanden. <a href="https://www.eur.nl/en/news/whats-wrong-stoicism-today">Viele behandeln sie wie ein weiteres Werkzeug der Selbstoptimierung</a>: effizienter arbeiten, härter werden, produktiver funktionieren, emotional unangreifbar erscheinen. In sozialen Medien wirkt der Stoiker nicht selten wie ein asketischer Hochleistungsmensch mit Morgenroutine und perfekter Selbstkontrolle.</p>

<p>Damit verfehlt man Seneca allerdings ziemlich gründlich. Die Stoa ist keine Technik zur Leistungssteigerung und auch <a href="https://www.theguardian.com/books/2024/oct/28/the-stoicism-secret-how-ryan-holiday-became-a-silicon-valley-guru">keine emotionslose Business-Philosophie</a> für Menschen mit Kalender-App und Koffeinproblem. Seneca interessiert sich nicht dafür, wie Du mehr erreichst, sondern wie Du innerlich freier wirst. Er verspricht kein perfektes Leben, keine dauernde Zufriedenheit und schon gar keine Wellness-Philosophie. Seine Texte handeln vielmehr davon, wie man trotz Unsicherheit, Verlust, Druck und menschlicher Schwäche Haltung bewahren kann.</p>

<p>Seine Gedanken sind nämlich unbequem. <a href="./besser-lernen-mit-seneca">Sie verlangen Disziplin</a>, <a href="./pierre-hadot-philosophie-als-uebung">Selbstbeobachtung</a> und die Bereitschaft, sich nicht vollständig von Konsum, öffentlicher Meinung oder Emotionen treiben zu lassen. Gerade darin liegt ihre Aktualität.</p>

<p>Interessanterweise war Seneca selbst keine makellose Figur und lebte keineswegs immer nach seinen eigenen Idealen. Doch vielleicht macht gerade das seine Texte menschlich. Er schrieb nicht als unfehlbarer Weiser, sondern als jemand, der dieselben Spannungen kannte wie wir: Ehrgeiz und Zweifel, Komfort und Gewissen, Macht und innere Unruhe.</p>

<h2 id="die-ruhe-die-wir-verlernt-haben">Die Ruhe, die wir verlernt haben</h2>

<p>Je älter ich werde, desto weniger überzeugen mich einfache Glücksversprechen. Viele moderne Ratgeber versprechen Optimierung, Effizienz oder mentale Kontrolle. Seneca interessiert sich für etwas anderes: Charakter. Für ihn entsteht ein gutes Leben nicht aus maximalem Genuss, sondern aus innerer Haltung.</p>

<p>Das wirkt zunächst streng. Gleichzeitig liegt darin etwas Tröstliches. Denn äussere Umstände lassen sich nur begrenzt kontrollieren. Die eigene Haltung dagegen zumindest teilweise schon. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ein römischer Philosoph aus dem ersten Jahrhundert plötzlich wieder relevant erscheint. Nicht weil er einfache Lösungen bietet, sondern weil er uns daran erinnert, dass ein ruhiger Geist wahrscheinlich wertvoller ist als ein perfekt kuratiertes Leben.</p>

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<p><strong>Bildquelle</strong>
Atelier/Werkstatt von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gerrit_van_Honthorst">Gerrit van Honthorst</a> (1592–1656): <em>Der Tod Senecas</em>, Centraal Museum, Utrecht, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Death_of_Seneca_from_the_workshop_of_Gerard_van_Honthorst_Centraal_Museum_4498.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/besser-leben-mit-seneca</guid>
      <pubDate>Wed, 13 May 2026 08:47:19 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Warum Time Boxing oft besser funktioniert als klassische To-do-Listen</title>
      <link>https://epicmind.ch/warum-time-boxing-oft-besser-funktioniert-als-klassische-to-do-listen?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Philippe de Champaigne: Vanitas&#xA;&#xA;Ich kenne kaum jemanden, der keine To-do-Liste führt. Manche arbeiten mit Apps, andere mit Notizbüchern, Haftzetteln oder ausgeklügelten Produktivitätssystemen. Trotzdem bleibt am Ende vieler Tage ein ähnliches Gefühl zurück: Man war beschäftigt, hat zahlreiche kleine Dinge erledigt – und dennoch scheint das Wesentliche liegen geblieben zu sein. Genau diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, mich intensiver mit einer Methode auseinanderzusetzen, die bei agilen Methoden oft angewendet wird: Time Boxing.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Was ist Time Boxing?&#xA;&#xA;Die Grundidee ist einfach. Aufgaben werden nicht nur gesammelt oder priorisiert, sondern erhalten einen konkreten Platz im Kalender. Statt bloss festzuhalten, was erledigt werden soll, wird auch definiert, wann und wie lange daran gearbeitet wird. Eine Aufgabe wird damit zu einem verbindlichen Termin – ähnlich wie ein Meeting oder ein Arztbesuch.&#xA;&#xA;Statt lediglich aufzuschreiben, dass die Steuererklärung erledigt werden muss, reservierst Du beispielsweise am Dienstag von 19:00 bis 20:00 Uhr Zeit für das Sortieren der Unterlagen. Statt „Präsentation vorbereiten“ steht im Kalender: „Mittwoch, 14:00 bis 15:30 Uhr: Folien finalisieren“. Aufgaben bleiben dadurch nicht abstrakt oder unverbindlich, sondern erhalten einen festen Platz im Alltag.&#xA;&#xA;Warum klassische To-do-Listen oft nicht ausreichen&#xA;&#xA;To-do-Listen haben durchaus ihre Berechtigung – sie helfen dabei, Aufgaben nicht zu vergessen und Mental Load auszulagern. Das Problem beginnt dort, wo Listen immer länger werden und dabei jede Aufgabe scheinbar denselben Stellenwert erhält.&#xA;&#xA;Ich beobachte bei mir selbst immer wieder einen typischen Effekt: Kleine, einfache Aufgaben werden bevorzugt erledigt, weil sie schnell ein Gefühl von Fortschritt vermitteln. Schliesslich kann ich so schnell viele Dinge abhaken. Schwierige oder langfristige Aufgaben dagegen werden aufschoben – oft tagelang, obwohl sie eigentlich wichtiger wären.&#xA;&#xA;Hinzu kommt, dass To-do-Listen selten realistisch mit der verfügbaren Zeit abgeglichen werden. Viele Menschen planen an einem einzigen Tag Aufgaben für zehn oder zwölf Stunden konzentrierter Arbeit ein, obwohl gleichzeitig Sitzungen, Unterbrechungen und spontane Anfragen stattfinden. Das führt fast zwangsläufig zu Frustration.&#xA;&#xA;Time Boxing zwingt zu einer anderen Perspektive. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: „Was muss ich tun?“, sondern auch: „Wann genau tue ich es – und wie viel Zeit ist mir diese Aufgabe tatsächlich wert?“&#xA;&#xA;Wie ich die Methode im Alltag anwende&#xA;&#xA;In der Praxis funktioniert Time Boxing vor allem dann gut, wenn Aufgaben möglichst konkret formuliert und in kleinere Einheiten zerlegt werden. „Wohnung putzen“ ist eine schlechte Timebox. „20 Minuten Küche reinigen“ oder „15 Minuten Unterlagen sortieren“ funktioniert deutlich besser. Dasselbe gilt beruflich: „Projekt vorbereiten“ bleibt zu vage. Präziser sind Zeitfenster wie „45 Minuten Konzept skizzieren“ oder „30 Minuten Offerten prüfen“.&#xA;&#xA;Wichtig ist ausserdem, den Zeitbedarf realistisch einzuschätzen. Analytische oder kreative Arbeiten dauern häufig länger als zunächst gedacht, und konzentrierte Arbeit ist anstrengender als ein Tag voller kleiner Aufgaben und Unterbrechungen. Ich plane deshalb bewusst Reserven und freie Zwischenräume ein. Ein lückenlos gefüllter Kalender sieht zwar effizient aus, funktioniert in der Realität aber selten. Time Boxing wird erst dann wirklich nützlich, wenn es nicht als starres Korsett verstanden wird, sondern als flexible Struktur das eigene #Zeitmanagement unterstützt.&#xA;&#xA;Der eigentliche Vorteil: Konzentration statt Dauerreaktion&#xA;&#xA;Der grösste Nutzen liegt für mich weniger in besserer Planung als in besserer Konzentration. Viele Menschen verbringen ihre Tage in einem Zustand permanenter Reaktion: E-Mails beantworten, Nachrichten lesen, kurz etwas prüfen, auf einen Anruf reagieren – und dann wieder zurück zur eigentlichen Aufgabe, bis die nächste Unterbrechung folgt.&#xA;&#xA;Das Problem dabei ist nicht nur die verlorene Zeit. Ständige Unterbrechungen erschweren tiefere Konzentration. Komplexe Aufgaben benötigen oft eine gewisse Anlaufzeit, bevor produktives Arbeiten überhaupt möglich wird. Während einer klar definierten Timebox versuche ich deshalb möglichst konsequent, Ablenkungen auszuschalten: kein offener Messenger, keine E-Mails nebenbei, keine „kurzen“ Kontrollblicke aufs Smartphone. Selbst Fokusblöcke von 30 bis 60 Minuten können dabei erstaunlich wirksam sein.&#xA;&#xA;Diese Methode funktioniert übrigens auch im Privatleben. Viele Vorhaben scheitern nicht an mangelnder Motivation, sondern daran, dass sie keinen festen Platz im Alltag erhalten. Lesen, Sport oder persönliche Projekte bleiben diffus und werden auf später verschoben. Wer bewusst Zeitfenster dafür reserviert, erhöht die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass diese Dinge tatsächlich stattfinden.&#xA;&#xA;Die Grenzen der Methode&#xA;&#xA;Trotz ihrer Vorteile ist Time Boxing keine universelle Lösung. Kreative Prozesse verlaufen selten linear, und nicht jedes Problem löst sich innerhalb von exakt 45 Minuten. Übertriebene Planung kann schnell ins Gegenteil kippen: Wer jede Viertelstunde kontrollieren und optimieren möchte, produziert zusätzlichen #Stress statt mehr Klarheit. Time Boxing funktioniert aus meiner Sicht am besten als pragmatische Orientierungshilfe – nicht als Versuch, jeden Moment maximal effizient auszunutzen.&#xA;&#xA;Ein einfacher Einstieg&#xA;&#xA;Wer die Methode ausprobieren möchte, muss dafür nicht den gesamten Alltag umstellen. Oft genügt es, zwei oder drei wichtige Aufgaben pro Tag bewusst als Timebox im Kalender zu reservieren – besonders solche, die sonst gerne aufgeschoben oder von Unterbrechungen verdrängt werden. Hilfreich ist, die Zeitfenster eher etwas kürzer zu halten und bewusst Puffer einzuplanen. Viele Menschen stellen nach kurzer Zeit fest, dass sie nicht unbedingt mehr arbeiten, aber klarer und konzentrierter. Time Boxing funktioniert übrigens besonders gut im Kontext des Task-Batchings, eine Methode, die ich auch schon vorgestellt habe.&#xA;&#xA;Time Boxing hilft letztlich nicht nur dabei, produktiver zu werden. Es schafft vor allem ein bewussteres Verhältnis zur eigenen Zeit – und damit auch zur Frage, womit man seine Aufmerksamkeit überhaupt verbringen möchte.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-time-boxing-oft-besser-funktioniert-als-klassische-to-do-listen&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Philippe de Champaigne (1602–1674): Vanitas, Musée de Tessé, Le Mans, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/ae/StillLifeWithASkull.jpg/960px-StillLifeWithASkull.jpg" alt="Philippe de Champaigne: Vanitas"/></p>

<p>Ich kenne kaum jemanden, der keine To-do-Liste führt. Manche arbeiten mit Apps, andere mit Notizbüchern, Haftzetteln oder ausgeklügelten Produktivitätssystemen. Trotzdem bleibt am Ende vieler Tage ein ähnliches Gefühl zurück: Man war beschäftigt, hat zahlreiche kleine Dinge erledigt – und dennoch scheint das Wesentliche liegen geblieben zu sein. Genau diese Erfahrung hat mich dazu gebracht, mich intensiver mit einer Methode auseinanderzusetzen, die bei agilen Methoden oft angewendet wird: Time Boxing.</p>



<h2 id="was-ist-time-boxing">Was ist Time Boxing?</h2>

<p>Die Grundidee ist einfach. Aufgaben werden nicht nur gesammelt oder priorisiert, sondern erhalten einen konkreten Platz im Kalender. Statt bloss festzuhalten, <em>was</em> erledigt werden soll, wird auch definiert, <em>wann</em> und <em>wie lange</em> daran gearbeitet wird. Eine Aufgabe wird damit zu einem verbindlichen Termin – ähnlich wie ein Meeting oder ein Arztbesuch.</p>

<p>Statt lediglich aufzuschreiben, dass die Steuererklärung erledigt werden muss, reservierst Du beispielsweise am Dienstag von 19:00 bis 20:00 Uhr Zeit für das Sortieren der Unterlagen. Statt „Präsentation vorbereiten“ steht im Kalender: „Mittwoch, 14:00 bis 15:30 Uhr: Folien finalisieren“. Aufgaben bleiben dadurch nicht abstrakt oder unverbindlich, sondern erhalten einen festen Platz im Alltag.</p>

<h2 id="warum-klassische-to-do-listen-oft-nicht-ausreichen">Warum klassische To-do-Listen oft nicht ausreichen</h2>

<p>To-do-Listen haben durchaus ihre Berechtigung – sie helfen dabei, Aufgaben nicht zu vergessen und Mental Load auszulagern. Das Problem beginnt dort, wo Listen immer länger werden und dabei jede Aufgabe scheinbar denselben Stellenwert erhält.</p>

<p>Ich beobachte bei mir selbst immer wieder einen typischen Effekt: Kleine, einfache Aufgaben werden bevorzugt erledigt, weil sie schnell ein Gefühl von Fortschritt vermitteln. Schliesslich kann ich so schnell viele Dinge abhaken. <a href="./selbstgesteuertes-lernen-mit-faster">Schwierige oder langfristige Aufgaben dagegen werden aufschoben</a> – oft tagelang, obwohl sie eigentlich wichtiger wären.</p>

<p>Hinzu kommt, dass To-do-Listen selten realistisch mit der verfügbaren Zeit abgeglichen werden. Viele Menschen planen an einem einzigen Tag Aufgaben für zehn oder zwölf Stunden konzentrierter Arbeit ein, obwohl gleichzeitig Sitzungen, Unterbrechungen und spontane Anfragen stattfinden. <a href="https://thedecisionlab.com/biases/planning-fallacy">Das führt fast zwangsläufig zu Frustration.</a></p>

<p>Time Boxing zwingt zu einer anderen Perspektive. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur: „Was muss ich tun?“, sondern auch: „Wann genau tue ich es – und wie viel Zeit ist mir diese Aufgabe tatsächlich wert?“</p>

<h2 id="wie-ich-die-methode-im-alltag-anwende">Wie ich die Methode im Alltag anwende</h2>

<p>In der Praxis funktioniert Time Boxing vor allem dann gut, wenn <a href="https://hbr.org/2018/12/how-timeboxing-works-and-why-it-will-make-you-more-productive">Aufgaben möglichst konkret formuliert und in kleinere Einheiten zerlegt werden</a>. „Wohnung putzen“ ist eine schlechte Timebox. „20 Minuten Küche reinigen“ oder „15 Minuten Unterlagen sortieren“ funktioniert deutlich besser. Dasselbe gilt beruflich: „Projekt vorbereiten“ bleibt zu vage. Präziser sind Zeitfenster wie „45 Minuten Konzept skizzieren“ oder „30 Minuten Offerten prüfen“.</p>

<p>Wichtig ist ausserdem, den Zeitbedarf realistisch einzuschätzen. Analytische oder kreative Arbeiten dauern häufig länger als zunächst gedacht, und konzentrierte Arbeit ist anstrengender als <a href="https://www.psychologie-heute.de/gesellschaft/artikel-detailansicht/44465-wir-schrotten-unseren-denkapparat.html">ein Tag voller kleiner Aufgaben und Unterbrechungen</a>. Ich plane deshalb bewusst Reserven und freie Zwischenräume ein. Ein lückenlos gefüllter Kalender sieht zwar effizient aus, funktioniert in der Realität aber selten. Time Boxing wird erst dann wirklich nützlich, wenn es nicht als starres Korsett verstanden wird, sondern als flexible Struktur das eigene <a href="https://epicmind.ch/tag:Zeitmanagement" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Zeitmanagement</span></a> unterstützt.</p>

<h2 id="der-eigentliche-vorteil-konzentration-statt-dauerreaktion">Der eigentliche Vorteil: Konzentration statt Dauerreaktion</h2>

<p>Der grösste Nutzen liegt für mich weniger in besserer Planung als in besserer Konzentration. Viele Menschen verbringen ihre Tage in einem Zustand permanenter Reaktion: E-Mails beantworten, Nachrichten lesen, kurz etwas prüfen, auf einen Anruf reagieren – und dann wieder zurück zur eigentlichen Aufgabe, bis die nächste Unterbrechung folgt.</p>

<p>Das Problem dabei ist nicht nur die verlorene Zeit. Ständige Unterbrechungen erschweren tiefere Konzentration. Komplexe Aufgaben benötigen oft eine gewisse Anlaufzeit, bevor produktives Arbeiten überhaupt möglich wird. Während einer klar definierten Timebox versuche ich deshalb möglichst konsequent, Ablenkungen auszuschalten: kein offener Messenger, keine E-Mails nebenbei, keine „kurzen“ Kontrollblicke aufs Smartphone. Selbst Fokusblöcke von 30 bis 60 Minuten können dabei erstaunlich wirksam sein.</p>

<p>Diese Methode funktioniert übrigens auch im Privatleben. Viele Vorhaben scheitern nicht an mangelnder Motivation, sondern daran, dass sie keinen festen Platz im Alltag erhalten. Lesen, Sport oder persönliche Projekte bleiben diffus und werden auf später verschoben. Wer bewusst Zeitfenster dafür reserviert, erhöht die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass diese Dinge tatsächlich stattfinden.</p>

<h2 id="die-grenzen-der-methode">Die Grenzen der Methode</h2>

<p>Trotz ihrer Vorteile ist Time Boxing keine universelle Lösung. Kreative Prozesse verlaufen selten linear, und nicht jedes Problem löst sich innerhalb von exakt 45 Minuten. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Planungsfehlschluss">Übertriebene Planung kann schnell ins Gegenteil kippen</a>: Wer jede Viertelstunde kontrollieren und optimieren möchte, produziert zusätzlichen <a href="https://epicmind.ch/tag:Stress" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Stress</span></a> statt mehr Klarheit. Time Boxing funktioniert aus meiner Sicht am besten als pragmatische Orientierungshilfe – nicht als Versuch, jeden Moment maximal effizient auszunutzen.</p>

<h2 id="ein-einfacher-einstieg">Ein einfacher Einstieg</h2>

<p>Wer die Methode ausprobieren möchte, muss dafür nicht den gesamten Alltag umstellen. Oft genügt es, zwei oder drei wichtige Aufgaben pro Tag bewusst als Timebox im Kalender zu reservieren – besonders solche, die sonst gerne aufgeschoben oder von Unterbrechungen verdrängt werden. Hilfreich ist, die Zeitfenster eher etwas kürzer zu halten und bewusst Puffer einzuplanen. Viele Menschen stellen nach kurzer Zeit fest, dass sie nicht unbedingt mehr arbeiten, aber klarer und konzentrierter. Time Boxing funktioniert übrigens besonders gut im Kontext des Task-Batchings, <a href="./task-batching-wie-das-bundeln-von-aufgaben-die-produktivitat-steigert">eine Methode, die ich auch schon vorgestellt habe</a>.</p>

<p>Time Boxing hilft letztlich nicht nur dabei, produktiver zu werden. Es schafft vor allem ein bewussteres Verhältnis zur eigenen Zeit – und damit auch zur Frage, womit man seine Aufmerksamkeit überhaupt verbringen möchte.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-time-boxing-oft-besser-funktioniert-als-klassische-to-do-listen">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Philippe_de_Champaigne">Philippe de Champaigne</a> (1602–1674): <em>Vanitas</em>, Musée de Tessé, Le Mans, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:StillLifeWithASkull.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
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]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/warum-time-boxing-oft-besser-funktioniert-als-klassische-to-do-listen</guid>
      <pubDate>Fri, 08 May 2026 12:57:05 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Macht uns das Smartphone wirklich dümmer? Was die Forschung nach sieben Jahren sagt</title>
      <link>https://epicmind.ch/macht-uns-das-smartphone-wirklich-duemmer-was-die-forschung-nach-sieben-jahren?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[McTaggart: The Storm&#xA;&#xA;In der heutigen digital vernetzten Welt ist das Smartphone für viele von uns ein ständiger Begleiter. Doch wie wirkt sich die blosse Anwesenheit dieses Geräts auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit aus? Diese Frage wurde erstmals durch die sogenannte Brain-Drain-Hypothese aufgeworfen, die besagt, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere geistigen Kapazitäten beeinträchtigen kann. In diesem Beitrag möchte ich mir die ursprüngliche Studie anschauen und sie mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontieren, die die Validität dieser Annahme infrage stellen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die ursprüngliche These: Smartphones als „kognitive Vampire“&#xA;&#xA;Die Brain-Drain-Hypothese wurde durch eine einflussreiche Studie im Jahr 2017 im Journal of the Association for Consumer Research eingeführt. Die Studie mit dem Titel „Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity“ [1] wurde vom Psychologen Adrian F. Ward und seinen Kollegen durchgeführt. Ward und sein Team wollten herausfinden, ob die blosse Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistung beeinträchtigt, insbesondere das Arbeitsgedächtnis – das mentale System, das uns hilft, Informationen über das, was wir gerade tun, zu speichern.&#xA;&#xA;In den Experimenten der Studie mussten die Teilnehmer Wörter erinnern und gleichzeitig mathematische Aufgaben lösen, um die Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses zu messen. Die Probanden hatten ihre Smartphones entweder auf dem Tisch, in der Tasche oder in einem anderen Raum. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer umso besser abschnitten, je weiter entfernt ihr Smartphone war. Dies deutete darauf hin, dass selbst die blosse Anwesenheit eines Smartphones kognitive Ressourcen beansprucht, selbst wenn man nicht aktiv daran denkt.&#xA;&#xA;Die Überprüfung: Eine Meta-Analyse räumt auf&#xA;&#xA;Seit der Veröffentlichung der ursprünglichen Studie von Ward et al. im Jahr 2017 haben weitere Forscher versucht, die Brain-Drain-Hypothese zu überprüfen und zu bestätigen. Eine der umfassendsten dieser Untersuchungen ist eine Meta-Analyse von Douglas A. Parry aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Does the mere presence of a smartphone impact cognitive performance? A meta-analysis of the &#39;brain drain effect&#39;“. [2] Parry, ein Dozent für Sozioinformatik an der Stellenbosch-Universität, analysierte Daten aus 27 verschiedenen Studien, um ein klareres Bild von der tatsächlichen Wirkung der Smartphone-Präsenz auf die kognitive Leistung zu erhalten.&#xA;&#xA;Ich finde es wichtig zu verstehen, was Parry in seiner Meta-Analyse untersuchte: Er betrachtete fünf kognitive Funktionen – Arbeitsgedächtnis, anhaltende Aufmerksamkeit, Inhibitionskontrolle, kognitive Flexibilität und fluide Intelligenz. Insgesamt analysierte er 56 Effektgrössen aus den 27 Studien. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Von den fünf kognitiven Funktionen zeigte nur das Arbeitsgedächtnis einen statistisch signifikanten negativen Effekt durch die Anwesenheit eines Smartphones. Bei den anderen vier kognitiven Funktionen fanden sich keine signifikanten Effekte.&#xA;&#xA;Dies steht im Einklang mit den ursprünglichen Ergebnissen von Ward und seinen Kollegen, jedoch mit einer wichtigen Einschränkung: Parrys Meta-Analyse ergab, dass der negative Effekt auf das Arbeitsgedächtnis wesentlich kleiner war als ursprünglich angenommen. Während Ward et al. einen deutlichen Einfluss auf das Arbeitsgedächtnis fanden, zeigte Parrys Analyse, dass dieser Effekt zwar vorhanden, aber relativ gering war.&#xA;&#xA;Diese Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Ergebnissen und den Meta-Analyse-Ergebnissen deutet darauf hin, dass die blosse Anwesenheit eines Smartphones nicht so stark beeinträchtigend ist, wie zunächst vermutet. Die Meta-Analyse wirft auch Fragen zur individuellen Variabilität auf: Wie stark jemand von der Anwesenheit eines Smartphones beeinträchtigt wird, könnte von persönlichen Faktoren abhängen, wie der Bedeutung, die der Person ihr Smartphone zumisst, oder der Anfälligkeit für das sogenannte „Fear of Missing Out“ (FOMO). [3] Diese Faktoren könnten erklären, warum einige Personen stärker betroffen sind als andere.&#xA;&#xA;Also eher ein Brain-Drip statt einem Brain-Drain?&#xA;&#xA;Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für Dich und mich im Alltag? Die anfänglichen Befürchtungen, dass Smartphones uns zu kognitiven Wracks machen, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Ja, es gibt einen messbaren Effekt auf unser Arbeitsgedächtnis, wenn das Smartphone in Reichweite liegt – aber dieser Effekt ist klein und betrifft längst nicht alle kognitiven Fähigkeiten gleichermassen.&#xA;&#xA;Statt eines dramatischen „Brain-Drain“ – eines massiven Abflusses unserer geistigen Kapazitäten – erleben wir eher einen „Brain-Drip“: ein leichtes, kontinuierliches Tröpfeln, das zwar messbar ist, aber bei weitem nicht die katastrophalen Ausmasse hat, die manche Schlagzeilen suggerieren.&#xA;&#xA;Dennoch lohnt es sich, über den eigenen Smartphone-Gebrauch nachzudenken. Die Forschung zeigt, dass individuelle Unterschiede eine Rolle spielen: Wer stark auf sein Smartphone angewiesen ist oder unter ausgeprägtem FOMO leidet, könnte stärker beeinträchtigt sein als andere. Die spannende Frage ist also nicht „Macht das Smartphone uns alle dümmer?“, sondern „Wie sehr beeinflusst mein Smartphone mich persönlich – und möchte ich daran etwas ändern?“&#xA;&#xA;Vielleicht ist das Smartphone beim nächsten Mal, wenn Du Dich auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren möchtest, tatsächlich besser in der Tasche oder im Nebenzimmer aufgehoben. Nicht weil die Wissenschaft uns dazu zwingt, sondern weil es sich für Dich richtig anfühlt. Die Entscheidung liegt bei Dir – und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/macht-uns-das-smartphone-wirklich-duemmer-was-die-forschung-nach-sieben-jahren&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] https://doi.org/10.1086/691462&#xA;[2] https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647&#xA;[3] Es gibt eine offizielle psychologisch validierte Skala für FOMO aus dem Jahr 2013: https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;William McTaggart (1835–1910): The Storm, National Galleries of Scotland, Edinburh, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/McTaggart%2C_The_Storm.jpg" alt="McTaggart: The Storm"/></p>

<p>In der heutigen digital vernetzten Welt ist das Smartphone für viele von uns ein ständiger Begleiter. Doch wie wirkt sich die blosse Anwesenheit dieses Geräts auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit aus? Diese Frage wurde erstmals durch die sogenannte <strong>Brain-Drain-Hypothese</strong> aufgeworfen, die besagt, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere geistigen Kapazitäten beeinträchtigen kann. In diesem Beitrag möchte ich mir die ursprüngliche Studie anschauen und sie mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontieren, die die Validität dieser Annahme infrage stellen.</p>



<h2 id="die-ursprüngliche-these-smartphones-als-kognitive-vampire">Die ursprüngliche These: Smartphones als „kognitive Vampire“</h2>

<p>Die Brain-Drain-Hypothese wurde durch eine einflussreiche Studie im Jahr 2017 im <em>Journal of the Association for Consumer Research</em> eingeführt. Die Studie mit dem Titel „Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity“ [1] wurde vom Psychologen Adrian F. Ward und seinen Kollegen durchgeführt. Ward und sein Team wollten herausfinden, ob die blosse Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistung beeinträchtigt, insbesondere das Arbeitsgedächtnis – das mentale System, das uns hilft, Informationen über das, was wir gerade tun, zu speichern.</p>

<p>In den Experimenten der Studie mussten die Teilnehmer Wörter erinnern und gleichzeitig mathematische Aufgaben lösen, um die Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses zu messen. Die Probanden hatten ihre Smartphones entweder auf dem Tisch, in der Tasche oder in einem anderen Raum. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer umso besser abschnitten, je weiter entfernt ihr Smartphone war. Dies deutete darauf hin, dass selbst die blosse Anwesenheit eines Smartphones kognitive Ressourcen beansprucht, selbst wenn man nicht aktiv daran denkt.</p>

<h2 id="die-überprüfung-eine-meta-analyse-räumt-auf">Die Überprüfung: Eine Meta-Analyse räumt auf</h2>

<p>Seit der Veröffentlichung der ursprünglichen Studie von Ward et al. im Jahr 2017 haben weitere Forscher versucht, die Brain-Drain-Hypothese zu überprüfen und zu bestätigen. Eine der umfassendsten dieser Untersuchungen ist eine Meta-Analyse von Douglas A. Parry aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Does the mere presence of a smartphone impact cognitive performance? A meta-analysis of the &#39;brain drain effect&#39;“. [2] Parry, ein Dozent für Sozioinformatik an der Stellenbosch-Universität, analysierte Daten aus 27 verschiedenen Studien, um ein klareres Bild von der tatsächlichen Wirkung der Smartphone-Präsenz auf die kognitive Leistung zu erhalten.</p>

<p>Ich finde es wichtig zu verstehen, was Parry in seiner Meta-Analyse untersuchte: Er betrachtete fünf kognitive Funktionen – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsged%C3%A4chtnis">Arbeitsgedächtnis</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit#Neurophysiologische_und_kognitive_Aspekte">anhaltende Aufmerksamkeit</a>, <a href="https://web.fhnw.ch/plattformen/hattie-wiki/begriffe/Inhibitorische_Kontrolle">Inhibitionskontrolle</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Flexibilit%C3%A4t">kognitive Flexibilität</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fluide_und_kristalline_Intelligenz">fluide Intelligenz</a>. Insgesamt analysierte er 56 Effektgrössen aus den 27 Studien. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Von den fünf kognitiven Funktionen zeigte nur das Arbeitsgedächtnis einen statistisch signifikanten negativen Effekt durch die Anwesenheit eines Smartphones. Bei den anderen vier kognitiven Funktionen fanden sich keine signifikanten Effekte.</p>

<p>Dies steht im Einklang mit den ursprünglichen Ergebnissen von Ward und seinen Kollegen, jedoch mit einer wichtigen Einschränkung: Parrys Meta-Analyse ergab, dass der negative Effekt auf das Arbeitsgedächtnis wesentlich kleiner war als ursprünglich angenommen. Während Ward et al. einen deutlichen Einfluss auf das Arbeitsgedächtnis fanden, zeigte Parrys Analyse, dass dieser Effekt zwar vorhanden, aber relativ gering war.</p>

<p>Diese Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Ergebnissen und den Meta-Analyse-Ergebnissen deutet darauf hin, dass die blosse Anwesenheit eines Smartphones nicht so stark beeinträchtigend ist, wie zunächst vermutet. Die Meta-Analyse wirft auch Fragen zur individuellen Variabilität auf: Wie stark jemand von der Anwesenheit eines Smartphones beeinträchtigt wird, könnte von persönlichen Faktoren abhängen, wie der Bedeutung, die der Person ihr Smartphone zumisst, oder der Anfälligkeit für das sogenannte „Fear of Missing Out“ (FOMO). [3] Diese Faktoren könnten erklären, warum einige Personen stärker betroffen sind als andere.</p>

<h2 id="also-eher-ein-brain-drip-statt-einem-brain-drain">Also eher ein Brain-Drip statt einem Brain-Drain?</h2>

<p>Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für Dich und mich im Alltag? Die anfänglichen Befürchtungen, dass Smartphones uns zu kognitiven Wracks machen, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Ja, es gibt einen messbaren Effekt auf unser Arbeitsgedächtnis, wenn das Smartphone in Reichweite liegt – aber dieser Effekt ist klein und betrifft längst nicht alle kognitiven Fähigkeiten gleichermassen.</p>

<p>Statt eines dramatischen „Brain-Drain“ – eines massiven Abflusses unserer geistigen Kapazitäten – erleben wir eher einen „Brain-Drip“: ein leichtes, kontinuierliches Tröpfeln, das zwar messbar ist, aber bei weitem nicht die katastrophalen Ausmasse hat, die manche Schlagzeilen suggerieren.</p>

<p>Dennoch lohnt es sich, über den eigenen Smartphone-Gebrauch nachzudenken. Die Forschung zeigt, dass individuelle Unterschiede eine Rolle spielen: Wer stark auf sein Smartphone angewiesen ist oder unter ausgeprägtem FOMO leidet, könnte stärker beeinträchtigt sein als andere. Die spannende Frage ist also nicht „Macht das Smartphone uns alle dümmer?“, sondern „Wie sehr beeinflusst mein Smartphone mich persönlich – und möchte ich daran etwas ändern?“</p>

<p>Vielleicht ist das Smartphone beim nächsten Mal, wenn Du Dich auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren möchtest, tatsächlich besser in der Tasche oder im Nebenzimmer aufgehoben. Nicht weil die Wissenschaft uns dazu zwingt, sondern weil es sich für Dich richtig anfühlt. Die Entscheidung liegt bei Dir – und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt.</p>

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<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] <a href="https://doi.org/10.1086/691462">https://doi.org/10.1086/691462</a>
[2] <a href="https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647">https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647</a>
[3] Es gibt eine offizielle psychologisch validierte Skala für FOMO aus dem Jahr 2013: <a href="https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014">https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014</a></p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_McTaggart">William McTaggart</a> (1835–1910): <em>The Storm</em>, National Galleries of Scotland, Edinburh, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:McTaggart,_The_Storm.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
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<div class="signature">
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        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

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      <pubDate>Fri, 06 Feb 2026 10:47:32 +0000</pubDate>
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