Warum wir lieber ergänzen als weglassen

Lego-Skulptur auf dem Legocampus in Billund

Eine wacklige Lego-Brücke steht am Anfang einer Reihe psychologischer Experimente. Der Ingenieur Leidy Klotz baute sie gemeinsam mit seinem dreijährigen Sohn. Einer der beiden Pfeiler war zu kurz, die Brücke deshalb instabil. Klotz griff in die Kiste, um einen passenden Stein zu suchen. Sein Sohn löste das Problem anders: Er nahm einen Stein vom längeren Pfeiler weg. Die Brücke war nun stabil, obwohl sie aus weniger Teilen bestand. Oder genauer: weil sie aus weniger Teilen bestand.

Die Geschichte interessiert mich auch deshalb, weil ich selbst mit LEGO® SERIOUS PLAY® arbeite. Beim Bauen liegt es nahe, nach einem weiteren Stein zu greifen. Jede Ergänzung ist sichtbar. Das Entfernen eines Steins wirkt dagegen zunächst wie ein Rückschritt, kann ein Modell jedoch ebenso grundlegend verändern.

Klotz untersuchte gemeinsam mit Forschenden aus Psychologie und Sozialwissenschaften, ob dahinter ein allgemeines Denkmuster steckt. Die Ergebnisse zeigen: Wenn wir etwas verbessern wollen, denken wir häufiger ans Hinzufügen als ans Weglassen. Diese Neigung wird als Additive Bias bezeichnet.

Mehr kommt uns schneller in den Sinn

In einem Experiment sollten Versuchspersonen eine Lego-Konstruktion stabilisieren. Eine Plattform ruhte auf einem einzelnen Pfeiler. Viele Teilnehmende ergänzten weitere Stützen, obwohl das Entfernen eines vorhandenen Steins die einfachere Lösung gewesen wäre. Als jeder zusätzlich eingesetzte Stein Geld kostete, entschieden sich mehr Personen fürs Wegnehmen. Das Muster blieb nicht auf Lego beschränkt. Auch bei geometrischen Figuren, Texten und einem bereits überladenen Ausflugsprogramm ergänzten die Teilnehmenden eher Elemente, als vorhandene zu entfernen. Unter zusätzlicher geistiger Belastung verstärkte sich diese Neigung [1].

Wir lehnen das Weglassen also nicht unbedingt ab. Häufig kommt es uns schlicht nicht in den Sinn. Additive Ideen sind schneller verfügbar. Wenn die erste Idee einigermassen funktioniert, suchen wir nicht weiter. Wurden Versuchspersonen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie auch etwas entfernen könnten, fanden sie häufiger vereinfachende Lösungen [2].

In populären Darstellungen wird der Additive Bias gelegentlich damit erklärt, dass unser Gehirn das Weglassen nicht möge oder evolutionär auf das Sammeln ausgerichtet sei. Solche Erklärungen sind plausibel, gehen aber über die Experimente hinaus. Belegt ist vor allem eine Schieflage bei der Suche nach Lösungen: Addition wird spontan berücksichtigt, Subtraktion erfordert eher einen zweiten, bewussten Denkschritt.

Scheinproduktivität durch noch mehr Organisation

Vielleicht kennst du das: Die Aufgaben häufen sich und du verlierst den Überblick. Als Lösung bietet sich eine neue App an. Du ergänzt deine Aufgabenliste um Kategorien, entwickelst eine genauere Morgenroutine oder baust ein weiteres Planungsinstrument in deinen Alltag ein. Ich kenne diesen Reflex aus meiner eigenen Arbeitsorganisation. Wenn Unterricht, Lehrgangsverantwortung, Selbständigkeit und Weiterbildung gleichzeitig Aufmerksamkeit verlangen, suche ich rasch nach einer besseren Methode oder einem zusätzlichen Werkzeug. Das vermittelt zunächst das beruhigende Gefühl, die Komplexität wieder unter Kontrolle zu haben.

Jede Ergänzung kann für sich vernünftig sein. Zusammen ergeben die Hilfsmittel jedoch leicht ein Arbeitssystem, das selbst Arbeit verursacht. Aufgaben müssen nicht nur erledigt, sondern auch erfasst, sortiert, synchronisiert und überprüft werden. Die Suche nach höherer Produktivität erzeugt neue Verpflichtungen [3]. Die unbequemere Frage lautet nicht, wie ich alles noch genauer organisiere. Sie lautet, welche Aufgabe, Information oder Verpflichtung wegfallen kann. Eine neue App lässt sich einrichten und als sichtbare Verbesserung verbuchen. Eine gestrichene Verpflichtung hinterlässt dagegen keine erkennbare Leistung.

Warum Organisationen das Hinzufügen belohnen

In Organisationen geht es nicht nur um individuelle Denkgewohnheiten. Hinzu kommen Strukturen, die additive Lösungen begünstigen. Wenn ein Problem auftritt, wird eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Ein Fehler führt zu einem weiteren Kontrollschritt. Für eine neue Aufgabe entsteht eine zusätzliche Rolle.

Das kann im Einzelfall sinnvoll sein. Dennoch prüfen Organisationen das Hinzufügen meist gründlicher als das Abschaffen. Wer ein Projekt startet, eine Regel erlässt oder einen Prozess erweitert, kann Aktivität nachweisen. Wer verhindert, dass unnötige Arbeit entsteht, hinterlässt weniger sichtbare Spuren.

Eine neue Regel besitzt zudem einen klar benennbaren Zweck. Ihre Folgekosten verteilen sich dagegen auf viele Menschen und über einen längeren Zeitraum. So entstehen Prozesse mit immer mehr Schritten. Jede Ergänzung hatte irgendwann einen Grund. Selten wird jedoch geprüft, ob dieser noch besteht. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt den Additive Bias deshalb nicht bloss als individuelles Denkmuster, sondern verbindet ihn mit Bürokratie, Konsum und politischen Interessen [4].

Allerdings wäre es zu einfach, organisatorische Komplexität allein psychologisch zu erklären. Haftungsfragen, politische Kompromisse, wirtschaftliche Interessen und Machtverhältnisse tragen ebenfalls dazu bei. Der Additive Bias ist keine Gesamterklärung. Er zeigt aber, weshalb ein Vorschlag für etwas Neues häufig bessere Ausgangsbedingungen hat als die Forderung, etwas Bestehendes abzuschaffen.

Was würden wir heute nicht mehr hinzufügen?

Aus dem Additive Bias folgt nicht, dass weniger grundsätzlich besser wäre. Manche Brücken benötigen tatsächlich einen zusätzlichen Pfeiler. Eine Organisation kann unter fehlenden Regeln leiden, und ein neues Werkzeug kann eine Aufgabe erleichtern.

Entscheidend ist, Addition und Subtraktion mit derselben Ernsthaftigkeit zu prüfen. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht, was wir als Nächstes ergänzen könnten, sondern: Wann haben wir zuletzt versucht, ein Problem zu lösen, indem wir etwas weggelassen haben?


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Quellen [1] https://www.boost.co.nz/blog/2021/06/new-cognitive-bias-and-agile-simplicity/ [2] https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/additive-bias-warum-uns-das-weglassen-bei-loesungen-schwerfaellt [3] https://anthonysanni.com/productivity-shorts-been-thinking/problem-solving-additive-bias [4] https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/karsten-wildberger-gabriel-yoran-verkrempelung-kapitalismus-additive-bias-e547325/

Bildquelle Lego-Skulptur auf dem Legocampus in Billund, fotografiert 2015 von WileyFoxes, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.