Warum wir aufschieben: Neun Typen der Prokrastination
![]()
Meine Steuererklärung scheitert selten daran, dass ich keine Zeit dafür hätte. Meist scheitert sie zunächst daran, dass ich keine Lust verspüre, mich einer Aufgabe zu unterwerfen, deren unmittelbaren Nutzen ich nicht erkenne. Ähnlich geht es mir bei Behördenschreiben oder administrativen Pflichten, die von aussen an mich herangetragen werden.
Mein Verhaltensmuster ist ziemlich zuverlässig: Ich verweigere zunächst den Beginn und erledige stattdessen demonstrativ etwas anderes. Natürlich handelt es sich dabei nicht um irgendeine Ablenkung, sondern um etwas vermeintlich Wichtiges. Ich beantworte E-Mails, ordne Unterlagen oder erledige eine Aufgabe, die ebenfalls schon länger auf meiner Liste steht. So kann ich mir einreden, produktiv zu sein. Erst wenn die Frist näher rückt und der äussere Druck gross genug wird, widme ich mich der ursprünglichen Aufgabe.
Lange hätte ich dieses Verhalten als mangelnde Disziplin bezeichnet. In der Typologie des Sozialwissenschaftlers Itamar Shatz [1] finde ich jedoch eine passendere Erklärung: Ich erkenne mich im „Rebellen“ wieder. Dieser schiebt Aufgaben nicht einfach aus Bequemlichkeit auf. Er wehrt sich gegen Fremdbestimmung und versucht, sich durch das Aufschieben ein Stück Autonomie zurückzuholen.
Der Rebell ist allerdings nur einer von neun Prokrastinationstypen, die Shatz unterscheidet. Dahinter steht eine wichtige Erkenntnis: Es gibt nicht den Prokrastinierer. Menschen schieben aus unterschiedlichen Gründen auf und benötigen entsprechend unterschiedliche Gegenstrategien.
Kein Mangel an Willenskraft
In meinem ersten Beitrag zum Thema habe ich #Prokrastination als freiwilliges Verzögern einer Aufgabe trotz absehbarer negativer Konsequenzen beschrieben. Entscheidend ist die Abgrenzung zum bewussten Aufschieben. Wer eine Aufgabe verschiebt, weil noch Informationen fehlen oder weil ein späterer Zeitpunkt tatsächlich günstiger ist, prokrastiniert nicht. Von Prokrastination sprechen wir, wenn wir wissen, dass uns die Verzögerung schadet, und trotzdem nicht handeln.
Häufig wird dieses Verhalten auf schlechte Planung, fehlende Motivation oder zu wenig Willenskraft zurückgeführt. Shatz hält das für eine Verwechslung von Ursache und Symptom. Hinter dem Aufschieben können Angst, Erschöpfung, Perfektionismus, geringe Erfolgserwartungen, Ablenkbarkeit oder ein Konflikt mit äusseren Erwartungen stehen. Derselbe Mensch kann je nach Aufgabe aus ganz unterschiedlichen Gründen prokrastinieren [2].
Das erklärt auch, weshalb allgemeine Produktivitätstipps so unzuverlässig funktionieren. Eine strengere Deadline kann einem leicht ablenkbaren Menschen helfen. Bei jemandem, der sich gegen äussere Kontrolle wehrt, verstärkt sie möglicherweise den Widerstand. Erholung ist für einen erschöpften Menschen notwendig. Für jemanden, der vor allem das unmittelbar Angenehme sucht, kann sie hingegen zur nächsten Ausweichhandlung werden.
In meinem zweiten Beitrag habe ich mit Skinners Gesetz einen Ansatz vorgestellt, der die Freude am Handeln erhöht oder die Kosten des Nichtstuns vergrössert. Auch solche Anreize können nützlich sein. Sie greifen aber zu kurz, wenn die eigentliche Ursache nicht erkannt wird.
Neun Typen der Prokrastination
Shatz unterscheidet neun typische Muster. Sie sind nicht als wissenschaftliche Diagnosen oder unveränderliche Persönlichkeitstypen zu verstehen. Vielmehr bieten sie ein Raster, um genauer zu beobachten, was hinter dem eigenen Aufschieben steckt.
| Typ | Typisches Muster | Mögliche Ursache | Passender Umgang |
|---|---|---|---|
| Besorgter | Beginnt nicht, weil etwas schiefgehen könnte | Angst vor negativen Konsequenzen oder Bewertung von aussen | Befürchtung konkret benennen, ihre Wahrscheinlichkeit prüfen und mit einem kleinen Schritt beginnen |
| Erschöpfter | Fühlt sich zu müde oder ausgelaugt für die Aufgabe | Überlastung oder Stress | Erholung priorisieren, Anforderungen überprüfen und unrealistische Ziele reduzieren |
| Perfektionist | Beginnt spät oder wird nie fertig | Überhöhter eigener Anspruch, das Ergebnis genügt nie ganz | Vorab festlegen, was «gut genug» bedeutet, und eine unfertige erste Version zulassen |
| Pessimist | Erwartet, ohnehin keinen Erfolg zu haben | Geringe Selbstwirksamkeit und starke Selbstkritik | Annahmen überprüfen und sich so beraten, wie man einen Freund beraten würde |
| Träumer | Denkt gerne über Ziele nach, setzt sie aber kaum um | Die Vorstellung der Zukunft ist attraktiver als die konkrete Arbeit | Wünsche in beobachtbare Handlungen, Termine und nächste Schritte übersetzen |
| Zickzack-Typ | Springt laufend zwischen Aufgaben und Reizen | Ablenkbarkeit, fehlende Prioritäten oder eine reizreiche Umgebung | Ein Ziel schriftlich festhalten, Ablenkungen entfernen und die Aufgabe in Schritte zerlegen |
| Rebell | Widersetzt sich vor allem fremden Vorgaben | Bedürfnis nach Autonomie und Kontrolle | Eigenen Nutzen klären und innerhalb der Aufgabe echte Wahlmöglichkeiten schaffen |
| Adrenalin-Sucher | Arbeitet erst kurz vor Ablauf der Frist | Aktivierung und Spannung durch Zeitdruck | Zwischenfristen setzen und die Kosten des hektischen Endspurts ehrlich bilanzieren |
| Hedonist | Entscheidet sich für das, was sich jetzt besser anfühlt | Unmittelbare Belohnungen wiegen stärker als spätere Vorteile | Versuchungen erschweren und die Aufgabe mit einer zeitnahen kleinen Belohnung verbinden |
Die Übersicht macht deutlich, dass eine identische Handlung sehr verschiedene Hintergründe haben kann. Zwei Personen reichen ihre Unterlagen erst am letzten Tag ein. Die eine fürchtet, einen Fehler zu machen, und kontrolliert jedes Detail mehrfach. Die andere empfindet die Aufgabe als fremdbestimmt und beginnt aus Widerstand nicht. Eine gemeinsame Deadline bedeutet noch keine gemeinsame Ursache.
Wie sich eine Ursache bei mir konkret zeigt: der Rebell und die Illusion der Kontrolle
Beim Rebellen erfüllt die Prokrastination eine besondere Funktion. Das Aufschieben vermittelt kurzfristig das Gefühl, sich einer Anordnung nicht vollständig zu unterwerfen. Ich entscheide schliesslich selbst, wann ich die Steuererklärung ausfülle. Indem ich zuerst andere Aufgaben erledige, stelle ich symbolisch meine eigene Prioritätenordnung wieder her. Das Problem liegt im Ergebnis. Was sich zunächst wie Selbstbestimmung anfühlt, führt zu immer stärkerer Fremdbestimmung. Die Frist rückt näher, der Handlungsspielraum schrumpft, und am Ende diktiert der Zeitdruck, wann und unter welchen Bedingungen ich arbeiten muss. Der Rebell verschafft sich durch das Aufschieben kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle und verliert dadurch langfristig umso mehr davon.
Mehr Druck ist deshalb nicht unbedingt die beste Antwort. Hilfreicher ist es, den eigenen Nutzen der Aufgabe zu klären. Eine Steuererklärung bleibt eine Pflicht. Ich kann sie aber als Voraussetzung betrachten, um finanzielle Angelegenheiten abzuschliessen, Unsicherheit zu beseitigen und anschliessend wieder über meine Zeit zu verfügen. Ebenso kann ich mir innerhalb der Aufgabe Wahlmöglichkeiten schaffen: Wann erledige ich sie? In welcher Reihenfolge gehe ich vor? Welche Unterlagen bereite ich zuerst vor? Hole ich Unterstützung oder arbeite ich allein? Die Aufgabe wird dadurch nicht angenehmer. Sie erscheint aber weniger als reiner Gehorsamsakt.
Erst die Ursache, dann die Methode
Die neun Typen erklären, weshalb es keine universelle Methode gegen Prokrastination gibt. “Fang einfach an” kann dem Besorgten helfen, sofern der erste Schritt klein genug ist. Einem tatsächlich erschöpften Menschen vermittelt derselbe Rat möglicherweise nur, er müsse seine Grenzen ignorieren. Eine öffentliche Verpflichtung kann für den Zickzack-Typ eine sinnvolle Struktur schaffen. Beim Rebellen kann sie zusätzlichen Widerstand auslösen.
Vor der Wahl einer Methode steht deshalb eine genauere Diagnose des eigenen Verhaltens. Dabei helfen drei Fragen:
- Was vermeide ich bei dieser Aufgabe konkret?
- Welches Gefühl verschwindet kurzfristig, wenn ich sie aufschiebe?
- Welche Veränderung würde genau diese Hürde verkleinern?
Manchmal lautet die Antwort Angst vor einem schlechten Ergebnis. Manchmal fehlt ein klarer erster Schritt. Vielleicht ist die Aufgabe tatsächlich unnötig, schlecht definiert oder unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum zu bewältigen. Nicht jede Abneigung ist ein psychologisches Problem, das mit besserem #Selbstmanagement gelöst werden muss.
Nützliche Orientierung statt festes Etikett
Die Typologie von Shatz vereinfacht natürlich komplexes Verhalten. Menschen lassen sich kaum dauerhaft einer einzigen Kategorie zuordnen. Bei administrativen Pflichten kann ich als Rebell reagieren, beim Schreiben eines wichtigen Textes dagegen perfektionistische Züge zeigen. Erschöpfung kann Ablenkbarkeit verstärken, während Pessimismus und Angst häufig gemeinsam auftreten.
Der Wert der Typologie liegt daher nicht darin, sich selbst ein neues Etikett zu geben. Sie stellt bessere Fragen bereit. Statt mich pauschal als undiszipliniert zu beurteilen, kann ich untersuchen, welche Funktion das Aufschieben in einer konkreten Situation erfüllt. Das ist weniger moralisch, aber anspruchsvoller: Eine unpassende Gegenstrategie lässt sich leicht anwenden. Die tatsächliche Ursache zu erkennen, verlangt ehrliche Selbstbeobachtung.
Meine Steuererklärung wird durch diese Erkenntnis weder interessanter noch schneller erledigbar. Ich muss sie weiterhin ausfüllen. Ich kann jedoch darauf verzichten, mich zunächst wegen mangelnder Willenskraft zu verurteilen und anschliessend noch mehr Druck aufzubauen. Sinnvoller ist es, meinen Widerstand als Hinweis zu verstehen und die Aufgabe so weit wie möglich wieder zu meiner eigenen zu machen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: wie diszipliniere ich mich besser? Sie lautet: warum schiebe ich genau diese Aufgabe auf?
💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)
Fussnoten [1] R. Blakely, «Zigzagger, dreamer or rebel: what kind of procrastinator are you?», The Times, 10. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: https://www.thetimes.com/uk/science/article/what-kind-of-procrastinator-are-you-cmqhd7zfq [2] I. Shatz, «Why People Procrastinate: The Psychology and Causes of Procrastination», Solving Procrastination. [Online]. Verfügbar: https://solvingprocrastination.com/why-people-procrastinate/
Bildquelle Friedrich Wilhelm von Schadow und Schüler (1788–1862): Hölle (rechter Teil des Triptychons Fegfeuer – Paradies – Hölle), Museum Kunstpalast, Düsseldorf Public Domain.
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.
Topic #Coaching | #ProductivityPorn