<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
  <channel>
    <title>erwachsenenbildung &amp;mdash; EpicMind</title>
    <link>https://epicmind.ch/tag:erwachsenenbildung</link>
    <description>Weisheiten für das digitale Leben</description>
    <pubDate>Thu, 01 Oct 2026 19:43:36 +0000</pubDate>
    <image>
      <url>https://i.snap.as/MW67raf5.png</url>
      <title>erwachsenenbildung &amp;mdash; EpicMind</title>
      <link>https://epicmind.ch/tag:erwachsenenbildung</link>
    </image>
    <item>
      <title>Assimilation statt Akkumulation</title>
      <link>https://epicmind.ch/assimilation-statt-akkumulation?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Barraud: La Tailleuse de Soupe&#xA;&#xA;1925 entdeckte der Klassikprofessor Carol Wight nachts in einer Maschinenwerkstatt einen ungewöhnlichen Leser. Ein Mechaniker lag auf dem schmutzigen Boden unter seiner Drehbank und las im Licht einer nackten Glühbirne Thukydides. Wight fragte ihn, weshalb er ausgerechnet einen griechischen Historiker aus dem fünften Jahrhundert vor Christus lese. Die Antwort war knapp: „because he makes me think“ – „weil er mich zum Denken bringt“. Thukydides helfe ihm zudem, die Gegenwart besser zu verstehen. [1]&#xA;&#xA;Später stellte Wight jene Frage, die Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer bis heute kennen: Was bringt dir das? Der Mechaniker deutete auf seine Drehbank und sagte: „I can shape steel with this; … I can shape men.“ Mit der Maschine könne er Stahl formen, mit dem Buch Menschen. 1] Auf diese Episode bin ich über einen Essay des Atlantic-Autors Elias Wachtel gestossen, der sie 2026 wieder aufnahm. [2] Der Mechaniker liest [Thukydides nicht, um Fakten anzuhäufen, sondern um seine eigene Welt anders sehen zu können.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Wenn „Taste“ zur Kernkompetenz wird&#xA;&#xA;Hundert Jahre später wird erneut darüber gestritten, welche Art von Wissen und Können zählt, wenn Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen. Eine populäre Antwort aus der KI-Branche lautet „Taste“. OpenAI-Präsident Greg Brockman brachte sie im Februar 2026 auf fünf Wörter: „taste is a new core skill“. [3] Zwei Tage zuvor hatte Paul Graham ähnlich argumentiert: Wenn praktisch jeder alles herstellen könne, werde entscheidend, was jemand überhaupt herzustellen wähle. [4]&#xA;&#xA;Mit „Taste“ ist mehr gemeint als ästhetischer Geschmack. Es geht um Auswahlvermögen, Qualitätsurteil und Richtung. Wenn ein KI-System in Sekunden zwanzig plausible Entwürfe erzeugt, verschiebt sich ein Teil menschlicher Arbeit von der Produktion zur Beurteilung. Die Rede vom „Taste“ ist allerdings umstritten. Kritiker haben darauf hingewiesen, dass der Begriff auffällig unscharf und schwer überprüfbar ist. Gerade das macht ihn auch als Statusbehauptung attraktiv: Maschinen produzieren, während diejenigen mit vermeintlich überlegenem Geschmack auswählen und Richtung vorgeben. [5]&#xA;&#xA;Sam Altman und Jakub Pachocki formulieren das zugrunde liegende Problem breiter. Mit leistungsfähigerer #KI würden Urteilskraft, Werte, Geschmack, Sorgfalt und Verantwortung wichtiger; langfristig müssten Menschen entscheiden, was überhaupt wert sei, getan zu werden. [6] Das ist plausibel. Doch es setzt etwas voraus, das die „Taste“-Debatte selten erklärt: Woher kommen die Massstäbe, mit denen wir zwischen guten und schlechten Möglichkeiten unterscheiden?&#xA;&#xA;Babbitts fast 130 Jahre alte Antwort&#xA;&#xA;Eine überraschend passende Antwort findet sich bei Irving Babbitt. Der spätere Harvard-Professor veröffentlichte 1897 im Atlantic Monthly einen Essay über klassische #Bildung. Dort schreibt er: „the aim proposed is the assimilation, and not the accumulation, of knowledge“ – Ziel sei die Assimilation und nicht die Akkumulation von Wissen. [7]&#xA;&#xA;Babbitts Kritik gilt einer Bildung, die Informationen anhäuft, ohne sie sich wirklich anzueignen. Blosse Gelehrsamkeit gewinne ihren Wert erst, wenn sie in Kultur überführt werde; Kultur wiederum sei erst vollständig, wenn sie Teil des Charakters geworden sei. [7] Akkumulation verändert meinen Wissensbestand. Assimilation verändert mich. Das Verstandene geht in spätere Wahrnehmungen und Urteile ein und verändert die Massstäbe, mit denen neue Erfahrungen beurteilt werden.&#xA;&#xA;Babbitts „Charakter“ ist allerdings nicht dasselbe wie das heutige „Taste“. Sein später sogenannter New Humanism) war ein normatives Programm, das Selbstdisziplin, kulturelle Massstäbe und die Kontrolle eigener Impulse betonte. [8] Wir müssen dieses Programm nicht übernehmen. Interessant ist die gemeinsame Voraussetzung: Urteile setzen Massstäbe voraus, und diese entstehen nicht erst im Moment einer Entscheidung. Babbitt erklärt also nicht Brockmans „Taste“ avant la lettre, sondern lenkt den Blick auf einen Bildungsprozess, den die aktuelle Debatte stillschweigend voraussetzt.&#xA;&#xA;Woher Geschmack kommt&#xA;&#xA;Damit wird auch Wights Mechaniker mehr als eine Anekdote über einen ungewöhnlich belesenen Arbeiter. Thukydides liefert ihm keine fertigen Antworten. Die Lektüre wird zum Material, mit dem er über Macht, Konflikte und menschliches Verhalten seiner Zeit nachdenken kann. Das Gelesene geht in sein Urteil über die Gegenwart ein. Genau darin lässt sich Babbitts Assimilation erkennen.&#xA;&#xA;Auch „Taste“ hat eine solche Vorgeschichte. Wer zwischen KI-generierten Vorschlägen sinnvoll auswählen will, braucht bereits Massstäbe. Sie entstehen aus Wissen und Verständnis, aber ebenso aus Erfahrung, Vergleichen, Vorbildern, Fehlurteilen und wiederholter Auseinandersetzung. Daraus kann sich Urteilskraft entwickeln. Geschmack wäre dann eine mögliche, häufig stärker intuitive Ausprägung dieser Urteilskraft. Entscheidend ist nicht erst die Auswahl, sondern auch der Prozess, durch den jemand überhaupt auswählen gelernt hat.&#xA;&#xA;Wenn KI uns die Aneignung erleichtert – oder abnimmt&#xA;&#xA;Genau hier wird generative KI für Bildung interessant. Sie kann die eigene Auseinandersetzung unterstützen. Ich kann einen schwierigen Essay zunächst selbst lesen und eine vorläufige Interpretation formulieren. Anschliessend kann ich ein KI-System auffordern, meine Lesart anzugreifen, Gegenargumente zu entwickeln oder auf übersehene Zusammenhänge hinzuweisen. Die Maschine nimmt mir das Urteil nicht ab; sie liefert den Widerstand, an dem ich es prüfen kann.&#xA;&#xA;Der Ablauf lässt sich auch umkehren. Ich kann mir vor der Lektüre die „fünf wichtigsten Gedanken“ geben, die Argumentation bewerten und die entscheidenden Passagen auswählen lassen. Wenn ich danach noch lese, tue ich es bereits durch ein von der KI gesetztes Raster. Problematisch ist nicht die Arbeitserleichterung an sich, sondern wenn sie jene Momente ersetzt, in denen ich selbst vergleichen, gewichten, begründen und entscheiden müsste. Zugriff auf Wissen ist noch keine Aneignung.&#xA;&#xA;Urteilskraft als exklusive Domäne?&#xA;&#xA;Auch „Taste“ sollte nicht zum letzten Schutzwall des Menschen erklärt werden. Anthropic untersucht mit dem TASTE-Benchmark, wie gut Modelle Forschungsprojekte beurteilen können. Das beste getestete Modell erreichte 60 Prozent Übereinstimmung mit den Referenzentscheidungen, die geschätzte Übereinstimmung erfahrener menschlicher Forschender mit den Benchmark-Labels lag bei 77 Prozent. Die Autoren halten es für möglich, dass künftige Modelle diese Lücke verkleinern. [9]&#xA;&#xA;Daraus folgt keineswegs, dass Maschinen menschliche Urteilskraft besitzen. Es zeigt aber, wie riskant es wäre, eine Bildungstheorie darauf aufzubauen, dass irgendeine Fähigkeit für KI grundsätzlich unerreichbar bleibt. Mich interessiert deshalb eine andere Frage stärker: Was müssen Menschen selbst entwickeln, damit sie begründet urteilen können, auch wenn Maschinen immer überzeugendere Vorschläge liefern?&#xA;&#xA;Was Wissen mit uns macht&#xA;&#xA;Je leichter Informationen verfügbar werden, desto weniger genügt es, bloss über sie verfügen zu können. Babbitts Assimilation erinnert daran, dass Bildung mehr als effizienter Zugriff auf Wissen sein kann – und sein muss. Sie findet auch dort statt, wo Wissen in die eigenen Massstäbe eingeht und spätere Urteile verändert.&#xA;&#xA;Der Mechaniker in Wights Werkstatt las Thukydides nicht einfach, um mehr zu wissen. Nach dem Umweg über Babbitt und die heutige „Taste“-Debatte lässt sich seine Antwort genauer verstehen: Der Text war für ihn wertvoll, weil er ihm half, eigene Massstäbe für die Gegenwart auszubilden. Genau darin liegt eine Bildungsaufgabe des KI-Zeitalters: nicht möglichst viel zu akkumulieren, sondern Wissen so zu assimilieren, dass daraus eigene Massstäbe und begründete Urteile entstehen.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/assimilation-statt-akkumulation&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Quellen&#xA;[1] C. Wight, „Greek in the Machine Shop“, The Atlantic Monthly, Bd. 136, Nr. 2, Aug. 1925, S. 247–250. [Online]. Verfügbar: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1925/08/greek-in-the-machine-shop/648483/&#xA;&#xA;[2] E. Wachtel, „The Ancient Texts That Teach You to Be Human“, The Atlantic, 16. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: https://www.theatlantic.com/newsletters/2026/07/defense-classics-education-useless-subject/687935/&#xA;&#xA;3] G. Brockman, „taste is a new core skill“, X, 16. Feb. 2026. [Online]. Verfügbar: [Originalbeitrag auf X&#xA;&#xA;4] P. Graham, „Prediction: In the AI age, taste will become even more important“, X, 14. Feb. 2026. [Online]. Verfügbar: [Originalbeitrag auf X&#xA;&#xA;[5] H. Chandonnet, „Is taste a &#39;new core skill&#39;? Techies debate — and quickly get memed“, Business Insider, 20. Feb. 2026. [Online]. Verfügbar: https://www.businessinsider.com/taste-new-core-skill-ai-debate-memes-2026-2&#xA;&#xA;[6] S. Altman und J. Pachocki, „Built to benefit everyone: our plan“, OpenAI, 8. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: https://openai.com/index/built-to-benefit-everyone-our-plan/&#xA;&#xA;[7] I. Babbitt, „The Rational Study of the Classics“, The Atlantic Monthly, Bd. 79, Nr. 473, März 1897. [Online]. Verfügbar: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1897/03/the-rational-study-of-the-classics/636019/&#xA;&#xA;[8] Harvard University Archives, „Papers of Irving Babbitt, 1855, 1881–1965“, HUG 1185. [Online]. Verfügbar: https://hollisarchives.lib.harvard.edu/catalog/hua10004&#xA;&#xA;[9] H. Baig, H. Joren und J. Benton, „TASTE: Can AI Models Judge AI Safety Research Proposals?“, Anthropic, 28. Aug. 2026. [Online]. Verfügbar: https://alignment.anthropic.com/2026/taste/&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;François Barraud (1899–1934): La tailleuse de soupe, Privatbesitz, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #Maschinenwelten&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/68/Fran%C3%A7ois_Barraud_-_La_Tailleuse_de_Soupe.jpg" alt="Barraud: La Tailleuse de Soupe"/></p>

<p>1925 entdeckte der Klassikprofessor Carol Wight nachts in einer Maschinenwerkstatt einen ungewöhnlichen Leser. Ein Mechaniker lag auf dem schmutzigen Boden unter seiner Drehbank und las im Licht einer nackten Glühbirne Thukydides. Wight fragte ihn, weshalb er ausgerechnet einen griechischen Historiker aus dem fünften Jahrhundert vor Christus lese. Die Antwort war knapp: „because he makes me think“ – „weil er mich zum Denken bringt“. Thukydides helfe ihm zudem, die Gegenwart besser zu verstehen. [1]</p>

<p>Später stellte Wight jene Frage, die Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer bis heute kennen: Was bringt dir das? Der Mechaniker deutete auf seine Drehbank und sagte: „I can shape steel with this; … I can shape men.“ Mit der Maschine könne er Stahl formen, mit dem Buch Menschen. [1] Auf diese Episode bin ich über einen Essay des <em>Atlantic</em>-Autors Elias Wachtel gestossen, der sie 2026 wieder aufnahm. [2] Der Mechaniker liest <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Thukydides">Thukydides</a> nicht, um Fakten anzuhäufen, sondern um seine eigene Welt anders sehen zu können.</p>



<h2 id="wenn-taste-zur-kernkompetenz-wird">Wenn „Taste“ zur Kernkompetenz wird</h2>

<p>Hundert Jahre später wird erneut darüber gestritten, welche Art von Wissen und Können zählt, wenn Maschinen immer mehr Aufgaben übernehmen. Eine populäre Antwort aus der KI-Branche lautet „Taste“. OpenAI-Präsident Greg Brockman brachte sie im Februar 2026 auf fünf Wörter: „taste is a new core skill“. [3] Zwei Tage zuvor hatte Paul Graham ähnlich argumentiert: Wenn praktisch jeder alles herstellen könne, werde entscheidend, was jemand überhaupt herzustellen wähle. [4]</p>

<p>Mit „Taste“ ist mehr gemeint als ästhetischer Geschmack. Es geht um Auswahlvermögen, Qualitätsurteil und Richtung. Wenn ein KI-System in Sekunden zwanzig plausible Entwürfe erzeugt, verschiebt sich ein Teil menschlicher Arbeit von der Produktion zur Beurteilung. Die Rede vom „Taste“ ist allerdings umstritten. Kritiker haben darauf hingewiesen, dass der Begriff auffällig unscharf und schwer überprüfbar ist. Gerade das macht ihn auch als Statusbehauptung attraktiv: Maschinen produzieren, während diejenigen mit vermeintlich überlegenem Geschmack auswählen und Richtung vorgeben. [5]</p>

<p>Sam Altman und Jakub Pachocki formulieren das zugrunde liegende Problem breiter. Mit leistungsfähigerer <a href="https://epicmind.ch/tag:KI" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">KI</span></a> würden Urteilskraft, Werte, Geschmack, Sorgfalt und Verantwortung wichtiger; langfristig müssten Menschen entscheiden, was überhaupt wert sei, getan zu werden. [6] Das ist plausibel. Doch es setzt etwas voraus, das die „Taste“-Debatte selten erklärt: Woher kommen die Massstäbe, mit denen wir zwischen guten und schlechten Möglichkeiten unterscheiden?</p>

<h2 id="babbitts-fast-130-jahre-alte-antwort">Babbitts fast 130 Jahre alte Antwort</h2>

<p>Eine überraschend passende Antwort findet sich bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Irving_Babbitt">Irving Babbitt</a>. Der spätere Harvard-Professor veröffentlichte 1897 im <em>Atlantic Monthly</em> einen Essay über klassische <a href="https://epicmind.ch/tag:Bildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Bildung</span></a>. Dort schreibt er: „the aim proposed is the assimilation, and not the accumulation, of knowledge“ – Ziel sei die Assimilation und nicht die Akkumulation von Wissen. [7]</p>

<p>Babbitts Kritik gilt einer Bildung, die Informationen anhäuft, ohne sie sich wirklich anzueignen. Blosse Gelehrsamkeit gewinne ihren Wert erst, wenn sie in Kultur überführt werde; Kultur wiederum sei erst vollständig, wenn sie Teil des Charakters geworden sei. [7] Akkumulation verändert meinen Wissensbestand. Assimilation verändert mich. Das Verstandene geht in spätere Wahrnehmungen und Urteile ein und verändert die Massstäbe, mit denen neue Erfahrungen beurteilt werden.</p>

<p>Babbitts „Charakter“ ist allerdings nicht dasselbe wie das heutige „Taste“. Sein später sogenannter <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/New_humanism_(literature)"><em>New Humanism</em></a> war ein normatives Programm, das Selbstdisziplin, kulturelle Massstäbe und die Kontrolle eigener Impulse betonte. [8] Wir müssen dieses Programm nicht übernehmen. Interessant ist die gemeinsame Voraussetzung: Urteile setzen Massstäbe voraus, und diese entstehen nicht erst im Moment einer Entscheidung. Babbitt erklärt also nicht Brockmans „Taste“ <em>avant la lettre</em>, sondern lenkt den Blick auf einen Bildungsprozess, den die aktuelle Debatte stillschweigend voraussetzt.</p>

<h2 id="woher-geschmack-kommt">Woher Geschmack kommt</h2>

<p>Damit wird auch Wights Mechaniker mehr als eine Anekdote über einen ungewöhnlich belesenen Arbeiter. Thukydides liefert ihm keine fertigen Antworten. Die Lektüre wird zum Material, mit dem er über Macht, Konflikte und menschliches Verhalten seiner Zeit nachdenken kann. Das Gelesene geht in sein Urteil über die Gegenwart ein. Genau darin lässt sich Babbitts Assimilation erkennen.</p>

<p>Auch „Taste“ hat eine solche Vorgeschichte. Wer zwischen KI-generierten Vorschlägen sinnvoll auswählen will, braucht bereits Massstäbe. Sie entstehen aus Wissen und Verständnis, aber ebenso aus Erfahrung, Vergleichen, Vorbildern, Fehlurteilen und wiederholter Auseinandersetzung. Daraus kann sich Urteilskraft entwickeln. Geschmack wäre dann eine mögliche, häufig stärker intuitive Ausprägung dieser Urteilskraft. Entscheidend ist nicht erst die Auswahl, <a href="./von-der-fach-zu-einer-gestaltungskompetenz-was-berufliches-koennen-im">sondern auch der Prozess, durch den jemand überhaupt auswählen gelernt hat</a>.</p>

<h2 id="wenn-ki-uns-die-aneignung-erleichtert-oder-abnimmt">Wenn KI uns die Aneignung erleichtert – oder abnimmt</h2>

<p>Genau hier wird generative KI für Bildung interessant. Sie kann die eigene Auseinandersetzung unterstützen. Ich kann einen schwierigen Essay zunächst selbst lesen und eine vorläufige Interpretation formulieren. Anschliessend kann ich ein KI-System auffordern, meine Lesart anzugreifen, Gegenargumente zu entwickeln oder auf übersehene Zusammenhänge hinzuweisen. Die Maschine nimmt mir das Urteil nicht ab; sie liefert den Widerstand, an dem ich es prüfen kann.</p>

<p>Der Ablauf lässt sich auch umkehren. Ich kann mir vor der Lektüre die „fünf wichtigsten Gedanken“ geben, die Argumentation bewerten und die entscheidenden Passagen auswählen lassen. Wenn ich danach noch lese, tue ich es bereits durch ein von der KI gesetztes Raster. Problematisch ist nicht die Arbeitserleichterung an sich, sondern wenn sie jene Momente ersetzt, in denen ich selbst vergleichen, gewichten, begründen und entscheiden müsste. Zugriff auf Wissen ist noch keine Aneignung.</p>

<h2 id="urteilskraft-als-exklusive-domäne">Urteilskraft als exklusive Domäne?</h2>

<p>Auch „Taste“ sollte nicht zum letzten Schutzwall des Menschen erklärt werden. Anthropic untersucht mit dem TASTE-Benchmark, wie gut Modelle Forschungsprojekte beurteilen können. Das beste getestete Modell erreichte 60 Prozent Übereinstimmung mit den Referenzentscheidungen, die geschätzte Übereinstimmung erfahrener menschlicher Forschender mit den Benchmark-Labels lag bei 77 Prozent. Die Autoren halten es für möglich, dass künftige Modelle diese Lücke verkleinern. [9]</p>

<p>Daraus folgt keineswegs, dass Maschinen menschliche Urteilskraft besitzen. Es zeigt aber, wie riskant es wäre, eine Bildungstheorie darauf aufzubauen, dass irgendeine Fähigkeit für KI grundsätzlich unerreichbar bleibt. Mich interessiert deshalb eine andere Frage stärker: Was müssen Menschen selbst entwickeln, damit sie begründet urteilen können, auch wenn Maschinen immer überzeugendere Vorschläge liefern?</p>

<h2 id="was-wissen-mit-uns-macht">Was Wissen mit uns macht</h2>

<p>Je leichter Informationen verfügbar werden, desto weniger genügt es, bloss über sie verfügen zu können. Babbitts Assimilation erinnert daran, dass Bildung mehr als effizienter Zugriff auf Wissen sein kann – und sein muss. Sie findet auch dort statt, wo Wissen in die eigenen Massstäbe eingeht und spätere Urteile verändert.</p>

<p>Der Mechaniker in Wights Werkstatt las Thukydides nicht einfach, um mehr zu wissen. Nach dem Umweg über Babbitt und die heutige „Taste“-Debatte lässt sich seine Antwort genauer verstehen: Der Text war für ihn wertvoll, weil er ihm half, eigene Massstäbe für die Gegenwart auszubilden. Genau darin liegt eine Bildungsaufgabe des KI-Zeitalters: nicht möglichst viel zu akkumulieren, sondern Wissen so zu assimilieren, dass daraus eigene Massstäbe und begründete Urteile entstehen.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/assimilation-statt-akkumulation">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Quellen</strong>
[1] C. Wight, „Greek in the Machine Shop“, <em>The Atlantic Monthly</em>, Bd. 136, Nr. 2, Aug. 1925, S. 247–250. [Online]. Verfügbar: <a href="https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1925/08/greek-in-the-machine-shop/648483/">https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1925/08/greek-in-the-machine-shop/648483/</a></p>

<p>[2] E. Wachtel, „The Ancient Texts That Teach You to Be Human“, <em>The Atlantic</em>, 16. Juli 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://www.theatlantic.com/newsletters/2026/07/defense-classics-education-useless-subject/687935/">https://www.theatlantic.com/newsletters/2026/07/defense-classics-education-useless-subject/687935/</a></p>

<p>[3] G. Brockman, „taste is a new core skill“, X, 16. Feb. 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://x.com/gdb/status/2023481258639286401">Originalbeitrag auf X</a></p>

<p>[4] P. Graham, „Prediction: In the AI age, taste will become even more important“, X, 14. Feb. 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://x.com/paulg/status/2022604692178522562">Originalbeitrag auf X</a></p>

<p>[5] H. Chandonnet, „Is taste a &#39;new core skill&#39;? Techies debate — and quickly get memed“, <em>Business Insider</em>, 20. Feb. 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://www.businessinsider.com/taste-new-core-skill-ai-debate-memes-2026-2">https://www.businessinsider.com/taste-new-core-skill-ai-debate-memes-2026-2</a></p>

<p>[6] S. Altman und J. Pachocki, „Built to benefit everyone: our plan“, OpenAI, 8. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://openai.com/index/built-to-benefit-everyone-our-plan/">https://openai.com/index/built-to-benefit-everyone-our-plan/</a></p>

<p>[7] I. Babbitt, „The Rational Study of the Classics“, <em>The Atlantic Monthly</em>, Bd. 79, Nr. 473, März 1897. [Online]. Verfügbar: <a href="https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1897/03/the-rational-study-of-the-classics/636019/">https://www.theatlantic.com/magazine/archive/1897/03/the-rational-study-of-the-classics/636019/</a></p>

<p>[8] Harvard University Archives, „Papers of Irving Babbitt, 1855, 1881–1965“, HUG 1185. [Online]. Verfügbar: <a href="https://hollisarchives.lib.harvard.edu/catalog/hua10004">https://hollisarchives.lib.harvard.edu/catalog/hua10004</a></p>

<p>[9] H. Baig, H. Joren und J. Benton, „TASTE: Can AI Models Judge AI Safety Research Proposals?“, Anthropic, 28. Aug. 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://alignment.anthropic.com/2026/taste/">https://alignment.anthropic.com/2026/taste/</a></p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Barraud">François Barraud</a> (1899–1934): <em>La tailleuse de soupe</em>, Privatbesitz, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fran%C3%A7ois_Barraud_-_La_Tailleuse_de_Soupe.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Maschinenwelten" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Maschinenwelten</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/assimilation-statt-akkumulation</guid>
      <pubDate>Fri, 04 Sep 2026 05:19:32 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Besser lernen mit Annotationen: 5 Methoden für Texte auf Papier und am Bildschirm</title>
      <link>https://epicmind.ch/besser-lernen-mit-annotationen-5-methoden-fuer-texte-auf-papier-und-am?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Kulikow: Tschirikow&#xA;&#xA;Wenn du einen bereits bearbeiteten Text später wieder zur Hand nimmst, kennst du vielleicht das Problem: Zahlreiche Stellen sind gelb, grün oder rot markiert, doch du weisst nicht mehr genau, weshalb eine Passage wichtig war oder was du daraus mitnehmen wolltest. Markierungen helfen dabei, Aufmerksamkeit zu lenken und relevante Stellen wiederzufinden. Sie ersetzen jedoch nicht die gedankliche Verarbeitung eines Textes.&#xA;&#xA;Dabei lohnt sich eine einfache Unterscheidung. Eine Markierung hebt eine Textstelle hervor. Eine Annotation verbindet sie mit einem eigenen Gedanken, etwa als Randnotiz, Kommentar, Frage oder Verweis. Eine praktische Regel lautet deshalb: Ergänze wichtige Markierungen um mindestens einen eigenen Gedanken. Dafür reichen oft wenige Wörter. Entscheidend ist nicht die Länge der Notiz, sondern dass du mit der markierten Stelle gedanklich etwas machst.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Was die Forschung dazu sagt&#xA;&#xA;Eine aktuelle Studie von Jieting Jerry Xin und Nicole Judith Tavares untersuchte 6517 textuelle Annotationen von 54 Studierenden auf der Lernplattform Perusall [1]. Die Forschenden unterschieden zehn Typen, darunter Notizen, Reflexionen, Kritik, Wissensanwendung und die Verknüpfung neuer Inhalte mit vorhandenem Wissen. Einige dieser Formen standen mit Engagement oder akademischer Leistung in Zusammenhang.&#xA;&#xA;Die Ergebnisse sind korrelativ und stammen aus einem spezifischen sozialen Hochschulkontext. Sie zeigen also nicht, dass bestimmte Annotationen automatisch zu besseren Lernergebnissen führen. Eine breitere Übersicht über verbreitete Lerntechniken kommt ausserdem zu einem zurückhaltenden Urteil über blosses Highlighting oder Unterstreichen: Dunlosky und Kollegen stufen diese Technik aufgrund der uneinheitlichen Befundlage als wenig nützlich ein, während aktivere Verfahren wie das Erklären in eigenen Worten günstiger bewertet werden 2]. Einige dieser Formen knüpfen an Lernstrategien wie Elaboration und elaborative Befragung an, die ich [bereits in einem früheren Beitrag vorgestellt habe.&#xA;&#xA;Die beobachteten Annotationstypen bieten damit einen guten Ausgangspunkt für eine einfache Lernheuristik. Daraus lassen sich fünf Methoden ableiten, die du sowohl auf Papier als auch digital verwenden kannst.&#xA;&#xA;1. Erklären&#xA;&#xA;Leitfrage: Was bedeutet das in meinen eigenen Worten?&#xA;&#xA;Wenn du eine Aussage nur markierst, hast du sie nicht unbedingt verstanden. Versuchst du dagegen, denselben Gedanken selbst zu formulieren, musst du seine Bedeutung zunächst erfassen. Dabei zeigt sich schnell, ob du den Inhalt tatsächlich erklären kannst oder lediglich die Formulierung des Textes wiedererkennst.&#xA;&#xA;Steht dort etwa: „Das Arbeitsgedächtnis verfügt nur über eine begrenzte Kapazität“, könnte deine Randnotiz lauten:&#xA;&#xA;  „Ich kann nur wenige neue Informationen gleichzeitig aktiv verarbeiten.“&#xA;&#xA;Die Paraphrase muss weder vollständig noch besonders elegant sein. Ihr Zweck besteht darin, einen Gedanken aus der Sprache des Textes in deine eigene Sprache zu übertragen.&#xA;&#xA;2. Hinterfragen&#xA;&#xA;Leitfrage: Stimmt das, und was spricht dafür oder dagegen?&#xA;&#xA;Beim Lesen von Lehrbüchern und wissenschaftlichen Texten kann leicht der Eindruck entstehen, eine Aussage sei eindeutiger oder allgemeingültiger, als sie tatsächlich ist. Beim #Lernen lohnt es sich deshalb, Voraussetzungen, Grenzen oder mögliche Widersprüche bewusst zu prüfen.&#xA;&#xA;Neben einer markierten Passage könntest du etwa notieren:&#xA;&#xA;  „Gilt das auch für erfahrene Lernende?“&#xA;&#xA;  „Welche Belege gibt es dafür?“&#xA;&#xA;  „Widerspricht das nicht der Aussage aus Kapitel 3?“&#xA;&#xA;Damit nimmst du einen Text nicht nur auf, sondern setzt dich mit seinen Argumenten auseinander. Gleichzeitig markierst du Stellen, die du später noch klären oder mit anderen Quellen vergleichen möchtest.&#xA;&#xA;3. Verknüpfen&#xA;&#xA;Leitfrage: Womit hängt das zusammen?&#xA;&#xA;Neue Informationen lassen sich besser einordnen, wenn du sie mit bereits vorhandenem Wissen verbindest. Die Perusall-Studie bezeichnet eine solche Form der Annotation als Schema Bridging, also als ausdrückliche Verbindung zwischen neuen Inhalten und bestehenden Wissensstrukturen [1].&#xA;&#xA;Bei einem Text über Lernprozesse könnte eine Notiz lauten:&#xA;&#xA;  „Hier geht es ebenfalls um begrenzte Verarbeitungskapazität wie bei der Cognitive-Load-Theorie, aber aus einer anderen Perspektive.“&#xA;&#xA;Solche Verknüpfungen müssen keineswegs immer theoretischer Natur sein. Liest du beispielsweise etwas über Gruppendynamik, könnte am Rand stehen:&#xA;&#xA;  „Genau das ist in unserer letzten Gruppenarbeit passiert.“&#xA;&#xA;Du baust damit Beziehungen zwischen neuem Wissen, bereits bekannten Konzepten und eigenen Erfahrungen auf. Ein einzelner Gedanke bleibt nicht isoliert, sondern erhält einen Platz in einem grösseren Zusammenhang.&#xA;&#xA;4. Anwenden&#xA;&#xA;Leitfrage: Wo kann ich diesen Gedanken auf einen neuen Fall übertragen?&#xA;&#xA;Ob du ein Konzept verstanden hast, zeigt sich unter anderem daran, ob du es für einen anderen Fall nutzen kannst. Dabei geht es um mehr als darum, ein passendes Beispiel zu finden. Du verwendest eine Aussage aus dem Text, um eine Situation zu erklären, zu beurteilen oder daraus eine Handlung abzuleiten.&#xA;&#xA;Nach einer Passage über die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses könntest du notieren:&#xA;&#xA;  „Dann sollte ich meine Lernpräsentation reduzieren und nicht fünf neue Begriffe gleichzeitig erklären.“&#xA;&#xA;Bei einem betriebswirtschaftlichen Modell könnte die Annotation dagegen lauten:&#xA;&#xA;  „Damit würde ich den Fall aus der letzten Gruppenarbeit anders beurteilen.“&#xA;&#xA;Mit solchen Notizen prüfst du zugleich, wie weit dein Verständnis trägt. Wenn du ein Konzept auf einen neuen Fall übertragen kannst, hast du mehr damit gemacht, als lediglich seine Definition zu behalten.&#xA;&#xA;5. Ergänzen&#xA;&#xA;Leitfrage: Was fehlt noch, damit ich diese Stelle verstehe oder weiterverwenden kann?&#xA;&#xA;Manche Passagen sind wichtig, obwohl noch etwas offenbleibt. Vielleicht fehlt dir ein Beispiel, eine Gegenposition, eine Definition oder ein Beleg. Eine Annotation kann diese Lücke sichtbar machen und gleichzeitig festhalten, welchen nächsten Schritt du unternehmen möchtest.&#xA;&#xA;Mögliche Notizen wären:&#xA;&#xA;  „Dazu ein konkretes Beispiel suchen.“&#xA;&#xA;  „Mit Studie XY vergleichen.“&#xA;&#xA;  „Unklar: Wie wird dieser Begriff gemessen?“&#xA;&#xA;  „Gegenargument aus der Vorlesung ergänzen.“&#xA;&#xA;Die Annotation wird damit zu einer kleinen Arbeitsanweisung. Das ist besonders nützlich bei Texten, auf die du später für eine Prüfung, eine schriftliche Arbeit oder eine Diskussion zurückkommen möchtest.&#xA;&#xA;Die fünf Methoden auf einen Blick&#xA;&#xA;| Methode          | Leitfrage                                        | Beispiel für eine Annotation     |&#xA;| ---------------- | ------------------------------------------------ | -------------------------------- |&#xA;| Erklären     | Was bedeutet das in meinen eigenen Worten?       | „Also bedeutet das …“            |&#xA;| Hinterfragen | Stimmt das, und was spricht dafür oder dagegen?  | „Gilt das auch, wenn …?“         |&#xA;| Verknüpfen   | Womit hängt das zusammen?                        | „Das erinnert mich an …“         |&#xA;| Anwenden     | Wo kann ich das auf einen neuen Fall übertragen? | „Für diesen Fall bedeutet das …“ |&#xA;| Ergänzen     | Was fehlt noch?                                  | „Dazu noch … prüfen.“            |&#xA;&#xA;Nicht jede Markierung braucht einen Kommentar&#xA;&#xA;Aus diesen fünf Methoden sollte keine neue Pflichtübung werden. Wenn du jeden markierten Satz ausführlich kommentierst, verbringst du bald mehr Zeit mit Randnotizen als mit dem eigentlichen Lernen. Sinnvoller ist es, sparsam zu markieren und dort weiterzuarbeiten, wo eine Passage tatsächlich wichtig genug ist, dass du sie verstehen, behalten oder später verwenden möchtest.&#xA;&#xA;Oft reicht dafür eine einzige zusätzliche Operation: erklären, hinterfragen, verknüpfen, anwenden oder ergänzen. Welche davon sinnvoll ist, hängt vom Text und von deinem Lernziel ab.&#xA;&#xA;Auf Papier und am Bildschirm&#xA;&#xA;Für diese fünf Methoden spielt das Medium nur eine Nebenrolle. Auf Papier genügen kurze Randnotizen, Pfeile, Fragezeichen oder Verweise auf andere Seiten. Digital kannst du dieselben Gedanken als Kommentar an einer Markierung festhalten, etwa in einem PDF-Reader, einem E-Book oder einer Lernplattform.&#xA;&#xA;Das Werkzeug beeinflusst vor allem, wie bequem du annotierst und wie leicht du deine Notizen später wiederfindest. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: Eine Markierung zeigt, was im Text wichtig ist. Eine Annotation hält fest, was du selbst damit gedacht hast.&#xA;&#xA;| Dieser Beitrag ist Teil einer lockeren Serie:                                                                                                                     |&#xA;| :---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- |&#xA;| 1. Effektiv und nachhaltig lernen: 4 wissenschaftlich fundierte Strategien            |&#xA;| 2. Effektiv und nachhaltig lernen (2): weitere wissenschaftlich fundierte Strategien     |&#xA;| 3. Die 2-7-30-Regel: Eine einfache Methode, Spaced Repetition umzusetzen                 |&#xA;| 4. Schlaf: Die unterschätzte Ressource für besseres Lernen                                            |&#xA;| 5. Drei evidenzbasierte Schritte, die Dein Lernen messbar verbessern                        |&#xA;| 6. Wie wir weniger vergessen – fünf einfache Wege, Wissen dauerhaft zu verankern |&#xA;| 7. Variation statt Wiederholung                                                                                                 |&#xA;| 8. Besser lernen mit Annotationen: 5 Methoden für Texte auf Papier und am Bildschirm                                                                              |&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/besser-lernen-mit-annotationen-5-methoden-fuer-texte-auf-papier-und-am&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Quellen&#xA;[1] J. J. Xin und N. J. Tavares, „Weaving the tapestry of student annotations on Perusall: Uncovering annotation types, syntactic patterns, and their role in learning“, Learning and Instruction, Bd. 104, Art. 102346, 2026, doi: 10.1016/j.learninstruc.2026.102346.&#xA;&#xA;[2] J. Dunlosky, K. A. Rawson, E. J. Marsh, M. J. Nathan und D. T. Willingham, „Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques: Promising Directions From Cognitive and Educational Psychology“, Psychological Science in the Public Interest, Bd. 14, Nr. 1, S. 4–58, 2013, doi: 10.1177/1529100612453266.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Iwan Kulikow (1875–1941): Der Schriftsteller Tschirikow, Gemäldegalerie, Murom, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;Erwachsenenbildung&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/3f/Kulikov_Writer_E.N.Chirikov_1904.jpg/960px-Kulikov_Writer_E.N.Chirikov_1904.jpg" alt="Kulikow: Tschirikow"/></p>

<p>Wenn du einen bereits bearbeiteten Text später wieder zur Hand nimmst, kennst du vielleicht das Problem: Zahlreiche Stellen sind gelb, grün oder rot markiert, doch du weisst nicht mehr genau, weshalb eine Passage wichtig war oder was du daraus mitnehmen wolltest. Markierungen helfen dabei, Aufmerksamkeit zu lenken und relevante Stellen wiederzufinden. Sie ersetzen jedoch nicht die gedankliche Verarbeitung eines Textes.</p>

<p>Dabei lohnt sich eine einfache Unterscheidung. Eine <strong>Markierung</strong> hebt eine Textstelle hervor. Eine <strong>Annotation</strong> verbindet sie mit einem eigenen Gedanken, etwa als Randnotiz, Kommentar, Frage oder Verweis. Eine praktische Regel lautet deshalb: <strong>Ergänze wichtige Markierungen um mindestens einen eigenen Gedanken.</strong> Dafür reichen oft wenige Wörter. Entscheidend ist nicht die Länge der Notiz, sondern dass du mit der markierten Stelle gedanklich etwas machst.</p>



<h2 id="was-die-forschung-dazu-sagt">Was die Forschung dazu sagt</h2>

<p>Eine aktuelle Studie von Jieting Jerry Xin und Nicole Judith Tavares untersuchte 6517 textuelle Annotationen von 54 Studierenden auf der Lernplattform Perusall [1]. Die Forschenden unterschieden zehn Typen, darunter Notizen, Reflexionen, Kritik, Wissensanwendung und die Verknüpfung neuer Inhalte mit vorhandenem Wissen. Einige dieser Formen standen mit Engagement oder akademischer Leistung in Zusammenhang.</p>

<p>Die Ergebnisse sind korrelativ und stammen aus einem spezifischen sozialen Hochschulkontext. Sie zeigen also nicht, dass bestimmte Annotationen automatisch zu besseren Lernergebnissen führen. Eine breitere Übersicht über verbreitete Lerntechniken kommt ausserdem zu einem zurückhaltenden Urteil über blosses Highlighting oder Unterstreichen: Dunlosky und Kollegen stufen diese Technik aufgrund der uneinheitlichen Befundlage als wenig nützlich ein, während aktivere Verfahren wie das Erklären in eigenen Worten günstiger bewertet werden [2]. Einige dieser Formen knüpfen an Lernstrategien wie Elaboration und elaborative Befragung an, die ich <a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-4-wissenschaftlich-fundierte-strategien">bereits in einem früheren Beitrag vorgestellt</a> habe.</p>

<p>Die beobachteten Annotationstypen bieten damit einen guten Ausgangspunkt für eine einfache Lernheuristik. Daraus lassen sich fünf Methoden ableiten, die du sowohl auf Papier als auch digital verwenden kannst.</p>

<h2 id="1-erklären">1. Erklären</h2>

<p><strong>Leitfrage: Was bedeutet das in meinen eigenen Worten?</strong></p>

<p>Wenn du eine Aussage nur markierst, hast du sie nicht unbedingt verstanden. Versuchst du dagegen, denselben Gedanken selbst zu formulieren, musst du seine Bedeutung zunächst erfassen. Dabei zeigt sich schnell, ob du den Inhalt tatsächlich erklären kannst oder lediglich die Formulierung des Textes wiedererkennst.</p>

<p>Steht dort etwa: „Das Arbeitsgedächtnis verfügt nur über eine begrenzte Kapazität“, könnte deine Randnotiz lauten:</p>

<blockquote><p>„Ich kann nur wenige neue Informationen gleichzeitig aktiv verarbeiten.“</p></blockquote>

<p>Die Paraphrase muss weder vollständig noch besonders elegant sein. Ihr Zweck besteht darin, einen Gedanken aus der Sprache des Textes in deine eigene Sprache zu übertragen.</p>

<h2 id="2-hinterfragen">2. Hinterfragen</h2>

<p><strong>Leitfrage: Stimmt das, und was spricht dafür oder dagegen?</strong></p>

<p>Beim Lesen von Lehrbüchern und wissenschaftlichen Texten kann leicht der Eindruck entstehen, eine Aussage sei eindeutiger oder allgemeingültiger, als sie tatsächlich ist. Beim <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a> lohnt es sich deshalb, Voraussetzungen, Grenzen oder mögliche Widersprüche bewusst zu prüfen.</p>

<p>Neben einer markierten Passage könntest du etwa notieren:</p>

<blockquote><p>„Gilt das auch für erfahrene Lernende?“</p>

<p>„Welche Belege gibt es dafür?“</p>

<p>„Widerspricht das nicht der Aussage aus Kapitel 3?“</p></blockquote>

<p>Damit nimmst du einen Text nicht nur auf, sondern setzt dich mit seinen Argumenten auseinander. Gleichzeitig markierst du Stellen, die du später noch klären oder mit anderen Quellen vergleichen möchtest.</p>

<h2 id="3-verknüpfen">3. Verknüpfen</h2>

<p><strong>Leitfrage: Womit hängt das zusammen?</strong></p>

<p>Neue Informationen lassen sich besser einordnen, wenn du sie mit bereits vorhandenem Wissen verbindest. Die Perusall-Studie bezeichnet eine solche Form der Annotation als <em>Schema Bridging</em>, also als ausdrückliche Verbindung zwischen neuen Inhalten und bestehenden Wissensstrukturen [1].</p>

<p>Bei einem Text über Lernprozesse könnte eine Notiz lauten:</p>

<blockquote><p>„Hier geht es ebenfalls um begrenzte Verarbeitungskapazität wie bei der Cognitive-Load-Theorie, aber aus einer anderen Perspektive.“</p></blockquote>

<p>Solche Verknüpfungen müssen keineswegs immer theoretischer Natur sein. Liest du beispielsweise etwas über Gruppendynamik, könnte am Rand stehen:</p>

<blockquote><p>„Genau das ist in unserer letzten Gruppenarbeit passiert.“</p></blockquote>

<p>Du baust damit Beziehungen zwischen neuem Wissen, bereits bekannten Konzepten und eigenen Erfahrungen auf. Ein einzelner Gedanke bleibt nicht isoliert, sondern erhält einen Platz in einem grösseren Zusammenhang.</p>

<h2 id="4-anwenden">4. Anwenden</h2>

<p><strong>Leitfrage: Wo kann ich diesen Gedanken auf einen neuen Fall übertragen?</strong></p>

<p>Ob du ein Konzept verstanden hast, zeigt sich unter anderem daran, ob du es für einen anderen Fall nutzen kannst. Dabei geht es um mehr als darum, ein passendes Beispiel zu finden. Du verwendest eine Aussage aus dem Text, um eine Situation zu erklären, zu beurteilen oder daraus eine Handlung abzuleiten.</p>

<p>Nach einer Passage über die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächtnisses könntest du notieren:</p>

<blockquote><p>„Dann sollte ich meine Lernpräsentation reduzieren und nicht fünf neue Begriffe gleichzeitig erklären.“</p></blockquote>

<p>Bei einem betriebswirtschaftlichen Modell könnte die Annotation dagegen lauten:</p>

<blockquote><p>„Damit würde ich den Fall aus der letzten Gruppenarbeit anders beurteilen.“</p></blockquote>

<p>Mit solchen Notizen prüfst du zugleich, wie weit dein Verständnis trägt. Wenn du <a href="./variation-statt-wiederholung">ein Konzept auf einen neuen Fall übertragen</a> kannst, hast du mehr damit gemacht, als lediglich seine Definition zu behalten.</p>

<h2 id="5-ergänzen">5. Ergänzen</h2>

<p><strong>Leitfrage: Was fehlt noch, damit ich diese Stelle verstehe oder weiterverwenden kann?</strong></p>

<p>Manche Passagen sind wichtig, obwohl noch etwas offenbleibt. Vielleicht fehlt dir ein Beispiel, eine Gegenposition, eine Definition oder ein Beleg. Eine Annotation kann diese Lücke sichtbar machen und gleichzeitig festhalten, welchen nächsten Schritt du unternehmen möchtest.</p>

<p>Mögliche Notizen wären:</p>

<blockquote><p>„Dazu ein konkretes Beispiel suchen.“</p>

<p>„Mit Studie XY vergleichen.“</p>

<p>„Unklar: Wie wird dieser Begriff gemessen?“</p>

<p>„Gegenargument aus der Vorlesung ergänzen.“</p></blockquote>

<p>Die Annotation wird damit zu einer kleinen Arbeitsanweisung. Das ist besonders nützlich bei Texten, auf die du später für eine Prüfung, eine schriftliche Arbeit oder eine Diskussion zurückkommen möchtest.</p>

<h2 id="die-fünf-methoden-auf-einen-blick">Die fünf Methoden auf einen Blick</h2>

<table>
<thead>
<tr>
<th>Methode</th>
<th>Leitfrage</th>
<th>Beispiel für eine Annotation</th>
</tr>
</thead>

<tbody>
<tr>
<td><strong>Erklären</strong></td>
<td>Was bedeutet das in meinen eigenen Worten?</td>
<td>„Also bedeutet das …“</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Hinterfragen</strong></td>
<td>Stimmt das, und was spricht dafür oder dagegen?</td>
<td>„Gilt das auch, wenn …?“</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Verknüpfen</strong></td>
<td>Womit hängt das zusammen?</td>
<td>„Das erinnert mich an …“</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Anwenden</strong></td>
<td>Wo kann ich das auf einen neuen Fall übertragen?</td>
<td>„Für diesen Fall bedeutet das …“</td>
</tr>

<tr>
<td><strong>Ergänzen</strong></td>
<td>Was fehlt noch?</td>
<td>„Dazu noch … prüfen.“</td>
</tr>
</tbody>
</table>

<h2 id="nicht-jede-markierung-braucht-einen-kommentar">Nicht jede Markierung braucht einen Kommentar</h2>

<p>Aus diesen fünf Methoden sollte keine neue Pflichtübung werden. Wenn du jeden markierten Satz ausführlich kommentierst, verbringst du bald mehr Zeit mit Randnotizen als mit dem eigentlichen Lernen. Sinnvoller ist es, sparsam zu markieren und dort weiterzuarbeiten, wo eine Passage tatsächlich wichtig genug ist, dass du sie verstehen, behalten oder später verwenden möchtest.</p>

<p>Oft reicht dafür eine einzige zusätzliche Operation: <strong>erklären, hinterfragen, verknüpfen, anwenden oder ergänzen</strong>. Welche davon sinnvoll ist, hängt vom Text und von deinem Lernziel ab.</p>

<h2 id="auf-papier-und-am-bildschirm">Auf Papier und am Bildschirm</h2>

<p>Für diese fünf Methoden spielt das Medium nur eine Nebenrolle. Auf Papier genügen kurze Randnotizen, Pfeile, Fragezeichen oder Verweise auf andere Seiten. Digital kannst du dieselben Gedanken als Kommentar an einer Markierung festhalten, etwa in einem PDF-Reader, einem E-Book oder einer Lernplattform.</p>

<p>Das Werkzeug beeinflusst vor allem, wie bequem du annotierst und wie leicht du deine Notizen später wiederfindest. Das Grundprinzip bleibt dasselbe: <strong>Eine Markierung zeigt, was im Text wichtig ist. Eine Annotation hält fest, was du selbst damit gedacht hast.</strong></p>

<table>
<thead>
<tr>
<th align="left">Dieser Beitrag ist Teil einer lockeren Serie:</th>
</tr>
</thead>

<tbody>
<tr>
<td align="left">1. <a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-4-wissenschaftlich-fundierte-strategien">Effektiv und nachhaltig lernen: 4 wissenschaftlich fundierte Strategien</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">2. <a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-2-weitere-wissenschaftlich-fundierte">Effektiv und nachhaltig lernen (2): weitere wissenschaftlich fundierte Strategien</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">3. <a href="./die-2-7-30-regel-eine-einfache-methode-spaced-repetition-umzusetzen">Die 2-7-30-Regel: Eine einfache Methode, Spaced Repetition umzusetzen</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">4. <a href="./schlaf-die-unterschatzte-ressource-fur-besseres-lernen">Schlaf: Die unterschätzte Ressource für besseres Lernen</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">5. <a href="./drei-evidenzbasierte-schritte-die-dein-lernen-messbar-verbessern">Drei evidenzbasierte Schritte, die Dein Lernen messbar verbessern</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">6. <a href="./wie-wir-weniger-vergessen-fuenf-einfache-wege-wissen-dauerhaft-zu-verankern">Wie wir weniger vergessen – fünf einfache Wege, Wissen dauerhaft zu verankern</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">7. <a href="./variation-statt-wiederholung">Variation statt Wiederholung</a></td>
</tr>

<tr>
<td align="left">8. Besser lernen mit Annotationen: 5 Methoden für Texte auf Papier und am Bildschirm</td>
</tr>
</tbody>
</table>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/besser-lernen-mit-annotationen-5-methoden-fuer-texte-auf-papier-und-am">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Quellen</strong>
[1] J. J. Xin und N. J. Tavares, „Weaving the tapestry of student annotations on Perusall: Uncovering annotation types, syntactic patterns, and their role in learning“, <em>Learning and Instruction</em>, Bd. 104, Art. 102346, 2026, doi: 10.1016/j.learninstruc.2026.102346.</p>

<p>[2] J. Dunlosky, K. A. Rawson, E. J. Marsh, M. J. Nathan und D. T. Willingham, „Improving Students’ Learning With Effective Learning Techniques: Promising Directions From Cognitive and Educational Psychology“, <em>Psychological Science in the Public Interest</em>, Bd. 14, Nr. 1, S. 4–58, 2013, doi: 10.1177/1529100612453266.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Iwan_Semjonowitsch_Kulikow">Iwan Kulikow</a> (1875–1941): <em>Der Schriftsteller Tschirikow</em>, Gemäldegalerie, Murom, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kulikov_Writer_E.N.Chirikov_1904.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/besser-lernen-mit-annotationen-5-methoden-fuer-texte-auf-papier-und-am</guid>
      <pubDate>Tue, 25 Aug 2026 20:42:02 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Von der Fach- zu einer Gestaltungskompetenz: Was berufliches Können im KI-Zeitalter braucht</title>
      <link>https://epicmind.ch/von-der-fach-zu-einer-gestaltungskompetenz-was-berufliches-koennen-im?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Gauermann: Beim Hufschmied&#xA;&#xA;Ich habe den Sommer unter anderem dazu genutzt, verschiedene aktuelle Entwicklungen in der Berufsbildung und beruflichen Weiterbildung genauer zu verfolgen. Besonders auffällig war für mich, dass sehr unterschiedliche Initiativen auf ein ähnliches Problem reagieren: Berufliche Kompetenz lässt sich unter Bedingungen schnellen technologischen Wandels immer weniger in einzelnen Kursen oder punktuellen Qualifikationen organisieren. Europäische Initiativen, Projekte des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und aktuelle OECD-Arbeiten weisen vielmehr in Richtung eines kontinuierlichen Systems der Kompetenzentwicklung. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht das einzige Thema, aber ein wichtiger Beschleuniger.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Lernen wird Teil der Erwerbsbiografie&#xA;&#xA;Die Europäische Kommission fordert in ihren beschäftigungspolitischen Leitlinien für 2026, Erwachsenen den Zugang zu kontinuierlicher Weiterbildung zu erleichtern. Genannt werden unter anderem individuelle Lernkonten, verlässliche Bildungsangebote und die Förderung digitaler Kompetenzen, einschliesslich AI Literacy. Bereits die europäische „Union of Skills“ hatte individuelle Lernkonten und Microcredentials als Instrumente hervorgehoben, mit denen sich Kompetenzaufbau flexibler über das Erwerbsleben verteilen lässt [1].&#xA;&#xA;Für mich zeigt sich darin ein verändertes Verständnis beruflicher Qualifikation. Eine Person erwirbt nicht mehr zuerst einen Berufs- oder Studienabschluss und ergänzt diesen später gelegentlich durch weitere Kurse. Unter Bedingungen schnellen technologischen und wirtschaftlichen Wandels wird Weiterbildung vielmehr zu einem normalen Teil der beruflichen Entwicklung.&#xA;&#xA;Dafür braucht es nicht zwangsläufig längere formale Programme. Unterschiedliche Formate können sich ergänzen: arbeitsplatzbezogene Qualifizierung, kurze Kurse, Microcredentials und umfangreichere Abschlüsse. Entscheidend ist, dass erworbene Kompetenzen sichtbar und möglichst über verschiedene Lernorte hinweg anerkennbar bleiben.&#xA;&#xA;Weiterbildung beginnt „on the job“, nicht im Kurs&#xA;&#xA;Eine zweite Entwicklung wird in aktuellen Projekten des BIBB sichtbar. Im Programm „Nachhaltig im Beruf“ untersuchen 17 Transformationsprojekte unter anderem, wie Kompetenzentwicklung, künstliche Intelligenz, Qualifizierungsstrategien für kleinere und mittlere Unternehmen und neue Formen betrieblicher Weiterbildung zusammenspielen [2].&#xA;&#xA;Interessant ist für mich vor allem die Verschiebung des Ausgangspunkts. Nicht das bestehende Kursangebot steht am Anfang, sondern die Veränderung der Arbeit: Welche Tätigkeiten entstehen neu? Welche verändern sich? Welche Aufgaben können Maschinen übernehmen? Welches Erfahrungswissen bleibt notwendig? Welche Kompetenzen brauchen Beschäftigte unter diesen Bedingungen?&#xA;&#xA;Ein allgemeiner Kurs über generative #KI kann Grundlagen vermitteln. Für die Praxis ist jedoch wichtiger, wie sich etwa Kundenberatung, Projektarbeit, #Führung oder Marketing konkret verändern. Erst daraus lässt sich ableiten, was Beschäftigte neu erwerben müssen.&#xA;&#xA;Qualifizierung wird so stärker Teil der Arbeits- und Organisationsgestaltung. Kompetenzaufbau begleitet Veränderungen, statt ihnen erst nachträglich zu folgen.&#xA;&#xA;Auch das Bildungssystem muss schneller lernen&#xA;&#xA;Die OECD richtet den Blick auf das Berufsbildungssystem selbst. Ihr Bericht „Developing Vocational Education and Training with Artificial Intelligence“ untersucht anhand von Befragungen in 25 Ländern und zehn Länderfallstudien, darunter die Schweiz und Deutschland, wie Berufsbildung auf neue Kompetenzanforderungen reagieren kann [3].&#xA;&#xA;Curricula und Qualifikationsprofile verändern sich oft langsamer als Arbeit und Technologie. KI könnte dabei unterstützen, Anpassungsprozesse zu beschleunigen, etwa bei:&#xA;&#xA;Arbeitsmarktanalysen,&#xA;Kompetenz-Mapping,&#xA;Curriculum-Entwürfen,&#xA;Konsistenzprüfungen.&#xA;&#xA;Für diesen Einsatz nennt die OECD fünf Leitprinzipien [4]:&#xA;&#xA;menschliche Orientierung,&#xA;Vielfalt und Inklusion,&#xA;Verantwortlichkeit,&#xA;Transparenz,&#xA;Datenqualität und Sicherheit.&#xA;&#xA;KI soll fachliches und kollektives Urteil unterstützen, nicht ersetzen. Für mich folgt daraus eine zweite Ebene kontinuierlicher Anpassung: Nicht nur Beschäftigte müssen sich weiterentwickeln, sondern auch die #Bildung selbst.&#xA;&#xA;Vier Stufen beruflicher Kompetenz&#xA;&#xA;Aus diesen Entwicklungen habe ich für mich ein einfaches Vier-Stufen-Modell beruflicher Kompetenz abgeleitet. Es ist kein BIBB-Modell im engeren Sinn, sondern meine eigene Verdichtung und Weiterentwicklung von Ansätzen, die das BIBB für Medien-, IT- und zunehmend auch KI-Kompetenzen verwendet.&#xA;&#xA;Ein wichtiger Bezugspunkt ist das MIKA-Konzept des BIBB zur Medien- und IT-Kompetenz von Ausbildungspersonal. Seine didaktische Progression unterscheidet „Erinnern &amp; Verstehen“, „Anwenden &amp; Analysieren“ sowie „Bewerten &amp; Kreieren“ [5]. Auch neuere BIBB-Arbeiten zu KI betonen, dass Kompetenz über allgemeines Wissen hinausgeht und sachgerechte Nutzung, das Nachvollziehen von Systemausgaben sowie das Erkennen möglicher Fehler und Risiken einschliesst [6].&#xA;&#xA;Für den beruflichen Umgang mit KI übersetze ich diese Überlegungen in drei Stufen: Fachkompetenz, Anwendungskompetenz und Urteilskompetenz. Hinzu kommt eine vierte Stufe, die ich bewusst ergänze: Gestaltungskompetenz. Sie trägt dem Umstand Rechnung, dass KI nicht nur einzelne Tätigkeiten verändert, sondern zunehmend auch Arbeitsprozesse, Rollen und Verantwortlichkeiten.&#xA;&#xA;Infografik zum vierstufigen Modell, erstellt mit ChatGPT&#xA;&#xA;Die erste Stufe ist Fachkompetenz. Eine Person versteht ihre berufliche Aufgabe und könnte sie grundsätzlich selbst bearbeiten. Wer eine Aufgabe fachlich nicht versteht, kann auch maschinell erzeugte Ergebnisse kaum beurteilen. Eine Sachbearbeiterin im Personalwesen muss beispielsweise wissen, welche Informationen in ein qualifiziertes Arbeitszeugnis gehören, bevor sie dessen Entwurf einer KI überlässt.&#xA;&#xA;Darauf folgt Anwendungskompetenz. Beschäftigte können geeignete digitale und KI-gestützte Werkzeuge für ihre Aufgaben einsetzen. Unsere Sachbearbeiterin weiss nun, welches System sie verwenden kann, welche Informationen sie bereitstellen darf und wie sie einen brauchbaren Entwurf erzeugt.&#xA;&#xA;Die dritte Stufe ist Urteilskompetenz. KI-generierte Texte, Analysen oder Empfehlungen müssen fachlich, rechtlich und ethisch geprüft werden. Die Sachbearbeiterin kontrolliert deshalb, ob das Arbeitszeugnis korrekt, vollständig, diskriminierungsfrei und mit den betrieblichen Vorgaben vereinbar ist. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Kann ich KI benutzen?“, sondern: „Kann ich verantworten, was dabei entsteht?“&#xA;&#xA;Die vierte Stufe ist Gestaltungskompetenz. Sie ist meine eigene Ergänzung des Modells und geht bewusst über die individuelle Nutzung und Beurteilung von KI hinaus. Unsere Sachbearbeiterin könnte nun gemeinsam mit ihrer Organisation festlegen, für welche Schritte KI eingesetzt wird, wo menschliche Kontrolle nötig bleibt, wer Verantwortung trägt und wie der neue Prozess dokumentiert wird. Aus individueller KI-Kompetenz wird damit Organisationskompetenz.&#xA;&#xA;Weiterbildung als Infrastruktur&#xA;&#xA;Damit zeichnet sich ein mögliches Zukunftsbild ab. Berufliche Weiterbildung wäre weniger eine Folge einzelner Technologiesprünge, auf die jeweils mit neuen Kursen reagiert wird. Sie würde vielmehr zu einer dauerhaften Infrastruktur, mit deren Hilfe Menschen, Unternehmen und Bildungssysteme Veränderungen bearbeiten können.&#xA;&#xA;Das wäre mehr als „lebenslanges #Lernen“ als wohlklingende Formel. Es würde bedeuten, Qualifizierung systematisch mit Arbeit zu verbinden, kleinere und grössere Bildungsbausteine kombinierbar zu machen, bestehende Kompetenzen anzuerkennen und Qualifikationsprofile regelmässiger an veränderte Tätigkeiten anzupassen.&#xA;&#xA;Künstliche Intelligenz ist dabei möglicherweise weniger das eigentliche Thema als der Beschleuniger einer Entwicklung, die bereits länger zu beobachten ist. Wenn Wissen schneller veraltet und Tätigkeiten häufiger neu zusammengesetzt werden, genügt es immer weniger, einmal einen Beruf zu lernen. Entscheidend wird die Fähigkeit, fachliches Können zu erhalten, neue Werkzeuge anzuwenden, ihre Ergebnisse zu beurteilen und schliesslich die eigene Arbeit unter veränderten Bedingungen neu zu gestalten.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/von-der-fach-zu-einer-gestaltungskompetenz-was-berufliches-koennen-im&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Quellen&#xA;[1] Europäische Kommission, „Proposal for a Council Decision on guidelines for the employment policies of the Member States“, COM(2026) 510, 3. Juni 2026. URL: https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-10269-2026-ADD-1/en/pdf&#xA;&#xA;[2] Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), „Auftakttagung der Transformationsprojekte im Programm Nachhaltig im Beruf“, 5. August 2026. URL: https://www.bibb.de/de/191525.php&#xA;&#xA;[3] OECD, Developing Vocational Education and Training with Artificial Intelligence, OECD Reviews of Vocational Education and Training, Paris: OECD Publishing, 23. Juni 2026. URL: https://www.oecd.org/en/publications/developing-vocational-education-and-training-with-artificial-intelligencee9f76b4e-en.html&#xA;&#xA;[4] OECD, Five Principles for the Effective Use of AI in Vocational Education and Training Development, OECD Publishing, 23. Juni 2026. URL: https://www.oecd.org/en/publications/five-principles-for-the-effective-use-of-ai-in-vocational-education-and-training-developmentee8c8e8e-en.html&#xA;&#xA;[5] Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), „Medien- und IT-Kompetenz für Ausbildungspersonal (MIKA)“, Bonn. URL: https://www.bibb.de/de/186279.php&#xA;&#xA;[6] S. Straub, „Künstliche Intelligenz in der beruflichen Bildung. Rechtliche Anforderungen der KI-Verordnung“, Bundesinstitut für Berufsbildung, 2025. URL: https://www.bibb.de/dokumente/pdf/Straub2025KuenstlicheIntelligenzinderberufliche.pdf&#xA;&#xA;Bildquellen&#xA;Friedrich Gauermann (1807–1862): Beim Hufschmied, Dorotheum, Wien Public Domain.&#xA;Die Infografik zum vierstufigen Modell wurde mit GPT-5.6 Sol Mittel erstellt.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet. Für das Erstellen der Infografik wurde ChatGPT benutzt.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #Maschinenwelten&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/20/Friedrich_Gauermann_Beim_Hufschmied.jpg/960px-Friedrich_Gauermann_Beim_Hufschmied.jpg" alt="Gauermann: Beim Hufschmied"/></p>

<p>Ich habe den Sommer unter anderem dazu genutzt, verschiedene aktuelle Entwicklungen in der Berufsbildung und beruflichen Weiterbildung genauer zu verfolgen. Besonders auffällig war für mich, dass sehr unterschiedliche Initiativen auf ein ähnliches Problem reagieren: Berufliche Kompetenz lässt sich unter Bedingungen schnellen technologischen Wandels immer weniger in einzelnen Kursen oder punktuellen Qualifikationen organisieren. Europäische Initiativen, Projekte des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und aktuelle OECD-Arbeiten weisen vielmehr in Richtung eines kontinuierlichen Systems der Kompetenzentwicklung. Künstliche Intelligenz ist dabei nicht das einzige Thema, aber ein wichtiger Beschleuniger.</p>



<h2 id="lernen-wird-teil-der-erwerbsbiografie">Lernen wird Teil der Erwerbsbiografie</h2>

<p>Die Europäische Kommission fordert in ihren beschäftigungspolitischen Leitlinien für 2026, Erwachsenen den Zugang zu kontinuierlicher Weiterbildung zu erleichtern. Genannt werden unter anderem individuelle Lernkonten, verlässliche Bildungsangebote und die Förderung digitaler Kompetenzen, einschliesslich AI Literacy. Bereits die europäische „Union of Skills“ hatte individuelle Lernkonten und Microcredentials als Instrumente hervorgehoben, mit denen sich Kompetenzaufbau flexibler über das Erwerbsleben verteilen lässt [1].</p>

<p>Für mich zeigt sich darin ein verändertes Verständnis beruflicher Qualifikation. Eine Person erwirbt nicht mehr zuerst einen Berufs- oder Studienabschluss und ergänzt diesen später gelegentlich durch weitere Kurse. Unter Bedingungen schnellen technologischen und wirtschaftlichen Wandels wird Weiterbildung vielmehr zu einem normalen Teil der beruflichen Entwicklung.</p>

<p>Dafür braucht es nicht zwangsläufig längere formale Programme. Unterschiedliche Formate können sich ergänzen: arbeitsplatzbezogene Qualifizierung, kurze Kurse, Microcredentials und umfangreichere Abschlüsse. Entscheidend ist, dass erworbene Kompetenzen sichtbar und möglichst über verschiedene Lernorte hinweg anerkennbar bleiben.</p>

<h2 id="weiterbildung-beginnt-on-the-job-nicht-im-kurs">Weiterbildung beginnt „on the job“, nicht im Kurs</h2>

<p>Eine zweite Entwicklung wird in aktuellen Projekten des BIBB sichtbar. Im Programm „Nachhaltig im Beruf“ untersuchen 17 Transformationsprojekte unter anderem, wie Kompetenzentwicklung, künstliche Intelligenz, Qualifizierungsstrategien für kleinere und mittlere Unternehmen und neue Formen betrieblicher Weiterbildung zusammenspielen [2].</p>

<p>Interessant ist für mich vor allem die Verschiebung des Ausgangspunkts. Nicht das bestehende Kursangebot steht am Anfang, sondern die Veränderung der Arbeit: Welche Tätigkeiten entstehen neu? Welche verändern sich? Welche Aufgaben können Maschinen übernehmen? Welches Erfahrungswissen bleibt notwendig? Welche Kompetenzen brauchen Beschäftigte unter diesen Bedingungen?</p>

<p>Ein allgemeiner Kurs über generative <a href="https://epicmind.ch/tag:KI" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">KI</span></a> kann Grundlagen vermitteln. Für die Praxis ist jedoch wichtiger, wie sich etwa Kundenberatung, Projektarbeit, <a href="https://epicmind.ch/tag:F%C3%BChrung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Führung</span></a> oder Marketing konkret verändern. Erst daraus lässt sich ableiten, was Beschäftigte neu erwerben müssen.</p>

<p>Qualifizierung wird so stärker Teil der Arbeits- und Organisationsgestaltung. Kompetenzaufbau begleitet Veränderungen, statt ihnen erst nachträglich zu folgen.</p>

<h2 id="auch-das-bildungssystem-muss-schneller-lernen">Auch das Bildungssystem muss schneller lernen</h2>

<p>Die OECD richtet den Blick auf das Berufsbildungssystem selbst. Ihr Bericht „Developing Vocational Education and Training with Artificial Intelligence“ untersucht anhand von Befragungen in 25 Ländern und zehn Länderfallstudien, darunter die Schweiz und Deutschland, wie Berufsbildung auf neue Kompetenzanforderungen reagieren kann [3].</p>

<p>Curricula und Qualifikationsprofile verändern sich oft langsamer als Arbeit und Technologie. KI könnte dabei unterstützen, Anpassungsprozesse zu beschleunigen, etwa bei:</p>
<ul><li>Arbeitsmarktanalysen,</li>
<li>Kompetenz-Mapping,</li>
<li>Curriculum-Entwürfen,</li>
<li>Konsistenzprüfungen.</li></ul>

<p>Für diesen Einsatz nennt die OECD fünf Leitprinzipien [4]:</p>
<ul><li>menschliche Orientierung,</li>
<li>Vielfalt und Inklusion,</li>
<li>Verantwortlichkeit,</li>
<li>Transparenz,</li>
<li>Datenqualität und Sicherheit.</li></ul>

<p>KI soll fachliches und kollektives Urteil unterstützen, nicht ersetzen. Für mich folgt daraus eine zweite Ebene kontinuierlicher Anpassung: Nicht nur Beschäftigte müssen sich weiterentwickeln, sondern auch die <a href="https://epicmind.ch/tag:Bildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Bildung</span></a> selbst.</p>

<h2 id="vier-stufen-beruflicher-kompetenz">Vier Stufen beruflicher Kompetenz</h2>

<p>Aus diesen Entwicklungen habe ich für mich ein einfaches Vier-Stufen-Modell beruflicher Kompetenz abgeleitet. Es ist kein BIBB-Modell im engeren Sinn, sondern meine eigene Verdichtung und Weiterentwicklung von Ansätzen, die das BIBB für Medien-, IT- und zunehmend auch KI-Kompetenzen verwendet.</p>

<p>Ein wichtiger Bezugspunkt ist das MIKA-Konzept des BIBB zur Medien- und IT-Kompetenz von Ausbildungspersonal. Seine didaktische Progression unterscheidet „Erinnern &amp; Verstehen“, „Anwenden &amp; Analysieren“ sowie „Bewerten &amp; Kreieren“ [5]. Auch neuere BIBB-Arbeiten zu KI betonen, dass Kompetenz über allgemeines Wissen hinausgeht und sachgerechte Nutzung, das Nachvollziehen von Systemausgaben sowie das Erkennen möglicher Fehler und Risiken einschliesst [6].</p>

<p>Für den beruflichen Umgang mit KI übersetze ich diese Überlegungen in drei Stufen: Fachkompetenz, Anwendungskompetenz und Urteilskompetenz. Hinzu kommt eine vierte Stufe, die ich bewusst ergänze: Gestaltungskompetenz. Sie trägt dem Umstand Rechnung, dass KI nicht nur einzelne Tätigkeiten verändert, sondern zunehmend auch Arbeitsprozesse, Rollen und Verantwortlichkeiten.</p>

<p><img src="https://gisiger.biz/assets/storage/infographic/4-Stufen-beruflicher-Kompetenz-KI-ChatGPT.png" alt="Infografik zum vierstufigen Modell, erstellt mit ChatGPT"/></p>

<p>Die erste Stufe ist <strong>Fachkompetenz</strong>. Eine Person versteht ihre berufliche Aufgabe und könnte sie grundsätzlich selbst bearbeiten. Wer eine Aufgabe fachlich nicht versteht, kann auch maschinell erzeugte Ergebnisse kaum beurteilen. Eine Sachbearbeiterin im Personalwesen muss beispielsweise wissen, welche Informationen in ein qualifiziertes Arbeitszeugnis gehören, bevor sie dessen Entwurf einer KI überlässt.</p>

<p>Darauf folgt <strong>Anwendungskompetenz</strong>. Beschäftigte können geeignete digitale und KI-gestützte Werkzeuge für ihre Aufgaben einsetzen. Unsere Sachbearbeiterin weiss nun, welches System sie verwenden kann, welche Informationen sie bereitstellen darf und wie sie einen brauchbaren Entwurf erzeugt.</p>

<p>Die dritte Stufe ist <strong>Urteilskompetenz</strong>. KI-generierte Texte, Analysen oder Empfehlungen müssen fachlich, rechtlich und ethisch geprüft werden. Die Sachbearbeiterin kontrolliert deshalb, ob das Arbeitszeugnis korrekt, vollständig, diskriminierungsfrei und mit den betrieblichen Vorgaben vereinbar ist. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Kann ich KI benutzen?“, sondern: „Kann ich verantworten, was dabei entsteht?“</p>

<p>Die vierte Stufe ist <strong>Gestaltungskompetenz</strong>. Sie ist meine eigene Ergänzung des Modells und geht bewusst über die individuelle Nutzung und Beurteilung von KI hinaus. Unsere Sachbearbeiterin könnte nun gemeinsam mit ihrer Organisation festlegen, für welche Schritte KI eingesetzt wird, wo menschliche Kontrolle nötig bleibt, wer Verantwortung trägt und wie der neue Prozess dokumentiert wird. Aus individueller KI-Kompetenz wird damit Organisationskompetenz.</p>

<h2 id="weiterbildung-als-infrastruktur">Weiterbildung als Infrastruktur</h2>

<p>Damit zeichnet sich ein mögliches Zukunftsbild ab. Berufliche Weiterbildung wäre weniger eine Folge einzelner Technologiesprünge, auf die jeweils mit neuen Kursen reagiert wird. Sie würde vielmehr zu einer dauerhaften Infrastruktur, mit deren Hilfe Menschen, Unternehmen und Bildungssysteme Veränderungen bearbeiten können.</p>

<p>Das wäre mehr als „lebenslanges <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a>“ als wohlklingende Formel. Es würde bedeuten, Qualifizierung systematisch mit Arbeit zu verbinden, kleinere und grössere Bildungsbausteine kombinierbar zu machen, bestehende Kompetenzen anzuerkennen und Qualifikationsprofile regelmässiger an veränderte Tätigkeiten anzupassen.</p>

<p>Künstliche Intelligenz ist dabei möglicherweise weniger das eigentliche Thema als der Beschleuniger einer Entwicklung, die bereits länger zu beobachten ist. Wenn Wissen schneller veraltet und Tätigkeiten häufiger neu zusammengesetzt werden, genügt es immer weniger, einmal einen Beruf zu lernen. Entscheidend wird die Fähigkeit, <strong>fachliches Können zu erhalten, neue Werkzeuge anzuwenden, ihre Ergebnisse zu beurteilen und schliesslich die eigene Arbeit unter veränderten Bedingungen neu zu gestalten.</strong></p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/von-der-fach-zu-einer-gestaltungskompetenz-was-berufliches-koennen-im">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Quellen</strong>
[1] Europäische Kommission, „Proposal for a Council Decision on guidelines for the employment policies of the Member States“, COM(2026) 510, 3. Juni 2026. URL: <a href="https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-10269-2026-ADD-1/en/pdf">https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-10269-2026-ADD-1/en/pdf</a></p>

<p>[2] Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), „Auftakttagung der Transformationsprojekte im Programm Nachhaltig im Beruf“, 5. August 2026. URL: <a href="https://www.bibb.de/de/191525.php">https://www.bibb.de/de/191525.php</a></p>

<p>[3] OECD, <em>Developing Vocational Education and Training with Artificial Intelligence</em>, OECD Reviews of Vocational Education and Training, Paris: OECD Publishing, 23. Juni 2026. URL: <a href="https://www.oecd.org/en/publications/developing-vocational-education-and-training-with-artificial-intelligence_e9f76b4e-en.html">https://www.oecd.org/en/publications/developing-vocational-education-and-training-with-artificial-intelligence_e9f76b4e-en.html</a></p>

<p>[4] OECD, <em>Five Principles for the Effective Use of AI in Vocational Education and Training Development</em>, OECD Publishing, 23. Juni 2026. URL: <a href="https://www.oecd.org/en/publications/five-principles-for-the-effective-use-of-ai-in-vocational-education-and-training-development_ee8c8e8e-en.html">https://www.oecd.org/en/publications/five-principles-for-the-effective-use-of-ai-in-vocational-education-and-training-development_ee8c8e8e-en.html</a></p>

<p>[5] Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), „Medien- und IT-Kompetenz für Ausbildungspersonal (MIKA)“, Bonn. URL: <a href="https://www.bibb.de/de/186279.php">https://www.bibb.de/de/186279.php</a></p>

<p>[6] S. Straub, „Künstliche Intelligenz in der beruflichen Bildung. Rechtliche Anforderungen der KI-Verordnung“, Bundesinstitut für Berufsbildung, 2025. URL: <a href="https://www.bibb.de/dokumente/pdf/Straub_2025_Kuenstliche_Intelligenz_in_der_berufliche.pdf">https://www.bibb.de/dokumente/pdf/Straub_2025_Kuenstliche_Intelligenz_in_der_berufliche.pdf</a></p>

<p><strong>Bildquellen</strong>
– <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Gauermann">Friedrich Gauermann</a> (1807–1862): <em>Beim Hufschmied</em>, Dorotheum, Wien <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_Gauermann_Beim_Hufschmied.jpg">Public Domain</a>.
– Die Infografik zum vierstufigen Modell wurde mit GPT-5.6 Sol Mittel erstellt.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet. Für das Erstellen der Infografik wurde ChatGPT benutzt.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Maschinenwelten" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Maschinenwelten</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/von-der-fach-zu-einer-gestaltungskompetenz-was-berufliches-koennen-im</guid>
      <pubDate>Sun, 09 Aug 2026 09:01:52 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Denken mit Stift und Papier</title>
      <link>https://epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Browne: A Girl Writing; The Pet Goldfinch&#xA;&#xA;Vor einigen Jahren begann ich wieder, regelmässig von Hand zu schreiben. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen. Mein Alltag spielt sich weitgehend am Bildschirm ab, und ich möchte das nicht ändern. Doch immer dann, wenn ich etwas wirklich verstehen, durchdenken oder entscheiden möchte, greife ich zum Notizbuch.&#xA;&#xA;Diese Gewohnheit entstand zunächst aus einem praktischen Impuls. Mit der Zeit stellte ich fest, dass sie etwas verändert: Gedanken werden klarer. Zusammenhänge treten deutlicher hervor. Schwierige Entscheidungen wirken weniger überwältigend. Lange hielt ich das für eine persönliche Eigenheit. Heute spricht einiges dafür, dass dahinter mehr steckt.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Wir schreiben heute wahrscheinlich mehr als jede Generation vor uns – Nachrichten, E-Mails, Kommentare, Suchanfragen. Gleichzeitig schreiben wir immer seltener von Hand. Schreiben ist für viele zum reinen Übertragungsmedium geworden. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es ursprünglich noch eine andere Funktion hatte: Gedanken zu entwickeln.&#xA;&#xA;Schreiben als Denkform&#xA;&#xA;Wer schreibt, hält Gedanken nicht einfach fest. Häufig entstehen sie erst während des Schreibens.&#xA;&#xA;Jeder kennt die Erfahrung: Eine Idee wirkt im Kopf überzeugend. Erst wenn man versucht, sie aufzuschreiben, werden Unklarheiten sichtbar. Argumente müssen geordnet, Begriffe präzisiert, Zusammenhänge hergestellt werden. Schreiben zwingt zu Entscheidungen. Gerade deshalb eignet es sich so gut zum Denken.&#xA;&#xA;In der Schreibforschung gilt diese Erkenntnis seit Langem als weitgehend unbestritten: Schreiben ist nicht nur Kommunikation, sondern ein kognitiver Prozess. Während wir schreiben, strukturieren wir Wissen, entdecken Widersprüche, entwickeln neue Perspektiven. Das Blatt Papier wird gewissermassen zum Gesprächspartner.&#xA;&#xA;Philosophen wussten das schon lange. Seneca schrieb Briefe, die zugleich Selbstgespräche waren. Marcus Aurelius führte Aufzeichnungen, die nicht für andere bestimmt waren, sondern für ihn selbst – ein Denken in Schrift. Das Notizbuch war kein Archiv, sondern ein Werkzeug.&#xA;&#xA;Die Stärke der Langsamkeit&#xA;&#xA;Von Hand zu schreiben ist langsamer. Genau darin liegt einer ihrer grössten Vorteile. Die geringere Schreibgeschwindigkeit zwingt dazu auszuwählen. Gedanken werden verdichtet statt bloss übertragen. Informationen werden verarbeitet, bevor sie notiert werden.&#xA;&#xA;Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Handschrift komplexe Netzwerke im Gehirn aktiviert: Erinnerungen werden abgerufen, sprachlich formuliert und gleichzeitig durch feinmotorische Bewegungen begleitet. Vor einigen Tagen habe ich hier über eine Studie berichtet, die Unterschiede zwischen dem Lesen auf Papier und auf Tablets untersuchte. Dort ging es vor allem um räumliche Orientierung und Integrationsprozesse beim Lesen 1]. Auch beim Schreiben spricht deshalb einiges dafür, dass physische Medien Denkprozesse anders unterstützen als digitale Werkzeuge – wenn auch vermutlich aus teilweise anderen Gründen. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Verlangsamung der Handschrift zwingt dazu, Gedanken stärker zu verdichten. [Wer verstehen statt lediglich dokumentieren möchte, kann gerade davon profitieren.&#xA;&#xA;Gedanken ordnen, Gefühle verstehen&#xA;&#xA;Besonders interessant – und in der öffentlichen Diskussion bisher wenig beachtet – ist ein anderer Aspekt: Schreiben hilft nicht nur dabei, Wissen zu strukturieren, sondern auch Emotionen.&#xA;&#xA;Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte der Psychologe James Pennebaker das Konzept des expressiven Schreibens. Menschen schrieben über belastende Erfahrungen – nicht um literarische Texte zu verfassen, sondern um Erlebtes zu verarbeiten. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass dieses Schreiben helfen kann, belastende Gedanken einzuordnen und ihre psychische Wirkung zu verringern [2].&#xA;&#xA;Der Mechanismus ist erstaunlich einleuchtend: Solange Gedanken im Kopf kreisen, bleiben sie diffus. Sobald sie in Worte gefasst werden, erhalten sie eine Form. Das Problem verschwindet dadurch nicht. Aber es wird greifbarer.&#xA;&#xA;Emily Rónay Johnston von der University of California, Merced verweist auf neuere neurowissenschaftliche Arbeiten, die darauf hindeuten, dass bereits das bewusste Benennen von Gefühlen Hirnregionen aktiviert, die an Planung und Selbststeuerung beteiligt sind, während die Amygdala, zuständig für Bedrohungs- und Angstreaktionen, ruhiger werden kann [3]. Wer Gefühle aufschreibt, reagiert weniger impulsiv und gewinnt Abstand zur Situation. Vielleicht erklärt das, weshalb viele Menschen intuitiv zu Papier greifen, wenn sie sich über etwas ärgern. Ein nie abgeschickter Brief, einige Seiten im Tagebuch: Sie lösen das Problem nicht. Aber sie schaffen Ordnung im eigenen Denken.&#xA;&#xA;Papier als Denkraum&#xA;&#xA;Hier liegt die eigentliche Stärke des Papiers. Ein Bildschirm eignet sich hervorragend zum Speichern, Suchen und Organisieren. Papier lädt zum Erkunden ein: Pfeile entstehen zwischen Gedanken. Begriffe werden eingerahmt. Skizzen verbinden sich mit Stichworten. Ganze Seiten werden zu Landkarten des Denkens. Nicht selten entdecke ich Zusammenhänge erst, weil sie räumlich vor mir liegen.&#xA;&#xA;Diese räumliche Freiheit lässt sich zwar digital nachbilden; aber sie fühlt sich anders an. Papier fordert keine Benachrichtigungen, kennt keine geöffneten Tabs und bietet keine Suchfunktion. Gerade dadurch zwingt es dazu, beim Gedanken zu bleiben.&#xA;&#xA;Papier für das Denken, digital für das Verwalten&#xA;&#xA;All das ist kein Plädoyer für analoges Arbeiten. Für Recherche, Archivierung und Zusammenarbeit sind digitale Werkzeuge den meisten Papierlösungen deutlich überlegen – und ich möchte darauf nicht verzichten.&#xA;&#xA;Der Fehler liegt nicht darin, dass wir digital arbeiten. Er liegt darin, dass wir fast alles digital erledigen. Nicht jede Tätigkeit stellt dieselben Anforderungen. Wer Informationen verwalten möchte, ist mit dem Computer gut beraten. Wer nachdenken, planen oder schwierige Entscheidungen vorbereiten will, ist es oft mit Papier.&#xA;&#xA;Seneca und Marcus Aurelius schrieben nicht, weil Papier Wissen konserviert. Sie schrieben, weil Schreiben ihnen half, zu denken. Das Schreiben war Teil des Denkens. Und es ist das bis heute.&#xA;&#xA;Ein Notizbuch ersetzt weder Fachliteratur noch digitale Werkzeuge. Aber es erfüllt eine Aufgabe, die diese nur begrenzt übernehmen können: Es schafft einen Raum, in dem Gedanken langsam genug werden, um Gestalt anzunehmen.&#xA;&#xA;Papier ist langsam. Gerade deshalb eignet es sich für jene Tätigkeiten, bei denen Geschwindigkeit nicht das Ziel ist. Wer schreibt, hält Gedanken nicht bloss fest. Er entwickelt sie. Und manchmal ordnet er dabei nicht nur seine Ideen, sondern auch sich selbst. Papier eignet sich zum Denken. Der Computer zum Verwalten des Gedachten.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778.&#xA;&#xA;[2] J. W. Pennebaker und J. F. Beall, „Confronting a traumatic event: Toward an understanding of inhibition and disease“, Journal of Abnormal Psychology, vol. 95, no. 3, pp. 274–281, 1986. https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0021-843X.95.3.274.&#xA;&#xA;[3] E. R. Johnston, „Writing builds resilience by changing your brain, helping you face everyday challenges“, The Conversation, 2026. [Online]. online: https://theconversation.com/writing-builds-resilience-by-changing-your-brain-helping-you-face-everyday-challenges-265188.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Henriette Browne (1829–1901): A Girl Writing; The Pet Goldfinch, Victoria and Albert Museum, London, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f0/Browne%2C_Henriette_-_A_Girl_Writing%3B_The_Pet_Goldfinch_-_Google_Art_Project.jpg/1280px-Browne%2C_Henriette_-_A_Girl_Writing%3B_The_Pet_Goldfinch_-_Google_Art_Project.jpg" alt="Browne: A Girl Writing; The Pet Goldfinch"/></p>

<p>Vor einigen Jahren begann ich wieder, regelmässig von Hand zu schreiben. Nicht aus Nostalgie, nicht aus Skepsis gegenüber digitalen Werkzeugen. Mein Alltag spielt sich weitgehend am Bildschirm ab, und ich möchte das nicht ändern. Doch immer dann, wenn ich etwas wirklich verstehen, durchdenken oder entscheiden möchte, greife ich zum Notizbuch.</p>

<p>Diese Gewohnheit entstand zunächst aus einem praktischen Impuls. Mit der Zeit stellte ich fest, dass sie etwas verändert: Gedanken werden klarer. Zusammenhänge treten deutlicher hervor. Schwierige Entscheidungen wirken weniger überwältigend. Lange hielt ich das für eine persönliche Eigenheit. Heute spricht einiges dafür, dass dahinter mehr steckt.</p>



<p>Wir schreiben heute wahrscheinlich mehr als jede Generation vor uns – Nachrichten, E-Mails, Kommentare, Suchanfragen. Gleichzeitig schreiben wir immer seltener von Hand. Schreiben ist für viele zum reinen Übertragungsmedium geworden. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass es ursprünglich noch eine andere Funktion hatte: Gedanken zu entwickeln.</p>

<h2 id="schreiben-als-denkform">Schreiben als Denkform</h2>

<p>Wer schreibt, hält Gedanken nicht einfach fest. Häufig entstehen sie erst während des Schreibens.</p>

<p>Jeder kennt die Erfahrung: Eine Idee wirkt im Kopf überzeugend. Erst wenn man versucht, sie aufzuschreiben, werden Unklarheiten sichtbar. Argumente müssen geordnet, Begriffe präzisiert, Zusammenhänge hergestellt werden. Schreiben zwingt zu Entscheidungen. Gerade deshalb eignet es sich so gut zum Denken.</p>

<p><a href="./handschrift-und-digitalisierung-was-die-forschung-wirklich-zeigt">In der Schreibforschung</a> gilt diese Erkenntnis seit Langem als weitgehend unbestritten: Schreiben ist nicht nur Kommunikation, sondern ein kognitiver Prozess. Während wir schreiben, strukturieren wir Wissen, entdecken Widersprüche, entwickeln neue Perspektiven. Das Blatt Papier wird gewissermassen zum Gesprächspartner.</p>

<p><a href="./pierre-hadot-philosophie-als-uebung">Philosophen wussten das schon lange.</a> Seneca schrieb Briefe, die zugleich Selbstgespräche waren. Marcus Aurelius führte Aufzeichnungen, die nicht für andere bestimmt waren, sondern für ihn selbst – ein Denken in Schrift. Das Notizbuch war kein Archiv, sondern ein Werkzeug.</p>

<h2 id="die-stärke-der-langsamkeit">Die Stärke der Langsamkeit</h2>

<p>Von Hand zu schreiben ist langsamer. Genau darin liegt einer ihrer grössten Vorteile. Die geringere Schreibgeschwindigkeit zwingt dazu auszuwählen. Gedanken werden verdichtet statt bloss übertragen. Informationen werden verarbeitet, bevor sie notiert werden.</p>

<p>Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Handschrift komplexe Netzwerke im Gehirn aktiviert: Erinnerungen werden abgerufen, sprachlich formuliert und gleichzeitig durch feinmotorische Bewegungen begleitet. Vor einigen Tagen <a href="./lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich">habe ich hier</a> über eine Studie berichtet, die Unterschiede zwischen dem Lesen auf Papier und auf Tablets untersuchte. Dort ging es vor allem um räumliche Orientierung und Integrationsprozesse beim Lesen [1]. Auch beim Schreiben spricht deshalb einiges dafür, dass physische Medien Denkprozesse anders unterstützen als digitale Werkzeuge – wenn auch vermutlich aus teilweise anderen Gründen. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Verlangsamung der Handschrift zwingt dazu, Gedanken stärker zu verdichten. <a href="./vom-wert-der-langsamkeit-in-der-textproduktion">Wer verstehen statt lediglich dokumentieren möchte, kann gerade davon profitieren.</a></p>

<h2 id="gedanken-ordnen-gefühle-verstehen">Gedanken ordnen, Gefühle verstehen</h2>

<p>Besonders interessant – und in der öffentlichen Diskussion bisher wenig beachtet – ist ein anderer Aspekt: Schreiben hilft nicht nur dabei, Wissen zu strukturieren, sondern auch Emotionen.</p>

<p>Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte der Psychologe <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James_Pennebaker">James Pennebaker</a> das Konzept des <a href="https://www.psychologie-heute.de/gesundheit/artikel-detailansicht/42109-uebungsplatz-expressives-schreiben.html">expressiven Schreibens</a>. Menschen schrieben über belastende Erfahrungen – nicht um literarische Texte zu verfassen, sondern um Erlebtes zu verarbeiten. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass dieses Schreiben helfen kann, belastende Gedanken einzuordnen und ihre psychische Wirkung zu verringern [2].</p>

<p>Der Mechanismus ist erstaunlich einleuchtend: Solange Gedanken im Kopf kreisen, bleiben sie diffus. Sobald sie in Worte gefasst werden, erhalten sie eine Form. Das Problem verschwindet dadurch nicht. Aber es wird greifbarer.</p>

<p><a href="https://writingstudies.ucmerced.edu/content/emily-r%C3%B3nay-johnston">Emily Rónay Johnston</a> von der University of California, Merced verweist auf neuere neurowissenschaftliche Arbeiten, die darauf hindeuten, dass bereits das bewusste Benennen von Gefühlen Hirnregionen aktiviert, die an Planung und Selbststeuerung beteiligt sind, während die Amygdala, zuständig für Bedrohungs- und Angstreaktionen, ruhiger werden kann [3]. Wer Gefühle aufschreibt, reagiert weniger impulsiv und gewinnt Abstand zur Situation. Vielleicht erklärt das, weshalb viele Menschen intuitiv zu Papier greifen, wenn sie sich über etwas ärgern. Ein nie abgeschickter Brief, einige Seiten im Tagebuch: Sie lösen das Problem nicht. Aber sie schaffen Ordnung im eigenen Denken.</p>

<h2 id="papier-als-denkraum">Papier als Denkraum</h2>

<p>Hier liegt die eigentliche Stärke des Papiers. Ein Bildschirm eignet sich hervorragend zum Speichern, Suchen und Organisieren. Papier lädt zum Erkunden ein: Pfeile entstehen zwischen Gedanken. Begriffe werden eingerahmt. Skizzen verbinden sich mit Stichworten. Ganze Seiten werden zu Landkarten des Denkens. Nicht selten entdecke ich Zusammenhänge erst, weil sie räumlich vor mir liegen.</p>

<p>Diese räumliche Freiheit lässt sich zwar digital nachbilden; aber sie fühlt sich anders an. Papier fordert keine Benachrichtigungen, kennt keine geöffneten Tabs und bietet keine Suchfunktion. Gerade dadurch zwingt es dazu, beim Gedanken zu bleiben.</p>

<h2 id="papier-für-das-denken-digital-für-das-verwalten">Papier für das Denken, digital für das Verwalten</h2>

<p>All das ist kein Plädoyer für analoges Arbeiten. Für Recherche, Archivierung und Zusammenarbeit sind digitale Werkzeuge den meisten Papierlösungen deutlich überlegen – und ich möchte darauf nicht verzichten.</p>

<p>Der Fehler liegt nicht darin, dass wir digital arbeiten. Er liegt darin, dass wir fast alles digital erledigen. Nicht jede Tätigkeit stellt dieselben Anforderungen. Wer Informationen verwalten möchte, ist mit dem Computer gut beraten. Wer nachdenken, planen oder schwierige Entscheidungen vorbereiten will, ist es oft mit Papier.</p>

<p>Seneca und Marcus Aurelius schrieben nicht, weil Papier Wissen konserviert. Sie schrieben, weil Schreiben ihnen half, zu denken. Das Schreiben war Teil des Denkens. Und es ist das bis heute.</p>

<p>Ein Notizbuch ersetzt weder Fachliteratur noch digitale Werkzeuge. Aber es erfüllt eine Aufgabe, die diese nur begrenzt übernehmen können: <a href="./mein-experiment-mit-einem-lehrjournal-30-day-challenge-2025">Es schafft einen Raum, in dem Gedanken langsam genug werden, um Gestalt anzunehmen</a>.</p>

<p>Papier ist langsam. Gerade deshalb eignet es sich für jene Tätigkeiten, bei denen Geschwindigkeit nicht das Ziel ist. Wer schreibt, hält Gedanken nicht bloss fest. Er entwickelt sie. Und manchmal ordnet er dabei nicht nur seine Ideen, sondern auch sich selbst. Papier eignet sich zum Denken. Der Computer zum Verwalten des Gedachten.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778">https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778</a>.</p>

<p>[2] J. W. Pennebaker und J. F. Beall, „Confronting a traumatic event: Toward an understanding of inhibition and disease“, Journal of Abnormal Psychology, vol. 95, no. 3, pp. 274–281, 1986. <a href="https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0021-843X.95.3.274">https://psycnet.apa.org/doi/10.1037/0021-843X.95.3.274</a>.</p>

<p>[3] E. R. Johnston, „Writing builds resilience by changing your brain, helping you face everyday challenges“, The Conversation, 2026. [Online]. online: <a href="https://theconversation.com/writing-builds-resilience-by-changing-your-brain-helping-you-face-everyday-challenges-265188">https://theconversation.com/writing-builds-resilience-by-changing-your-brain-helping-you-face-everyday-challenges-265188</a>.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henriette_Browne">Henriette Browne</a> (1829–1901): <em>A Girl Writing; The Pet Goldfinch</em>, Victoria and Albert Museum, London, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Browne,_Henriette_-_A_Girl_Writing;_The_Pet_Goldfinch_-_Google_Art_Project.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/denken-mit-stift-und-papier</guid>
      <pubDate>Fri, 26 Jun 2026 09:06:42 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Lesen: Über welche Bildschirme sprechen wir eigentlich?</title>
      <link>https://epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Watrous: Just a Couple of Girls&#xA;&#xA;Wer regelmässig wissenschaftliche Erkenntnisse über Lesen, #Lernen und ähnliche Themen konsultiert, begegnet einem vertrauten Muster. Irgendwo erscheint eine neue Studie. Wenige Tage später folgen die populärwissenschaftlichen Schlagzeilen: Papier sei dem Bildschirm überlegen, Bücher förderten das Verständnis, digitale Medien erschwerten die Konzentration. Die Studien unterscheiden sich, die Botschaft bleibt konstant.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Auch vor wenigen Tagen machte eine solche Untersuchung die Runde. Sie kommt zu einem ähnlichen Schluss wie viele ihrer Vorgänger: Wer auf Papier liest, verarbeitet komplexe Inhalte offenbar effizienter als jemand, der denselben Text auf einem digitalen Gerät liest. Doch während ich die Berichte darüber las, blieb ich an einer anderen Frage hängen. Nicht daran, ob Papier Vorteile hat. Sondern daran, was genau eigentlich mit „Bildschirm“ gemeint ist. Denn je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir über digitales Lesen oft in viel zu groben Kategorien sprechen.&#xA;&#xA;Was die Studie zeigt – und was nicht&#xA;&#xA;Die Studie Manga reading on paper vs. digital devices [1] liess Studierende einen Manga entweder in gedruckter Form oder auf einem Tablet lesen und untersuchte anschliessend ihre Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomografie.&#xA;&#xA;Die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert: Die Teilnehmenden verstanden die Geschichte unabhängig vom Medium ähnlich gut. Bei komplexeren Fragen jedoch benötigten die Tablet-Leser mehr Zeit, um die richtigen Antworten zu finden. Gleichzeitig zeigten ihre Gehirne stärkere Aktivität in jenen Bereichen, die für Sprachverarbeitung, räumliche Orientierung und die Verknüpfung von Informationen zuständig sind. Die Forscher schliessen daraus, dass Papier dem Gehirn zusätzliche Orientierungspunkte liefert. Man erinnert sich nicht nur an den Inhalt eines Textes, sondern auch daran, wo dieser stand: links oder rechts, vorne oder hinten im Buch, oben oder unten auf einer Seite. Das Gehirn erstellt gewissermassen eine räumliche Landkarte des Gelesenen, die später beim Erinnern und Verknüpfen von Informationen hilft.&#xA;&#xA;Bevor man diese Befunde jedoch verallgemeinert, lohnt sich ein zweiter Blick auf den Untersuchungsgegenstand. Manga ist eine ausgesprochen spezifische Textsorte: visuell verdichtet, stark bildbasiert, mit einer eigenen Leserichtung und Erzählweise. Ob sich dieselben Effekte bei einem Roman, einem Fachbuch oder einem Zeitungsartikel in gleicher Form zeigen würden, bleibt offen. Die Studie liefert einen interessanten Baustein zum Verständnis des Lesens, aber keinen Beweis für eine generelle Überlegenheit des Papiers.&#xA;&#xA;Das Problem mit dem Sammelbegriff „Bildschirm“&#xA;&#xA;Noch grundsätzlicher stört mich allerdings etwas anderes. In der Berichterstattung wird aus „Tablet schlechter als Papier“ regelmässig „Bildschirme schlechter als Papier“. Das erscheint mir problematisch.&#xA;&#xA;Ein Tablet verfügt über einen selbstleuchtenden Bildschirm, zeigt Farben, unterstützt Apps, Benachrichtigungen und Animationen. Es ist ein Multifunktionsgerät, auf dem Lesen nur eine Tätigkeit unter vielen ist. Ein E-Reader dagegen ähnelt einem Buch deutlich stärker. Seine E-Ink-Anzeige reflektiert Licht wie Papier, statt es auszustrahlen. Die Geräte sind meist monochrom, ablenkungsarm und werden fast ausschliesslich zum Lesen genutzt. Wer nach einer Stunde auf einem Tablet ermüdet, macht auf einem E-Reader nicht zwingend dieselbe Erfahrung.&#xA;&#xA;Beide Geräte besitzen zwar einen Bildschirm, doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Sie in denselben Topf zu werfen, ist ungefähr so erhellend wie die Aussage, Fahrräder und Motorräder seien dasselbe, weil beide zwei Räder haben.&#xA;&#xA;Hinzu kommt, dass die möglichen Ursachen für Unterschiede beim Lesen auf verschiedenen Ebenen liegen können. Eine Rolle spielen die Bildschirmtechnologie, die Helligkeit, das Ablenkungspotenzial, die Art der Navigation durch den Text, die Haptik des Geräts oder die räumliche Orientierung innerhalb eines Dokuments. Wer all diese Faktoren unter dem Begriff „Bildschirmlesen“ zusammenfasst, kann am Ende kaum noch sagen, welcher davon tatsächlich wirksam ist.&#xA;&#xA;Was wirklich für Papier spricht – und was offen bleibt&#xA;&#xA;Interessanterweise geht es in der Studie gar nicht um Augenbelastung oder Bildschirmhelligkeit. Das zentrale Argument der Autoren ist räumlicher Natur. Ein physisches Buch verändert sich während des Lesens. Die gelesenen Seiten werden mehr, die ungelesenen weniger. Bestimmte Passagen erhalten eine physische Position innerhalb des Objekts. Man weiss oft noch, dass eine wichtige Stelle ungefähr im ersten Drittel des Buches auf einer linken Seite stand, ohne sich bewusst daran erinnern zu wollen.&#xA;&#xA;Diese Orientierungshilfen fehlen beim Tablet weitgehend. Sie fehlen allerdings auch beim E-Reader. Wer die Erklärung der Forscher für überzeugend hält, müsste deshalb konsequenterweise davon ausgehen, dass auch E-Reader zumindest einen Teil dieses Nachteils ebenfalls zeigen. Die Frage ist lediglich, wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt und ob andere Vorteile von E-Ink-Geräten ihn teilweise kompensieren.&#xA;&#xA;Genau hier wird die Forschungslage erstaunlich dünn. Viele ältere Studien entstanden zu einer Zeit, als E-Reader noch kaum verbreitet waren. Untersucht wurden meist Computerbildschirme oder Tablets. Die Ergebnisse wurden später häufig auf digitales Lesen insgesamt übertragen. Ob diese Verallgemeinerung gerechtfertigt ist, wurde jedoch selten systematisch überprüft – zumindest so weit ich als Laie die Literatur überblicke. Der direkte Vergleich zwischen Papier und modernen E-Readern bleibt damit weitgehend ein Forschungsdesiderat.&#xA;&#xA;Was wir eigentlich fragen sollten&#xA;&#xA;Die neue Studie liefert interessante Hinweise darauf, wie unser Gehirn Geschichten verarbeitet. Sie stützt die Annahme, dass physische Bücher dem Denken räumliche Ankerpunkte geben, die bei komplexen Inhalten helfen können. Das allein macht die Arbeit lesenswert.&#xA;&#xA;Was sie jedoch nicht zeigt, ist die Überlegenheit von Papier gegenüber jeder Form digitalen Lesens. Dafür untersucht sie die digitale Seite der Gleichung zu wenig differenziert.&#xA;&#xA;Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Bildschirmlesen so zu behandeln, als wäre das eine einheitliche Tätigkeit. Zwischen Smartphone, Tablet, Computerbildschirm und E-Reader liegen erhebliche Unterschiede – technisch, ergonomisch und möglicherweise auch kognitiv. Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Papier oder digital? Sondern: Welche Eigenschaften eines Mediums unterstützen konzentriertes Denken – und welche erschweren es?&#xA;&#xA;Das erscheint mir nicht nur die interessantere Frage. Es ist vermutlich auch die wissenschaftlich präzisere. Ähnliches gilt übrigens auch für die Forschung zum Thema handschriftliches Schreiben auf Papier vs. auf „Bildschirmen“.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Harry Wilson Watrous (1857–1940): Just a Couple of Girls, Brooklyn Museum, New York, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/17/Harry_Wilson_Watrous_Just_a_Couple_of_Girls_1915.jpg/960px-Harry_Wilson_Watrous_Just_a_Couple_of_Girls_1915.jpg" alt="Watrous: Just a Couple of Girls"/></p>

<p>Wer regelmässig wissenschaftliche Erkenntnisse über Lesen, <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a> und ähnliche Themen konsultiert, begegnet einem vertrauten Muster. Irgendwo erscheint eine neue Studie. Wenige Tage später folgen die populärwissenschaftlichen Schlagzeilen: Papier sei dem Bildschirm überlegen, Bücher förderten das Verständnis, digitale Medien erschwerten die Konzentration. Die Studien unterscheiden sich, die Botschaft bleibt konstant.</p>



<p>Auch vor wenigen Tagen <a href="https://graziamagazine.com/us/articles/why-this-old-school-reading-habit-quietly-upgrades-your-brain-neuroscientists-just-confirmed/">machte eine solche Untersuchung die Runde</a>. Sie kommt zu einem ähnlichen Schluss wie viele ihrer Vorgänger: Wer auf Papier liest, verarbeitet komplexe Inhalte offenbar effizienter als jemand, der denselben Text auf einem digitalen Gerät liest. Doch während ich die Berichte darüber las, blieb ich an einer anderen Frage hängen. Nicht daran, ob Papier Vorteile hat. Sondern daran, was genau eigentlich mit „Bildschirm“ gemeint ist. Denn je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr habe ich den Eindruck, dass wir über <a href="./warum-lesen-dein-leben-verandern-kann">digitales Lesen</a> oft in viel zu groben Kategorien sprechen.</p>

<h2 id="was-die-studie-zeigt-und-was-nicht">Was die Studie zeigt – und was nicht</h2>

<p>Die Studie <em>Manga reading on paper vs. digital devices</em> [1] liess Studierende einen Manga entweder in gedruckter Form oder auf einem Tablet lesen und untersuchte anschliessend ihre Hirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomografie.</p>

<p>Die Ergebnisse sind durchaus bemerkenswert: Die Teilnehmenden verstanden die Geschichte unabhängig vom Medium ähnlich gut. Bei komplexeren Fragen jedoch benötigten die Tablet-Leser mehr Zeit, um die richtigen Antworten zu finden. Gleichzeitig zeigten ihre Gehirne stärkere Aktivität in jenen Bereichen, die für Sprachverarbeitung, räumliche Orientierung und die Verknüpfung von Informationen zuständig sind. Die Forscher schliessen daraus, dass Papier dem Gehirn zusätzliche Orientierungspunkte liefert. Man erinnert sich nicht nur an den Inhalt eines Textes, sondern auch daran, wo dieser stand: links oder rechts, vorne oder hinten im Buch, oben oder unten auf einer Seite. Das Gehirn erstellt gewissermassen eine räumliche Landkarte des Gelesenen, die später beim Erinnern und Verknüpfen von Informationen hilft.</p>

<p>Bevor man diese Befunde jedoch verallgemeinert, lohnt sich ein zweiter Blick auf den Untersuchungsgegenstand. Manga ist eine ausgesprochen spezifische Textsorte: visuell verdichtet, stark bildbasiert, mit einer eigenen Leserichtung und Erzählweise. Ob sich dieselben Effekte bei einem Roman, einem Fachbuch oder einem Zeitungsartikel in gleicher Form zeigen würden, bleibt offen. Die Studie liefert einen interessanten Baustein zum Verständnis des Lesens, aber keinen Beweis für eine generelle Überlegenheit des Papiers.</p>

<h2 id="das-problem-mit-dem-sammelbegriff-bildschirm">Das Problem mit dem Sammelbegriff „Bildschirm“</h2>

<p>Noch grundsätzlicher stört mich allerdings etwas anderes. In der Berichterstattung wird aus „Tablet schlechter als Papier“ regelmässig „Bildschirme schlechter als Papier“. Das erscheint mir problematisch.</p>

<p>Ein Tablet verfügt über einen selbstleuchtenden Bildschirm, zeigt Farben, unterstützt Apps, Benachrichtigungen und Animationen. Es ist ein Multifunktionsgerät, auf dem Lesen nur eine Tätigkeit unter vielen ist. Ein E-Reader dagegen ähnelt einem Buch deutlich stärker. Seine E-Ink-Anzeige reflektiert Licht wie Papier, statt es auszustrahlen. Die Geräte sind meist monochrom, ablenkungsarm und werden fast ausschliesslich zum Lesen genutzt. Wer nach einer Stunde auf einem Tablet ermüdet, macht auf einem E-Reader nicht zwingend dieselbe Erfahrung.</p>

<p>Beide Geräte besitzen zwar einen Bildschirm, doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Sie in denselben Topf zu werfen, ist ungefähr so erhellend wie die Aussage, Fahrräder und Motorräder seien dasselbe, weil beide zwei Räder haben.</p>

<p>Hinzu kommt, dass die möglichen Ursachen für Unterschiede beim Lesen auf verschiedenen Ebenen liegen können. Eine Rolle spielen die Bildschirmtechnologie, die Helligkeit, das Ablenkungspotenzial, die Art der Navigation durch den Text, die Haptik des Geräts oder die räumliche Orientierung innerhalb eines Dokuments. Wer all diese Faktoren unter dem Begriff „Bildschirmlesen“ zusammenfasst, kann am Ende kaum noch sagen, welcher davon tatsächlich wirksam ist.</p>

<h2 id="was-wirklich-für-papier-spricht-und-was-offen-bleibt">Was wirklich für Papier spricht – und was offen bleibt</h2>

<p>Interessanterweise geht es in der Studie gar nicht um Augenbelastung oder Bildschirmhelligkeit. Das zentrale Argument der Autoren ist räumlicher Natur. Ein physisches Buch verändert sich während des Lesens. Die gelesenen Seiten werden mehr, die ungelesenen weniger. Bestimmte Passagen erhalten eine physische Position innerhalb des Objekts. Man weiss oft noch, dass eine wichtige Stelle ungefähr im ersten Drittel des Buches auf einer linken Seite stand, ohne sich bewusst daran erinnern zu wollen.</p>

<p>Diese Orientierungshilfen fehlen beim Tablet weitgehend. Sie fehlen allerdings auch beim E-Reader. Wer die Erklärung der Forscher für überzeugend hält, müsste deshalb konsequenterweise davon ausgehen, dass auch E-Reader zumindest einen Teil dieses Nachteils ebenfalls zeigen. Die Frage ist lediglich, wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfällt und ob andere Vorteile von E-Ink-Geräten ihn teilweise kompensieren.</p>

<p>Genau hier wird die Forschungslage erstaunlich dünn. Viele ältere Studien entstanden zu einer Zeit, als E-Reader noch kaum verbreitet waren. Untersucht wurden meist Computerbildschirme oder Tablets. Die Ergebnisse wurden später häufig auf digitales Lesen insgesamt übertragen. Ob diese Verallgemeinerung gerechtfertigt ist, wurde jedoch selten systematisch überprüft – zumindest so weit ich als Laie die Literatur überblicke. Der direkte Vergleich zwischen Papier und modernen E-Readern bleibt damit weitgehend ein Forschungsdesiderat.</p>

<h2 id="was-wir-eigentlich-fragen-sollten">Was wir eigentlich fragen sollten</h2>

<p>Die neue Studie liefert interessante Hinweise darauf, wie unser Gehirn Geschichten verarbeitet. Sie stützt die Annahme, dass physische Bücher dem Denken räumliche Ankerpunkte geben, die bei komplexen Inhalten helfen können. Das allein macht die Arbeit lesenswert.</p>

<p>Was sie jedoch nicht zeigt, ist die Überlegenheit von Papier gegenüber jeder Form digitalen Lesens. Dafür untersucht sie die digitale Seite der Gleichung zu wenig differenziert.</p>

<p>Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Bildschirmlesen so zu behandeln, als wäre das eine einheitliche Tätigkeit. Zwischen Smartphone, Tablet, Computerbildschirm und E-Reader liegen erhebliche Unterschiede – technisch, ergonomisch und möglicherweise auch kognitiv. Die eigentliche Frage lautet daher nicht: Papier oder digital? Sondern: <a href="./die-verlorenen-werkzeuge-des-lernens">Welche Eigenschaften eines Mediums unterstützen konzentriertes Denken</a> – und welche erschweren es?</p>

<p>Das erscheint mir nicht nur die interessantere Frage. Es ist vermutlich auch die wissenschaftlich präzisere. Ähnliches gilt übrigens auch für die Forschung zum Thema <a href="https://text.tchncs.de/gisiger/papier-und-digital-effizient-verbinden-3-und-was-ist-mit-stift-auf-display">handschriftliches Schreiben auf Papier vs. auf „Bildschirmen“</a>.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] K. Umejima, Y. Sunada und K. L. Sakai, „Manga reading on paper vs. digital devices: Prospective effects on core and supportive integration processes in the brain“, PLOS ONE, 3. Juni 2026. [Online]. Verfügbar: <a href="https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778">https://doi.org/10.1371/journal.pone.0349778</a>.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Harry_Watrous">Harry Wilson Watrous</a> (1857–1940): <em>Just a Couple of Girls</em>, Brooklyn Museum, New York, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Harry_Wilson_Watrous_Just_a_Couple_of_Girls_1915.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/lesen-ueber-welche-bildschirme-sprechen-wir-eigentlich</guid>
      <pubDate>Thu, 18 Jun 2026 12:54:54 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Lernen hält nicht jung – aber es verändert, wie wir altern</title>
      <link>https://epicmind.ch/lernen-haelt-nicht-jung-aber-es-veraendert-wie-wir-altern?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Batoni: Die büßende Magdalena&#xA;&#xA;Mit zwanzig lernte ich, um voranzukommen. Mit dreissig lernte ich, um beruflich relevant zu bleiben. Mit fünfzig stelle ich mir eine andere Frage: Hat Lernen vielleicht weniger mit Karriere zu tun als mit der Art, wie wir altern? Diese Frage drängte sich mir bei der Lektüre verschiedener Texte zur Altersforschung auf. Überraschend war dabei nicht die Erkenntnis, dass ältere Menschen noch lernen können. Das dürfte heute kaum jemanden erstaunen. Überraschend war vielmehr die Vermutung, dass der Zusammenhang möglicherweise umgekehrt verläuft: Vielleicht lernen wir nicht weiter, weil wir geistig fit geblieben sind. Vielleicht bleiben wir geistig fit, weil wir weiterlernen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Lange Zeit betrachtete die Wissenschaft das Altern vor allem als Geschichte des Verlusts. Die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Reaktionsgeschwindigkeit sinkt, das Gedächtnis wird weniger zuverlässig. Auch das Gehirn schien diesem Muster zu folgen. Wer älter wurde, so die verbreitete Annahme, musste sich mit einem schrittweisen geistigen Rückzug abfinden.&#xA;&#xA;Heute zeichnet sich ein differenzierteres Bild ab. Zwar nehmen bestimmte Fähigkeiten tatsächlich ab. Gleichzeitig bleiben Wissen, Erfahrung, Sprachvermögen und Urteilskraft oft erstaunlich lange erhalten. Der ältere Mensch mag langsamer sein als der jüngere, aber nicht zwingend weniger klug. Häufig verfügt er über einen grösseren Vorrat an Erfahrungen und Zusammenhängen, auf die er zurückgreifen kann.&#xA;&#xA;Noch wichtiger ist eine andere Erkenntnis: Das Gehirn ist kein starres Organ, das nach der Jugend fertig entwickelt ist. Es bleibt lebenslang veränderbar – Neurowissenschaftler sprechen von Neuroplastizität. Was mich daran fasziniert, ist weniger der Fachbegriff als das Bild dahinter. Das Gehirn legt nicht einfach Wissen auf Vorrat an. Es baut ein dichtes Netz von Verbindungen. Fällt ein Weg aus, stehen andere zur Verfügung.&#xA;&#xA;Daraus ergibt sich das Konzept der kognitiven Reserve. Menschen altern kognitiv sehr unterschiedlich, und eine Erklärung lautet, dass manche im Laufe ihres Lebens eine Art innere Widerstandsfähigkeit aufgebaut haben – durch Lesen, #Lernen, Schreiben, Gespräche, Musik, soziale Beziehungen, geistige Herausforderungen. Nicht als bewusste Vorsorge, sondern als Haltung: neugierig geblieben zu sein.&#xA;&#xA;Diese Sichtweise verändert den Blick auf das Lernen grundlegend. Lernen dient nicht nur dazu, Wissen zu erwerben oder beruflich Schritt zu halten. Es ist zugleich eine Investition in die eigene geistige Beweglichkeit.&#xA;&#xA;Vielleicht liegt hier sogar ein tieferer Irrtum unserer Bildungskultur. Wir betrachten Lernen oft als Vorbereitung auf das Leben. Schule bereitet auf den Beruf vor, Weiterbildung auf die nächste Karrierestufe. Lernen erscheint als Mittel zum Zweck.&#xA;&#xA;Was aber, wenn Lernen nicht die Vorbereitung auf das Leben ist, sondern ein Teil des guten Lebens selbst?&#xA;&#xA;In der japanischen Zen-Tradition spricht man von Shoshin, dem „Geist des Anfängers“. Gemeint ist die Fähigkeit, einer Sache so zu begegnen, als sähe man sie zum ersten Mal. Der Anfänger verfügt über wenig Wissen, aber über viele Möglichkeiten. Der Experte besitzt viel Wissen, läuft jedoch Gefahr, sich in Gewohnheiten und Gewissheiten einzurichten.&#xA;&#xA;Je älter ich werde, desto häufiger beobachte ich diesen Mechanismus auch bei mir selbst. Die Versuchung ist real: sich auf das zurückzuziehen, was man bereits weiss. Es fühlt sich nicht nach Rückzug an – es fühlt sich nach Kompetenz an. Aber es ist nicht dasselbe.&#xA;&#xA;Vielleicht liegt darin die grösste Herausforderung des Alterns: nicht die nachlassende Fähigkeit zu lernen, sondern der schleichende Verlust der Bereitschaft dazu. Seneca, der stoische Philosoph, hätte das wohl verstanden. Für die Stoiker war #Bildung keine Lebensphase, sondern eine Haltung. Man lernte nicht, um irgendwann fertig zu sein, sondern um aufmerksam, urteilsfähig und wach zu bleiben. Das klingt nach einem alten Gedanken – und ist vielleicht deshalb so beständig, weil er stimmt.&#xA;&#xA;Was mich geistig wach hält, sind meistens nicht die grossen Projekte. Es sind die kleinen Momente, in denen man wieder Anfänger wird. Ein Buch, das die eigene Sicht auf die Welt verschiebt. Ein Gedanke, den man so noch nie gedacht hat. Eine Frage, auf die man keine fertige Antwort besitzt.&#xA;&#xA;Die moderne Forschung bestätigt genau diese Haltung. Wer geistig beweglich bleiben möchte, sollte sich nicht nur mit Vertrautem umgeben. Das Gehirn reagiert besonders stark auf Neuheit, Herausforderung und Anpassung. Eine Fremdsprache lernen. Ein Instrument beginnen. Reisen. Schreiben. Neue Menschen kennenlernen. Die einzelnen Tätigkeiten sind austauschbar. Entscheidend ist etwas anderes: die Bereitschaft, wieder Anfänger zu werden.&#xA;&#xA;Freilich wäre es ein Fehler, Lernen zum Wundermittel zu erklären. Das Gehirn arbeitet nicht isoliert. Bewegung, Schlaf, Ernährung, soziale Beziehungen – all das spielt ebenso hinein. Ein gesundes #Alter ist kein Soloprojekt.&#xA;&#xA;Aber darüber, wie wir geistig altern, haben wir mehr Einfluss, als lange angenommen wurde. Das Gegenteil des geistigen Alterns ist nicht Jugendlichkeit. Es ist Neugier. Wer aufhört zu lernen, wird nicht alt. Er beginnt lediglich, sich zu wiederholen.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/lernen-haelt-nicht-jung-aber-es-veraendert-wie-wir-altern&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Pompeo Batoni (1708–1787): Die büßende Magdalena (Kopie aus dem 19. Jahrhundert, das Original wurde im Zweiten Weltkrieg in Dresden vernichtet), Dorotheum, Wien, Public DomainafterBatoniMagdalena.jpg).&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #Erwachsenenbildung&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/ad/Karl_Javurek_%28attr%29_after_Batoni_Magdalena.jpg/1280px-Karl_Javurek_%28attr%29_after_Batoni_Magdalena.jpg" alt="Batoni: Die büßende Magdalena"/></p>

<p>Mit zwanzig lernte ich, um voranzukommen. Mit dreissig lernte ich, um beruflich relevant zu bleiben. Mit fünfzig stelle ich mir eine andere Frage: Hat Lernen vielleicht weniger mit Karriere zu tun als mit der Art, wie wir altern? Diese Frage drängte sich mir bei der Lektüre verschiedener Texte zur Altersforschung auf. Überraschend war dabei nicht die Erkenntnis, dass ältere Menschen noch lernen können. Das dürfte heute kaum jemanden erstaunen. Überraschend war vielmehr die Vermutung, dass der Zusammenhang möglicherweise umgekehrt verläuft: Vielleicht lernen wir nicht weiter, weil wir geistig fit geblieben sind. Vielleicht bleiben wir geistig fit, weil wir weiterlernen.</p>



<p>Lange Zeit betrachtete die Wissenschaft das Altern vor allem <a href="https://www.nzz.ch/article7E386-ld.173162">als Geschichte des Verlusts</a>. Die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ab, die Reaktionsgeschwindigkeit sinkt, das Gedächtnis wird weniger zuverlässig. Auch das Gehirn schien diesem Muster zu folgen. Wer älter wurde, so die verbreitete Annahme, musste sich mit einem schrittweisen geistigen Rückzug abfinden.</p>

<p>Heute zeichnet sich <a href="https://news.harvard.edu/gazette/story/2015/03/smarter-by-the-minute-sort-of/">ein differenzierteres Bild</a> ab. Zwar nehmen bestimmte Fähigkeiten tatsächlich ab. Gleichzeitig bleiben Wissen, Erfahrung, Sprachvermögen und Urteilskraft oft erstaunlich lange erhalten. Der ältere Mensch mag langsamer sein als der jüngere, aber nicht zwingend weniger klug. Häufig verfügt er über einen grösseren Vorrat an Erfahrungen und Zusammenhängen, auf die er zurückgreifen kann.</p>

<p>Noch wichtiger ist eine andere Erkenntnis: Das Gehirn ist kein starres Organ, das nach der Jugend fertig entwickelt ist. Es bleibt lebenslang veränderbar – <a href="https://www.spektrum.de/news/hirnabbau-im-alter-neuronale-kompensation-bewahrt-klares-denken/2208423">Neurowissenschaftler sprechen von <em>Neuroplastizität</em></a>. Was mich daran fasziniert, ist weniger der Fachbegriff als das Bild dahinter. Das Gehirn legt nicht einfach Wissen auf Vorrat an. Es baut ein dichtes Netz von Verbindungen. Fällt ein Weg aus, stehen andere zur Verfügung.</p>

<p>Daraus ergibt sich das <a href="https://www.spektrum.de/news/kognitive-reserve-ein-puffer-gegen-alzheimer/2203538">Konzept der <em>kognitiven Reserve</em></a>. Menschen altern kognitiv sehr unterschiedlich, und eine Erklärung lautet, dass manche im Laufe ihres Lebens eine Art innere Widerstandsfähigkeit aufgebaut haben – durch Lesen, <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a>, Schreiben, Gespräche, Musik, soziale Beziehungen, geistige Herausforderungen. Nicht als bewusste Vorsorge, sondern als Haltung: neugierig geblieben zu sein.</p>

<p>Diese Sichtweise verändert den Blick auf das Lernen grundlegend. Lernen dient nicht nur dazu, Wissen zu erwerben oder beruflich Schritt zu halten. Es ist zugleich eine Investition in die eigene geistige Beweglichkeit.</p>

<p>Vielleicht liegt hier sogar ein tieferer Irrtum unserer Bildungskultur. Wir betrachten Lernen oft als Vorbereitung auf das Leben. Schule bereitet auf den Beruf vor, Weiterbildung auf die nächste Karrierestufe. Lernen erscheint als Mittel zum Zweck.</p>

<p><em>Was aber, wenn Lernen nicht die Vorbereitung auf das Leben ist, sondern ein Teil des guten Lebens selbst?</em></p>

<p><a href="https://psyche.co/guides/how-to-cultivate-shoshin-or-a-beginners-mind">In der japanischen Zen-Tradition spricht man von <em>Shoshin</em></a>, dem „Geist des Anfängers“. Gemeint ist die Fähigkeit, einer Sache so zu begegnen, als sähe man sie zum ersten Mal. Der Anfänger verfügt über wenig Wissen, aber über viele Möglichkeiten. Der Experte besitzt viel Wissen, läuft jedoch Gefahr, sich in Gewohnheiten und Gewissheiten einzurichten.</p>

<p>Je älter ich werde, desto häufiger beobachte ich diesen Mechanismus auch bei mir selbst. Die Versuchung ist real: sich auf das zurückzuziehen, was man bereits weiss. Es fühlt sich nicht nach Rückzug an – es fühlt sich nach Kompetenz an. Aber es ist nicht dasselbe.</p>

<p>Vielleicht liegt darin die grösste Herausforderung des Alterns: nicht die nachlassende Fähigkeit zu lernen, sondern der schleichende Verlust der Bereitschaft dazu. Seneca, der stoische Philosoph, <a href="./besser-lernen-mit-seneca">hätte das wohl verstanden</a>. Für die Stoiker war <a href="https://epicmind.ch/tag:Bildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Bildung</span></a> keine Lebensphase, sondern eine Haltung. Man lernte nicht, um irgendwann fertig zu sein, sondern um aufmerksam, urteilsfähig und wach zu bleiben. Das klingt nach einem alten Gedanken – und ist vielleicht deshalb so beständig, weil er stimmt.</p>

<p>Was mich geistig wach hält, sind meistens nicht die grossen Projekte. Es sind die kleinen Momente, in denen man wieder Anfänger wird. Ein Buch, das die eigene Sicht auf die Welt verschiebt. Ein Gedanke, den man so noch nie gedacht hat. Eine Frage, auf die man keine fertige Antwort besitzt.</p>

<p>Die moderne Forschung bestätigt genau diese Haltung. Wer geistig beweglich bleiben möchte, sollte sich nicht nur mit Vertrautem umgeben. Das Gehirn reagiert besonders stark auf Neuheit, Herausforderung und Anpassung. Eine Fremdsprache lernen. Ein Instrument beginnen. Reisen. Schreiben. Neue Menschen kennenlernen. Die einzelnen Tätigkeiten sind austauschbar. Entscheidend ist etwas anderes: die Bereitschaft, wieder Anfänger zu werden.</p>

<p>Freilich wäre es ein Fehler, Lernen zum Wundermittel zu erklären. <a href="https://www.washingtonpost.com/health/2026/06/11/midlife-habits-that-could-make-or-break-your-brain-health-long-term/">Das Gehirn arbeitet nicht isoliert. Bewegung, Schlaf, Ernährung, soziale Beziehungen – all das spielt ebenso hinein.</a> Ein gesundes <a href="https://epicmind.ch/tag:Alter" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Alter</span></a> ist kein Soloprojekt.</p>

<p>Aber darüber, wie wir geistig altern, haben wir mehr Einfluss, als lange angenommen wurde. Das Gegenteil des geistigen Alterns ist nicht Jugendlichkeit. Es ist Neugier. Wer aufhört zu lernen, wird nicht alt. Er beginnt lediglich, sich zu wiederholen.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/lernen-haelt-nicht-jung-aber-es-veraendert-wie-wir-altern">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pompeo_Batoni">Pompeo Batoni</a> (1708–1787): <em>Die büßende Magdalena</em> (Kopie aus dem 19. Jahrhundert, das Original wurde im Zweiten Weltkrieg in Dresden vernichtet), Dorotheum, Wien, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karl_Javurek_(attr)_after_Batoni_Magdalena.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/lernen-haelt-nicht-jung-aber-es-veraendert-wie-wir-altern</guid>
      <pubDate>Fri, 12 Jun 2026 15:15:29 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Lernen mit der Loci-Methode: Wie man Wissen über Orte im Gedächtnis verankert</title>
      <link>https://epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Morland:  Woman Reading by a Paper-Bell Shade&#xA;&#xA;Wer schon einmal versucht hat, eine längere Liste, Fachbegriffe oder eine Präsentation auswendig zu lernen, kennt das Problem: Einzelne Informationen verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Besonders schwierig wird es, wenn die Inhalte wenig miteinander zu tun haben. Genau hier setzt die sogenannte Loci-Methode an – eine jahrtausendealte Lerntechnik, die bis heute verwendet wird.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Der Grundgedanke ist simpel: Man verbindet den Lernstoff mit bekannten Orten. Tatsächlich nutzt die Methode eine Stärke unseres Gehirns, die viele im Alltag unterschätzen: Menschen erinnern sich oft erstaunlich präzise an Räume, Wege und räumliche Abläufe. Wer sich etwa an seine Primarschule oder die Wohnung der Grosseltern erinnert, sieht häufig sofort konkrete Bilder vor sich. Die Loci-Methode macht sich genau dieses räumliche Gedächtnis zunutze.&#xA;&#xA;Woher kommt die Methode?&#xA;&#xA;Die Ursprünge der Loci-Methode reichen bis in die Antike zurück. Schon griechische und römische Redner nutzten sie, um lange Reden frei vortragen zu können. Bücher waren damals selten und teuer, vieles musste auswendig gelernt werden. Besonders in der #Rhetorik spielte das Gedächtnis deshalb eine zentrale Rolle.&#xA;&#xA;Der Legende nach geht die Methode auf den griechischen Dichter Simonides von Keos zurück. Nachdem ein Gebäude eingestürzt war, soll er die Opfer anhand ihrer ursprünglichen Sitzordnung identifiziert haben. Daraus entstand die Einsicht, dass räumliche Anordnungen Erinnerungen besonders zuverlässig strukturieren können. Später verwendeten auch berühmte Redner wie Cicero diese Technik.&#xA;&#xA;Auch moderne Gedächtnissportler greifen bis heute auf dieselbe Grundidee zurück. Der technologische Fortschritt hat die Funktionsweise unseres Gehirns nämlich nicht verändert. Noch immer gilt: Bilder und räumliche Vorstellungen prägen sich meist leichter ein als abstrakte Informationen oder reine Textfolgen: „Unserem Gehirn fällt es schwer, sich schnell mehrere unzusammenhängende Begriffe oder Zahlen zu merken.“ [1] Genau deshalb helfen Bilder und Orte beim #Lernen.&#xA;&#xA;Wie ist die Methode aufgebaut?&#xA;&#xA;Die Loci-Methode folgt einem klaren Ablauf. Sie benötigt keine besondere Begabung, wohl aber etwas Übung. Anfangs wirkt der Prozess oft ungewohnt, nach einigen Anwendungen wird er jedoch deutlich einfacher.&#xA;&#xA;Im Zentrum stehen drei Elemente:&#xA;&#xA;eine vertraute Route oder Umgebung&#xA;feste Ankerpunkte entlang dieser Route&#xA;bildhafte Verknüpfungen mit dem Lernstoff&#xA;&#xA;Zunächst wählt man einen Ort, den man sehr gut kennt. Das kann die eigene Wohnung sein, der Arbeitsweg, ein Spaziergang durch die Altstadt oder sogar ein vertrautes Schulzimmer. Wichtig ist lediglich, dass die Reihenfolge der Orte eindeutig ist.&#xA;&#xA;Anschliessend legt man konkrete Stationen fest. In einer Wohnung könnten das beispielsweise Eingangstür, Garderobe, Sofa, Tisch, Bücherregal und Balkon sein. Diese Punkte bilden später die Struktur für die Informationen.&#xA;&#xA;Nun beginnt der eigentliche Lernprozess: Die Inhalte werden als möglichst lebendige Bilder mit diesen Orten verbunden. Je ungewöhnlicher oder absurder die Vorstellung, desto besser funktioniert sie oft. Genau darin liegt eine gewisse Eigenart der Methode. Unser Gehirn reagiert besonders stark auf Überraschungen, Emotionen und skurrile Bilder.&#xA;&#xA;Wer sich etwa die Reihenfolge bestimmter Begriffe merken möchte, könnte sich vorstellen, dass auf dem Sofa plötzlich ein riesiges Wörterbuch explodiert oder dass aus dem Kühlschrank französische Vokabeln herausfliegen. Solche Bilder wirken albern – und genau deshalb bleiben sie häufig haften.&#xA;&#xA;Wie kann man die Methode konkret verwenden?&#xA;&#xA;Besonders gut eignet sich die Loci-Methode für Lernstoff mit klarer Reihenfolge. Dazu gehören beispielsweise:&#xA;&#xA;Vokabeln&#xA;Präsentationen&#xA;historische Ereignisse&#xA;Fachbegriffe&#xA;Listen&#xA;Prüfungsthemen&#xA;&#xA;Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Sprachlernen. Angenommen, man möchte sich fünf französische Wörter merken. Die Wohnung dient dabei als Route.&#xA;&#xA;An der Eingangstür sitzt eine riesige „pomme“ (Apfel), die den Weg versperrt. Auf dem Sofa springt ein „chat“ (Katze) herum. Im Badezimmer schwimmt ein „poisson“ (Fisch) in der Badewanne. Am Küchentisch liegt ein überdimensionales „livre“ (Buch), und auf dem Balkon steht plötzlich ein „cheval“ (Pferd).&#xA;&#xA;Wer später gedanklich durch die Wohnung geht, ruft dadurch automatisch die Begriffe ab. Die Orte dienen als mentale Auslöser.&#xA;&#xA;Ähnlich funktioniert die Methode auch bei Präsentationen. Statt den Vortrag Wort für Wort auswendig zu lernen, verbindet man die einzelnen Themen mit Stationen entlang einer Route. Dadurch erinnert man sich an die Reihenfolge und an die wichtigsten Inhalte, ohne mechanisch auswendig sprechen zu müssen.&#xA;&#xA;Im Berufsalltag kann die Technik ebenfalls nützlich sein. Wer sich Namen, Gesprächspunkte oder Abläufe merken möchte, kann diese gedanklich an Orte koppeln. Gerade bei Vorträgen oder Prüfungen hilft dies oft gegen das bekannte „Blackout“-Gefühl.&#xA;&#xA;Die Methode ist also leicht und überall einsetzbar. Allerdings gilt auch: Die Technik ersetzt kein Verständnis. Wer Inhalte nicht begreift, kann sie zwar kurzfristig speichern, aber kaum sinnvoll anwenden.&#xA;&#xA;Warum funktioniert das überhaupt?&#xA;&#xA;Die genaue Funktionsweise des Gedächtnisses ist bis heute nicht vollständig verstanden. Bekannt ist jedoch, dass räumliche Orientierung und bildhafte Vorstellungen tief im menschlichen Denken verankert sind.&#xA;&#xA;Die Loci-Methode nutzt dabei mehrere psychologische Effekte gleichzeitig:&#xA;&#xA;Strukturierung von Informationen&#xA;Verknüpfung mit bekannten Räumen&#xA;emotionale oder absurde Bilder&#xA;aktives statt passives Lernen&#xA;&#xA;Gerade der letzte Punkt wird häufig unterschätzt. Viele Menschen lernen passiv: lesen, markieren, wiederholen. Die Loci-Methode zwingt hingegen dazu, Informationen aktiv umzuwandeln und mit eigenen Vorstellungen zu verbinden (Elaboration). Dadurch entsteht eine tiefere Verarbeitung des Lernstoffs.&#xA;&#xA;Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Reihenfolgen stabil bleiben. Wer seine Route kennt, kann Inhalte oft erstaunlich zuverlässig abrufen.&#xA;&#xA;Vor- und Nachteile&#xA;&#xA;Die Methode hat klare Stärken, aber auch Grenzen. Hilfreich ist sie insbesondere dann, wenn grosse Mengen an Fakten gelernt werden müssen. Viele Menschen erleben zudem, dass Lernen dadurch kreativer und weniger monoton wird. Die Methode funktioniert ohne technische Hilfsmittel und lässt sich nahezu überall anwenden.&#xA;&#xA;Allerdings braucht der Einstieg Zeit. Gute Bilder zu entwickeln ist anstrengender, als Informationen einfach zu lesen. Gerade am Anfang empfinden viele die Technik als umständlich. Hinzu kommt, dass sie sich nicht für jede Art von Lernen eignet. Tiefes Verständnis, kritisches Denken oder mathematische Zusammenhänge lassen sich dadurch nicht automatisch verbessern.&#xA;&#xA;Auch die Wiederholung bleibt wichtig. Ohne regelmässiges Auffrischen (Spaced Repetition) werden die mentalen Bilder mit der Zeit unscharf: „Ohne Wiederholung werden die gemerkten Bilder im Kopf immer unschärfer.“ [2]&#xA;&#xA;Warum man die Loci-Methode auch heute noch anwenden kann&#xA;&#xA;Die Loci-Methode gehört zu den ältesten bekannten Lerntechniken - und vermutlich auch zu den unterschätztesten. Ihr Erfolg beruht nicht auf Magie oder aussergewöhnlichen Gedächtnisleistungen, sondern auf einer geschickten Nutzung menschlicher Wahrnehmung.&#xA;&#xA;Wer bereit ist, sich auf die ungewohnten Bilder und räumlichen Vorstellungen einzulassen, entdeckt oft eine überraschend wirkungsvolle Lernstrategie. Eine so einfache Methode mag altmodisch wirken aber vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] Luca Intzen, „Mnemotechnik: Lernen mit der Loci-Methode“, Betzold Blog, 2026.&#xA;[2] „Loci-Methode“, Wikipedia, 2026.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Henry Robert Morland (1716/19–1797): Woman Reading by a Paper-Bell Shade, Yale Center for British Art, New Haven, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/c/c1/Henry_Robert_Morland_-_Woman_Reading_by_a_Paper-Bell_Shade_-_Google_Art_Project.jpg/960px-Henry_Robert_Morland_-_Woman_Reading_by_a_Paper-Bell_Shade_-_Google_Art_Project.jpg" alt="Morland:  Woman Reading by a Paper-Bell Shade"/></p>

<p>Wer schon einmal versucht hat, eine längere Liste, Fachbegriffe oder eine Präsentation auswendig zu lernen, kennt das Problem: Einzelne Informationen verschwinden schnell wieder aus dem Gedächtnis. Besonders schwierig wird es, wenn die Inhalte wenig miteinander zu tun haben. Genau hier setzt die sogenannte <strong>Loci-Methode</strong> an – eine jahrtausendealte Lerntechnik, die bis heute verwendet wird.</p>



<p>Der Grundgedanke ist simpel: Man verbindet den Lernstoff mit bekannten Orten. Tatsächlich nutzt die Methode eine Stärke unseres Gehirns, die viele im Alltag unterschätzen: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/ueber-denken-im-raum-das-uralte-navigierende-gehirn-100.html">Menschen erinnern sich oft erstaunlich präzise an Räume, Wege und räumliche Abläufe.</a> Wer sich etwa an seine Primarschule oder die Wohnung der Grosseltern erinnert, sieht häufig sofort konkrete Bilder vor sich. Die Loci-Methode macht sich genau dieses räumliche Gedächtnis zunutze.</p>

<h2 id="woher-kommt-die-methode">Woher kommt die Methode?</h2>

<p>Die Ursprünge der Loci-Methode reichen bis in die Antike zurück. <a href="./uberzeugend-argumentieren-mit-aristoteles">Schon griechische und römische Redner nutzten sie, um lange Reden frei vortragen zu können.</a> Bücher waren damals selten und teuer, vieles musste auswendig gelernt werden. Besonders in der <a href="https://epicmind.ch/tag:Rhetorik" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Rhetorik</span></a> spielte das Gedächtnis deshalb eine zentrale Rolle.</p>

<p>Der Legende nach geht die Methode auf den griechischen Dichter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Simonides_von_Keos">Simonides von Keos</a> zurück. Nachdem ein Gebäude eingestürzt war, soll er die Opfer anhand ihrer ursprünglichen Sitzordnung identifiziert haben. Daraus entstand die Einsicht, dass räumliche Anordnungen Erinnerungen besonders zuverlässig strukturieren können. Später verwendeten auch berühmte Redner wie Cicero diese Technik.</p>

<p>Auch moderne Gedächtnissportler greifen bis heute auf dieselbe Grundidee zurück. Der technologische Fortschritt hat die Funktionsweise unseres Gehirns nämlich nicht verändert. Noch immer gilt: Bilder und räumliche Vorstellungen prägen sich meist leichter ein als abstrakte Informationen oder reine Textfolgen: „Unserem Gehirn fällt es schwer, sich schnell mehrere unzusammenhängende Begriffe oder Zahlen zu merken.“ [1] Genau deshalb helfen Bilder und Orte beim <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a>.</p>

<h2 id="wie-ist-die-methode-aufgebaut">Wie ist die Methode aufgebaut?</h2>

<p>Die Loci-Methode folgt einem klaren Ablauf. Sie benötigt keine besondere Begabung, wohl aber etwas Übung. Anfangs wirkt der Prozess oft ungewohnt, nach einigen Anwendungen wird er jedoch deutlich einfacher.</p>

<p>Im Zentrum stehen drei Elemente:</p>
<ol><li>eine vertraute <strong>Route</strong> oder Umgebung</li>
<li>feste <strong>Ankerpunkte</strong> entlang dieser Route</li>
<li>bildhafte <strong>Verknüpfungen</strong> mit dem Lernstoff</li></ol>

<p>Zunächst wählt man einen Ort, den man sehr gut kennt. Das kann die eigene Wohnung sein, der Arbeitsweg, ein Spaziergang durch die Altstadt oder sogar ein vertrautes Schulzimmer. Wichtig ist lediglich, dass die Reihenfolge der Orte eindeutig ist.</p>

<p>Anschliessend legt man konkrete Stationen fest. In einer Wohnung könnten das beispielsweise Eingangstür, Garderobe, Sofa, Tisch, Bücherregal und Balkon sein. Diese Punkte bilden später die Struktur für die Informationen.</p>

<p>Nun beginnt der eigentliche Lernprozess: Die Inhalte werden als möglichst lebendige Bilder mit diesen Orten verbunden. Je ungewöhnlicher oder absurder die Vorstellung, desto besser funktioniert sie oft. Genau darin liegt eine gewisse Eigenart der Methode. Unser Gehirn reagiert besonders stark auf Überraschungen, Emotionen und skurrile Bilder.</p>

<p>Wer sich etwa die Reihenfolge bestimmter Begriffe merken möchte, könnte sich vorstellen, dass auf dem Sofa plötzlich ein riesiges Wörterbuch explodiert oder dass aus dem Kühlschrank französische Vokabeln herausfliegen. Solche Bilder wirken albern – und genau deshalb bleiben sie häufig haften.</p>

<h2 id="wie-kann-man-die-methode-konkret-verwenden">Wie kann man die Methode konkret verwenden?</h2>

<p>Besonders gut eignet sich die Loci-Methode für Lernstoff mit klarer Reihenfolge. Dazu gehören beispielsweise:</p>
<ul><li>Vokabeln</li>
<li>Präsentationen</li>
<li>historische Ereignisse</li>
<li>Fachbegriffe</li>
<li>Listen</li>
<li>Prüfungsthemen</li></ul>

<p>Nehmen wir ein einfaches Beispiel aus dem Sprachlernen. Angenommen, man möchte sich fünf französische Wörter merken. Die Wohnung dient dabei als Route.</p>

<p>An der Eingangstür sitzt eine riesige „pomme“ (Apfel), die den Weg versperrt. Auf dem Sofa springt ein „chat“ (Katze) herum. Im Badezimmer schwimmt ein „poisson“ (Fisch) in der Badewanne. Am Küchentisch liegt ein überdimensionales „livre“ (Buch), und auf dem Balkon steht plötzlich ein „cheval“ (Pferd).</p>

<p>Wer später gedanklich durch die Wohnung geht, ruft dadurch automatisch die Begriffe ab. Die Orte dienen als mentale Auslöser.</p>

<p>Ähnlich funktioniert die Methode auch bei Präsentationen. Statt den Vortrag Wort für Wort auswendig zu lernen, verbindet man die einzelnen Themen mit Stationen entlang einer Route. Dadurch erinnert man sich an die Reihenfolge und an die wichtigsten Inhalte, ohne mechanisch auswendig sprechen zu müssen.</p>

<p>Im Berufsalltag kann die Technik ebenfalls nützlich sein. Wer sich Namen, Gesprächspunkte oder Abläufe merken möchte, kann diese gedanklich an Orte koppeln. Gerade bei Vorträgen oder Prüfungen hilft dies oft gegen das bekannte „Blackout“-Gefühl.</p>

<p>Die Methode ist also leicht und überall einsetzbar. Allerdings gilt auch: Die Technik ersetzt kein Verständnis. Wer Inhalte nicht begreift, kann sie zwar kurzfristig speichern, aber kaum sinnvoll anwenden.</p>

<h2 id="warum-funktioniert-das-überhaupt">Warum funktioniert das überhaupt?</h2>

<p>Die genaue Funktionsweise des Gedächtnisses ist bis heute nicht vollständig verstanden. Bekannt ist jedoch, dass räumliche Orientierung und bildhafte Vorstellungen tief im menschlichen Denken verankert sind.</p>

<p>Die Loci-Methode nutzt dabei mehrere psychologische Effekte gleichzeitig:</p>
<ul><li><a href="https://www.ccsenet.org/journal/index.php/ijps/article/view/0/53011">Strukturierung</a> von Informationen</li>
<li><a href="https://www.learningscientists.org/blog/2019/9/18-1">Verknüpfung</a> mit bekannten Räumen</li>
<li>emotionale oder absurde <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12514325/">Bilder</a></li>
<li><a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0149763424002069">aktives</a> statt passives Lernen</li></ul>

<p>Gerade der letzte Punkt wird häufig unterschätzt. Viele Menschen lernen passiv: lesen, markieren, wiederholen. Die Loci-Methode zwingt hingegen dazu, Informationen aktiv umzuwandeln und mit eigenen Vorstellungen zu verbinden (<a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-4-wissenschaftlich-fundierte-strategien">Elaboration</a>). Dadurch entsteht eine tiefere Verarbeitung des Lernstoffs.</p>

<p>Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Reihenfolgen stabil bleiben. Wer seine Route kennt, kann Inhalte oft erstaunlich zuverlässig abrufen.</p>

<h2 id="vor-und-nachteile">Vor- und Nachteile</h2>

<p>Die Methode hat klare Stärken, aber auch Grenzen. Hilfreich ist sie insbesondere dann, wenn grosse Mengen an Fakten gelernt werden müssen. Viele Menschen erleben zudem, dass Lernen dadurch kreativer und weniger monoton wird. Die Methode funktioniert ohne technische Hilfsmittel und lässt sich nahezu überall anwenden.</p>

<p>Allerdings braucht der Einstieg Zeit. Gute Bilder zu entwickeln ist anstrengender, als Informationen einfach zu lesen. Gerade am Anfang empfinden viele die Technik als umständlich. Hinzu kommt, dass sie sich nicht für jede Art von Lernen eignet. Tiefes Verständnis, kritisches Denken oder mathematische Zusammenhänge lassen sich dadurch nicht automatisch verbessern.</p>

<p>Auch die Wiederholung bleibt wichtig. Ohne regelmässiges Auffrischen (<a href="./effektiv-und-nachhaltig-lernen-4-wissenschaftlich-fundierte-strategien">Spaced Repetition</a>) werden die mentalen Bilder mit der Zeit unscharf: „Ohne Wiederholung werden die gemerkten Bilder im Kopf immer unschärfer.“ [2]</p>

<h2 id="warum-man-die-loci-methode-auch-heute-noch-anwenden-kann">Warum man die Loci-Methode auch heute noch anwenden kann</h2>

<p>Die Loci-Methode gehört zu den ältesten bekannten Lerntechniken – und vermutlich auch zu den unterschätztesten. Ihr Erfolg beruht nicht auf Magie oder aussergewöhnlichen Gedächtnisleistungen, sondern auf einer geschickten Nutzung menschlicher Wahrnehmung.</p>

<p>Wer bereit ist, sich auf die ungewohnten Bilder und räumlichen Vorstellungen einzulassen, entdeckt oft eine überraschend wirkungsvolle Lernstrategie. Eine so einfache Methode mag altmodisch wirken aber vielleicht liegt genau darin ihre Stärke.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] Luca Intzen, „Mnemotechnik: Lernen mit der Loci-Methode“, Betzold Blog, 2026.
[2] „Loci-Methode“, Wikipedia, 2026.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Robert_Morland">Henry Robert Morland</a> (1716/19–1797): <em>Woman Reading by a Paper-Bell Shade</em>, Yale Center for British Art, New Haven, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henry_Robert_Morland_-_Woman_Reading_by_a_Paper-Bell_Shade_-_Google_Art_Project.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/lernen-mit-der-loci-methode-wie-man-wissen-ueber-orte-im-gedaechtnis-verankert</guid>
      <pubDate>Fri, 22 May 2026 12:33:22 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Vom Wert der Langsamkeit in der Textproduktion</title>
      <link>https://epicmind.ch/vom-wert-der-langsamkeit-in-der-textproduktion?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Thorvald Erichsen: Jorde skriver hjem&#xA;&#xA;„Das ist gar kein Schreiben – das ist Tippen.“ Mit dieser spitzen Bemerkung soll Truman Capote einst die Prosa seines Kollegen Jack Kerouac kommentiert haben. Die Bemerkung war polemisch gemeint, doch sie trifft einen Nerv, der bis heute empfindlich ist: Verändert das Werkzeug, mit dem wir schreiben, auch die Art, wie wir denken? Meine Antwort lautet: Ja. Und wir unterschätzen diesen Einfluss systematisch.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Wenn ein Finger eine Taste drückt, passiert neuronal wenig Aufregendes. Jede Taste erzeugt dieselbe Bewegung – nach unten, zurück. Das Gehirn schaltet rasch auf Autopilot. Handschreiben funktioniert anders: Jeder Buchstabe muss aktiv geformt werden, die Hand bewegt sich in wechselnden Richtungen, Auge und Motorik arbeiten eng zusammen. EEG-Messungen bei Zwölfjährigen und Erwachsenen zeigen, dass dabei Hirnregionen aktiv werden, die mit #Lernen, Gedächtnisbildung und sensorischer Integration verbunden sind – und zwar deutlich stärker als beim Tippen 1]. [Das Schreiben mit der Hand ist kein obsoleter Umweg. Es ist eine kognitiv dichte Tätigkeit.&#xA;&#xA;Diese Dichte hat Konsequenzen. Wer in einer Vorlesung mitschreibt, kann auf der Tastatur fast wörtlich festhalten, was gesagt wird – und verarbeitet dabei kaum etwas. Wer mit der Hand schreibt, muss auswählen, verdichten, umformulieren. Der Stift zwingt zur Langsamkeit, und Langsamkeit zwingt zum Denken. Studien zeigen, dass handschriftliche Notizen zu einem besseren inhaltlichen Verständnis führen als getippte, obwohl – oder gerade weil – sie kürzer sind 2]. Das Gleiche gilt für Kinder im Schriftspracherwerb: Wer Buchstaben aktiv schreibt, entwickelt die Hirnstrukturen, die später beim Lesen benötigt werden, schneller und stabiler als wer sie nur antippt [3]. [Die Hand lehrt das Auge sehen.&#xA;&#xA;Die Hand lehrt das Auge sehen&#xA;&#xA;Nun könnte man einwenden: Das haben wir schon einmal gehört. Als die Schreibmaschine in Büros und Redaktionen einzog, klagte der Philosoph Martin Heidegger, mit ihr gehe der unmittelbare Zusammenhang zwischen Hand und Denken verloren. Die Maschine siegte trotzdem – und die Literatur überlebte. Tatsächlich entstanden durch sie neue Ausdrucksformen, etwa die typografischen Experimente der Avantgarde. Neue Werkzeuge verdrängen ältere nicht einfach; sie verschieben, was mit ihnen möglich ist. Doch dieser Befund ist kein Freispruch für die Tastatur. Er ist eine Warnung: Wer annimmt, das Werkzeug sei neutral, irrt.&#xA;&#xA;Handschrift ist dabei mehr als ein kognitives Instrument. Sie ist individuell. Zwei Menschen können denselben Satz formulieren, aber ihre Schriften werden ihn verschieden erscheinen lassen, werden Tempo, Druck und Stimmung verraten. Briefe, Tagebücher, handschriftliche Manuskripte vermitteln nicht nur Inhalt, sondern eine körperliche Spur ihres Autors. Digitaler Text ist typografisch uniform. Das ist für viele Zwecke ein Vorzug. Doch etwas geht dabei verloren: die Sichtbarkeit des Denkenden hinter dem Gedachten.&#xA;&#xA;Das bedeutet nicht, die Tastatur zu verdammen. Sie ist für Produktion, Bearbeitung und Verbreitung von Texten unersetzlich. Wer heute einen Artikel, ein Dokument oder eine E-Mail verfasst, denkt zu Recht mit den Fingern auf der Tastatur. Aber Schreiben ist nicht gleich Schreiben. Die Tastatur optimiert Geschwindigkeit und Volumen. Die Hand optimiert Tiefe und Verarbeitung. Wer beides vermischt, versteht keines von beidem richtig.&#xA;&#xA;Zurück zu Capote. Was sein Urteil über Kerouac interessant macht, ist nicht nur die Pointe – es ist der Sprecher. Capote tippte selbst. Er arbeitete jahrelang an der Schreibmaschine, später am Computer. Und er schrieb trotzdem. Sein Einwand galt nicht dem Werkzeug als solchem, sondern der Haltung dahinter: dem Schreiben ohne Formwillen, ohne Auswahl und ohne Verlangsamung. Das „Tastatur-Geratter&#34;, das er Kerouac vorwarf, war kein technisches Urteil. Es war ein ästhetisches – und ein kognitives.&#xA;&#xA;Handschrift ist in diesem Sinne keine sentimentale Reminiszenz an Schulfüller und Tintenflecken. Sie ist eine Praxis des Denkens, die das digitale Zeitalter nicht obsolet gemacht hat, sondern dringlicher. Wer schreibt, denkt. Und wer mit der Hand schreibt, denkt – das legen die Befunde nahe – oft klarer, tiefer, aber auch langsamer. Die Langsamkeit ist aber keinMangel, sondern Methode.&#xA;&#xA;Capote irrte, was Kerouac betrifft. Aber die Frage, die sein Spott aufwirft, bleibt gültig: Schreiben wir – oder tippen wir nur?&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/vom-wert-der-langsamkeit-in-der-textproduktion&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Quellen&#xA;[1] E. O. Askvik, F. R. van der Weel und A. L. H. van der Meer, „The importance of cursive handwriting over typewriting for learning in the classroom: A high-density EEG study of 12-year-old children and young adults,&#34; Frontiers in Psychology, Bd. 11, Art.-Nr. 1810, 2020, doi: 10.3389/fpsyg.2020.01810.&#xA;&#xA;[2] P. A. Mueller und D. M. Oppenheimer, „The pen is mightier than the keyboard: Advantages of longhand over laptop note taking,&#34; Psychological Science, Bd. 25, Nr. 6, S. 1159–1168, 2014, doi: 10.1177/0956797614524581.&#xA;&#xA;[3] K. H. James und I. Gauthier, „Letter processing automatically recruits a sensory-motor brain network,&#34; Neuropsychologia, Bd. 44, Nr. 14, S. 2937–2949, 2006, doi: 10.1016/j.neuropsychologia.2006.06.028.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Thorvald Erichsen (1868–1939): Jorde skriver hjem. Vestre Gausdal, Kunstmuseum, Lillehammer, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #Selbstbetrachtungen&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/4e/Thorvald_Erichsen_-_Jorde_skriver_hjem._Vestre_Gausdal_-_LKM.001440_-_Lillehammer_Kunstmuseum.jpg/960px-Thorvald_Erichsen_-_Jorde_skriver_hjem._Vestre_Gausdal_-_LKM.001440_-_Lillehammer_Kunstmuseum.jpg" alt="Thorvald Erichsen: Jorde skriver hjem"/></p>

<p>„Das ist gar kein Schreiben – das ist Tippen.“ Mit dieser spitzen Bemerkung soll Truman Capote einst die Prosa seines Kollegen Jack Kerouac kommentiert haben. Die Bemerkung war polemisch gemeint, doch sie trifft einen Nerv, der bis heute empfindlich ist: Verändert das Werkzeug, mit dem wir schreiben, auch die Art, wie wir denken? Meine Antwort lautet: Ja. Und wir unterschätzen diesen Einfluss systematisch.</p>



<p>Wenn ein Finger eine Taste drückt, passiert neuronal wenig Aufregendes. Jede Taste erzeugt dieselbe Bewegung – nach unten, zurück. Das Gehirn schaltet rasch auf Autopilot. Handschreiben funktioniert anders: Jeder Buchstabe muss aktiv geformt werden, die Hand bewegt sich in wechselnden Richtungen, Auge und Motorik arbeiten eng zusammen. EEG-Messungen bei Zwölfjährigen und Erwachsenen zeigen, dass dabei Hirnregionen aktiv werden, die mit <a href="https://epicmind.ch/tag:Lernen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Lernen</span></a>, Gedächtnisbildung und sensorischer Integration verbunden sind – und zwar deutlich stärker als beim Tippen [1]. <a href="https://text.tchncs.de/gisiger/papier-und-digital-effizient-verbinden-2-wie-das-schreiben-von-hand-das">Das Schreiben mit der Hand ist kein obsoleter Umweg. Es ist eine kognitiv dichte Tätigkeit.</a></p>

<p>Diese Dichte hat Konsequenzen. Wer in einer Vorlesung mitschreibt, kann auf der Tastatur fast wörtlich festhalten, was gesagt wird – und verarbeitet dabei kaum etwas. Wer mit der Hand schreibt, muss auswählen, verdichten, umformulieren. <a href="https://text.tchncs.de/gisiger/papier-und-digital-effizient-verbinden-4-aktuelle-studienergebnisse-als">Der Stift zwingt zur Langsamkeit, und Langsamkeit zwingt zum Denken.</a> Studien zeigen, dass handschriftliche Notizen zu einem besseren inhaltlichen Verständnis führen als getippte, obwohl – oder gerade weil – sie kürzer sind [2]. Das Gleiche gilt für Kinder im Schriftspracherwerb: Wer Buchstaben aktiv schreibt, entwickelt die Hirnstrukturen, die später beim Lesen benötigt werden, schneller und stabiler als wer sie nur antippt [3]. <a href="https://www.spektrum.de/news/wie-das-erlernen-der-schreibschrift-das-gehirn-trainiert/2308167">Die Hand lehrt das Auge sehen.</a></p>

<h2 id="die-hand-lehrt-das-auge-sehen">Die Hand lehrt das Auge sehen</h2>

<p>Nun könnte man einwenden: Das haben wir schon einmal gehört. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/verlieren-wir-die-handschrift-der-kulturkampf-um-die-schreibmaschine-110822734.html">Als die Schreibmaschine in Büros und Redaktionen einzog</a>, klagte der Philosoph <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Heidegger">Martin Heidegger</a>, mit ihr gehe der unmittelbare Zusammenhang zwischen Hand und Denken verloren. Die Maschine siegte trotzdem – und die Literatur überlebte. Tatsächlich entstanden durch sie <a href="https://www.themarginalian.org/2014/05/23/typewriter-art-laurence-king/">neue Ausdrucksformen, etwa die typografischen Experimente der Avantgarde</a>. Neue Werkzeuge verdrängen ältere nicht einfach; sie verschieben, was mit ihnen möglich ist. Doch dieser Befund ist kein Freispruch für die Tastatur. Er ist eine Warnung: Wer annimmt, das Werkzeug sei neutral, irrt.</p>

<p>Handschrift ist dabei mehr als ein kognitives Instrument. Sie ist individuell. Zwei Menschen können denselben Satz formulieren, aber ihre Schriften werden ihn verschieden erscheinen lassen, werden Tempo, Druck und Stimmung verraten. Briefe, Tagebücher, handschriftliche Manuskripte vermitteln nicht nur Inhalt, sondern eine körperliche Spur ihres Autors. Digitaler Text ist typografisch uniform. Das ist für viele Zwecke ein Vorzug. Doch etwas geht dabei verloren: die Sichtbarkeit des Denkenden hinter dem Gedachten.</p>

<p><a href="https://epicmind.ch/handschrift-und-digitalisierung-was-die-forschung-wirklich-zeigt">Das bedeutet nicht, die Tastatur zu verdammen.</a> Sie ist für Produktion, Bearbeitung und Verbreitung von Texten unersetzlich. Wer heute einen Artikel, ein Dokument oder eine E-Mail verfasst, denkt zu Recht mit den Fingern auf der Tastatur. Aber Schreiben ist nicht gleich Schreiben. Die Tastatur optimiert Geschwindigkeit und Volumen. Die Hand optimiert Tiefe und Verarbeitung. Wer beides vermischt, versteht keines von beidem richtig.</p>

<p>Zurück zu <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Truman_Capote">Capote</a>. Was sein Urteil über <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jack_Kerouac">Kerouac</a> interessant macht, ist nicht nur die Pointe – es ist der Sprecher. Capote tippte selbst. Er arbeitete jahrelang an der Schreibmaschine, später am Computer. Und er schrieb trotzdem. Sein Einwand galt nicht dem Werkzeug als solchem, sondern der Haltung dahinter: dem Schreiben ohne Formwillen, ohne Auswahl und ohne Verlangsamung. Das „Tastatur-Geratter”, das er Kerouac vorwarf, war kein technisches Urteil. Es war ein ästhetisches – und ein kognitives.</p>

<p>Handschrift ist in diesem Sinne keine sentimentale Reminiszenz an Schulfüller und Tintenflecken. Sie ist eine Praxis des Denkens, die das digitale Zeitalter nicht obsolet gemacht hat, sondern dringlicher. Wer schreibt, denkt. Und wer mit der Hand schreibt, denkt – das legen die Befunde nahe – oft klarer, tiefer, aber auch langsamer. Die Langsamkeit ist aber keinMangel, sondern Methode.</p>

<p>Capote irrte, was Kerouac betrifft. Aber die Frage, die sein Spott aufwirft, bleibt gültig: Schreiben wir – oder tippen wir nur?</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/vom-wert-der-langsamkeit-in-der-textproduktion">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Quellen</strong>
[1] E. O. Askvik, F. R. van der Weel und A. L. H. van der Meer, „The importance of cursive handwriting over typewriting for learning in the classroom: A high-density EEG study of 12-year-old children and young adults,” <em>Frontiers in Psychology</em>, Bd. 11, Art.-Nr. 1810, 2020, doi: 10.3389/fpsyg.2020.01810.</p>

<p>[2] P. A. Mueller und D. M. Oppenheimer, „The pen is mightier than the keyboard: Advantages of longhand over laptop note taking,” <em>Psychological Science</em>, Bd. 25, Nr. 6, S. 1159–1168, 2014, doi: 10.1177/0956797614524581.</p>

<p>[3] K. H. James und I. Gauthier, „Letter processing automatically recruits a sensory-motor brain network,” <em>Neuropsychologia</em>, Bd. 44, Nr. 14, S. 2937–2949, 2006, doi: 10.1016/j.neuropsychologia.2006.06.028.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Thorvald_Erichsen">Thorvald Erichsen</a> (1868–1939): <em>Jorde skriver hjem. Vestre Gausdal</em>, Kunstmuseum, Lillehammer, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Thorvald_Erichsen_-_Jorde_skriver_hjem._Vestre_Gausdal_-_LKM.001440_-_Lillehammer_Kunstmuseum.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/vom-wert-der-langsamkeit-in-der-textproduktion</guid>
      <pubDate>Fri, 06 Mar 2026 10:07:58 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Warum nicht die besten, sondern die sichtbarsten Ideen aufsteigen: Gedanken zu einem Prüfungsformat</title>
      <link>https://epicmind.ch/warum-nicht-die-besten-sondern-die-sichtbarsten-ideen-aufsteigen-gedanken-zu?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Anton Hickel: The House of Commons&#xA;&#xA;Warum steigen manche Menschen in Organisationen auf – und andere nicht, obwohl sie fachlich mindestens ebenso kompetent sind? Diese Frage begegnet mir regelmässig. Im Unterricht, in Gesprächen mit Führungskräften, in Diskussionen über Karrierewege. Viele gehen implizit davon aus, dass sich Qualität langfristig durchsetzt. Wer die besseren Analysen liefert, wer klüger denkt, wer sorgfältiger arbeitet, wird früher oder später auch führen. So einfach ist es nicht.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Führung entsteht im Gespräch&#xA;&#xA;Eine Studie des MIT, über die kürzlich berichtet wurde, liefert dazu einen aufschlussreichen Befund. In mehreren Untersuchungen zeigte sich: Personen, die ein strukturiertes Debattiertraining absolvierten, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, später in Führungsrollen zu gelangen. Der entscheidende Mechanismus war nicht Fachwissen, sondern eine Zunahme an sogenannter Assertiveness („Durchsetzungsvermögen“) – also die Fähigkeit, klar, direkt und standhaft zu kommunizieren. Assertiveness bedeutet nicht Aggressivität. Es geht nicht darum, andere niederzureden oder dominant aufzutreten. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Position verständlich zu vertreten, Einwände aufzunehmen und dennoch nicht einzuknicken.&#xA;&#xA;Die Studie macht damit etwas sichtbar, das viele aus der Praxis kennen: #Führung entsteht in sozialen Interaktionen. Nicht mit perfekten Konzeptpapieren, sondern in Meetings, Verhandlungen, Konfliktsituationen. Wer in solchen Momenten sichtbar bleibt, wird eher als führungsfähig wahrgenommen. Das heisst nicht, dass diese Person automatisch die bessere Führungskraft ist. Aber sie wird eher ausgewählt.&#xA;&#xA;Sichtbarkeit als Selektionskriterium&#xA;&#xA;Organisationen müssen entscheiden, wem sie Verantwortung übertragen. Diese Entscheidungen basieren nicht nur auf objektiven Leistungsdaten. Sie beruhen auf Wahrnehmung: Wer wirkt souverän? Wer bleibt ruhig unter Druck? Wer kann eine Position vertreten, auch wenn Gegenwind kommt?&#xA;&#xA;Die MIT-Ergebnisse legen nahe, dass genau diese Faktoren systematisch eine Rolle spielen. Debattiertraining verändert nicht primär das Denken, sondern das Auftreten im sozialen Raum. Und dieses Auftreten beeinflusst Aufstiegschancen. Damit wird aufgezeigt: Es genügt nicht, gute Ideen zu haben. Man muss sie auch im Dialog behaupten können.&#xA;&#xA;Was das mit Prüfungen zu tun hat&#xA;&#xA;Hier kommt ein Punkt ins Spiel, der für viele irritierend ist: Wenn ich angehende Führungskräfte auf ihre mündliche Kommunikationsprüfung im Rahmen des SVF-Zertifikats vorbereite, werde ich regelmässig gefragt, wozu dieses Format überhaupt dient. Die Prüfung besteht aus einer kurzen Vorbereitungsphase und anschliessend einem 15-minütigen Dialog mit zwei Expertinnen oder Experten, die bewusst die Gegenposition einnehmen. Also kein Referat und kein Auswendiglernen, sondern ein Gespräch mit Gegenwind.&#xA;&#xA;Auf den ersten Blick wirkt das wie ein rhetorisches Duell. Bei genauerem Hinsehen bildet es jedoch eine typische Führungssituation ab: Du musst eine Position entwickeln, strukturieren, vertreten – und gleichzeitig zuhören, reagieren, ruhig bleiben. Genau jene Fähigkeiten also, die laut MIT-Studie mit Leadership Emergence zusammenhängen. Die Prüfung misst nicht Wissen, sondern die Fähigkeit, unter sozialem Druck sichtbar und argumentativ handlungsfähig zu bleiben. Das ist kein Zufall. Führung findet nicht im Monolog statt.&#xA;&#xA;Eine notwendige, aber keine vollständige Kompetenz&#xA;&#xA;An dieser Stelle ist mir eine differenzierte Einordnung wichtig. Die Studie zeigt, dass durchsetzungsstarke Kommunikation Aufstiegschancen erhöht. Sie sagt nichts darüber, ob diese Personen langfristig die wirksamsten Führungskräfte sind. Hier liegt eine Spannung. Organisationen könnten Gefahr laufen, jene zu bevorzugen, die besonders klar auftreten, während reflektierte, leise oder stark kooperative Persönlichkeiten weniger Beachtung finden. Sichtbarkeit ist nicht gleichbedeutend mit Qualität.&#xA;&#xA;Auch die mündliche Prüfung misst nicht „gute Führung“ in ihrer ganzen Breite. Sie misst eine Voraussetzung dafür, in Führungssituationen überhaupt wahrgenommen zu werden. Zuhören, Empathie, strategisches Denken oder Integrationsfähigkeit werden dort nicht umfassend geprüft. Aber: Wer nicht in der Lage ist, eine Position klar zu vertreten, wird es schwer haben, diese anderen Qualitäten wirksam einzubringen. Sichtbarkeit ist kein Ersatz für Führung – sie ist eine Eintrittskarte.&#xA;&#xA;Warum ich das Prüfungsformat für sinnvoll halte&#xA;&#xA;Vor diesem Hintergrund halte ich das Format für klug gewählt. Es zwingt Kandidatinnen und Kandidaten in eine realitätsnahe Interaktionssituation. Es testet Standhaftigkeit ohne Respektlosigkeit. Es fordert Struktur unter Zeitdruck. Es verlangt Präsenz. Und es konfrontiert mit einem Umstand, der im Berufsalltag ohnehin gilt: Führung bedeutet, in kontroversen Gesprächen Haltung zu zeigen. Wer diese Fähigkeit nicht trainiert, wird sie auch im Arbeitskontext kaum spontan abrufen können.&#xA;&#xA;Fazit&#xA;&#xA;Nicht immer steigen die besten Ideen auf. Oft steigen jene auf, die ihre Ideen unter Widerspruch sichtbar vertreten können. Die MIT-Studie liefert dafür eine empirische Grundlage. Führung entsteht im Gespräch – nicht im Gedanken allein.&#xA;&#xA;Die mündliche Kommunikationsprüfung im SVF-Zertifikat bildet genau diese Realität ab. Sie prüft nicht einfach Wissen, sondern soziale Wirksamkeit. Und sie erinnert uns daran, dass Fachkompetenz ohne kommunikative Standfestigkeit in Organisationen selten ausreicht.&#xA;&#xA;Wenn Du Dich auf eine solche Prüfung vorbereitest, verstehe sie nicht als rhetorisches Kräftemessen. Verstehe sie als Trainingsfeld für Sichtbarkeit. Entwickle Klarheit in Deiner Argumentation, bleibe respektvoll im Widerspruch und halte Position, wenn Gegenwind kommt. Führung beginnt nicht mit Macht. Sie beginnt damit, im entscheidenden Moment nicht zu verstummen.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-nicht-die-besten-sondern-die-sichtbarsten-ideen-aufsteigen-gedanken-zu&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Anton Hickel (1745–1798): The House of Commons, National Portrait Gallery, London, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #Coaching&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/The_House_of_Commons_1793-94_by_Karl_Anton_Hickel.jpg/1280px-The_House_of_Commons_1793-94_by_Karl_Anton_Hickel.jpg" alt="Anton Hickel: The House of Commons"/></p>

<p>Warum steigen manche Menschen in Organisationen auf – und andere nicht, obwohl sie fachlich mindestens ebenso kompetent sind? Diese Frage begegnet mir regelmässig. Im Unterricht, in Gesprächen mit Führungskräften, in Diskussionen über Karrierewege. Viele gehen implizit davon aus, dass sich Qualität langfristig durchsetzt. Wer die besseren Analysen liefert, wer klüger denkt, wer sorgfältiger arbeitet, wird früher oder später auch führen. So einfach ist es nicht.</p>



<h2 id="führung-entsteht-im-gespräch">Führung entsteht im Gespräch</h2>

<p><a href="https://news.mit.edu/2025/climbing-leadership-ladder-try-debate-training-0312">Eine Studie des MIT, über die kürzlich berichtet wurde</a>, liefert dazu einen aufschlussreichen Befund. In mehreren Untersuchungen zeigte sich: Personen, die ein strukturiertes Debattiertraining absolvierten, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit, später in Führungsrollen zu gelangen. Der entscheidende Mechanismus war nicht Fachwissen, sondern eine Zunahme an sogenannter <a href="https://www.psychologytoday.com/us/basics/assertiveness"><em>Assertiveness</em></a> („Durchsetzungsvermögen“) – also die Fähigkeit, klar, direkt und standhaft zu kommunizieren. Assertiveness bedeutet nicht Aggressivität. Es geht nicht darum, andere niederzureden oder dominant aufzutreten. Gemeint ist die Fähigkeit, die eigene Position verständlich zu vertreten, Einwände aufzunehmen und dennoch nicht einzuknicken.</p>

<p><a href="https://psycnet.apa.org/doiLanding?doi=10.1037%2Fapl0001273">Die Studie macht damit etwas sichtbar, das viele aus der Praxis kennen</a>: <a href="https://epicmind.ch/tag:F%C3%BChrung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Führung</span></a> entsteht in sozialen Interaktionen. Nicht mit perfekten Konzeptpapieren, sondern in Meetings, Verhandlungen, Konfliktsituationen. Wer in solchen Momenten sichtbar bleibt, wird eher als führungsfähig wahrgenommen. Das heisst nicht, dass diese Person automatisch die bessere Führungskraft ist. Aber sie wird eher ausgewählt.</p>

<h2 id="sichtbarkeit-als-selektionskriterium">Sichtbarkeit als Selektionskriterium</h2>

<p>Organisationen müssen entscheiden, wem sie Verantwortung übertragen. Diese Entscheidungen basieren nicht nur auf objektiven Leistungsdaten. Sie beruhen auf Wahrnehmung: Wer wirkt souverän? Wer bleibt ruhig unter Druck? Wer kann eine Position vertreten, auch wenn Gegenwind kommt?</p>

<p>Die MIT-Ergebnisse legen nahe, dass genau diese Faktoren systematisch eine Rolle spielen. Debattiertraining verändert nicht primär das Denken, sondern das Auftreten im sozialen Raum. Und dieses Auftreten beeinflusst Aufstiegschancen. Damit wird aufgezeigt: Es genügt nicht, gute Ideen zu haben. Man muss sie auch im Dialog behaupten können.</p>

<h2 id="was-das-mit-prüfungen-zu-tun-hat">Was das mit Prüfungen zu tun hat</h2>

<p>Hier kommt ein Punkt ins Spiel, der für viele irritierend ist: Wenn ich angehende Führungskräfte auf ihre <a href="https://www.leadership-seminare.ch/svf-blog/pruefung-svf/muendliche-pruefung-leadership-svf-aenderungen/">mündliche Kommunikationsprüfung im Rahmen des SVF-Zertifikats</a> vorbereite, werde ich regelmässig gefragt, wozu dieses Format überhaupt dient. Die Prüfung besteht aus einer kurzen Vorbereitungsphase und anschliessend einem 15-minütigen Dialog mit zwei Expertinnen oder Experten, die bewusst die Gegenposition einnehmen. Also kein Referat und kein Auswendiglernen, sondern ein Gespräch mit Gegenwind.</p>

<p>Auf den ersten Blick wirkt das wie ein rhetorisches Duell. Bei genauerem Hinsehen bildet es jedoch eine typische Führungssituation ab: Du musst eine Position entwickeln, strukturieren, vertreten – und gleichzeitig zuhören, reagieren, ruhig bleiben. Genau jene Fähigkeiten also, die laut MIT-Studie mit <a href="https://www.sciencedirect.com/topics/social-sciences/leader-emergence"><em>Leadership Emergence</em></a> zusammenhängen. Die Prüfung misst nicht Wissen, sondern die Fähigkeit, unter sozialem Druck sichtbar und argumentativ handlungsfähig zu bleiben. Das ist kein Zufall. Führung findet nicht im Monolog statt.</p>

<h2 id="eine-notwendige-aber-keine-vollständige-kompetenz">Eine notwendige, aber keine vollständige Kompetenz</h2>

<p>An dieser Stelle ist mir eine differenzierte Einordnung wichtig. Die Studie zeigt, dass durchsetzungsstarke Kommunikation Aufstiegschancen erhöht. Sie sagt nichts darüber, ob diese Personen langfristig die wirksamsten Führungskräfte sind. Hier liegt eine Spannung. Organisationen könnten Gefahr laufen, jene zu bevorzugen, die besonders klar auftreten, während reflektierte, leise oder stark kooperative Persönlichkeiten weniger Beachtung finden. Sichtbarkeit ist nicht gleichbedeutend mit Qualität.</p>

<p>Auch die mündliche Prüfung misst nicht „gute Führung“ in ihrer ganzen Breite. Sie misst eine Voraussetzung dafür, in Führungssituationen überhaupt wahrgenommen zu werden. Zuhören, Empathie, strategisches Denken oder Integrationsfähigkeit werden dort nicht umfassend geprüft. Aber: Wer nicht in der Lage ist, eine Position klar zu vertreten, wird es schwer haben, diese anderen Qualitäten wirksam einzubringen. Sichtbarkeit ist kein Ersatz für Führung – sie ist eine Eintrittskarte.</p>

<h2 id="warum-ich-das-prüfungsformat-für-sinnvoll-halte">Warum ich das Prüfungsformat für sinnvoll halte</h2>

<p>Vor diesem Hintergrund halte ich das Format für klug gewählt. Es zwingt Kandidatinnen und Kandidaten in eine realitätsnahe Interaktionssituation. Es testet Standhaftigkeit ohne Respektlosigkeit. Es fordert Struktur unter Zeitdruck. Es verlangt Präsenz. Und es konfrontiert mit einem Umstand, der im Berufsalltag ohnehin gilt: Führung bedeutet, in kontroversen Gesprächen Haltung zu zeigen. Wer diese Fähigkeit nicht trainiert, wird sie auch im Arbeitskontext kaum spontan abrufen können.</p>

<h2 id="fazit">Fazit</h2>

<p>Nicht immer steigen die besten Ideen auf. Oft steigen jene auf, die ihre Ideen unter Widerspruch sichtbar vertreten können. Die MIT-Studie liefert dafür eine empirische Grundlage. Führung entsteht im Gespräch – nicht im Gedanken allein.</p>

<p>Die mündliche Kommunikationsprüfung im SVF-Zertifikat bildet genau diese Realität ab. Sie prüft nicht einfach Wissen, sondern soziale Wirksamkeit. Und sie erinnert uns daran, dass Fachkompetenz ohne kommunikative Standfestigkeit in Organisationen selten ausreicht.</p>

<p>Wenn Du Dich auf eine solche Prüfung vorbereitest, verstehe sie nicht als rhetorisches Kräftemessen. Verstehe sie als Trainingsfeld für Sichtbarkeit. Entwickle Klarheit in Deiner Argumentation, bleibe respektvoll im Widerspruch und halte Position, wenn Gegenwind kommt. Führung beginnt nicht mit Macht. Sie beginnt damit, im entscheidenden Moment nicht zu verstummen.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/warum-nicht-die-besten-sondern-die-sichtbarsten-ideen-aufsteigen-gedanken-zu">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Hickel">Anton Hickel</a> (1745–1798): <em>The House of Commons</em>, National Portrait Gallery, London, <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/f9/The_House_of_Commons_1793-94_by_Karl_Anton_Hickel.jpg/1280px-The_House_of_Commons_1793-94_by_Karl_Anton_Hickel.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Coaching" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Coaching</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/warum-nicht-die-besten-sondern-die-sichtbarsten-ideen-aufsteigen-gedanken-zu</guid>
      <pubDate>Fri, 27 Feb 2026 07:42:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Macht uns das Smartphone wirklich dümmer? Was die Forschung nach sieben Jahren sagt</title>
      <link>https://epicmind.ch/macht-uns-das-smartphone-wirklich-duemmer-was-die-forschung-nach-sieben-jahren?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[McTaggart: The Storm&#xA;&#xA;In der heutigen digital vernetzten Welt ist das Smartphone für viele von uns ein ständiger Begleiter. Doch wie wirkt sich die blosse Anwesenheit dieses Geräts auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit aus? Diese Frage wurde erstmals durch die sogenannte Brain-Drain-Hypothese aufgeworfen, die besagt, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere geistigen Kapazitäten beeinträchtigen kann. In diesem Beitrag möchte ich mir die ursprüngliche Studie anschauen und sie mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontieren, die die Validität dieser Annahme infrage stellen.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Die ursprüngliche These: Smartphones als „kognitive Vampire“&#xA;&#xA;Die Brain-Drain-Hypothese wurde durch eine einflussreiche Studie im Jahr 2017 im Journal of the Association for Consumer Research eingeführt. Die Studie mit dem Titel „Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity“ [1] wurde vom Psychologen Adrian F. Ward und seinen Kollegen durchgeführt. Ward und sein Team wollten herausfinden, ob die blosse Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistung beeinträchtigt, insbesondere das Arbeitsgedächtnis – das mentale System, das uns hilft, Informationen über das, was wir gerade tun, zu speichern.&#xA;&#xA;In den Experimenten der Studie mussten die Teilnehmer Wörter erinnern und gleichzeitig mathematische Aufgaben lösen, um die Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses zu messen. Die Probanden hatten ihre Smartphones entweder auf dem Tisch, in der Tasche oder in einem anderen Raum. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer umso besser abschnitten, je weiter entfernt ihr Smartphone war. Dies deutete darauf hin, dass selbst die blosse Anwesenheit eines Smartphones kognitive Ressourcen beansprucht, selbst wenn man nicht aktiv daran denkt.&#xA;&#xA;Die Überprüfung: Eine Meta-Analyse räumt auf&#xA;&#xA;Seit der Veröffentlichung der ursprünglichen Studie von Ward et al. im Jahr 2017 haben weitere Forscher versucht, die Brain-Drain-Hypothese zu überprüfen und zu bestätigen. Eine der umfassendsten dieser Untersuchungen ist eine Meta-Analyse von Douglas A. Parry aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Does the mere presence of a smartphone impact cognitive performance? A meta-analysis of the &#39;brain drain effect&#39;“. [2] Parry, ein Dozent für Sozioinformatik an der Stellenbosch-Universität, analysierte Daten aus 27 verschiedenen Studien, um ein klareres Bild von der tatsächlichen Wirkung der Smartphone-Präsenz auf die kognitive Leistung zu erhalten.&#xA;&#xA;Ich finde es wichtig zu verstehen, was Parry in seiner Meta-Analyse untersuchte: Er betrachtete fünf kognitive Funktionen – Arbeitsgedächtnis, anhaltende Aufmerksamkeit, Inhibitionskontrolle, kognitive Flexibilität und fluide Intelligenz. Insgesamt analysierte er 56 Effektgrössen aus den 27 Studien. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Von den fünf kognitiven Funktionen zeigte nur das Arbeitsgedächtnis einen statistisch signifikanten negativen Effekt durch die Anwesenheit eines Smartphones. Bei den anderen vier kognitiven Funktionen fanden sich keine signifikanten Effekte.&#xA;&#xA;Dies steht im Einklang mit den ursprünglichen Ergebnissen von Ward und seinen Kollegen, jedoch mit einer wichtigen Einschränkung: Parrys Meta-Analyse ergab, dass der negative Effekt auf das Arbeitsgedächtnis wesentlich kleiner war als ursprünglich angenommen. Während Ward et al. einen deutlichen Einfluss auf das Arbeitsgedächtnis fanden, zeigte Parrys Analyse, dass dieser Effekt zwar vorhanden, aber relativ gering war.&#xA;&#xA;Diese Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Ergebnissen und den Meta-Analyse-Ergebnissen deutet darauf hin, dass die blosse Anwesenheit eines Smartphones nicht so stark beeinträchtigend ist, wie zunächst vermutet. Die Meta-Analyse wirft auch Fragen zur individuellen Variabilität auf: Wie stark jemand von der Anwesenheit eines Smartphones beeinträchtigt wird, könnte von persönlichen Faktoren abhängen, wie der Bedeutung, die der Person ihr Smartphone zumisst, oder der Anfälligkeit für das sogenannte „Fear of Missing Out“ (FOMO). [3] Diese Faktoren könnten erklären, warum einige Personen stärker betroffen sind als andere.&#xA;&#xA;Also eher ein Brain-Drip statt einem Brain-Drain?&#xA;&#xA;Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für Dich und mich im Alltag? Die anfänglichen Befürchtungen, dass Smartphones uns zu kognitiven Wracks machen, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Ja, es gibt einen messbaren Effekt auf unser Arbeitsgedächtnis, wenn das Smartphone in Reichweite liegt – aber dieser Effekt ist klein und betrifft längst nicht alle kognitiven Fähigkeiten gleichermassen.&#xA;&#xA;Statt eines dramatischen „Brain-Drain“ – eines massiven Abflusses unserer geistigen Kapazitäten – erleben wir eher einen „Brain-Drip“: ein leichtes, kontinuierliches Tröpfeln, das zwar messbar ist, aber bei weitem nicht die katastrophalen Ausmasse hat, die manche Schlagzeilen suggerieren.&#xA;&#xA;Dennoch lohnt es sich, über den eigenen Smartphone-Gebrauch nachzudenken. Die Forschung zeigt, dass individuelle Unterschiede eine Rolle spielen: Wer stark auf sein Smartphone angewiesen ist oder unter ausgeprägtem FOMO leidet, könnte stärker beeinträchtigt sein als andere. Die spannende Frage ist also nicht „Macht das Smartphone uns alle dümmer?“, sondern „Wie sehr beeinflusst mein Smartphone mich persönlich – und möchte ich daran etwas ändern?“&#xA;&#xA;Vielleicht ist das Smartphone beim nächsten Mal, wenn Du Dich auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren möchtest, tatsächlich besser in der Tasche oder im Nebenzimmer aufgehoben. Nicht weil die Wissenschaft uns dazu zwingt, sondern weil es sich für Dich richtig anfühlt. Die Entscheidung liegt bei Dir – und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/macht-uns-das-smartphone-wirklich-duemmer-was-die-forschung-nach-sieben-jahren&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Fussnoten&#xA;[1] https://doi.org/10.1086/691462&#xA;[2] https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647&#xA;[3] Es gibt eine offizielle psychologisch validierte Skala für FOMO aus dem Jahr 2013: https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;William McTaggart (1835–1910): The Storm, National Galleries of Scotland, Edinburh, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Erwachsenenbildung | #ProductivityPorn&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://vutuv.de/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Vutuv/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e8/McTaggart%2C_The_Storm.jpg" alt="McTaggart: The Storm"/></p>

<p>In der heutigen digital vernetzten Welt ist das Smartphone für viele von uns ein ständiger Begleiter. Doch wie wirkt sich die blosse Anwesenheit dieses Geräts auf unsere kognitive Leistungsfähigkeit aus? Diese Frage wurde erstmals durch die sogenannte <strong>Brain-Drain-Hypothese</strong> aufgeworfen, die besagt, dass bereits die Anwesenheit eines Smartphones unsere geistigen Kapazitäten beeinträchtigen kann. In diesem Beitrag möchte ich mir die ursprüngliche Studie anschauen und sie mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontieren, die die Validität dieser Annahme infrage stellen.</p>



<h2 id="die-ursprüngliche-these-smartphones-als-kognitive-vampire">Die ursprüngliche These: Smartphones als „kognitive Vampire“</h2>

<p>Die Brain-Drain-Hypothese wurde durch eine einflussreiche Studie im Jahr 2017 im <em>Journal of the Association for Consumer Research</em> eingeführt. Die Studie mit dem Titel „Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity“ [1] wurde vom Psychologen Adrian F. Ward und seinen Kollegen durchgeführt. Ward und sein Team wollten herausfinden, ob die blosse Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistung beeinträchtigt, insbesondere das Arbeitsgedächtnis – das mentale System, das uns hilft, Informationen über das, was wir gerade tun, zu speichern.</p>

<p>In den Experimenten der Studie mussten die Teilnehmer Wörter erinnern und gleichzeitig mathematische Aufgaben lösen, um die Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses zu messen. Die Probanden hatten ihre Smartphones entweder auf dem Tisch, in der Tasche oder in einem anderen Raum. Die Ergebnisse zeigten, dass die Teilnehmer umso besser abschnitten, je weiter entfernt ihr Smartphone war. Dies deutete darauf hin, dass selbst die blosse Anwesenheit eines Smartphones kognitive Ressourcen beansprucht, selbst wenn man nicht aktiv daran denkt.</p>

<h2 id="die-überprüfung-eine-meta-analyse-räumt-auf">Die Überprüfung: Eine Meta-Analyse räumt auf</h2>

<p>Seit der Veröffentlichung der ursprünglichen Studie von Ward et al. im Jahr 2017 haben weitere Forscher versucht, die Brain-Drain-Hypothese zu überprüfen und zu bestätigen. Eine der umfassendsten dieser Untersuchungen ist eine Meta-Analyse von Douglas A. Parry aus dem Jahr 2022 mit dem Titel „Does the mere presence of a smartphone impact cognitive performance? A meta-analysis of the &#39;brain drain effect&#39;“. [2] Parry, ein Dozent für Sozioinformatik an der Stellenbosch-Universität, analysierte Daten aus 27 verschiedenen Studien, um ein klareres Bild von der tatsächlichen Wirkung der Smartphone-Präsenz auf die kognitive Leistung zu erhalten.</p>

<p>Ich finde es wichtig zu verstehen, was Parry in seiner Meta-Analyse untersuchte: Er betrachtete fünf kognitive Funktionen – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsged%C3%A4chtnis">Arbeitsgedächtnis</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aufmerksamkeit#Neurophysiologische_und_kognitive_Aspekte">anhaltende Aufmerksamkeit</a>, <a href="https://web.fhnw.ch/plattformen/hattie-wiki/begriffe/Inhibitorische_Kontrolle">Inhibitionskontrolle</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Flexibilit%C3%A4t">kognitive Flexibilität</a> und <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fluide_und_kristalline_Intelligenz">fluide Intelligenz</a>. Insgesamt analysierte er 56 Effektgrössen aus den 27 Studien. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Von den fünf kognitiven Funktionen zeigte nur das Arbeitsgedächtnis einen statistisch signifikanten negativen Effekt durch die Anwesenheit eines Smartphones. Bei den anderen vier kognitiven Funktionen fanden sich keine signifikanten Effekte.</p>

<p>Dies steht im Einklang mit den ursprünglichen Ergebnissen von Ward und seinen Kollegen, jedoch mit einer wichtigen Einschränkung: Parrys Meta-Analyse ergab, dass der negative Effekt auf das Arbeitsgedächtnis wesentlich kleiner war als ursprünglich angenommen. Während Ward et al. einen deutlichen Einfluss auf das Arbeitsgedächtnis fanden, zeigte Parrys Analyse, dass dieser Effekt zwar vorhanden, aber relativ gering war.</p>

<p>Diese Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Ergebnissen und den Meta-Analyse-Ergebnissen deutet darauf hin, dass die blosse Anwesenheit eines Smartphones nicht so stark beeinträchtigend ist, wie zunächst vermutet. Die Meta-Analyse wirft auch Fragen zur individuellen Variabilität auf: Wie stark jemand von der Anwesenheit eines Smartphones beeinträchtigt wird, könnte von persönlichen Faktoren abhängen, wie der Bedeutung, die der Person ihr Smartphone zumisst, oder der Anfälligkeit für das sogenannte „Fear of Missing Out“ (FOMO). [3] Diese Faktoren könnten erklären, warum einige Personen stärker betroffen sind als andere.</p>

<h2 id="also-eher-ein-brain-drip-statt-einem-brain-drain">Also eher ein Brain-Drip statt einem Brain-Drain?</h2>

<p>Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für Dich und mich im Alltag? Die anfänglichen Befürchtungen, dass Smartphones uns zu kognitiven Wracks machen, scheinen übertrieben gewesen zu sein. Die Forschung der letzten Jahre zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Ja, es gibt einen messbaren Effekt auf unser Arbeitsgedächtnis, wenn das Smartphone in Reichweite liegt – aber dieser Effekt ist klein und betrifft längst nicht alle kognitiven Fähigkeiten gleichermassen.</p>

<p>Statt eines dramatischen „Brain-Drain“ – eines massiven Abflusses unserer geistigen Kapazitäten – erleben wir eher einen „Brain-Drip“: ein leichtes, kontinuierliches Tröpfeln, das zwar messbar ist, aber bei weitem nicht die katastrophalen Ausmasse hat, die manche Schlagzeilen suggerieren.</p>

<p>Dennoch lohnt es sich, über den eigenen Smartphone-Gebrauch nachzudenken. Die Forschung zeigt, dass individuelle Unterschiede eine Rolle spielen: Wer stark auf sein Smartphone angewiesen ist oder unter ausgeprägtem FOMO leidet, könnte stärker beeinträchtigt sein als andere. Die spannende Frage ist also nicht „Macht das Smartphone uns alle dümmer?“, sondern „Wie sehr beeinflusst mein Smartphone mich persönlich – und möchte ich daran etwas ändern?“</p>

<p>Vielleicht ist das Smartphone beim nächsten Mal, wenn Du Dich auf eine anspruchsvolle Aufgabe konzentrieren möchtest, tatsächlich besser in der Tasche oder im Nebenzimmer aufgehoben. Nicht weil die Wissenschaft uns dazu zwingt, sondern weil es sich für Dich richtig anfühlt. Die Entscheidung liegt bei Dir – und das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis überhaupt.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/macht-uns-das-smartphone-wirklich-duemmer-was-die-forschung-nach-sieben-jahren">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Fussnoten</strong>
[1] <a href="https://doi.org/10.1086/691462">https://doi.org/10.1086/691462</a>
[2] <a href="https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647">https://doi.org/10.1080/15213269.2023.2286647</a>
[3] Es gibt eine offizielle psychologisch validierte Skala für FOMO aus dem Jahr 2013: <a href="https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014">https://doi.org/10.1016/j.chb.2013.02.014</a></p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_McTaggart">William McTaggart</a> (1835–1910): <em>The Storm</em>, National Galleries of Scotland, Edinburh, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:McTaggart,_The_Storm.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Erwachsenenbildung" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Erwachsenenbildung</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:ProductivityPorn" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">ProductivityPorn</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://vutuv.de/michael_gisiger" target="_blank">Vutuv</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.eurosky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/macht-uns-das-smartphone-wirklich-duemmer-was-die-forschung-nach-sieben-jahren</guid>
      <pubDate>Fri, 06 Feb 2026 10:47:32 +0000</pubDate>
    </item>
  </channel>
</rss>