Plus–Minus–Next: Eine einfache Struktur für Reviews

Anker: Schreibender Knabe mit Schwesterchen II

Wöchentliche, regelmässige Reviews haben einen seltsamen Ruf. Viele wissen, dass sie sinnvoll wären, nur bleiben sie oft abstrakt: zu offen, zu zeitaufwendig oder zu nahe an der Selbstkritik. Man blättert durch Kalender und To-do-Listen, macht sich ein paar Notizen – und schliesst das Ganze ohne klare Konsequenz wieder ab. Genau an diesem Punkt wird Struktur entscheidend. Eine der schlichtesten und zugleich brauchbarsten Formen dafür ist die Methode Plus–Minus–Next.

In meinem letzten Beitrag habe ich beschrieben, wie mir ein Lehrjournal geholfen hat, meine Unterrichtspraxis regelmässig zu reflektieren. Darin erwähnte ich auch einen wöchentlichen Rückblick, ohne diesen näher zu erläutern. Dieser Text schliesst genau dort an – allerdings bewusst allgemeiner. Plus–Minus–Next ist kein Instrument nur für Lehrpersonen. Es eignet sich für wöchentliche Reviews jeder Art: beruflich, privat oder in allen Lebenslagen.

Die Methode Plus–Minus–Next

Plus–Minus–Next ist eine einfache dreiteilige Reflexionsstruktur. Sie stammt von Anne-Laure Le Cunff und wurde über ihr Projekt Ness Labs und später ihr Buch Tiny Experiments bekannt. Der Kern ist schnell erklärt:

Plus–Minus–Next, leere Tabelle Eine leere Tabelle für Plus–Minus–Next (Quelle: nesslabs.com)

Entscheidend ist die Reihenfolge. Zuerst wird gesammelt, ohne sofort zu reagieren. Erst danach wird eine Konsequenz gezogen. Plus–Minus–Next ist kein Tagebuch und keine Gefühlsanalyse. Es ist ein kompaktes Auswertungsraster. Die Methode lebt von Begrenzung. Stichworte genügen. Drei bis sieben Punkte pro Spalte sind meist mehr als ausreichend. Wer hier anfängt, lange zu erzählen, verfehlt den Zweck. Es geht nicht um Vollständigkeit, sondern um Muster.

Warum diese Struktur wirkt

„Drei Spalten: Plus für alles, was gut lief; Minus für das, was nicht gut lief; Next für das, was man beim nächsten Mal anpassen möchte.“ – Anne-Laure Le Cunff (Quelle)

Psychologisch betrachtet verbindet Plus–Minus–Next mehrere hilfreiche Mechanismen, ohne sie theoretisch aufzublasen.

Erstens zwingt die Trennung von Beobachtung und Entscheidung zu einer kurzen Distanz. Plus und Minus sind Bestandsaufnahmen. Next ist die Übersetzung in Handlung. Diese Trennung reduziert die Gefahr, dass aus Reflexion sofort Selbstkritik oder Aktionismus wird.

Zweitens verschiebt die Methode den Fokus von Bewertung zu Anpassung. Ein Minus ist kein persönliches Defizit, sondern ein Hinweis darauf, dass etwas im System nicht optimal gepasst hat: Zeit, Kontext, Erwartungen oder Energie. Genau hier setzt Next an. Nicht mit grossen Zielen, sondern mit kleinen Korrekturen.

Drittens fördert Plus–Minus–Next metakognitives Denken. Du beobachtest nicht nur, was passiert ist, sondern lernst, wie Du Deine eigene Woche gestaltest. Das ist eine Voraussetzung für Selbststeuerung, unabhängig davon, ob man produktiver, ruhiger oder fokussierter werden will.

Plus–Minus–Next im wöchentlichen Review

Als Instrument für ein Weekly Review ist Plus–Minus–Next besonders geeignet, weil es einen klaren Anfang und ein klares Ende hat. Ein möglicher Ablauf sieht so aus:

  1. Zuerst verschaffst Du Dir kurz Überblick. Kalender, Aufgabenliste, Notizen der Woche. Nicht im Detail, sondern nur, um das Gedächtnis zu aktivieren. Danach füllst Du die drei Spalten aus.
  2. Im Plus landen beobachtbare Dinge: erledigte Aufgaben, gelungene Gespräche, gute Entscheidungen, auch Pausen, die tatsächlich erholt haben.
  3. Im Minus ebenfalls Beobachtungen, keine Urteile. „Zwei Abende mit unnötiger Arbeit“ ist hilfreicher als „schlechte Selbstdisziplin“. Der Unterschied ist nicht kosmetisch, sondern funktional.
  4. Der wichtigste Teil ist Next. Hier wird entschieden, was sich ändern soll. Nicht alles, was im Minus steht, braucht eine Reaktion. Und nicht jedes Plus muss verstärkt werden. Next ist eine Auswahl.

Für wöchentliche Reviews hat sich meiner Meinung nach bewährt, die Next-Spalte am Schluss weiter zu verdichten: maximal drei Punkte, die tatsächlich in die kommende Woche übernommen werden. Alles andere bleibt bewusst liegen.

Was Next leisten soll – und was nicht

Next ist kein zusätzlicher Aufgabenstapel. Es ist auch keine Zielplanung. Next beantwortet eine engere Frage: Was mache ich nächste Woche leicht anders als diese Woche?

Gute Next-Punkte sind konkret, klein und überprüfbar. Sie beziehen sich auf Verhalten, nicht auf Eigenschaften. Statt „besser fokussieren“ eher „vormittags Mails erst ab 10 Uhr öffnen“. Statt „mehr Bewegung“ eher „zweimal nach dem Mittagessen zehn Minuten gehen“.

Beispiel eines Plus–Minus–Next Ein ausgefülltes Beispiel (Quelle: nesslabs.com)

Wichtig ist auch, was Next nicht leisten muss. Es muss nicht alle Probleme lösen. Es muss nicht dauerhaft sein. Im Sinn kleiner Experimente darf ein Next-Punkt auch bewusst vorläufig sein. Eine Woche reicht oft, um zu sehen, ob eine Anpassung funktioniert oder nicht.

Typische Missverständnisse

Ein häufiges Missverständnis ist, Plus–Minus–Next als Leistungsbilanz zu lesen. Dann wird Plus zur Rechtfertigung und Minus zur Abrechnung. In dieser Logik verliert die Methode ihre Stärke. Sie ist kein Bewertungssystem, sondern ein Lerninstrument. Ein zweites Missverständnis betrifft die Grösse der Schritte. Wer Next mit ambitionierten Vorsätzen füllt, erzeugt Druck statt Klarheit. Die Methode funktioniert besser, wenn sie kleinteilig bleibt:

„So entstehen Wachstumszyklen: Egal wie das Experiment verlaufen ist, man lernt daraus und kann die Erkenntnisse direkt in die nächste Runde übertragen.“ – Anne-Laure Le Cunff (Quelle)

Schliesslich wird Plus oft unterschätzt. Viele füllen Minus mühelos, tun sich aber mit Plus schwer. Dabei ist gerade diese Spalte wichtig, um funktionierende Elemente bewusst wahrzunehmen und nicht nur auf Defizite zu reagieren.

Fazit

Plus–Minus–Next ist keine neue Produktivitätsmethode im modischen Sinn. Gerade das ist ihre Stärke. Sie ist einfach, begrenzt und anschlussfähig. Als Struktur für wöchentliche Reviews hilft sie, Erfahrungen zu ordnen, ohne sich in Details zu verlieren, und aus Rückblicken konkrete Anpassungen abzuleiten.

Ich halte sie für besonders geeignet für Menschen, die reflektieren wollen, ohne daraus ein Projekt zu machen. Nicht als Ersatz für andere Methoden, sondern als ruhiges Grundgerüst. Woche für Woche. Ohne Anspruch auf Perfektion, aber mit einem klaren Blick auf das, was war – und auf das, was als Nächstes sinnvoll ist.


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Bildquelle Albert Anker (1831–1910): Schreibender Knabe mit Schwesterchen II, Privatsammlung, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.