Mein Experiment mit einem Lehrjournal – 30-Day-Challenge 2025

Mit Feder auf Papier

In den letzten Wochen vor Weihnachten habe ich mich auf eine kleine Challenge eingelassen: 30 Tage lang wollte ich nach jedem Unterricht ein handschriftliches Lehrjournal führen. Kein grosses Projekt, einfach ein Notizbuch und der feste Vorsatz, nach der Lektion zehn bis fünfzehn Minuten zu schreiben. Am Anfang war ich skeptisch, ob sich dieser zusätzliche Aufwand lohnen würde. Heute weiss ich: Es war eine der produktivsten Routinen, die ich mir als Dozent angewöhnt habe.

Warum ein Lehrjournal?

Die Idee eines Lehrjournals ist nicht neu. Pädagogische Forschung und Praxis empfehlen es seit Jahren als Werkzeug, um den eigenen Unterricht zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Jack Richards und Thomas Farrell definieren es schlicht als „a teacher’s written record of classroom events and of the teacher’s own thoughts and reflections about teaching“ [1].

Ein Lehrjournal ist also kein Tagebuch im privaten Sinn, sondern ein Arbeitsinstrument. Es schafft einen Raum, um nach dem Unterricht innezuhalten, zentrale Ereignisse zu notieren, kleine Episoden festzuhalten und darüber nachzudenken, was gelungen ist – und was nicht. Die Forschung zeigt, dass solche Reflexionen nicht nur das eigene Handeln bewusster machen, sondern auch die Professionalität steigern. Donald Schön hat den Begriff „reflection-on-action“ geprägt: Wir lernen, indem wir nach der Handlung darüber nachdenken, warum wir etwas getan haben, und welche Alternativen möglich gewesen wären [2].

Einfache Struktur: Events – Episode – Analysis

Beim Start meiner Challenge habe ich bewusst eine schlanke Form gewählt. In Richards & Farrell bin ich auf ein Modell gestossen, das mir sofort einleuchtete: Events – Episode – Analysis.

Richards und Farrell betonen dazu: „Journals provide a record of teaching events and the teacher’s personal reactions to them, and they can serve as a source of insights into teaching“. Genau das habe ich in den letzten Wochen erlebt.

Mein persönliches Vorgehen

Ich habe mein Journal in einem einfachen A5-Notizbuch geführt. Jede Doppelseite gehörte einer Unterrichtseinheit. Links: die Events in Stichpunkten. Rechts: Episode und Analyse. Der Ablauf sah so aus:

  1. Direkt nach der Lektion: fünf Minuten für die Events – die wichtigsten Beobachtungen notieren.
  2. Episode auswählen: eine kleine Szene beschreiben, sodass ich sie auch in drei Monaten noch klar vor Augen habe.
  3. Analysis: Reflexion über Ursachen und Konsequenzen, verbunden mit einem konkreten nächsten Schritt.

Der Zeitaufwand war überschaubar. In der Regel war ich in rund 10 Minuten fertig. Entscheidend war die Routine: Das Journal hatte in meinem Ablauf denselben Stellenwert wie das Aufräumen des Kursraums.

Zusätzlich habe ich mir jeden Freitag eine halbe Stunde Zeit genommen für einen wöchentlichen Rückblick. Dabei habe ich die Einträge durchgeblättert, Muster markiert und die wichtigsten Episoden noch einmal verdichtet. Dieser Rückblick half mir besonders, nicht nur auf einzelne Stunden zu reagieren, sondern auch langfristige Entwicklungen zu erkennen, z. B. wiederkehrende Probleme bei Gruppenarbeiten oder Fortschritte in der Diskussionskultur.

Was ich entdeckt habe: drei Erkenntnisse

1. Kleine Muster werden sichtbar

Bereits nach der zweiten Woche fiel mir auf, dass ähnliche Probleme immer wieder auftauchten. Ein Beispiel: Bei hybriden Gruppenarbeiten blieben manche Gruppen passiv, während wenige sich sehr aktiv in den Unterricht einbrachten. Ohne Journal hätte ich das als vereinzelte Beobachtungen abgetan. Durch die regelmässigen Notizen – und vor allem den wöchentlichen Rückblick – erkannte ich ein Muster und begann bewusst Methoden einzusetzen, die alle aktivieren.

2. Gute Momente werden bewusster

Wir tendieren dazu, uns stärker an Schwierigkeiten zu erinnern. Im Journal aber habe ich auch positive Episoden festgehalten: eine gelungene Frage, eine lebendige Diskussion, ein Aha-Moment in der Klasse. Der Rückblick am Freitag machte diese guten Momente noch sichtbarer. Sie waren ein Gegengewicht zur Selbstkritik und halfen mir, gezielt mehr von diesen „funktionierenden“ Elementen einzubauen.

3. Reflexion verändert mein Handeln

Die Analyse-Phase zwang mich, nicht nur zu beschreiben, sondern Konsequenzen zu ziehen. In fast jedem Eintrag stand am Ende ein kleiner Beschluss: „Nächstes Mal zuerst Kleingruppen bilden“ oder „Arbeitsauftrag klarer formulieren“. Viele dieser Mikro-Massnahmen habe ich tatsächlich umgesetzt und sofort Verbesserungen bemerkt. Beim wöchentlichen Rückblick konnte ich dann prüfen, ob diese Änderungen Wirkung zeigten.

Writing in bed

Wissenschaftliche Perspektive

Die positiven Effekte, die ich selbst erfahren habe, decken sich mit den Ergebnissen der Forschung:

Besonders überzeugt hat mich ein Satz von Richards & Farrell: „Keeping a teaching journal is one way of developing a habit of reflective thinking about teaching“. Genau diese Gewohnheit hat sich bei mir nach 30 Tagen eingestellt.

Eine kleine Anleitung für Dich

Falls Du Lust hast, es selbst auszuprobieren, hier meine erprobte Minimal-Variante:

  1. Nimm ein Notizbuch – A5 reicht.
  2. Schreibe nach jeder Lektion drei Schritte auf:
    • Events (3–5 Stichpunkte)
    • Episode (eine Szene in 5–6 Zeilen)
    • Analysis (2–3 Gedanken, 1 nächste Massnahme)
  3. Plane 10–15 Minuten fix ein – direkt nach der Stunde, noch bevor Mails oder Gespräche dazwischenkommen.
  4. Wöchentlicher Rückblick: Blättere durch die Einträge, markiere wichtige Muster, ziehe eine übergeordnete Schlussfolgerung.

So bleibt der Aufwand überschaubar, und der Gewinn wird spürbar.

Fazit: mein persönliches Ergebnis

Nach dieser #30DayChallenge bin ich überzeugt: Das Lehrjournal ist kein theoretisches Hilfsmittel, sondern eine sehr praktische Routine. Es hat meinen Unterricht nicht revolutioniert, aber inkrementell verbessert. Vor allem hat es mich gezwungen, genauer hinzusehen – und nicht im Autopilot durch die Wochen zu gehen.

Mein Tipp an Dich: Probier es einfach aus. Nimm Dir ein Notizbuch, beginne nach Deiner nächsten Lektion mit drei kurzen Schritten und gönn Dir am Ende der Woche einen Rückblick. Es geht nicht um schöne Sätze oder perfekte Sprache, sondern um Klarheit im eigenen Denken. Wie Richards & Farrell schreiben: „The simple act of writing things down often provides a new perspective on teaching“.


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Fussnoten [1] J. C. Richards und T. S. C. Farrell, Professional Development for Language Teachers: Strategies for Teacher Learning. Cambridge: Cambridge University Press, 2005, Kap. 5.

[2] D. A. Schön, The Reflective Practitioner: How Professionals Think in Action. New York: Basic Books, 1983.

[3] D. Boud, „Using journal writing to enhance reflective practice“, New Directions for Adult and Continuing Education, no. 90, pp. 9–18, 2001. doi:10.1002/ace.16.

[4] G. Gibbs, Learning by Doing: A Guide to Teaching and Learning Methods. Oxford: Oxford Polytechnic, 1988.

[5] S. D. Brookfield, „The Critical Incident Questionnaire (CIQ)“, Offizielle Website, 2022. [Online]. Verfügbar: stephenbrookfield.com.

Bildquellen 1. Aaron Burden auf Unsplash. 2. Ketut Subiyanto auf Pexels.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.

Topic #Erwachsenenbildung

Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.