Besser im Gespräch mit Cicero
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Vier Personen sitzen beim Abendessen. Einer erzählt ausführlich von einem Erlebnis, eine Zweite wartet sichtbar darauf, eine eigene Geschichte anzuschliessen, der Dritte greift einen Nebensatz auf, um das Thema zu wechseln. Alle sprechen, kaum jemand hört wirklich zu. Solche Situationen sind alltäglich. Gespräche scheitern selten daran, dass niemand etwas zu sagen hätte. Eher daran, dass jeder seinen Platz im Gespräch behaupten will.
Marcus Tullius Cicero kannte die Kunst des Redens besser als fast jeder andere seiner Zeit. Er trat vor Gerichten, im Senat und vor Volksversammlungen auf und machte die Beherrschung der Sprache zu einem wesentlichen Teil seiner politischen Karriere [1]. Umso bemerkenswerter ist eine beiläufige Beobachtung in seinem philosophischen Werk De officiis, Von den Pflichten: Für die öffentliche Rede gebe es zahlreiche Lehrer und Regeln, „für die Umgangssprache aber keine, obwol es vielleicht auch dafür welche geben könnte“ (De officiis I. 37, 132) [2]
Gut zweitausend Jahre später wirkt uns diese Schieflage vertraut. Wir lernen zu präsentieren, zu argumentieren und zu verkaufen. Es gibt Seminare über #Rhetorik, Storytelling und Verhandlungstechniken. Das gewöhnliche Gespräch erscheint daneben so selbstverständlich, dass es keiner besonderen Aufmerksamkeit zu bedürfen scheint. Dabei verbringen wir einen beträchtlichen Teil unseres sozialen Lebens genau damit. Auch die Geschichte der Gesprächskunst besteht eher aus verstreuten Überlegungen verschiedener Autoren als aus einer geschlossenen Theorie [3].
Ciceros Hinweise ergeben keine vollständige Gesprächslehre. Aber sie lassen einen klaren Gedanken erkennen: Ein gutes Gespräch ist keine kleine Rede. Es entsteht dort, wo niemand den Gesprächsraum besitzt, Rechthaberei zurücktritt und die Beteiligten aufeinander und auf die Situation reagieren.
Ein Gespräch ist keine Rede
Cicero unterscheidet zwei Arten des Sprechens. Einerseits die öffentliche, mit Nachdruck vorgetragene Rede, die vor Gericht, im Senat oder vor einer Volksversammlung ihren Platz hat. Auf der anderen Seite die ruhigere Umgangssprache unter Freunden, in gelehrten Unterhaltungen oder beim gemeinsamen Essen.
Der Unterschied liegt nicht nur im Ton, sondern im Zweck. Wer eine Rede hält, will etwas bewirken. Er möchte überzeugen, eine Entscheidung beeinflussen oder ein Publikum für sich gewinnen. Ciceros De oratore ist dieser Kunst gewidmet. Das Gespräch funktioniert anders. Hier gibt es idealerweise keinen festen Redner und kein Publikum. Die Beteiligten wechseln zwischen Sprechen und Zuhören, und niemand weiss vollständig im Voraus, wohin der Austausch führen wird.
Gerade bei Cicero ist diese Unterscheidung nicht ohne Spannung. Seine politische Existenz beruhte darauf, mit Sprache Wirkung zu erzielen. Er konnte Angriffe zuspitzen, Gegner öffentlich unter Druck setzen und eine Rede gezielt auf ihre Wirkung beim Publikum hin komponieren. Dass derselbe Mann für das gewöhnliche Gespräch Gelassenheit, Mass und Zurückhaltung fordert, ist deshalb mehr als eine biografische Kuriosität. Cicero kannte beide Seiten der Sprache: ihre Fähigkeit, Verständigung zu ermöglichen, aber auch ihren Gebrauch als Instrument des politischen Kampfes.
Wer ein alltägliches Gespräch nach den Regeln der öffentlichen Rede führt, verschiebt deshalb seinen Charakter. Das Gegenüber wird leicht zum Zuhörer, den es zu überzeugen gilt. Aus dem Austausch wird eine Debatte. Man hört einen Einwand nicht mehr, um ihn zu prüfen, sondern ist bereits auf der Suche nach der passenden Antwort.
Nicht jedes Gespräch muss gewonnen werden
Ciceros knappste und vielleicht wichtigste Regel lautet schlicht, die Umgangssprache solle „gelassen und frei von Rechthaberei“ sein (De officiis I. 37, 134).
Damit fordert er keineswegs, Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden. Cicero selbst war alles andere als konfliktscheu. Seine politische Laufbahn war von scharfen Auseinandersetzungen geprägt, und seine Reden gegen Marcus Antonius trugen am Ende sogar dazu bei, dass dieser ihn auf die Proskriptionslisten setzen liess [1].
Gerade deshalb bekommt die Forderung ein anderes Gewicht. Sie stammt nicht von einem Mann, der Streit nur aus philosophischer Distanz betrachtete. Cicero wusste aus eigener Erfahrung, wie eng argumentative Schärfe, persönliche Feindschaft und politischer Machtkampf beieinanderliegen können. Seine Gesprächsregeln lesen sich vor diesem Hintergrund weniger wie harmlose Benimmregeln als wie eine bewusste Grenzziehung: Nicht jede Form erfolgreichen Redens eignet sich für das Zusammenleben mit anderen.
Rechthaberei beginnt dabei nicht erst beim offenen Streit. Sie zeigt sich in kleinen Momenten. Jemand bringt einen Einwand vor, den wir eigentlich überzeugend finden. Statt ihn aufzunehmen, suchen wir nach einer Einschränkung, einer Ausnahme oder einem neuen Argument, mit dem wir unsere ursprüngliche Position doch noch retten können. Nicht der Gedanke soll bestehen, sondern wir selbst wollen recht behalten.
Ein Gespräch, das diesen Namen verdient, muss dagegen die Möglichkeit offenhalten, dass wir nachher nicht mehr ganz derselben Meinung sind wie vorher.
Der Gesprächsraum gehört niemandem
Zu dieser Offenheit gehört, dass nicht einer allein bestimmt, wohin ein Gespräch führt. Cicero warnt davor, die Umgangssprache so zu behandeln, als befände sie sich im „Besitze des Eigentumsrechtes“ (De officiis I. 37, 134). Die etwas sperrige Formulierung trifft einen wichtigen Punkt: Niemand besitzt ein Gespräch.
Nehmen wir nochmals einen Tisch mit mehreren Personen. Eine Frau erzählt von einem schwierigen Gespräch mit ihrer Vorgesetzten. Kaum hat sie den ersten Gedanken beendet, übernimmt ihr Gegenüber: „Das kenne ich. Bei mir war das einmal noch viel schlimmer …“ Fünf Minuten später geht es nur noch um dessen eigene Geschichte. Die ursprüngliche Erzählung ist nicht weitergeführt, sondern ersetzt worden. Formal haben beide miteinander gesprochen. Tatsächlich hat einer den Gesprächsraum übernommen.
Das geschieht oft unauffällig. Fragen können dazu dienen, Interesse zu zeigen, aber ebenso dazu, möglichst rasch wieder auf das eigene Thema zurückzukommen. Eine Anekdote kann an eine andere anschliessen oder sie verdrängen. Und manchmal wird aus einer Unterhaltung ein zwanzigminütiger Vortrag, ohne dass der Vortragende es überhaupt bemerkt.
Gut zuzuhören, bedeutet deshalb mehr, als höflich zu schweigen, bis man selbst wieder an der Reihe ist. Es verlangt die Bereitschaft, den Gesprächsraum abzugeben und einem Gedanken zu folgen, den man nicht selbst eingebracht hat.
Damit gibt man zugleich ein Stück Kontrolle ab. Ein Gespräch lässt sich nicht vollständig planen. Genau darin unterscheidet es sich von der Rede.
Das richtige Wort zur richtigen Zeit
Allerdings genügt es nicht, anderen Raum zu lassen. Cicero betont immer wieder, dass Sprache zur Situation passen müsse. In De oratore formuliert er dieses Prinzip besonders deutlich: Es eigne sich „nicht für jede Sache, für jeden Zuhörer, für jede Person und Zeit ein und dieselbe Art des Vortrages“ (De oratore III. 55, 210).
Für ein ernstes Thema braucht es einen anderen Ton als für einen scherzhaften Austausch. Unter Freunden spricht man anders als mit Fremden, mit einer einzelnen Person anders als mit einer Gruppe. Entscheidend ist nicht allein, was wir sagen wollen, sondern auch, wem wir es sagen, wann wir es sagen und in welcher Situation das Gespräch stattfindet.
In De officiis wird Cicero noch konkreter. Man müsse berücksichtigen, ob ein Thema die jeweilige Gesellschaft überhaupt interessiere und „inwieweit das Gespräch Unterhaltung gewährt“ (De officiis I. 37, 135). Selbst für das Ende verlangt er ein angemessenes Mass.
Dafür gibt es keine einfache Checkliste. Man muss bemerken, wenn ein Thema erschöpft ist, ein Einwand gerade nicht weiterführt oder das Gegenüber längst ausgestiegen ist. Manchmal bedeutet Gesprächskompetenz deshalb auch, einen Gedanken nicht zu Ende auszuführen, obwohl man noch etwas dazu sagen könnte.
Die richtigen Worte allein genügen nicht. Ebenso wichtig ist der richtige Moment, in dem man besser schweigt, das Thema wechselt oder das Gespräch beendet.
Widersprechen, ohne die Selbstbeherrschung zu verlieren
Besonders anspruchsvoll wird das Gespräch, sobald es unangenehm wird. Auch dafür gibt Cicero eine klare Regel. Das Gespräch solle frei bleiben von übermässigen Gemütsbewegungen. Vor allem der Zorn müsse fernbleiben, denn „mit ihm kann Nichts verständig und mit Ueberlegung gethan werden“ (De officiis I. 38, 136).
Cicero verlangt damit keine emotionslose Kommunikation. Selbst eine scharfe Zurechtweisung kann für ihn notwendig sein. Sie soll aber überlegt erfolgen und die Person nicht herabsetzen. Wenig später fordert er ausdrücklich, selbst bei Auseinandersetzungen mit erbitterten Gegnern die eigene Haltung zu bewahren.
Auch hier lässt sich Ciceros eigenes Leben nicht vollständig von seiner Philosophie trennen. Der Verfasser dieser Forderung konnte selbst mit ausserordentlicher Härte polemisieren. Seine berühmten politischen Reden zeigen, wie weit Sprache von nüchterner Argumentation bis zur persönlichen Attacke reichen kann. Gerade diese Diskrepanz macht seine Forderung interessant. Cicero beschreibt möglicherweise nicht einfach, wie er selbst jederzeit sprach, sondern welchen Massstab er für angemessen hielt.
Die Unterscheidung bleibt aktuell. Wir können hart in der Sache argumentieren und trotzdem respektvoll mit einem Menschen umgehen. Umgekehrt kann eine scheinbar sachliche Bemerkung darauf angelegt sein, jemanden blosszustellen oder zu demütigen.
Das Ziel ist nicht Harmonie um jeden Preis. Gespräche dürfen widersprüchlich, unbequem und gelegentlich anstrengend sein. Entscheidend ist, ob die Beteiligten noch miteinander sprechen oder bereits gegeneinander kämpfen.
Die kleine Kunst des Zusammenlebens
Cicero entwickelt in diesen wenigen Abschnitten keine vollständige Theorie des Gesprächs. Dafür sind seine Bemerkungen zu verstreut. Der grosse römische Redner behandelt eine Tätigkeit, die kaum der Rede wert zu sein scheint, dennoch als Teil eines umfassenderen Nachdenkens darüber, wie Menschen miteinander leben sollten.
Seine Regeln sind unspektakulär: Nicht jedes Gespräch muss gewonnen werden. Niemand besitzt den Gesprächsraum. Was wir sagen, muss zu Menschen und Situation passen. Und selbst im Widerspruch sollten wir die Kontrolle über uns selbst behalten.
Zurück zum Abendessen vom Anfang. Vielleicht müsste dort niemand besonders schlagfertig, eloquent oder unterhaltsam werden. Es würde bereits etwas verändern, wenn nicht jeder auf den eigenen Einsatz wartete, sondern einer den Gedanken des anderen tatsächlich aufnähme.
Darin liegt der eigentliche Gegenentwurf zu der Welt, in der Cicero selbst als Redner erfolgreich war. Vor Gericht und im Senat benötigte er ein Publikum, auf das seine Worte wirken sollten. Im Gespräch gelten andere Regeln. Hier richtet sich die Aufmerksamkeit weniger darauf, wie wir wirken, als darauf, wie wir uns gegenüber anderen verhalten.
Ein gutes Gespräch beginnt damit, das Gegenüber nicht als Publikum zu behandeln.
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Quellen [1] J. Suess, „The Incredible Life of Cicero, Rome’s Greatest Orator & Last Senator“, TheCollector, 10. Juli 2025. https://www.thecollector.com/cicero-roman-orator-senator/
[2] Alle Cicero-Zitate werden unverändert nach den Übersetzungen von Raphael Kühner aus dem Jahr 1873 wiedergegeben: Cicero's drei Bücher von den Pflichten, zweite verbesserte Auflage, Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung, Stuttgart, https://projekt-gutenberg.org/authors/marcus-tullius-cicero/books/ciceros-drei-buecher-von-den-pflichten/; sowie Cicero's drei Bücher vom Redner, Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung, Stuttgart, https://projekt-gutenberg.org/authors/marcus-tullius-cicero/books/vom-redner/.
[3] J. Dutra, „The Art of Conversation: From Cicero to Habermas“, TheCollector, 14. Juni 2022. https://www.thecollector.com/art-of-conversation-from-cicero-to-habermas/
Bildquelle Arnold Borissowitsch Lachowski (1880–1937): The Conversation, Privatbesitz, Public Domain (Wikimedia Commons).
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.
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