<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/">
  <channel>
    <title>Epikur &amp;mdash; EpicMind</title>
    <link>https://epicmind.ch/tag:Epikur</link>
    <description>Weisheiten für das digitale Leben</description>
    <pubDate>Mon, 18 May 2026 09:58:25 +0000</pubDate>
    <image>
      <url>https://i.snap.as/MW67raf5.png</url>
      <title>Epikur &amp;mdash; EpicMind</title>
      <link>https://epicmind.ch/tag:Epikur</link>
    </image>
    <item>
      <title>Pierre Hadot: Philosophie als Übung</title>
      <link>https://epicmind.ch/pierre-hadot-philosophie-als-uebung?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Pieter Claesz: Vanitasstillleben mit Selbstporträt&#xA;&#xA;Wir wissen meistens ziemlich genau, was uns guttäte. Weniger vergleichen. Mehr schlafen. Den Feierabend nicht mit E-Mails verbringen. Und dennoch handeln wir regelmässig gegen diese Einsichten – nicht aus Schwäche, sondern weil zwischen dem Verstehen und dem tatsächlichen Leben eine Lücke klafft, die sich mit noch mehr Wissen nicht schliessen lässt. Was also fehlt? Der französische Philosophiehistoriker Pierre Hadot hat darauf eine unerwartete Antwort gegeben: Übung. Nicht Theorien und Argumente, sondern Praxis, Wiederholung, Training. Eine Antwort, die die Antike schon kannte und die wir, so Hadot, weitgehend vergessen haben.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Pierre Hadot (1922–2010) hat dieser Lücke sein Lebenswerk gewidmet. In Philosophie als Lebensform und seinen Studien zur antiken Praxis entwickelt er eine These, die einfach, aber auch unbequem ist: Die Philosophie der Antike war keine Theorie über das gute Leben, sondern eine Praxis, die darauf abzielte, dieses Leben tatsächlich zu führen. Wer bei Epikur oder Seneca nach Lehrsätzen sucht, verpasst den eigentlichen Punkt. Ihre Texte sollten nicht in erster Linie verstanden, sondern eingeübt werden.&#xA;&#xA;Das Leiden wohnt in der Bewertung, nicht im Ereignis&#xA;&#xA;Hadot spricht in diesem Zusammenhang von „spirituellen Übungen“ (exercices spirituels). Gemeint sind damit keine religiösen Praktiken, sondern Denk- und Wahrnehmungsübungen: lesen, schreiben, sich erinnern, Dinge anders benennen, Situationen gedanklich vorwegnehmen. All diese Tätigkeiten verfolgen ein gemeinsames Ziel: Sie sollen unsere Art verändern, die Welt zu sehen – und damit auch unsere Reaktionen auf sie.&#xA;&#xA;Die Diagnose dahinter ist schlicht. Viele unserer belastenden Emotionen entstehen nicht aus den Dingen selbst, sondern aus den Bewertungen, die wir ihnen zuschreiben. Eine kritische Bemerkung wird zur Kränkung. Ein verpasster Termin zum Beweis eigener Unzulänglichkeit. Die Gehaltserhöhung des Kollegen zum Zeichen des eigenen Stillstands. Für die Stoiker – und Seneca ist hier besonders deutlich – war klar: Wer so reagiert, leidet nicht primär an äusseren Umständen, sondern an bestimmten Überzeugungen darüber, was im Leben zählt. Das heisst nicht, dass äussere Güter bedeutungslos wären. Aber wer Anerkennung oder Komfort zur Voraussetzung eines gelungenen Lebens erklärt, wird zwangsläufig verletzlicher. Nicht weil diese Dinge schlecht wären, sondern weil sie sich unserer Kontrolle entziehen.&#xA;&#xA;Zwei Lehrer, zwei Zugänge – ein gemeinsames Ziel&#xA;&#xA;Seneca und #Epikur verfolgen dabei unterschiedliche Wege, die sich produktiv ergänzen. Seneca ist der praktische Pädagoge: Er empfiehlt, sich regelmässig Phasen freiwilliger Einfachheit auszusetzen – einige Tage mit schlichter Kleidung, einfacher Nahrung, reduziertem Komfort. Nicht als Selbstkasteiung, sondern als Training. Wie fühlt es sich an, ohne diese Annehmlichkeiten zu leben? Was geschieht mit meiner Angst vor ihrem Verlust? Wer die Erfahrung macht, dass vieles Vermeintlich-Unentbehrliches in Wahrheit verzichtbar ist, verliert einen Teil seiner Abhängigkeit davon. Senecas Briefe sind voll solcher Verdichtungen. Sie sollen nicht nur überzeugen, sondern verfügbar sein, gewissermassen als gedankliche Werkzeuge für schwierige Situationen.&#xA;&#xA;Epikur denkt stärker als Theoretiker des Begehrens. Er unterscheidet zwischen natürlichen und leeren Begierden: Hunger zu stillen ist notwendig, der Wunsch nach einem aufwendig zubereiteten Gericht gehört bereits in eine andere Kategorie. Je stärker wir unsere Zufriedenheit an solche Zusatzbedingungen knüpfen, desto fragiler wird sie. Die Übung besteht darin, diese Unterscheidung im Alltag einzuüben – nicht als Entsagung, sondern als Schärfung: Was brauche ich wirklich, und was halte ich nur für nötig, weil ich es gewohnt bin?&#xA;&#xA;Was beide verbindet: Sie verschieben den Bezugspunkt, von dem aus wir Ereignisse beurteilen. Eine Absage bleibt unangenehm, doch sie verliert ihren Charakter als persönlicher Makel. Ein Verlust bleibt ärgerlich, ohne gleich als Katastrophe zu erscheinen.&#xA;&#xA;Wo diese Philosophie an ihre Grenzen stösst&#xA;&#xA;An diesem Punkt ist Ehrlichkeit angebracht. Denn der Einwand, der sich aufdrängt, ist nicht trivial: Wer innere Haltung trainiert, trainiert vielleicht vor allem Anpassung. Wer lernt, Kritik gelassener zu nehmen, macht sich unter Umständen gefügiger gegenüber Verhältnissen, die Kritik verdienen würden. Wer mit weniger zufrieden ist, kämpft vielleicht weniger für mehr. Die stoische Übung kann – in bestimmten Kontexten – zur Zumutung werden: Halt still, und nenn es Weisheit.&#xA;&#xA;Hadot weicht diesem Einwand nicht aus, aber er verschiebt ihn. Die Übungen betreffen das, was sich unserer direkten Kontrolle entzieht – nicht die Verhältnisse selbst, sondern unsere Reaktion auf sie. Sie ersetzen keine Therapie, keine strukturellen Reformen, keine politischen Kämpfe. Wer unter einem ungerechten Arbeitsverhältnis leidet, braucht keine Atemübung, sondern veränderte Verhältnisse. Aber: Nicht jede Situation lässt sich ändern. Und selbst dort, wo Veränderung möglich wäre, hilft es, nicht von jedem Gegenwind aus der Bahn geworfen zu werden. Beides hat seinen Platz – das Einwirken auf die Welt und das Einüben der eigenen Haltung ihr gegenüber.&#xA;&#xA;Einsicht allein genügt nicht&#xA;&#xA;Vielleicht erklärt das auch, weshalb Einsicht so selten ausreicht. Wir wissen, was uns guttut – und tun es nicht. Wir wissen, wie wir gelassener reagieren könnten – und ärgern uns dennoch. Der Sonntagabend wird am Bildschirm vergeudet, obwohl wir uns etwas anderes vorgenommen hatten.&#xA;&#xA;Der Unterschied zwischen Wissen und Können liegt nicht in besseren Argumenten, sondern in Wiederholung, in Praxis, im Einüben unter Bedingungen, die einem etwas abverlangen. Für Hadot war Philosophie deshalb weniger ein System von Aussagen als eine tägliche Praxis. Ein Training der Aufmerksamkeit, der Bewertung, der Erwartung. Die Frage, die bleibt, ist simpel: Wenn wir wissen, dass Einsicht nicht genügt – warum üben wir dann nicht?&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/pierre-hadot-philosophie-als-uebung&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Literatur&#xA;Pierre Hadot (2002): Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Weisheit. Frankfurt: Fischer.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Pieter Claesz (1596/1597–1661): Vanitasstillleben mit Selbstporträt, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg , Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #Philosophie&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/ea/Pieter_Claesz._-_Still_Life_with_a_Self-portrait.jpg/960px-Pieter_Claesz._-_Still_Life_with_a_Self-portrait.jpg" alt="Pieter Claesz: Vanitasstillleben mit Selbstporträt"/></p>

<p>Wir wissen meistens ziemlich genau, was uns guttäte. Weniger vergleichen. Mehr schlafen. Den Feierabend nicht mit E-Mails verbringen. Und dennoch handeln wir regelmässig gegen diese Einsichten – nicht aus Schwäche, sondern weil zwischen dem Verstehen und dem tatsächlichen Leben eine Lücke klafft, die sich mit noch mehr Wissen nicht schliessen lässt. Was also fehlt? Der französische Philosophiehistoriker Pierre Hadot hat darauf eine unerwartete Antwort gegeben: Übung. Nicht Theorien und Argumente, sondern Praxis, Wiederholung, Training. Eine Antwort, die die Antike schon kannte und die wir, so Hadot, weitgehend vergessen haben.</p>



<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Hadot">Pierre Hadot</a> (1922–2010) hat dieser Lücke sein Lebenswerk gewidmet. In <em>Philosophie als Lebensform</em> und seinen Studien zur antiken Praxis entwickelt er eine These, die einfach, aber auch unbequem ist: Die Philosophie der Antike war keine Theorie über das gute Leben, sondern eine Praxis, die darauf abzielte, dieses Leben tatsächlich zu führen. Wer bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Epikur">Epikur</a> oder <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Seneca">Seneca</a> nach Lehrsätzen sucht, verpasst den eigentlichen Punkt. Ihre Texte sollten nicht in erster Linie verstanden, sondern eingeübt werden.</p>

<h2 id="das-leiden-wohnt-in-der-bewertung-nicht-im-ereignis" id="das-leiden-wohnt-in-der-bewertung-nicht-im-ereignis">Das Leiden wohnt in der Bewertung, nicht im Ereignis</h2>

<p>Hadot spricht in diesem Zusammenhang von „spirituellen Übungen“ (<em>exercices spirituels</em>). Gemeint sind damit keine religiösen Praktiken, sondern Denk- und Wahrnehmungsübungen: lesen, schreiben, sich erinnern, Dinge anders benennen, Situationen gedanklich vorwegnehmen. All diese Tätigkeiten verfolgen ein gemeinsames Ziel: Sie sollen unsere Art verändern, die Welt zu sehen – und damit auch unsere Reaktionen auf sie.</p>

<p>Die Diagnose dahinter ist schlicht. Viele unserer belastenden Emotionen entstehen nicht aus den Dingen selbst, sondern aus den Bewertungen, die wir ihnen zuschreiben. Eine kritische Bemerkung wird zur Kränkung. Ein verpasster Termin zum Beweis eigener Unzulänglichkeit. Die Gehaltserhöhung des Kollegen zum Zeichen des eigenen Stillstands. Für <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stoa">die Stoiker</a> – und Seneca ist hier besonders deutlich – war klar: Wer so reagiert, leidet nicht primär an äusseren Umständen, sondern an bestimmten Überzeugungen darüber, was im Leben zählt. Das heisst nicht, dass äussere Güter bedeutungslos wären. Aber wer Anerkennung oder Komfort zur Voraussetzung eines gelungenen Lebens erklärt, wird zwangsläufig verletzlicher. Nicht weil diese Dinge schlecht wären, sondern weil sie sich unserer Kontrolle entziehen.</p>

<h2 id="zwei-lehrer-zwei-zugänge-ein-gemeinsames-ziel" id="zwei-lehrer-zwei-zugänge-ein-gemeinsames-ziel">Zwei Lehrer, zwei Zugänge – ein gemeinsames Ziel</h2>

<p>Seneca und <a href="https://epicmind.ch/tag:Epikur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Epikur</span></a> verfolgen dabei unterschiedliche Wege, die sich produktiv ergänzen. <a href="./besser-lernen-mit-seneca">Seneca ist der praktische Pädagoge</a>: Er empfiehlt, sich regelmässig Phasen freiwilliger Einfachheit auszusetzen – einige Tage mit schlichter Kleidung, einfacher Nahrung, reduziertem Komfort. Nicht als Selbstkasteiung, sondern als Training. Wie fühlt es sich an, ohne diese Annehmlichkeiten zu leben? Was geschieht mit meiner Angst vor ihrem Verlust? Wer die Erfahrung macht, dass vieles Vermeintlich-Unentbehrliches in Wahrheit verzichtbar ist, verliert einen Teil seiner Abhängigkeit davon. Senecas Briefe sind voll solcher Verdichtungen. Sie sollen nicht nur überzeugen, sondern verfügbar sein, gewissermassen als gedankliche Werkzeuge für schwierige Situationen.</p>

<p><a href="./die-kyniker-und-das-gluck-im-gemusegarten">Epikur denkt stärker als Theoretiker des Begehrens.</a> Er unterscheidet zwischen natürlichen und leeren Begierden: Hunger zu stillen ist notwendig, der Wunsch nach einem aufwendig zubereiteten Gericht gehört bereits in eine andere Kategorie. Je stärker wir unsere Zufriedenheit an solche Zusatzbedingungen knüpfen, desto fragiler wird sie. Die Übung besteht darin, diese Unterscheidung im Alltag einzuüben – nicht als Entsagung, sondern als Schärfung: Was brauche ich wirklich, und was halte ich nur für nötig, weil ich es gewohnt bin?</p>

<p>Was beide verbindet: Sie verschieben den Bezugspunkt, von dem aus wir Ereignisse beurteilen. Eine Absage bleibt unangenehm, doch sie verliert ihren Charakter als persönlicher Makel. Ein Verlust bleibt ärgerlich, ohne gleich als Katastrophe zu erscheinen.</p>

<h2 id="wo-diese-philosophie-an-ihre-grenzen-stösst" id="wo-diese-philosophie-an-ihre-grenzen-stösst">Wo diese Philosophie an ihre Grenzen stösst</h2>

<p>An diesem Punkt ist Ehrlichkeit angebracht. Denn der Einwand, der sich aufdrängt, ist nicht trivial: Wer innere Haltung trainiert, trainiert vielleicht vor allem Anpassung. Wer lernt, Kritik gelassener zu nehmen, macht sich unter Umständen gefügiger gegenüber Verhältnissen, die Kritik verdienen würden. Wer mit weniger zufrieden ist, kämpft vielleicht weniger für mehr. Die stoische Übung kann – in bestimmten Kontexten – zur Zumutung werden: Halt still, und nenn es Weisheit.</p>

<p>Hadot weicht diesem Einwand nicht aus, aber er verschiebt ihn. Die Übungen betreffen das, was sich unserer direkten Kontrolle entzieht – nicht die Verhältnisse selbst, sondern unsere Reaktion auf sie. Sie ersetzen keine Therapie, keine strukturellen Reformen, keine politischen Kämpfe. Wer unter einem ungerechten Arbeitsverhältnis leidet, braucht keine Atemübung, sondern veränderte Verhältnisse. Aber: Nicht jede Situation lässt sich ändern. Und selbst dort, wo Veränderung möglich wäre, hilft es, nicht von jedem Gegenwind aus der Bahn geworfen zu werden. Beides hat seinen Platz – das Einwirken auf die Welt und das Einüben der eigenen Haltung ihr gegenüber.</p>

<h2 id="einsicht-allein-genügt-nicht" id="einsicht-allein-genügt-nicht">Einsicht allein genügt nicht</h2>

<p>Vielleicht erklärt das auch, weshalb Einsicht so selten ausreicht. Wir wissen, was uns guttut – und tun es nicht. <a href="./die-radikale-tugend-der-gelassenheit">Wir wissen, wie wir gelassener reagieren</a> könnten – und ärgern uns dennoch. Der Sonntagabend wird am Bildschirm vergeudet, obwohl wir uns etwas anderes vorgenommen hatten.</p>

<p>Der Unterschied zwischen Wissen und Können liegt nicht in besseren Argumenten, <a href="./ein-etwas-anderer-blick-auf-resilienz-philosophische-lebenspraxis">sondern in Wiederholung, in Praxis, im Einüben unter Bedingungen, die einem etwas abverlangen</a>. Für Hadot war Philosophie deshalb weniger ein System von Aussagen als eine tägliche Praxis. Ein Training der Aufmerksamkeit, der Bewertung, der Erwartung. Die Frage, die bleibt, ist simpel: Wenn wir wissen, dass Einsicht nicht genügt – warum üben wir dann nicht?</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts" id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/pierre-hadot-philosophie-als-uebung">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Literatur</strong>
Pierre Hadot (2002): <a href="https://openlibrary.org/works/OL2743936W/Philosophie_als_Lebensform._Antike_und_moderne_Exerzitien_der_Weisheit"><em>Philosophie als Lebensform. Antike und moderne Exerzitien der Weisheit.</em></a> Frankfurt: Fischer.</p>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pieter_Claesz">Pieter Claesz</a> (1596/1597–1661): <em>Vanitasstillleben mit Selbstporträt</em>, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg , <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pieter_Claesz._-_Still_Life_with_a_Self-portrait.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/pierre-hadot-philosophie-als-uebung</guid>
      <pubDate>Sat, 21 Feb 2026 07:39:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Hannah Arendt und die leise Kunst des Neubeginns</title>
      <link>https://epicmind.ch/hannah-arendt-und-die-leise-kunst-des-neubeginns?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Carpeaux: Scène d&#39;accouchement&#xA;&#xA;Heute jährt sich der Todestag von Hannah Arendt zum fünfzigsten Mal. Ursula Renz erinnert in der gestrigen NZZ daran, dass Arendt die Freiheit nicht nur in der Reflexion auf unsere Sterblichkeit verortete, sondern ebenso in der Fähigkeit, immer wieder neu zu beginnen. Dieser Gedanke begleitet mich an diesem Dezembermorgen: unscheinbar im Ton, aber weitreichend in seiner Bedeutung. Er öffnet einen Raum, in dem sich Arendt mit den für mich massgeblichen hellenistischen Philosophien berührt – nicht historisch, sondern existenziell. Und er stellt eine Frage, die mich unmittelbar betrifft: Was heisst es heute, neu zu beginnen, als innere Bewegung, die Freiheit möglich macht?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Ein Todestag und eine Frage nach der Freiheit&#xA;&#xA;Wenn ich Hannah Arendts Namen lese, denke ich zuerst an die politische Theoretikerin, die scharf beobachtete, wie Menschen handeln, urteilen und sich in der Welt verorten. Arendt war eine Denkerin des Zwischenraums: zwischen Menschen, zwischen Handlungen, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ihre Begriffe tragen viel Geschichte in sich, aber sie entfalten ihre Wirkung gerade dort, wo sie persönlich werden.&#xA;&#xA;Ursula Renz hebt in ihrem Artikel den Gedanken hervor, der heute zum Weiterdenken besonders einlädt: dass Menschen immer wieder neu anfangen können. Arendt verbindet diesen Gedanken mit der Natalität – der Gebürtigkeit des Menschen. Jeder Mensch kommt als Anfang auf die Welt; das Neue ist ihm nicht fremd, sondern eingeschrieben. Freiheit bedeutet in diesem Licht, dem Neuen Raum zu geben. Nicht nur in politischen Konstellationen, sondern auch dort, wo wir uns selbst begegnen.&#xA;&#xA;Ich bleibe allerdings auf der existenziellen Ebene stehen. Der politische Gehalt dieses Gedankens ist zweifellos kraftvoll, doch heute suche ich nach der Frage, wie sich das Motiv des Neubeginns im Inneren eines Menschen entfaltet. Vielleicht auch, weil politische Ohnmacht manchmal den Blick auf jene unauffälligen Möglichkeiten trübt, die im eigenen Denken liegen.&#xA;&#xA;Natalität jenseits des Politischen&#xA;&#xA;Der Begriff der Natalität klingt ungewöhnlich und zugleich selbstverständlich. Arendt richtet den Blick nicht wie viele andere Philosophen auf den Tod, sondern auf das, was dem Leben vorausgeht. Wir sind gebürtige Wesen. Und weil wir gebürtig sind, können wir beginnen.&#xA;&#xA;Mir erscheint dieser Gedanke heute als eine Art philosophisches Gegenlicht: Er verweilt nicht bei dem, was uns begrenzt, sondern bei der Möglichkeit, anders zu werden, als wir gestern waren. Dabei geht es nicht um Brüche oder heroische Wendepunkte, sondern um eine innere Beweglichkeit. Das Neue beginnt oft still, kaum merklich. Manchmal nur in einem Satz, der plötzlich weniger hart klingt, in einer Einschätzung, die nicht mehr ganz so absolut ist, oder in einem Gedanken, der sich nicht mehr gegen Veränderungen sperrt.&#xA;&#xA;Genau hier berühren sich Arendts Überlegungen mit Traditionen, die sie zu Lebzeiten kaum thematisierte: den hellenistischen Schulen des #Epikur, der Stoa und der Kyniker. Sie sprechen nicht von Natalität, aber sie kennen das Motiv des Neubeginns auf ihre eigene Weise – als Befreiung von Furcht, als Neuordnung des Urteils oder als subversive Vereinfachung des Lebens.&#xA;&#xA;Der epikureischer Blick: Neubeginn ohne Pathos&#xA;&#xA;Epikur erscheint vielen als Denker der Lust oder des Rückzugs in den Garten. Doch sein Denken ist weniger hedonistisch und viel stiller, als es die Klischees vermuten lassen. Freiheit beginnt bei Epikur dort, wo die Furcht ihre Macht verliert – vor Göttern, vor dem Tod, vor dem Urteil anderer. Nicht die Welt muss sich ändern, sondern die Art, wie wir uns in ihr bewegen.&#xA;&#xA;Ein Neubeginn im epikureischen Sinn verläuft deshalb leise. Er geschieht, wenn ein Mensch erkennt, welche Ängste ihn binden, obwohl sie weder notwendig noch unvermeidlich sind. Epikur hätte Arendts Natalität wohl nicht diskutiert, aber er hätte ihr zugestimmt, dass Freiheit vor allem eine innere Öffnung ist. Die Welt wird nicht neu geschaffen; man selbst tritt ihr neu entgegen.&#xA;&#xA;Mich fasziniert dieser unprätentiöse Ton des Neubeginns. Epikureisch gesprochen ist ein Anfang keine Wende im grossen Stil, sondern ein Zurückfinden zu sich selbst. Ein Wegnehmen von Überlastung, von falschen Dringlichkeiten, von Erwartungen, die nicht die eigenen sind. Arendts Gedanke erhält hier eine bemerkenswerte Erdung: Menschen können neu anfangen, weil ihre Ängste nicht endgültig über sie bestimmen.&#xA;&#xA;Eine stoische Resonanz: Neubeginn durch Neubewertung&#xA;&#xA;Die Stoa denkt radikaler in Bezug auf die Macht des Urteils. „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen über die Dinge&#34;, schreibt Epiktet. Ein Neubeginn ist aus stoischer Sicht jederzeit möglich, weil das Urteil jederzeit neu gefasst werden kann. Nicht die äussere Lage ändert sich – weder Krankheit noch Verlust noch gesellschaftliche Zwänge –, sondern der innere Massstab.&#xA;&#xA;Ich denke an einen konkreten Fall: Ein Mensch verliert eine berufliche Position, die er jahrelang als Kern seiner Identität betrachtet hat. Die stoische Frage wäre nicht, wie er diese Position wiedererlangen kann, sondern ob sie je war, was er dachte. Vielleicht war sie nur ein äusseres Gut, dem er zu viel Gewicht gab. Der Neubeginn liegt dann in der Neubewertung. Nicht die Position macht den Menschen aus, sondern sein Urteilsvermögen, seine Haltung, seine Fähigkeit, sich zu dem zu verhalten, was geschieht. Diese Verschiebung ist radikal, weil sie keine äussere Veränderung voraussetzt. Sie verlangt nur, dass der Mensch sich selbst als Massstab ernst nimmt.&#xA;&#xA;Im Licht von Arendt lässt sich das so verstehen: Natalität zeigt sich nicht nur im ersten Atemzug eines Lebens, sondern in jedem Moment, in dem wir uns erlauben, das Weltverhältnis neu zu markieren. Freiheit wird zur Fähigkeit, die eigenen Bewertungen zu korrigieren, nicht weil das leichter wäre, sondern weil es möglich bleibt.&#xA;&#xA;Dieser stoische Gedanke wirkt besonders dann, wenn äussere Handlungsspielräume eng erscheinen. Er erinnert daran, dass ein innerer Neubeginn nicht von günstigen Umständen abhängt. Selbst dort, wo wenig Veränderung denkbar ist, bleibt ein Rest Freiheit bestehen – im Urteil, im Setzen von Prioritäten und im Umgang mit eigenen Erwartungen.&#xA;&#xA;Die kynische Spur: Anfangen als Abschütteln&#xA;&#xA;Die Kyniker treiben das Motiv des Neubeginns in eine andere Richtung. Bei ihnen geht es nicht um eine Neujustierung oder Neuinterpretation, sondern um das bewusste Loslösen vom Überfluss, von gesellschaftlichen Rollen, von den Anforderungen, die Menschen sich gegenseitig auferlegen. Ein Neubeginn gelingt, indem man das Überflüssige abstreift.&#xA;&#xA;Was hiesse das heute? Vielleicht, sich nicht mehr von jener permanenten Erreichbarkeit bestimmen zu lassen, die als selbstverständlich gilt. Vielleicht, auf Statussymbole zu verzichten, die längst zur Last geworden sind. Vielleicht auch, sich aus Debatten zurückzuziehen, in denen man nur noch mitredet, weil alle mitreden. Die kynische Geste ist provokant, weil sie dem Konsens widerspricht. Sie sagt: Nicht alles, was als notwendig erscheint, ist es wirklich. Manches bindet nur, weil wir nicht wagen, es loszulassen.&#xA;&#xA;Diese Tradition wirkt auf den ersten Blick fern von Arendts Natalität. Doch ein gemeinsamer Kern ist da. Der Mensch ist in der Lage, sich von dem zu lösen, was ihn bindet, und damit Handlungsspielraum zu eröffnen. Bei den Kynikern ist dieser Raum radikal, fast trotzig; bei Arendt hingegen entsteht er im Zwischenraum, im gemeinsamen Handeln, aber auch im inneren Mut, sich neu zur Welt zu stellen.&#xA;&#xA;Für meinen heutigen Zweck bleibt die kynische Perspektive eine scharfe Linie: Sie erinnert daran, dass Neubeginn nicht nur introspektiv sein kann. Manchmal bedeutet er, äussere Erwartungen abzuschütteln und dem eigenen Urteil mehr Gewicht zu geben als allen Konventionen. Damit bleibt die kynische Haltung ein Gegenpunkt, der Arendts Begriff nicht widerlegt, sondern erweitert.&#xA;&#xA;Und heute?&#xA;&#xA;Wenn ich diese drei Linien zusammenführe, entsteht ein erstaunlich zeitgenössisches Bild: Der Neubeginn ist keine dramatische Lebenswende, kein Wechsel der Biografie, sondern ein inneres Tätigwerden. Ein stiller Prozess, der sich oft erst im Rückblick erkennen lässt.&#xA;&#xA;Es ist ein Gedankenraum, in dem Arendt und die Hellenisten miteinander sprechen könnten:&#xA;&#xA;Epikur erinnert daran, dass wir anfangen können, weil Furcht nicht endgültig ist.&#xA;Die Stoa betont, dass wir anfangen können, weil Urteile wandelbar sind.&#xA;Die Kyniker zeigen, dass wir anfangen können, indem wir Lasten abwerfen.&#xA;&#xA;Gemeinsam ergibt sich daraus ein existenzielles Verständnis von Freiheit: Sie ist nicht das ungebundene Wollen, nicht das Spektakuläre, sondern die Fähigkeit, das Verhältnis zur Welt neu auszurichten. Manchmal genügt ein kleiner innerer Schritt, damit eine bisher feste Struktur sich lockert.&#xA;&#xA;Was aber bedeutet diese Freiheit in einer Zeit, die oft lähmend wirkt? Die politischen Verhältnisse scheinen erstarrt, die Krisen häufen sich, und der Einzelne steht oft ohnmächtig daneben. Gerade dann wird die Frage nach dem inneren Neubeginn existenziell. Nicht als Rückzug ins Private, sondern als Behauptung eines Freiraums, der sich nicht vollständig determinieren lässt. Vielleicht ist es genau diese Beharrlichkeit, die Arendts Natalitätsbegriff heute wieder dringlich macht: die Einsicht, dass das Innere eines Menschen nicht einfach den äusseren Verhältnissen folgen muss. Dass dort, wo wir urteilen, bewerten und beginnen, ein Spielraum bleibt. Kein heroischer, kein grosser – aber einer, der ausreicht, um nicht vollständig festzustehen.&#xA;&#xA;Ich merke beim Schreiben, dass dieser Gedanke zugleich schlicht und schwer ist. Schlicht, weil jeder ihn versteht: Menschen können neu anfangen. Schwer, weil nicht jeder diesen Anfang erkennt, wenn er sich anbietet. Wir erwarten von Neubeginn oft Signale, die gross genug sind, um uns zu überzeugen. Doch die Philosophie – von Arendt bis Epikur – würde eher sagen: Der Anfang zeigt sich nicht in der Geste, sondern im Blick. Eine leichte Verschiebung, ein anderes Denken oder ein nicht mehr ganz so festes Urteil.&#xA;&#xA;Vom Erinnern zum Beginnen&#xA;&#xA;Ein Todestag ist ein Moment der Rückschau. Doch Arendts Begriff der Natalität verschiebt diesen Blick – weg vom Erinnern, hin zum Beginnen. Nicht das Ende betrachten, sondern das, was offen bleibt.&#xA;&#xA;Ich halte mich an diesen Gedanken, weil er keine Forderung stellt. Er öffnet bloss eine Möglichkeit. Und vielleicht genügt das: zu wissen, dass ein Anfang nicht nur im Beginn eines Lebens liegt, sondern immer dort, wo wir das Denken nicht aufgeben.&#xA;&#xA;Der Gedanke, den Renz herausstellt, wirkt damit wie ein täglicher Begleiter. Menschen können neu anfangen. Nicht nur politisch, nicht nur gesellschaftlich, sondern im leisen Inneren, das sich manchmal vorsichtig verschiebt – ohne Gewissheit, aber nicht ohne Hoffnung.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/hannah-arendt-und-die-leise-kunst-des-neubeginns&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Jean-Baptiste Carpeaux (1827–1875): Scène d&#39;accouchement, Musée des Beaux-Arts de la ville de Paris, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #Philosophie&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/de/Jean-Baptiste_Carpeaux_-_Sc%C3%A8ne_d%27accouchement_-_PPP2086_-_Mus%C3%A9e_des_Beaux-Arts_de_la_ville_de_Paris.jpg/960px-Jean-Baptiste_Carpeaux_-_Sc%C3%A8ne_d%27accouchement_-_PPP2086_-_Mus%C3%A9e_des_Beaux-Arts_de_la_ville_de_Paris.jpg" alt="Carpeaux: Scène d&#39;accouchement"/></p>

<p>Heute jährt sich der Todestag von Hannah Arendt zum fünfzigsten Mal. Ursula Renz erinnert in der gestrigen NZZ daran, dass Arendt die Freiheit nicht nur in der Reflexion auf unsere Sterblichkeit verortete, sondern ebenso in der Fähigkeit, immer wieder neu zu beginnen. Dieser Gedanke begleitet mich an diesem Dezembermorgen: unscheinbar im Ton, aber weitreichend in seiner Bedeutung. Er öffnet einen Raum, in dem sich Arendt mit den für mich massgeblichen hellenistischen Philosophien berührt – nicht historisch, sondern existenziell. Und er stellt eine Frage, die mich unmittelbar betrifft: Was heisst es heute, neu zu beginnen, als innere Bewegung, die Freiheit möglich macht?</p>



<h2 id="ein-todestag-und-eine-frage-nach-der-freiheit" id="ein-todestag-und-eine-frage-nach-der-freiheit">Ein Todestag und eine Frage nach der Freiheit</h2>

<p>Wenn ich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hannah_Arendt">Hannah Arendts</a> Namen lese, denke ich zuerst an die politische Theoretikerin, die scharf beobachtete, wie Menschen handeln, urteilen und sich in der Welt verorten. Arendt war eine Denkerin des Zwischenraums: zwischen Menschen, zwischen Handlungen, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ihre Begriffe tragen viel Geschichte in sich, aber sie entfalten ihre Wirkung gerade dort, wo sie persönlich werden.</p>

<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Renz">Ursula Renz</a> hebt <a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/woher-totalitaere-herrschaft-kommt-und-wohin-sie-fuehrt-hannah-arendt-hat-den-kommentar-zu-den-verwerfungen-des-20-jahrhunderts-geschrieben-ld.1913872">in ihrem Artikel</a> den Gedanken hervor, der heute zum Weiterdenken besonders einlädt: dass Menschen immer wieder neu anfangen können. Arendt verbindet diesen Gedanken mit der Natalität – der Gebürtigkeit des Menschen. Jeder Mensch kommt als Anfang auf die Welt; das Neue ist ihm nicht fremd, sondern eingeschrieben. Freiheit bedeutet in diesem Licht, dem Neuen Raum zu geben. Nicht nur in politischen Konstellationen, sondern auch dort, wo wir uns selbst begegnen.</p>

<p>Ich bleibe allerdings auf der existenziellen Ebene stehen. Der politische Gehalt dieses Gedankens ist zweifellos kraftvoll, doch heute suche ich nach der Frage, wie sich das Motiv des Neubeginns im Inneren eines Menschen entfaltet. Vielleicht auch, weil politische Ohnmacht manchmal den Blick auf jene unauffälligen Möglichkeiten trübt, die im eigenen Denken liegen.</p>

<h2 id="natalität-jenseits-des-politischen" id="natalität-jenseits-des-politischen">Natalität jenseits des Politischen</h2>

<p>Der Begriff der Natalität klingt ungewöhnlich und zugleich selbstverständlich. Arendt richtet den Blick nicht wie viele andere Philosophen auf den Tod, sondern auf das, was dem Leben vorausgeht. Wir sind gebürtige Wesen. Und weil wir gebürtig sind, können wir beginnen.</p>

<p>Mir erscheint dieser Gedanke heute als eine Art philosophisches Gegenlicht: Er verweilt nicht bei dem, was uns begrenzt, sondern bei der Möglichkeit, anders zu werden, als wir gestern waren. Dabei geht es nicht um Brüche oder heroische Wendepunkte, sondern um eine innere Beweglichkeit. Das Neue beginnt oft still, kaum merklich. Manchmal nur in einem Satz, der plötzlich weniger hart klingt, in einer Einschätzung, die nicht mehr ganz so absolut ist, oder in einem Gedanken, der sich nicht mehr gegen Veränderungen sperrt.</p>

<p>Genau hier berühren sich Arendts Überlegungen mit Traditionen, die sie zu Lebzeiten kaum thematisierte: den hellenistischen Schulen des <a href="https://epicmind.ch/tag:Epikur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Epikur</span></a>, der Stoa und der Kyniker. Sie sprechen nicht von Natalität, aber sie kennen das Motiv des Neubeginns auf ihre eigene Weise – als Befreiung von Furcht, als Neuordnung des Urteils oder als subversive Vereinfachung des Lebens.</p>

<h2 id="der-epikureischer-blick-neubeginn-ohne-pathos" id="der-epikureischer-blick-neubeginn-ohne-pathos">Der epikureischer Blick: Neubeginn ohne Pathos</h2>

<p>Epikur erscheint vielen als Denker der Lust oder des Rückzugs in den Garten. Doch sein Denken ist weniger hedonistisch und viel stiller, als es die Klischees vermuten lassen. <a href="./ein-etwas-anderer-blick-auf-resilienz-philosophische-lebenspraxis">Freiheit beginnt bei Epikur dort, wo die Furcht ihre Macht verliert</a> – vor Göttern, vor dem Tod, vor dem Urteil anderer. Nicht die Welt muss sich ändern, sondern die Art, wie wir uns in ihr bewegen.</p>

<p>Ein Neubeginn im epikureischen Sinn verläuft deshalb leise. Er geschieht, wenn ein Mensch erkennt, welche Ängste ihn binden, obwohl sie weder notwendig noch unvermeidlich sind. Epikur hätte Arendts Natalität wohl nicht diskutiert, aber er hätte ihr zugestimmt, dass Freiheit vor allem eine innere Öffnung ist. Die Welt wird nicht neu geschaffen; man selbst tritt ihr neu entgegen.</p>

<p>Mich fasziniert dieser unprätentiöse Ton des Neubeginns. Epikureisch gesprochen ist ein Anfang keine Wende im grossen Stil, sondern ein Zurückfinden zu sich selbst. Ein Wegnehmen von Überlastung, von falschen Dringlichkeiten, von Erwartungen, die nicht die eigenen sind. Arendts Gedanke erhält hier eine bemerkenswerte Erdung: Menschen können neu anfangen, weil ihre Ängste nicht endgültig über sie bestimmen.</p>

<h2 id="eine-stoische-resonanz-neubeginn-durch-neubewertung" id="eine-stoische-resonanz-neubeginn-durch-neubewertung">Eine stoische Resonanz: Neubeginn durch Neubewertung</h2>

<p><a href="./die-radikale-tugend-der-gelassenheit">Die Stoa denkt radikaler in Bezug auf die Macht des Urteils.</a> „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern unsere Meinungen über die Dinge”, schreibt Epiktet. Ein Neubeginn ist aus stoischer Sicht jederzeit möglich, weil das Urteil jederzeit neu gefasst werden kann. Nicht die äussere Lage ändert sich – weder Krankheit noch Verlust noch gesellschaftliche Zwänge –, sondern der innere Massstab.</p>

<p>Ich denke an einen konkreten Fall: Ein Mensch verliert eine berufliche Position, die er jahrelang als Kern seiner Identität betrachtet hat. Die stoische Frage wäre nicht, wie er diese Position wiedererlangen kann, sondern ob sie je war, was er dachte. Vielleicht war sie nur ein äusseres Gut, dem er zu viel Gewicht gab. Der Neubeginn liegt dann in der Neubewertung. Nicht die Position macht den Menschen aus, sondern sein Urteilsvermögen, seine Haltung, seine Fähigkeit, sich zu dem zu verhalten, was geschieht. Diese Verschiebung ist radikal, weil sie keine äussere Veränderung voraussetzt. Sie verlangt nur, dass der Mensch sich selbst als Massstab ernst nimmt.</p>

<p>Im Licht von Arendt lässt sich das so verstehen: Natalität zeigt sich nicht nur im ersten Atemzug eines Lebens, sondern in jedem Moment, in dem wir uns erlauben, das Weltverhältnis neu zu markieren. Freiheit wird zur Fähigkeit, die eigenen Bewertungen zu korrigieren, nicht weil das leichter wäre, sondern weil es möglich bleibt.</p>

<p>Dieser stoische Gedanke wirkt besonders dann, wenn äussere Handlungsspielräume eng erscheinen. Er erinnert daran, dass ein innerer Neubeginn nicht von günstigen Umständen abhängt. Selbst dort, wo wenig Veränderung denkbar ist, bleibt ein Rest Freiheit bestehen – im Urteil, im Setzen von Prioritäten und im Umgang mit eigenen Erwartungen.</p>

<h2 id="die-kynische-spur-anfangen-als-abschütteln" id="die-kynische-spur-anfangen-als-abschütteln">Die kynische Spur: Anfangen als Abschütteln</h2>

<p>Die Kyniker treiben das Motiv des Neubeginns in eine andere Richtung. Bei ihnen geht es nicht um eine Neujustierung oder Neuinterpretation, sondern <a href="./die-kyniker-und-das-glueck-im-gemuesegarten">um das bewusste Loslösen</a> vom Überfluss, von gesellschaftlichen Rollen, von den Anforderungen, die Menschen sich gegenseitig auferlegen. Ein Neubeginn gelingt, indem man das Überflüssige abstreift.</p>

<p>Was hiesse das heute? Vielleicht, sich nicht mehr von jener permanenten Erreichbarkeit bestimmen zu lassen, die als selbstverständlich gilt. Vielleicht, auf Statussymbole zu verzichten, die längst zur Last geworden sind. Vielleicht auch, sich aus Debatten zurückzuziehen, in denen man nur noch mitredet, weil alle mitreden. Die kynische Geste ist provokant, weil sie dem Konsens widerspricht. Sie sagt: Nicht alles, was als notwendig erscheint, ist es wirklich. Manches bindet nur, weil wir nicht wagen, es loszulassen.</p>

<p>Diese Tradition wirkt auf den ersten Blick fern von Arendts Natalität. Doch ein gemeinsamer Kern ist da. Der Mensch ist in der Lage, sich von dem zu lösen, was ihn bindet, und damit Handlungsspielraum zu eröffnen. Bei den Kynikern ist dieser Raum radikal, fast trotzig; bei Arendt hingegen entsteht er im Zwischenraum, im gemeinsamen Handeln, aber auch im inneren Mut, sich neu zur Welt zu stellen.</p>

<p>Für meinen heutigen Zweck bleibt die kynische Perspektive eine scharfe Linie: Sie erinnert daran, dass Neubeginn nicht nur introspektiv sein kann. Manchmal bedeutet er, äussere Erwartungen abzuschütteln und dem eigenen Urteil mehr Gewicht zu geben als allen Konventionen. Damit bleibt die kynische Haltung ein Gegenpunkt, der Arendts Begriff nicht widerlegt, sondern erweitert.</p>

<h2 id="und-heute" id="und-heute">Und heute?</h2>

<p>Wenn ich diese drei Linien zusammenführe, entsteht ein erstaunlich zeitgenössisches Bild: Der Neubeginn ist keine dramatische Lebenswende, kein Wechsel der Biografie, sondern ein inneres Tätigwerden. Ein stiller Prozess, der sich oft erst im Rückblick erkennen lässt.</p>

<p>Es ist ein Gedankenraum, in dem Arendt und die Hellenisten miteinander sprechen könnten:</p>
<ul><li>Epikur erinnert daran, dass wir anfangen können, weil Furcht nicht endgültig ist.</li>
<li>Die Stoa betont, dass wir anfangen können, weil Urteile wandelbar sind.</li>
<li>Die Kyniker zeigen, dass wir anfangen können, indem wir Lasten abwerfen.</li></ul>

<p>Gemeinsam ergibt sich daraus ein existenzielles Verständnis von Freiheit: Sie ist nicht das ungebundene Wollen, nicht das Spektakuläre, sondern die Fähigkeit, das Verhältnis zur Welt neu auszurichten. Manchmal genügt ein kleiner innerer Schritt, damit eine bisher feste Struktur sich lockert.</p>

<p>Was aber bedeutet diese Freiheit in einer Zeit, die oft lähmend wirkt? Die politischen Verhältnisse scheinen erstarrt, die Krisen häufen sich, und der Einzelne steht oft ohnmächtig daneben. Gerade dann wird die Frage nach dem inneren Neubeginn existenziell. Nicht als Rückzug ins Private, sondern als Behauptung eines Freiraums, der sich nicht vollständig determinieren lässt. Vielleicht ist es genau diese Beharrlichkeit, die Arendts Natalitätsbegriff heute wieder dringlich macht: die Einsicht, dass das Innere eines Menschen nicht einfach den äusseren Verhältnissen folgen muss. Dass dort, wo wir urteilen, bewerten und beginnen, ein Spielraum bleibt. Kein heroischer, kein grosser – aber einer, der ausreicht, um nicht vollständig festzustehen.</p>

<p>Ich merke beim Schreiben, dass dieser Gedanke zugleich schlicht und schwer ist. Schlicht, weil jeder ihn versteht: Menschen können neu anfangen. Schwer, weil nicht jeder diesen Anfang erkennt, wenn er sich anbietet. Wir erwarten von Neubeginn oft Signale, die gross genug sind, um uns zu überzeugen. Doch die Philosophie – von Arendt bis Epikur – würde eher sagen: Der Anfang zeigt sich nicht in der Geste, sondern im Blick. Eine leichte Verschiebung, ein anderes Denken oder ein nicht mehr ganz so festes Urteil.</p>

<h2 id="vom-erinnern-zum-beginnen" id="vom-erinnern-zum-beginnen">Vom Erinnern zum Beginnen</h2>

<p>Ein Todestag ist ein Moment der Rückschau. Doch Arendts Begriff der Natalität verschiebt diesen Blick – weg vom Erinnern, hin zum Beginnen. Nicht das Ende betrachten, sondern das, was offen bleibt.</p>

<p>Ich halte mich an diesen Gedanken, weil er keine Forderung stellt. Er öffnet bloss eine Möglichkeit. Und vielleicht genügt das: zu wissen, dass ein Anfang nicht nur im Beginn eines Lebens liegt, sondern immer dort, wo wir das Denken nicht aufgeben.</p>

<p>Der Gedanke, den Renz herausstellt, wirkt damit wie ein täglicher Begleiter. Menschen können neu anfangen. Nicht nur politisch, nicht nur gesellschaftlich, sondern im leisen Inneren, das sich manchmal vorsichtig verschiebt – ohne Gewissheit, aber nicht ohne Hoffnung.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts" id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/hannah-arendt-und-die-leise-kunst-des-neubeginns">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-Baptiste_Carpeaux">Jean-Baptiste Carpeaux</a> (1827–1875): <em>Scène d&#39;accouchement</em>, Musée des Beaux-Arts de la ville de Paris, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean-Baptiste_Carpeaux_-_Sc%C3%A8ne_d%27accouchement_-_PPP2086_-_Mus%C3%A9e_des_Beaux-Arts_de_la_ville_de_Paris.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/hannah-arendt-und-die-leise-kunst-des-neubeginns</guid>
      <pubDate>Thu, 04 Dec 2025 09:23:53 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Jenseits der Mitte: Über das Älterwerden, die Gelassenheit und den Luxus, weniger zu wollen</title>
      <link>https://epicmind.ch/jenseits-der-mitte-uber-das-alterwerden-die-gelassenheit-und-den-luxus?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Danielson-Gambogi: Tyttö ja kissat kesäisessä maisemassa&#xA;&#xA;Heute werde ich 50. Eine runde Zahl, die sich leise, aber deutlich bemerkbar macht – nicht nur im Pass, sondern auch in meinem inneren Koordinatensystem. Halbzeit vielleicht, wahrscheinlich auch schon mehr als das. Jedenfalls ein Anlass, innezuhalten. Und ehrlich gesagt: Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. 50 – das klingt nach Verantwortung, nach gereiftem Urteil, vielleicht sogar nach leichter Verbitterung. Nach Jahren, in denen man die Welt ernst genommen hat. Manchmal zu ernst. Dabei entdecke ich gerade im #Alter eine neue Leichtigkeit. Nicht die sorglose, euphorische Art der Zwanziger, sondern eine leisere, stabilere Form: eine Gelassenheit, die nicht vorgibt, alles im Griff zu haben, aber auch nicht mehr alles beweisen muss. Und ich beginne zu verstehen, dass genau darin eine Form von Freiheit liegt, die ich früher übersehen habe.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Vom Eigensinn der Zeit&#xA;&#xA;Es heisst, die Jugend habe alle Zeit der Welt. Die Wahrheit ist wohl: Sie hat sie nicht – aber sie merkt es noch nicht. Das Bewusstsein der Endlichkeit tritt mit den Jahren leiser, aber bestimmter ins Leben. Was früher abstrakt war, wird konkret. Die eigenen Eltern altern sichtbar, die ersten Freunde haben ernsthafte Diagnosen oder nehmen sich Auszeiten nicht mehr aus Abenteuerlust, sondern aus Notwendigkeit. Und doch: Ich fürchte mich weniger davor als früher. Vielleicht, weil ich – im Gegensatz zu früher – nicht mehr alles kontrollieren will. Wie Oliver Burkeman in seinem Buch 4000 Wochen sinngemäss schreibt, beginnt mit dem Älterwerden oft ein Abschied vom Drang, alles kontrollieren zu wollen – ein Drang, der besonders in der Jugend ausgeprägt ist. Älterwerden heisst auch, die Unverfügbarkeit des Lebens anzuerkennen. Und damit anzufangen, sich darin einzurichten. Nicht als Rückzug, sondern als Hinwendung zur Wirklichkeit.&#xA;&#xA;„Der Tod geht uns nichts an.“&#xA;&#xA;Epikur schrieb in seinem Brief an Menoikeus: „Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht. Denn alles Gute und Schlimme beruht auf der Wahrnehmung. Der Tod aber ist der Verlust der Wahrnehmung.“ Das klingt radikal – und ist es auch. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr empfinde ich diesen Gedanken nicht als Zumutung, sondern als Erleichterung. Älterwerden bringt eine merkwürdige Art von Ruhe mit sich. Weil nicht mehr alles möglich ist. Und gerade dadurch wird manches klarer. Nicht mehr alles ausprobieren zu müssen, bedeutet auch, sich begrenzen zu dürfen. Nein sagen zu können. Sagen zu können: Das reicht. Genug. Paradoxerweise macht der Gedanke, nicht unsterblich zu sein, das Leben nicht kleiner. Er macht es dichter.&#xA;&#xA;Der Luxus, weniger zu wollen&#xA;&#xA;Ich erinnere mich an eine Szene vor ein paar Jahren: Ich sass an einem freien Tag in einem Café, las ein gutes Buch, trank einen hervorragenden Espresso, und hatte keine Termine. Kein Produktivitätsziel, kein Schrittzähler, keine Ambitionen. Einfach da. Ich hätte damals nicht sagen können, was das war – heute weiss ich: Es war Fülle. Eine epikureische Fülle. Freundschaft, einfaches, aber wohltuendes Essen, ein Dach über dem Kopf, Zeit für Philosophie – Epikur erkannte darin die Basis des guten Lebens. Der Rest? Entbehrlich. Und manchmal sogar hinderlich. &#xA;&#xA;Was ich früher als Mittel zum #Glück betrachtete – etwa beruflichen Erfolg – erscheint mir heute eher als Nebenprodukt einer gelungenen Lebensführung. Nicht mehr das Ziel, sondern ein möglicher Begleiter. Diese Form des Genügens hat nichts mit Verzichtsromantik zu tun. Sie ist ein bewusster Entscheid: gegen das ständige Streben, für das bewusste Leben. Immer öfter merke ich, dass es mich nicht glücklicher macht, mehr zu haben. Aber es beruhigt mich, weniger zu brauchen.&#xA;&#xA;Wenn ich dem Älterwerden eine Haltung zuordnen müsste, dann wäre es diese: das Üben im Loslassen. Nicht als Flucht, sondern als Form der Gestaltung. „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile über die Dinge“, schrieb Epiktet in seinem Handbüchlein der Moral. Und genau das lerne ich neu: nicht jedes Urteil reflexhaft zu übernehmen, nicht jede Erwartung zu erfüllen, nicht jeden Impuls zur Reaktion werden zu lassen.&#xA;&#xA;Gelassenheit heisst für mich heute nicht Gleichgültigkeit. Sondern Aufmerksamkeit ohne Verstrickung. Präsenz ohne Drama. Ich darf mich aufregen – aber ich muss es nicht. Ich darf mich kümmern – aber ich muss nicht alles retten. Diese Form der inneren Unterscheidung ist eine tägliche Übung. Und wie jede Übung bleibt sie unvollkommen. Aber sie verändert etwas: Sie schafft Räume. Zwischen Reiz und Reaktion. Zwischen Anspruch und Antwort. Zwischen dem, was von aussen auf mich einwirkt – und dem, was ich daraus mache.&#xA;&#xA;Widerstandskraft ist Wandlungsfähigkeit&#xA;&#xA;Ich habe gelernt, #Resilienz nicht als Härte zu verstehen, sondern als Wandlungsfähigkeit. Was mich trägt, sind nicht eiserne Prinzipien oder starre Pläne, sondern die Fähigkeit, mich zu bewegen. Mich zu befragen. Mich zu verändern. Und auch: mich zu akzeptieren. Früher habe ich berufliche Rückschläge als persönliches Versagen empfunden und mich wochenlang damit gequält. Heute kann ich in einer gescheiterten Projektidee auch eine Befreiung sehen – die Chance, einen Weg nicht weitergehen zu müssen, der ohnehin nicht der richtige war. Nicht weil ich gleichgültiger geworden wäre, sondern weil ich gelernt habe, zwischen dem Ereignis selbst und meiner Deutung davon zu unterscheiden.&#xA;&#xA;Mit 50 habe ich viele Illusionen verloren. Das ist gut so. Manche davon waren hinderlich – etwa die, alles müsse sinnvoll, effizient oder erfolgreich sein. Ich setze heute eher auf das, was im Stillen trägt, als auf das, was laut beeindruckt. Auf das Gespräch. Auf das Zuhören. Auf den Spaziergang ohne Ziel. Vielleicht besteht der Ertrag dieses Alters nicht in Weisheit im emphatischen Sinn, sondern in einer freundlicheren Beziehung zum Unvollkommenen – auch zum eigenen.&#xA;&#xA;Ein anderer Blick&#xA;&#xA;Ich habe nicht vor, das Altern zu verklären. Natürlich gibt es auch Schatten: körperliche Veränderungen, Abschiede, Verletzlichkeit. Aber ich schaue heute anders hin. Mit mehr Zärtlichkeit. Mit mehr Geduld. Und mit weniger Angst. Wahrscheinlich bin ich nicht klüger geworden. Aber ich bin leiser geworden. Und das reicht vielleicht schon.&#xA;&#xA;Was ich mir für die kommenden Jahre wünsche? Weniger Lautstärke. Mehr Tiefe. Gespräche mit Menschen, die nicht nur recht haben wollen. Tage ohne Plan. Und die Freiheit, immer wieder neu zu entscheiden, was mir wichtig ist – ohne ständig erklären zu müssen, warum. Älterwerden ist kein Defizit. Es ist eine Einladung. Nicht an das alte Ich, sich zu verteidigen. Sondern an das neue, sich zu zeigen. Ich will sie annehmen.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/jenseits-der-mitte-uber-das-alterwerden-die-gelassenheit-und-den-luxus&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Elin Danielson-Gambogi (1861–1919): Flicka och katter i somrigt landskap, UPM-Kymmenen Kulttuurisäätiö, Helsinki, Public Domain.jpg).&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #Philosophie&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/df/Elin_Danielson-Gambogi_-_Girl_with_cats_in_a_summer_landscape_%281892%29.jpg/965px-Elin_Danielson-Gambogi_-_Girl_with_cats_in_a_summer_landscape_%281892%29.jpg" alt="Danielson-Gambogi: Tyttö ja kissat kesäisessä maisemassa"/></p>

<p>Heute werde ich 50. Eine runde Zahl, die sich leise, aber deutlich bemerkbar macht – nicht nur im Pass, sondern auch in meinem inneren Koordinatensystem. Halbzeit vielleicht, wahrscheinlich auch schon mehr als das. Jedenfalls ein Anlass, innezuhalten. Und ehrlich gesagt: Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. 50 – das klingt nach Verantwortung, nach gereiftem Urteil, vielleicht sogar nach leichter Verbitterung. Nach Jahren, in denen man die Welt ernst genommen hat. Manchmal zu ernst. Dabei entdecke ich gerade im <a href="https://epicmind.ch/tag:Alter" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Alter</span></a> eine neue Leichtigkeit. Nicht die sorglose, euphorische Art der Zwanziger, sondern eine leisere, stabilere Form: eine Gelassenheit, die nicht vorgibt, alles im Griff zu haben, aber auch nicht mehr alles beweisen muss. Und ich beginne zu verstehen, dass genau darin eine Form von Freiheit liegt, die ich früher übersehen habe.</p>



<h2 id="vom-eigensinn-der-zeit" id="vom-eigensinn-der-zeit">Vom Eigensinn der Zeit</h2>

<p>Es heisst, die Jugend habe alle Zeit der Welt. Die Wahrheit ist wohl: Sie hat sie nicht – aber sie merkt es noch nicht. Das Bewusstsein der Endlichkeit tritt mit den Jahren leiser, aber bestimmter ins Leben. Was früher abstrakt war, wird konkret. Die eigenen Eltern altern sichtbar, die ersten Freunde haben ernsthafte Diagnosen oder nehmen sich <a href="./alleine-aber-nicht-einsam">Auszeiten nicht mehr aus Abenteuerlust, sondern aus Notwendigkeit.</a> Und doch: Ich fürchte mich weniger davor als früher. Vielleicht, weil ich – im Gegensatz zu früher – nicht mehr alles kontrollieren will. Wie Oliver Burkeman in seinem Buch <em>4000 Wochen</em> sinngemäss schreibt, beginnt mit dem Älterwerden oft ein Abschied vom Drang, alles kontrollieren zu wollen – ein Drang, der besonders in der Jugend ausgeprägt ist. Älterwerden heisst auch, die Unverfügbarkeit des Lebens anzuerkennen. Und damit anzufangen, sich darin einzurichten. Nicht als Rückzug, sondern als Hinwendung zur Wirklichkeit.</p>

<h2 id="der-tod-geht-uns-nichts-an" id="der-tod-geht-uns-nichts-an">„Der Tod geht uns nichts an.“</h2>

<p><a href="https://epicmind.ch/tag:Epikur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Epikur</span></a> schrieb in seinem <em>Brief an Menoikeus</em>: „Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht. Denn alles Gute und Schlimme beruht auf der Wahrnehmung. Der Tod aber ist der Verlust der Wahrnehmung.“ Das klingt radikal – und ist es auch. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr empfinde ich diesen Gedanken nicht als Zumutung, sondern als Erleichterung. Älterwerden bringt eine merkwürdige Art von Ruhe mit sich. Weil nicht mehr alles möglich ist. Und gerade dadurch wird manches klarer. Nicht mehr alles ausprobieren zu müssen, bedeutet auch, sich begrenzen zu dürfen. Nein sagen zu können. Sagen zu können: Das reicht. Genug. Paradoxerweise macht der Gedanke, nicht unsterblich zu sein, das Leben nicht kleiner. Er macht es dichter.</p>

<h2 id="der-luxus-weniger-zu-wollen" id="der-luxus-weniger-zu-wollen">Der Luxus, weniger zu wollen</h2>

<p>Ich erinnere mich an eine Szene vor ein paar Jahren: Ich sass an einem freien Tag in einem Café, las ein gutes Buch, trank einen hervorragenden Espresso, und hatte keine Termine. Kein Produktivitätsziel, kein Schrittzähler, keine Ambitionen. Einfach da. Ich hätte damals nicht sagen können, was das war – heute weiss ich: Es war Fülle. Eine epikureische Fülle. Freundschaft, einfaches, aber wohltuendes Essen, ein Dach über dem Kopf, Zeit für Philosophie – Epikur erkannte darin die Basis des guten Lebens. Der Rest? Entbehrlich. Und manchmal sogar hinderlich.</p>

<p>Was ich früher als Mittel zum <a href="https://epicmind.ch/tag:Gl%C3%BCck" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Glück</span></a> betrachtete – etwa beruflichen Erfolg – erscheint mir heute eher als Nebenprodukt einer gelungenen Lebensführung. Nicht mehr das Ziel, sondern ein möglicher Begleiter. Diese Form des Genügens hat nichts mit Verzichtsromantik zu tun. Sie ist ein bewusster Entscheid: gegen das ständige Streben, für das bewusste Leben. Immer öfter merke ich, dass es mich nicht glücklicher macht, mehr zu haben. Aber es beruhigt mich, weniger zu brauchen.</p>

<p>Wenn ich dem Älterwerden eine Haltung zuordnen müsste, dann wäre es diese: das Üben im Loslassen. Nicht als Flucht, sondern als Form der Gestaltung. „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile über die Dinge“, schrieb Epiktet in seinem <em>Handbüchlein der Moral</em>. Und genau das lerne ich neu: nicht jedes Urteil reflexhaft zu übernehmen, nicht jede Erwartung zu erfüllen, nicht jeden Impuls zur Reaktion werden zu lassen.</p>

<p><a href="./die-radikale-tugend-der-gelassenheit">Gelassenheit heisst für mich heute nicht Gleichgültigkeit. Sondern Aufmerksamkeit ohne Verstrickung.</a> Präsenz ohne Drama. Ich darf mich aufregen – aber ich muss es nicht. Ich darf mich kümmern – aber ich muss nicht alles retten. Diese Form der inneren Unterscheidung ist eine tägliche Übung. Und wie jede Übung bleibt sie unvollkommen. Aber sie verändert etwas: Sie schafft Räume. Zwischen Reiz und Reaktion. Zwischen Anspruch und Antwort. Zwischen dem, was von aussen auf mich einwirkt – und dem, was ich daraus mache.</p>

<h2 id="widerstandskraft-ist-wandlungsfähigkeit" id="widerstandskraft-ist-wandlungsfähigkeit">Widerstandskraft ist Wandlungsfähigkeit</h2>

<p>Ich habe gelernt, <a href="https://epicmind.ch/tag:Resilienz" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Resilienz</span></a> <a href="./ein-etwas-anderer-blick-auf-resilienz-philosophische-lebenspraxis">nicht als Härte zu verstehen, sondern als Wandlungsfähigkeit</a>. Was mich trägt, sind nicht eiserne Prinzipien oder starre Pläne, sondern die Fähigkeit, mich zu bewegen. Mich zu befragen. Mich zu verändern. Und auch: mich zu akzeptieren. Früher habe ich berufliche Rückschläge als persönliches Versagen empfunden und mich wochenlang damit gequält. Heute kann ich in einer gescheiterten Projektidee auch eine Befreiung sehen – die Chance, einen Weg nicht weitergehen zu müssen, der ohnehin nicht der richtige war. Nicht weil ich gleichgültiger geworden wäre, sondern weil ich gelernt habe, zwischen dem Ereignis selbst und meiner Deutung davon zu unterscheiden.</p>

<p><a href="./kierkegaard-als-wegweiser-zu-einem-erfullten-leben">Mit 50 habe ich viele Illusionen verloren. Das ist gut so.</a> Manche davon waren hinderlich – etwa die, alles müsse sinnvoll, effizient oder erfolgreich sein. Ich setze heute eher auf das, was im Stillen trägt, als auf das, was laut beeindruckt. Auf das Gespräch. Auf das Zuhören. Auf den Spaziergang ohne Ziel. Vielleicht besteht der Ertrag dieses Alters nicht in Weisheit im emphatischen Sinn, sondern in einer freundlicheren Beziehung zum Unvollkommenen – auch zum eigenen.</p>

<h2 id="ein-anderer-blick" id="ein-anderer-blick">Ein anderer Blick</h2>

<p>Ich habe nicht vor, das Altern zu verklären. Natürlich gibt es auch Schatten: körperliche Veränderungen, Abschiede, Verletzlichkeit. Aber ich schaue heute anders hin. Mit mehr Zärtlichkeit. Mit mehr Geduld. Und mit weniger Angst. Wahrscheinlich bin ich nicht klüger geworden. Aber ich bin leiser geworden. Und das reicht vielleicht schon.</p>

<p>Was ich mir für die kommenden Jahre wünsche? Weniger Lautstärke. Mehr Tiefe. Gespräche mit Menschen, die nicht nur recht haben wollen. <a href="./gedanken-zu-ostern-rhythmus-statt-effizienzdruck">Tage ohne Plan. Und die Freiheit, immer wieder neu zu entscheiden, was mir wichtig ist</a> – ohne ständig erklären zu müssen, warum. Älterwerden ist kein Defizit. Es ist eine Einladung. Nicht an das alte Ich, sich zu verteidigen. Sondern an das neue, sich zu zeigen. Ich will sie annehmen.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts" id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/jenseits-der-mitte-uber-das-alterwerden-die-gelassenheit-und-den-luxus">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Elin_Danielson-Gambogi">Elin Danielson-Gambogi</a> (1861–1919): <em>Flicka och katter i somrigt landskap</em>, UPM-Kymmenen Kulttuurisäätiö, Helsinki, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Elin_Danielson-Gambogi_-_Girl_with_cats_in_a_summer_landscape_(1892).jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/jenseits-der-mitte-uber-das-alterwerden-die-gelassenheit-und-den-luxus</guid>
      <pubDate>Fri, 04 Jul 2025 06:01:12 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Die radikale Tugend der Gelassenheit</title>
      <link>https://epicmind.ch/die-radikale-tugend-der-gelassenheit?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Gérôme: Diogenes&#xA;&#xA;Kaum ist das Handy entsperrt, prasseln sie auf uns ein: Nachrichten, Meinungen, Bilder, Konflikte. Was als kurzer Blick auf die Uhr begann, endet oft in einem rastlosen Zappen durch Krisen, Konflikte und Konsum. Zwischen Schlagzeilen, Mitteilungen und algorithmisch kuratierten Ablenkungen verliere ich leicht das Gefühl für das, was mir wirklich wichtig ist. Der Tag beginnt im Reizmodus – und nicht selten bleibt er dort. In solchen Momenten spüre ich, wie weit ich von dem entfernt bin, was ich eigentlich suche: einen ruhigen, klaren Blick – kurz: Gelassenheit. Doch was heisst das eigentlich? Und wie kann man sie finden, ohne sich in Gleichgültigkeit zu verlieren?&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;In der öffentlichen Debatte wird Gelassenheit oft mit Zufriedenheit oder gar mit einem Rückzug aus der Welt gleichgesetzt. Doch ich glaube, sie meint etwas anderes. Der Philosoph Wilhelm Schmid bringt es auf den Punkt: «Gelassenheit kommt von lassen.» Es geht also nicht darum, alles gut zu finden, sondern loszulassen – Vorstellungen, Erwartungen, Ansprüche. Und das ist alles andere als passiv. Auf viele von uns, die wir tagtäglich mit Idealen von Selbstoptimierung, ständiger Verfügbarkeit und individueller Kontrolle konfrontiert sind, wirkt Gelassenheit beinahe provokativ. Denn sie verlangt, das eigene Ohnmachtsgefühl nicht zu verdrängen, sondern anzuerkennen.&#xA;&#xA;Viele Menschen – mich eingeschlossen – tun sich schwer damit. Wir wachsen auf mit der Vorstellung, dass wir unser Leben vollständig gestalten, beeinflussen und kontrollieren können. Das Versprechen: Wer genug will, schafft es auch. Wer scheitert, hat zu wenig versucht. Die antike Philosophie kann hier ein Gegengewicht bieten. Und vielleicht auch eine heilsame Zumutung.&#xA;&#xA;Stoische Klarheit: Was wir kontrollieren können – und was nicht&#xA;&#xA;Die Stoa, jene Philosophie aus dem antiken Griechenland und Rom, sieht Gelassenheit nicht als Stimmung, sondern als Haltung – als Ergebnis innerer Arbeit. Für die Stoiker wie Epiktet, Seneca oder Mark Aurel besteht die zentrale Unterscheidung darin, was in unserer Macht steht – und was nicht. Epiktet etwa schrieb in seinem Handbüchlein der Moral: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“ Mit anderen Worten: Nicht die Dinge selbst verletzen uns, sondern unser Urteil über sie. Gelassen ist, wer diese Urteile prüft – und sich darin übt, nicht auf alles reflexhaft zu reagieren.&#xA;&#xA;Ein kleines Beispiel: Eine Kollegin kritisiert meine Arbeit unfair vor anderen. Statt mich zu ärgern oder zu rechtfertigen, erkenne ich: Ihre Meinung liegt nicht in meiner Macht, wohl aber meine Reaktion darauf. Ich kann ruhig bleiben und später das Gespräch unter vier Augen suchen.&#xA;&#xA;In dieser Sichtweise liegt keine Weltverleugnung. Im Gegenteil. Es geht darum, sich mit klarem Blick der Welt zuzuwenden – und dort, wo unser Einfluss endet, innerlich zurückzutreten. Der Stoiker will nicht gefühllos sein, sondern frei in seiner Reaktion. Es geht nicht um Resignation, sondern um eine bewusste Grenzziehung: Hier gestalte ich – dort lasse ich los.&#xA;&#xA;Weniger wollen, mehr sein: Kynische und epikureische Wege&#xA;&#xA;Die Stoa ist nicht die einzige antike Schule, die sich mit Gelassenheit befasst. Auch die Kyniker – radikal in ihrer Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen – traten für eine Form der inneren Freiheit ein, die auf Bedürfnisreduktion beruhte. Diogenes, wohl ihr bekanntester Vertreter, soll in einer Amphore gelebt haben und verzichtete auf fast alles, was andere für notwendig hielten. Für ihn bedeutete Gelassenheit, frei zu sein von allem, was äusserlich bindet – Besitz, Ruhm, Erwartungen: Während andere über das neueste Smartphone diskutieren, frage ich mich: Was davon ist wirklich notwendig? Diogenes soll sich einst über einen Jungen gewundert haben, der mit den blossen Händen Wasser trank – worauf er seinen Becher wegwarf. In diesem Geist prüfe ich: Was trage ich mit mir herum, das ich längst nicht mehr brauche?&#xA;&#xA;Während die Kyniker durch radikalen Verzicht zur inneren Ruhe finden wollten, suchten die Epikureer ein massvolles Leben im Einklang mit der Natur. Auch sie unterschieden zwischen dem, was wir wirklich brauchen – etwa Freundschaft, einfache Nahrung, Sicherheit – und dem, was uns nur vermeintlich glücklich macht: Macht, Ruhm, Reichtum. Für #Epikur lag die Seelenruhe (griechisch ataraxia) in der Freiheit von seelischer Unruhe. Nicht der Rückzug von der Welt, sondern der kluge Umgang mit ihr ist das Ziel.&#xA;&#xA;Ich arbeite z. B. bewusst unregelmässig und meist nur vier Tage pro Woche, obwohl ich mehr verdienen könnte. Der fünfte Tag gehört mir – für Spaziergänge, Lesen, Nichtstun. Epikur hätte zugestimmt: Echte Fülle entsteht nicht durch mehr Geld, sondern durch mehr Zeit für das, was wirklich zählt.&#xA;&#xA;Was diese Schulen gemeinsam haben: Sie stellen unsere gängigen Annahmen über Glück und Kontrolle infrage. Gelassenheit, so lerne ich daraus, beginnt mit einer kritischen Haltung gegenüber meinen eigenen Wünschen und Urteilen – und endet vielleicht in einer einfacheren, wacheren Lebensweise. Diese antiken Einsichten über innere Ruhe und bewusste Lebensführung sind keineswegs überholt – die moderne Psychologie bestätigt viele ihrer Grundannahmen mit empirischen Methoden.&#xA;&#xA;Von der Antike zur Gegenwart: Psychologische Evidenz&#xA;&#xA;Auch in der modernen Psychologie findet sich eine ähnliche Perspektive. Der Begriff der „Emotionsregulation“ beschreibt die Fähigkeit, Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern bewusst mit ihnen umzugehen. Der klinische Psychologe Sven Barnow von der Universität Heidelberg etwa betont in einer Übersichtsarbeit, dass gerade die Strategie der Akzeptanz besonders wirksam sei – nicht als Kapitulation, sondern als bewusste Entscheidung: Ich erkenne an, was ist, auch wenn es unangenehm ist.&#xA;&#xA;Diese Akzeptanz ist nicht leicht. Sie erfordert einen inneren Kraftakt. Denn oft sind unsere Erwartungen an uns selbst und andere tief verankert – als Hoffnungen auf Gerechtigkeit, Liebe, Anerkennung. Diese loszulassen, heisst nicht, sie für bedeutungslos zu erklären. Es heisst, anzuerkennen, dass sie nicht immer erfüllt werden – und dass das Leben dennoch weitergeht.&#xA;&#xA;Ein weiterer Zugang ist die Achtsamkeit. In MBSR-Programmen (mindfulness-based stress reduction), die u. a. auf buddhistischen Traditionen beruhen, lernen Menschen, sich selbst mit Abstand zu beobachten, den gegenwärtigen Moment ohne Bewertung wahrzunehmen. „Ich bemerke, dass mein Geist abschweift“, heisst es dort, nicht: „Ich bin unkonzentriert“. Der Unterschied mag klein scheinen – aber er verändert die Beziehung zu den eigenen Gedanken grundlegend.&#xA;&#xA;Psychologisch betrachtet, ist Gelassenheit also kein Zustand der Gleichgültigkeit, sondern eine Form innerer Freiheit. Eine Haltung, die Gefühle nicht abschaltet, sondern ihnen Raum gibt – ohne sich von ihnen mitreissen zu lassen.&#xA;&#xA;Gelassenheit als Übungsfeld: Praktische Schritte&#xA;&#xA;Gelassenheit ist weder angeboren noch das Resultat günstiger Umstände. Sie ist ein Übungsfeld. Für mich heisst das: innehalten, unterscheiden, loslassen. Ich werde nicht aufhören, auf mein Handy zu schauen. Aber ich kann mir bewusst machen, was es mit mir macht – und ob ich immer antworten, reagieren, bewerten muss.&#xA;&#xA;Aus der antiken Philosophie und der modernen Psychologie nehme ich drei Dinge mit:&#xA;&#xA;Unterscheide, was in Deiner Macht liegt – und was nicht.&#xA;   Diese stoische Grundhaltung bewahrt vor Erschöpfung und Illusion.&#xA;&#xA;Reduziere, was Dich bindet.&#xA;   Wie Diogenes – wenn auch vielleicht nicht in der Amphore – können wir prüfen, ob wir an Dingen hängen, die uns nicht guttun.&#xA;&#xA;Beobachte, ohne zu urteilen.&#xA;   Achtsamkeit bedeutet nicht, alles zu akzeptieren, sondern zuerst zu sehen, was ist – bevor wir handeln.&#xA;&#xA;Gelassenheit ist keine Flucht, sondern eine Form von Mut. Der Mut, nicht alles kontrollieren zu wollen. Und vielleicht beginnt sie genau dort – beim nächsten Blick auf das Display.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/die-radikale-tugend-der-gelassenheit&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Literatur&#xA;&#xA;Albert Kitzler (2024): Gelassenheit: Eine philosophische Lebensschule, München: Droemer Knaur.&#xA;Massimo Pigliucci &amp;  Gregory Lopez (2025): Beyond Stoicism: A Guide to the Good Life with Stoics, Skeptics, Epicureans, and Other Ancient Philosophers, New York: The Experiment.&#xA;Jean-Manuel Roubineau (2023): The Dangerous Life and Ideas of Diogenes the Cynic, Oxford: Oxford University Press.&#xA;Catherine Wilson (2019): How to Be an Epicurean: The Ancient Art of Living Well, New York: Basic Books.&#xA;&#xA;Bildquelle&#xA;Jean-Léon Gérôme (1824–1904): Diogenes, Walters Art Museum, Mount Vernon, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #Philosophie&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;_blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/b1/Jean-L%C3%A9on_G%C3%A9r%C3%B4me_-_Diogenes_-_Walters_37131.jpg/960px-Jean-L%C3%A9on_G%C3%A9r%C3%B4me_-_Diogenes_-_Walters_37131.jpg" alt="Gérôme: Diogenes"/></p>

<p>Kaum ist das Handy entsperrt, prasseln sie auf uns ein: Nachrichten, Meinungen, Bilder, Konflikte. Was als kurzer Blick auf die Uhr begann, endet oft in einem rastlosen Zappen durch Krisen, Konflikte und Konsum. Zwischen Schlagzeilen, Mitteilungen und algorithmisch kuratierten Ablenkungen verliere ich leicht das Gefühl für das, was mir wirklich wichtig ist. Der Tag beginnt im Reizmodus – und nicht selten bleibt er dort. In solchen Momenten spüre ich, wie weit ich von dem entfernt bin, was ich eigentlich suche: einen ruhigen, klaren Blick – kurz: Gelassenheit. Doch was heisst das eigentlich? Und wie kann man sie finden, ohne sich in Gleichgültigkeit zu verlieren?</p>



<p>In der öffentlichen Debatte wird Gelassenheit oft mit Zufriedenheit oder gar mit einem Rückzug aus der Welt gleichgesetzt. Doch ich glaube, sie meint etwas anderes. Der <a href="https://www.nzz.ch/wissenschaft/gelassenheit-lernen-tipps-aus-stoizismus-und-psychologie-ld.1888974">Philosoph Wilhelm Schmid bringt es auf den Punkt</a>: «Gelassenheit kommt von lassen.» Es geht also nicht darum, alles gut zu finden, sondern loszulassen – Vorstellungen, Erwartungen, Ansprüche. Und das ist alles andere als passiv. Auf viele von uns, die wir tagtäglich mit Idealen von Selbstoptimierung, ständiger Verfügbarkeit und individueller Kontrolle konfrontiert sind, wirkt Gelassenheit beinahe provokativ. Denn sie verlangt, das eigene Ohnmachtsgefühl nicht zu verdrängen, sondern anzuerkennen.</p>

<p>Viele Menschen – mich eingeschlossen – tun sich schwer damit. Wir wachsen auf mit der Vorstellung, dass wir unser Leben vollständig gestalten, beeinflussen und kontrollieren können. Das Versprechen: Wer genug will, schafft es auch. Wer scheitert, hat zu wenig versucht. Die antike Philosophie kann hier ein Gegengewicht bieten. Und vielleicht auch eine heilsame Zumutung.</p>

<h2 id="stoische-klarheit-was-wir-kontrollieren-können-und-was-nicht" id="stoische-klarheit-was-wir-kontrollieren-können-und-was-nicht">Stoische Klarheit: Was wir kontrollieren können – und was nicht</h2>

<p>Die Stoa, jene Philosophie aus dem antiken Griechenland und Rom, sieht Gelassenheit nicht als Stimmung, sondern als Haltung – als Ergebnis innerer Arbeit. Für die Stoiker wie Epiktet, Seneca oder Mark Aurel besteht die zentrale Unterscheidung darin, was in unserer Macht steht – und was nicht. Epiktet etwa schrieb in seinem <em>Handbüchlein der Moral</em>: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“ Mit anderen Worten: Nicht die Dinge selbst verletzen uns, sondern unser Urteil über sie. Gelassen ist, wer diese Urteile prüft – und sich darin übt, nicht auf alles reflexhaft zu reagieren.</p>

<p>Ein kleines Beispiel: Eine Kollegin kritisiert meine Arbeit unfair vor anderen. Statt mich zu ärgern oder zu rechtfertigen, erkenne ich: Ihre Meinung liegt nicht in meiner Macht, wohl aber meine Reaktion darauf. Ich kann ruhig bleiben und später das Gespräch unter vier Augen suchen.</p>

<p>In dieser Sichtweise liegt keine Weltverleugnung. Im Gegenteil. Es geht darum, sich mit klarem Blick der Welt zuzuwenden – und dort, wo unser Einfluss endet, innerlich zurückzutreten. Der Stoiker will nicht gefühllos sein, sondern frei in seiner Reaktion. Es geht nicht um Resignation, sondern um eine bewusste Grenzziehung: Hier gestalte ich – dort lasse ich los.</p>

<h2 id="weniger-wollen-mehr-sein-kynische-und-epikureische-wege" id="weniger-wollen-mehr-sein-kynische-und-epikureische-wege">Weniger wollen, mehr sein: Kynische und epikureische Wege</h2>

<p>Die Stoa ist nicht die einzige antike Schule, die sich mit Gelassenheit befasst. Auch die Kyniker – radikal in ihrer Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen – traten für eine Form der inneren Freiheit ein, die auf Bedürfnisreduktion beruhte. Diogenes, wohl ihr bekanntester Vertreter, soll in einer Amphore gelebt haben und verzichtete auf fast alles, was andere für notwendig hielten. Für ihn bedeutete Gelassenheit, frei zu sein von allem, was äusserlich bindet – Besitz, Ruhm, Erwartungen: Während andere über das neueste Smartphone diskutieren, frage ich mich: Was davon ist wirklich notwendig? Diogenes soll sich einst über einen Jungen gewundert haben, der mit den blossen Händen Wasser trank – worauf er seinen Becher wegwarf. In diesem Geist prüfe ich: Was trage ich mit mir herum, das ich längst nicht mehr brauche?</p>

<p>Während die Kyniker durch radikalen Verzicht zur inneren Ruhe finden wollten, suchten die Epikureer ein massvolles Leben im Einklang mit der Natur. Auch sie unterschieden zwischen dem, was wir wirklich brauchen – etwa Freundschaft, einfache Nahrung, Sicherheit – und dem, was uns nur vermeintlich glücklich macht: Macht, Ruhm, Reichtum. Für <a href="https://epicmind.ch/tag:Epikur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Epikur</span></a> lag die Seelenruhe (griechisch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ataraxie"><em>ataraxia</em></a>) in der Freiheit von seelischer Unruhe. Nicht der Rückzug von der Welt, sondern der kluge Umgang mit ihr ist das Ziel.</p>

<p>Ich arbeite z. B. bewusst unregelmässig und meist nur vier Tage pro Woche, obwohl ich mehr verdienen könnte. Der fünfte Tag gehört mir – für Spaziergänge, Lesen, Nichtstun. Epikur hätte zugestimmt: Echte Fülle entsteht nicht durch mehr Geld, sondern durch mehr Zeit für das, was wirklich zählt.</p>

<p>Was diese Schulen gemeinsam haben: Sie stellen unsere gängigen Annahmen über Glück und Kontrolle infrage. Gelassenheit, so lerne ich daraus, beginnt mit einer kritischen Haltung gegenüber meinen eigenen Wünschen und Urteilen – und endet vielleicht in einer einfacheren, wacheren Lebensweise. Diese antiken Einsichten über innere Ruhe und bewusste Lebensführung sind keineswegs überholt – die moderne Psychologie bestätigt viele ihrer Grundannahmen mit empirischen Methoden.</p>

<h2 id="von-der-antike-zur-gegenwart-psychologische-evidenz" id="von-der-antike-zur-gegenwart-psychologische-evidenz">Von der Antike zur Gegenwart: Psychologische Evidenz</h2>

<p>Auch in der modernen Psychologie findet sich eine ähnliche Perspektive. Der Begriff der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Emotionsregulation">„Emotionsregulation“</a> beschreibt die Fähigkeit, Gefühle nicht zu unterdrücken, sondern bewusst mit ihnen umzugehen. Der klinische Psychologe Sven Barnow von der Universität Heidelberg etwa <a href="https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000494">betont in einer Übersichtsarbeit</a>, dass gerade die Strategie der Akzeptanz besonders wirksam sei – nicht als Kapitulation, sondern als bewusste Entscheidung: Ich erkenne an, was ist, auch wenn es unangenehm ist.</p>

<p>Diese Akzeptanz ist nicht leicht. Sie erfordert einen inneren Kraftakt. Denn oft sind unsere Erwartungen an uns selbst und andere tief verankert – als Hoffnungen auf Gerechtigkeit, Liebe, Anerkennung. Diese loszulassen, heisst nicht, sie für bedeutungslos zu erklären. Es heisst, anzuerkennen, dass sie nicht immer erfüllt werden – und dass das Leben dennoch weitergeht.</p>

<p>Ein weiterer Zugang ist die Achtsamkeit. In MBSR-Programmen (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Achtsamkeitsbasierte_Stressreduktion">mindfulness-based stress reduction</a>), die u. a. auf buddhistischen Traditionen beruhen, lernen Menschen, sich selbst mit Abstand zu beobachten, den gegenwärtigen Moment ohne Bewertung wahrzunehmen. „Ich bemerke, dass mein Geist abschweift“, heisst es dort, nicht: „Ich bin unkonzentriert“. Der Unterschied mag klein scheinen – aber er verändert die Beziehung zu den eigenen Gedanken grundlegend.</p>

<p>Psychologisch betrachtet, ist Gelassenheit also kein Zustand der Gleichgültigkeit, sondern eine Form innerer Freiheit. Eine Haltung, die Gefühle nicht abschaltet, sondern ihnen Raum gibt – ohne sich von ihnen mitreissen zu lassen.</p>

<h2 id="gelassenheit-als-übungsfeld-praktische-schritte" id="gelassenheit-als-übungsfeld-praktische-schritte">Gelassenheit als Übungsfeld: Praktische Schritte</h2>

<p>Gelassenheit ist weder angeboren noch das Resultat günstiger Umstände. Sie ist ein Übungsfeld. Für mich heisst das: innehalten, unterscheiden, loslassen. Ich werde nicht aufhören, auf mein Handy zu schauen. Aber ich kann mir bewusst machen, was es mit mir macht – und ob ich immer antworten, reagieren, bewerten muss.</p>

<p>Aus der antiken Philosophie und der modernen Psychologie nehme ich drei Dinge mit:</p>
<ol><li><p><strong>Unterscheide, was in Deiner Macht liegt – und was nicht.</strong>
Diese stoische Grundhaltung bewahrt vor Erschöpfung und Illusion.</p></li>

<li><p><strong>Reduziere, was Dich bindet.</strong>
Wie Diogenes – wenn auch vielleicht nicht in der Amphore – können wir prüfen, ob wir an Dingen hängen, die uns nicht guttun.</p></li>

<li><p><strong>Beobachte, ohne zu urteilen.</strong>
Achtsamkeit bedeutet nicht, alles zu akzeptieren, sondern zuerst zu sehen, was ist – bevor wir handeln.</p></li></ol>

<p>Gelassenheit ist keine Flucht, sondern eine Form von Mut. Der Mut, nicht alles kontrollieren zu wollen. Und vielleicht beginnt sie genau dort – beim nächsten Blick auf das Display.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts" id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/die-radikale-tugend-der-gelassenheit">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Literatur</strong></p>
<ul><li>Albert Kitzler (2024): Gelassenheit: Eine philosophische Lebensschule, München: Droemer Knaur.</li>
<li>Massimo Pigliucci &amp;  Gregory Lopez (2025): Beyond Stoicism: A Guide to the Good Life with Stoics, Skeptics, Epicureans, and Other Ancient Philosophers, New York: The Experiment.</li>
<li>Jean-Manuel Roubineau (2023): The Dangerous Life and Ideas of Diogenes the Cynic, Oxford: Oxford University Press.</li>
<li>Catherine Wilson (2019): How to Be an Epicurean: The Ancient Art of Living Well, New York: Basic Books.</li></ul>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jean-L%C3%A9on_G%C3%A9r%C3%B4me">Jean-Léon Gérôme</a> (1824–1904): <em>Diogenes</em>, Walters Art Museum, Mount Vernon, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jean-L%C3%A9on_G%C3%A9r%C3%B4me_-_Diogenes_-_Walters_37131.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/die-radikale-tugend-der-gelassenheit</guid>
      <pubDate>Fri, 27 Jun 2025 12:47:15 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Alleine, aber nicht einsam</title>
      <link>https://epicmind.ch/alleine-aber-nicht-einsam?pk_campaign=rss-feed</link>
      <description>&lt;![CDATA[Heyser: Ophelia&#xA;&#xA;Ich stehe kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag. Eine Zahl, die nüchtern betrachtet nichts anderes bedeutet, als ein weiteres volles Lebensjahrzehnt. Und doch lädt sie zum Innehalten ein. Vielleicht ist es das langsame Abklingen des Tatendrangs, das leise Umordnen der Prioritäten, oder auch nur die schlichte Tatsache, dass meine Wochenenden anders aussehen als früher. Nicht schlechter, aber stiller.&#xA;&#xA;Dabei drängt sich mir eine Beobachtung auf, die ich lange mit einem gewissen Unbehagen betrachtet habe: Ich bin heute öfter alleine als früher. Nicht immer, nicht ausschliesslich – aber doch merklich häufiger. Und noch vor einigen Jahren hätte ich das für ein Warnsignal gehalten. Einsamkeit, so heisst es, sei die neue Volkskrankheit. Rückzug wird rasch mit Mangel gleichgesetzt. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto weniger überzeugt mich diese Gleichung.&#xA;&#xA;!--more--&#xA;&#xA;Was, wenn nicht jeder Rückzug ein Verlust ist? Was, wenn das Alleinsein, richtig verstanden, keine Bedrohung, sondern eine Ressource darstellt?&#xA;&#xA;Rückzug als Lebensrealität&#xA;&#xA;Dass Freundschaften im Lauf des Lebens weniger werden, ist gut belegt. Eine vielzitierte Studie der Aalto-Universität Helsinki und der Universität Oxford zeigte, dass Menschen rund um das 25. Lebensjahr den grössten Freundeskreis haben – danach geht es kontinuierlich bergab. In späteren Jahren verlieren wir im Schnitt pro Jahrzehnt eine enge Bezugsperson, ohne dass gleichwertiger Ersatz hinzukommt.&#xA;&#xA;Das klingt dramatisch. Und doch ist es nichts anderes als eine statistische Beschreibung des Erwachsenwerdens. Beruf, Familie, Wohnortswechsel, gesundheitliche Veränderungen – all das macht das Pflegen von Beziehungen aufwändiger. Gelegenheiten für spontane Nähe verschwinden. Freundschaften verlagern sich von der zufälligen zur absichtsvollen Begegnung. Und nicht jede Verbindung überlebt diesen Wandel.&#xA;&#xA;Früher habe ich solche Verluste als Scheitern empfunden. Heute sehe ich darin vor allem eine natürliche Veränderung. Die Welt wird enger, nicht ärmer. Was bleibt, ist oft verlässlicher, tiefer, beständiger. Ich habe weniger Freunde als mit dreissig – aber ich weiss, auf wen ich zählen kann. Und vielleicht ist das der springende Punkt.&#xA;&#xA;Das bewusste Alleinsein als Raum der Reifung&#xA;&#xA;Gleichzeitig ist da noch etwas anderes, das mich mehr und mehr beschäftigt: das wachsende Bedürfnis nach Rückzug. Nicht aus Ablehnung der anderen, sondern aus dem Wunsch, wieder vermehrt mit mir selbst in Kontakt zu kommen.&#xA;&#xA;In der psychologischen Forschung spricht man von positive solitude – einem freiwilligen, sinnhaften Alleinsein, das Raum schafft für Erholung, #Selbstreflexion und persönliches Wachstum. Studien belegen: Wer regelmässig Zeit mit sich selbst verbringt – bewusst und nicht bloss als Lücke zwischen zwei Terminen –, erlebt mehr emotionale Ausgeglichenheit, ein höheres Mass an Klarheit und langfristig auch ein vertieftes Gefühl von Lebenssinn.&#xA;&#xA;Was mich daran besonders berührt: Das Alleinsein kann eine Form des inneren Dialogs werden, die jenseits von Leistungszielen liegt. Es ist nicht etwas, das man effizient „nutzt“, sondern etwas, das man zulässt – wie ein stilles, langsames Reifen unterhalb der Oberfläche. Eine Entsprechung dessen, was antike Philosophen wie #Epikur als „ataraxia“, innere Ruhe, beschrieben haben: nicht durch Abschottung, sondern durch ein Leben im Gleichgewicht mit sich und den anderen.&#xA;&#xA;Für mich hat sich dabei eine einfache Praxis als besonders hilfreich erwiesen: das regelmässige Schreiben. Nicht im Sinn literarischer Ambition, sondern als Journal – ein Ort, an dem Gedanken nicht nur gedacht, sondern festgehalten werden. Diese Form des strukturierten inneren Dialogs, morgens oder abends für ein paar Minuten, schärft nicht nur die Wahrnehmung, sondern eröffnet manchmal überraschende Einsichten: darüber, was gerade wesentlich ist, was stört, was trägt – und was man vielleicht längst loslassen könnte.&#xA;&#xA;Epikur – oft zu Unrecht als Vordenker des Lustprinzips missverstanden – sah die Freundschaft als höchsten Wert eines gelungenen Lebens. Doch er wusste auch, dass wahre Freundschaft erst entstehen kann, wenn der Mensch mit sich selbst im Reinen ist. Vielleicht liegt in diesem Gedanken ein Schlüssel: Der Rückzug zu sich selbst ist keine Abkehr von der Welt, sondern die Voraussetzung, ihr wieder begegnen zu können – aufrechter, freier, wacher.&#xA;&#xA;Beziehungen neu verstehen – nach innen und aussen&#xA;&#xA;Bewusstes Alleinsein verändert, wie ich Beziehungen verstehe. Lange Zeit habe ich geglaubt, dass zwischenmenschliche Nähe vor allem durch Quantität punktet – durch regelmässige Treffen, gemeinsame Erlebnisse, geteilte Zeit. Und natürlich stimmt das zum Teil. Aber heute weiss ich auch: Wer mit sich selbst verbunden ist, begegnet anderen anders. Weniger bedürftig, weniger ungeduldig, aber präsenter. Ich kann zuhören, ohne sofort reagieren zu müssen. Nähe zulassen, ohne mich darin zu verlieren. Und manchmal einfach auch loslassen, ganz ohne Schuldgefühle.&#xA;&#xA;Studien zeigen: Menschen, die ihre Zeit mit sich selbst als sinnvoll erleben, haben nicht nur stabilere soziale Netzwerke, sondern auch ein klareres Gespür dafür, welche Beziehungen ihnen guttun – und welche nicht mehr passen. In dieser neuen Sensibilität liegt eine Kraft, die sich nicht nur auf die Freundschaften, sondern auch auf alltägliche Begegnungen auswirkt: auf Gespräche mit Kolleginnen, auf Nachbarschaften, auf flüchtige Kontakte, die trotzdem berühren.&#xA;&#xA;Vielleicht ist das die unterschätzte soziale Kompetenz unserer Zeit: Nicht nur zu wissen, wie man mit anderen ist – sondern auch, wie man mit sich selbst ist.&#xA;&#xA;Strategien jenseits der Selbstoptimierung&#xA;&#xA;Die Versuchung ist gross, auch dieses Thema in ein Raster aus Tipps und Tricks zu pressen: „So nutzt du deine Alleinzeit optimal!“ Doch gerade das widerspricht der Erfahrung, die ich gemacht habe – und die wohl viele Menschen teilen. Das bewusste Alleinsein entzieht sich dem Optimierungsdenken. Es ist kein Projekt, kein Ziel, kein Tool. Es ist eine Haltung.&#xA;&#xA;Und trotzdem gibt es kleine, unspektakuläre Wege, sich dieser Haltung zu nähern:&#xA;&#xA;Etwa, indem man einen halben Tag pro Woche nicht verplant.&#xA;Oder einen Spaziergang macht – ohne Podcast, ohne Musik, ohne Ziel.&#xA;Oder sich vornimmt, beim nächsten Alleinsein das Handy nicht in die Hand zu nehmen, sondern sich einfach nur hinzusetzen und nachzudenken.&#xA;&#xA;Es geht nicht darum, möglichst viele solcher Momente zu „sammeln“. Es reicht, sie überhaupt wieder zuzulassen. Wer das regelmässig tut, merkt schnell: Die Welt wird dadurch nicht kleiner. Aber sie wird stiller. Und in dieser Stille wird einem vieles klarer.&#xA;&#xA;Der Rückzug als Reifung&#xA;&#xA;Ich glaube nicht, dass wir „immer weniger Freunde haben“, wie es die Schlagzeilen gerne zuspitzen. Ich glaube, wir haben andere Freunde. Weniger laut, weniger sichtbar, dafür oft intensiver. Und ich glaube auch nicht, dass Alleinsein ein Makel ist – im Gegenteil. Es kann Ausdruck einer gewachsenen inneren Freiheit sein.&#xA;&#xA;Rückzug ist nicht dasselbe wie Abkehr. Alleinsein nicht dasselbe wie Verlust. In unserem Alltag, geprägt von äusserem Druck, digitaler Dauerpräsenz und sozialen Erwartungen, kann das bewusste Alleinsein ein Akt der Reifung sein. Nicht spektakulär, nicht dramatisch. Aber klärend.&#xA;&#xA;Und vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Lebensphase: nicht mehr jedem Impuls nachzulaufen, nicht jede Leerstelle zu füllen, nicht jede Stille sofort zu übertönen. Sondern hinzuhören. In sich hinein. Und in die Welt, die sich zeigt, wenn gerade niemand anderes da ist.&#xA;&#xA;---&#xA;💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)&#xA;a href=&#34;https://remark.as/p/epicmind.ch/alleine-aber-nicht-einsam&#34;Discuss.../a&#xA;&#xA;---&#xA;Bildquelle&#xA;Friedrich Wilhelm Theodor Heyser (1857–1921): Ophelia, Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess, Museum Wiesbaden, Public Domain.&#xA;&#xA;Disclaimer&#xA;Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.&#xA;&#xA;Topic&#xA;#Selbstbetrachtungen | #Philosophie&#xA;&#xA;div class=&#34;signature&#34;&#xD;&#xA;    &lt;img&#xD;&#xA;        src=&#34;https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png&#34;&#xD;&#xA;        alt=&#34;Michael Gisiger&#34;&#xD;&#xA;        class=&#34;profile-pic u-photo&#34;&#xD;&#xA;      div class=&#34;signature-content&#34;&#xD;&#xA;        h2 class=&#34;p-author p-name&#34; rel=&#34;author&#34;Michael Gisiger/h2&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;        p class=&#34;p-note&#34;&#xD;&#xA;            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.&#xD;&#xA;            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,&#xD;&#xA;            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.&#xD;&#xA;        /p&#xD;&#xA;&#xD;&#xA;p class=&#34;signature-links&#34;a href=&#34;https://www.michaelgisiger.ch/&#34; target=&#34;blank&#34;Website/a · a href=&#34;https://nerdculture.de/@gisiger&#34; target=&#34;blank&#34; rel=&#34;me&#34;Mastodon/a · a href=&#34;https://nolto.social/profile/michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;Nolto/a · a href=&#34;https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social&#34; target=&#34;blank&#34;Bluesky/a · a href=&#34;https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLEFOLLOWS&amp;amp;followMember=michaelgisiger&#34; target=&#34;blank&#34;LinkedIn/a/p&#xD;&#xA;    /div&#xD;&#xA;/div]]&gt;</description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><img src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/90/Friedrich_Heyser_Ophelia.jpg/960px-Friedrich_Heyser_Ophelia.jpg" alt="Heyser: Ophelia"/></p>

<p>Ich stehe kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag. Eine Zahl, die nüchtern betrachtet nichts anderes bedeutet, als ein weiteres volles Lebensjahrzehnt. Und doch lädt sie zum Innehalten ein. Vielleicht ist es das langsame Abklingen des Tatendrangs, das leise Umordnen der Prioritäten, oder auch nur die schlichte Tatsache, dass meine Wochenenden anders aussehen als früher. Nicht schlechter, aber stiller.</p>

<p>Dabei drängt sich mir eine Beobachtung auf, die ich lange mit einem gewissen Unbehagen betrachtet habe: Ich bin heute öfter alleine als früher. Nicht immer, nicht ausschliesslich – aber doch merklich häufiger. Und noch vor einigen Jahren hätte ich das für ein Warnsignal gehalten. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/volkskrankheit-einsamkeit-kontaktabbruch-ist-die-hoechststrafe-19827840.html">Einsamkeit, so heisst es, sei die neue Volkskrankheit.</a> Rückzug wird rasch mit Mangel gleichgesetzt. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto weniger überzeugt mich diese Gleichung.</p>



<p>Was, wenn nicht jeder Rückzug ein Verlust ist? Was, wenn das Alleinsein, richtig verstanden, keine Bedrohung, sondern eine Ressource darstellt?</p>

<h2 id="rückzug-als-lebensrealität" id="rückzug-als-lebensrealität">Rückzug als Lebensrealität</h2>

<p>Dass Freundschaften im Lauf des Lebens weniger werden, ist gut belegt. Eine <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4852646/">vielzitierte Studie der Aalto-Universität Helsinki und der Universität Oxford</a> zeigte, dass Menschen rund um das 25. Lebensjahr den grössten Freundeskreis haben – danach geht es kontinuierlich bergab. In späteren Jahren verlieren wir im Schnitt pro Jahrzehnt eine enge Bezugsperson, ohne dass gleichwertiger Ersatz hinzukommt.</p>

<p>Das klingt dramatisch. Und doch ist es nichts anderes als eine statistische Beschreibung des Erwachsenwerdens. Beruf, Familie, Wohnortswechsel, gesundheitliche Veränderungen – all das macht das Pflegen von Beziehungen aufwändiger. Gelegenheiten für spontane Nähe verschwinden. Freundschaften verlagern sich von der zufälligen zur absichtsvollen Begegnung. Und nicht jede Verbindung überlebt diesen Wandel.</p>

<p>Früher habe ich solche Verluste als Scheitern empfunden. Heute sehe ich darin vor allem eine natürliche Veränderung. Die Welt wird enger, nicht ärmer. Was bleibt, ist oft verlässlicher, tiefer, beständiger. Ich habe weniger Freunde als mit dreissig – aber ich weiss, auf wen ich zählen kann. <a href="https://www.handelsblatt.com/karriere/psychologie-darum-sind-weniger-freundschaften-im-alter-oft-besser/100126122.html">Und vielleicht ist das der springende Punkt</a>.</p>

<h2 id="das-bewusste-alleinsein-als-raum-der-reifung" id="das-bewusste-alleinsein-als-raum-der-reifung">Das bewusste Alleinsein als Raum der Reifung</h2>

<p>Gleichzeitig ist da noch etwas anderes, das mich mehr und mehr beschäftigt: das wachsende Bedürfnis nach Rückzug. Nicht aus Ablehnung der anderen, sondern aus dem Wunsch, wieder vermehrt mit mir selbst in Kontakt zu kommen.</p>

<p>In der psychologischen Forschung spricht man von <a href="https://doi.org/10.1177/0091415020957379"><em>positive solitude</em></a> – einem freiwilligen, sinnhaften Alleinsein, das Raum schafft für Erholung, <a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstreflexion" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstreflexion</span></a> und persönliches Wachstum. <a href="https://doi.org/10.1017/s1041610223000698">Studien belegen</a>: Wer regelmässig Zeit mit sich selbst verbringt – bewusst und nicht bloss als Lücke zwischen zwei Terminen –, erlebt mehr emotionale Ausgeglichenheit, ein höheres Mass an Klarheit und langfristig auch ein vertieftes Gefühl von Lebenssinn.</p>

<p>Was mich daran besonders berührt: Das Alleinsein kann eine Form des inneren Dialogs werden, die jenseits von Leistungszielen liegt. Es ist nicht etwas, das man effizient „nutzt“, sondern etwas, das man zulässt – wie ein stilles, langsames Reifen unterhalb der Oberfläche. Eine Entsprechung dessen, was antike Philosophen wie <a href="https://epicmind.ch/tag:Epikur" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Epikur</span></a> als <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ataraxie">„ataraxia“, innere Ruhe</a>, beschrieben haben: nicht durch Abschottung, sondern durch ein Leben im Gleichgewicht mit sich und den anderen.</p>

<p>Für mich hat sich dabei eine einfache Praxis als besonders hilfreich erwiesen: <a href="https://text.tchncs.de/gisiger/meine-erste-30-day-challenge-2024-tagliche-morning-pages">das regelmässige Schreiben</a>. Nicht im Sinn literarischer Ambition, sondern als Journal – ein Ort, an dem Gedanken nicht nur gedacht, sondern festgehalten werden. Diese Form des strukturierten inneren Dialogs, morgens oder abends für ein paar Minuten, schärft nicht nur die Wahrnehmung, sondern eröffnet manchmal überraschende Einsichten: darüber, was gerade wesentlich ist, was stört, was trägt – und was man vielleicht längst loslassen könnte.</p>

<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Epikur">Epikur</a> – oft zu Unrecht als Vordenker des Lustprinzips missverstanden – sah die Freundschaft als höchsten Wert eines gelungenen Lebens. Doch er wusste auch, dass wahre Freundschaft erst entstehen kann, wenn der Mensch mit sich selbst im Reinen ist. Vielleicht liegt in diesem Gedanken ein Schlüssel: Der Rückzug zu sich selbst ist keine Abkehr von der Welt, sondern die Voraussetzung, ihr wieder begegnen zu können – aufrechter, freier, wacher.</p>

<h2 id="beziehungen-neu-verstehen-nach-innen-und-aussen" id="beziehungen-neu-verstehen-nach-innen-und-aussen">Beziehungen neu verstehen – nach innen und aussen</h2>

<p>Bewusstes Alleinsein verändert, wie ich Beziehungen verstehe. Lange Zeit habe ich geglaubt, dass zwischenmenschliche Nähe vor allem durch Quantität punktet – durch regelmässige Treffen, gemeinsame Erlebnisse, geteilte Zeit. Und natürlich stimmt das zum Teil. Aber heute weiss ich auch: Wer mit sich selbst verbunden ist, begegnet anderen anders. Weniger bedürftig, weniger ungeduldig, aber präsenter. Ich kann zuhören, ohne sofort reagieren zu müssen. Nähe zulassen, ohne mich darin zu verlieren. Und manchmal einfach auch loslassen, ganz ohne Schuldgefühle.</p>

<p><a href="https://theconversation.com/being-alone-has-its-benefits-a-psychologist-flips-the-script-on-the-loneliness-epidemic-250742">Studien zeigen</a>: Menschen, die ihre Zeit mit sich selbst als sinnvoll erleben, haben nicht nur stabilere soziale Netzwerke, sondern auch ein klareres Gespür dafür, welche Beziehungen ihnen guttun – und welche nicht mehr passen. In dieser neuen Sensibilität liegt eine Kraft, die sich nicht nur auf die Freundschaften, sondern auch auf alltägliche Begegnungen auswirkt: auf Gespräche mit Kolleginnen, auf Nachbarschaften, auf flüchtige Kontakte, die trotzdem berühren.</p>

<p>Vielleicht ist das die unterschätzte soziale Kompetenz unserer Zeit: Nicht nur zu wissen, wie man mit anderen ist – sondern auch, wie man mit sich selbst ist.</p>

<h2 id="strategien-jenseits-der-selbstoptimierung" id="strategien-jenseits-der-selbstoptimierung">Strategien jenseits der Selbstoptimierung</h2>

<p>Die Versuchung ist gross, auch dieses Thema in ein Raster aus Tipps und Tricks zu pressen: „So nutzt du deine Alleinzeit optimal!“ Doch gerade das widerspricht der Erfahrung, die ich gemacht habe – und die wohl viele Menschen teilen. Das bewusste Alleinsein entzieht sich dem Optimierungsdenken. Es ist kein Projekt, kein Ziel, kein Tool. Es ist eine Haltung.</p>

<p>Und trotzdem gibt es kleine, unspektakuläre Wege, sich dieser Haltung zu nähern:</p>
<ul><li>Etwa, indem man einen halben Tag pro Woche nicht verplant.</li>
<li>Oder einen Spaziergang macht – ohne Podcast, ohne Musik, ohne Ziel.</li>
<li>Oder sich vornimmt, beim nächsten Alleinsein das Handy nicht in die Hand zu nehmen, sondern sich einfach nur hinzusetzen und nachzudenken.</li></ul>

<p>Es geht nicht darum, möglichst viele solcher Momente zu „sammeln“. Es reicht, sie überhaupt wieder zuzulassen. Wer das regelmässig tut, merkt schnell: Die Welt wird dadurch nicht kleiner. Aber sie wird stiller. Und in dieser Stille wird einem vieles klarer.</p>

<h2 id="der-rückzug-als-reifung" id="der-rückzug-als-reifung">Der Rückzug als Reifung</h2>

<p>Ich glaube nicht, dass wir „immer weniger Freunde haben“, wie es <a href="https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2025/02/american-loneliness-personality-politics/681091/">die Schlagzeilen gerne zuspitzen</a>. Ich glaube, wir haben andere Freunde. Weniger laut, weniger sichtbar, dafür oft intensiver. Und ich glaube auch nicht, dass Alleinsein ein Makel ist – im Gegenteil. Es kann Ausdruck einer gewachsenen inneren Freiheit sein.</p>

<p>Rückzug ist nicht dasselbe wie Abkehr. Alleinsein nicht dasselbe wie Verlust. In unserem Alltag, geprägt von äusserem Druck, digitaler Dauerpräsenz und sozialen Erwartungen, kann das bewusste Alleinsein ein Akt der Reifung sein. Nicht spektakulär, nicht dramatisch. Aber klärend.</p>

<p>Und vielleicht ist das die eigentliche Einladung dieser Lebensphase: nicht mehr jedem Impuls nachzulaufen, nicht jede Leerstelle zu füllen, nicht jede Stille sofort zu übertönen. Sondern hinzuhören. In sich hinein. Und in die Welt, die sich zeigt, wenn gerade niemand anderes da ist.</p>

<hr/>

<h4 id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts" id="kommentieren-nur-für-write-as-accounts">💬 Kommentieren (nur für write.as-Accounts)</h4>

<p><a href="https://remark.as/p/epicmind.ch/alleine-aber-nicht-einsam">Discuss...</a></p>

<hr/>

<p><strong>Bildquelle</strong>
<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Heyser">Friedrich Wilhelm Theodor Heyser</a> (1857–1921): <em>Ophelia</em>, Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess, Museum Wiesbaden, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Friedrich_Heyser_Ophelia.jpg">Public Domain</a>.</p>

<p><strong>Disclaimer</strong>
Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.</p>

<p><strong>Topic</strong>
<a href="https://epicmind.ch/tag:Selbstbetrachtungen" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Selbstbetrachtungen</span></a> | <a href="https://epicmind.ch/tag:Philosophie" class="hashtag"><span>#</span><span class="p-category">Philosophie</span></a></p>

<div class="signature">
    <img src="https://www.gisiger.biz/assets/storage/epicmind/michael-gisiger-round-2.png" alt="Michael Gisiger" class="profile-pic u-photo">
    <div class="signature-content">
        <h2 class="p-author p-name">Michael Gisiger</h2>

        <p class="p-note">
            Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung.
            Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität,
            PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.
        </p>

<p class="signature-links"><a href="https://www.michaelgisiger.ch/" target="_blank">Website</a> · <a href="https://nerdculture.de/@gisiger" target="_blank">Mastodon</a> · <a href="https://nolto.social/profile/michael_gisiger" target="_blank">Nolto</a> · <a href="https://bsky.app/profile/gisiger.bsky.social" target="_blank">Bluesky</a> · <a href="https://www.linkedin.com/comm/mynetwork/discovery-see-all?usecase=PEOPLE_FOLLOWS&amp;followMember=michaelgisiger" target="_blank">LinkedIn</a></p>
    </div>
</div>
]]></content:encoded>
      <guid>https://epicmind.ch/alleine-aber-nicht-einsam</guid>
      <pubDate>Fri, 06 Jun 2025 06:08:07 +0000</pubDate>
    </item>
  </channel>
</rss>