Selbstgesteuertes Lernen mit FASTER

Liotard:  Portrait de Marie-Adélaïde de France en tenue turque

Selbstgesteuertes Lernen gilt heute als eine der Schlüsselkompetenzen schlechthin. Unsere Arbeitswelt ist geprägt von Beschleunigung und Verdichtung. Eigenverantwortung wächst. Gleichzeitig bleibt oft unklar, wie Sie Ihren Lernprozess konkret strukturieren sollen, ohne sich in Methoden, Tools oder gut gemeinten Ratschlägen zu verlieren. Das FASTER-Modell von Jim Kwik, der als Lerncoach vor allem ein breites Publikum anspricht, bietet hierfür einen einfachen, aber nicht oberflächlichen Orientierungsrahmen. Ich lese es weniger als Lernmethode im engeren Sinn, sondern als Heuristik, die hilft, Aufmerksamkeit, Handlung und Wiederholung bewusst zu organisieren.

FASTER ist ein sechsstufiges Modell, das #Lernen nicht inhaltlich, sondern prozessual beschreibt. Im Zentrum steht die Idee, dass wirksames Lernen weniger von Methoden als von bewussten Entscheidungen abhängt: Woran richtet man die eigene Aufmerksamkeit aus, wie aktiv geht man mit dem Stoff um, in welchem Zustand lernt man, wie verankert man Lernzeit im Alltag und wie sichert man das Gelernte ab. Das Modell versteht Lernen damit als gestaltbaren Ablauf, der vor dem eigentlichen Lernen beginnt und erst mit gezielter Wiederaufnahme endet (Forget, Act, State, Teach, Enter, Review).

Selbstgesteuertes Lernen bedeutet nicht, alles allein zu tun. Es bedeutet, Verantwortung für Ziele, Vorgehen und Bewertung des eigenen Lernens zu übernehmen. Damit verschiebt sich der Fokus von der Vermittlung zur Gestaltung von Lernbedingungen. Genau hier setzt FASTER an. Das Modell beschreibt keine Inhalte, sondern sechs Entscheidungen, die man vor, während und nach dem Lernen treffen kann. In dieser Perspektive wird Lernen nicht optimiert, sondern gestaltet.

Forget: Raum schaffen

Der erste Schritt fordert dazu auf, Vorwissen, Ablenkung und selbst gesetzte Grenzen zeitweise auszublenden. Für selbstgesteuertes Lernen ist das zentral. Wenn man mit festen Annahmen darüber lernt, was man bereits weiss oder nicht kann, reduziert man die eigene Lernspanne erheblich. Die Idee des bewussten Vergessens korrespondiert mit dem Konzept des Pre-Testing. Ein offener Einstieg, der eigene Wissenslücken sichtbar macht, fördert Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft stärker als der Versuch, an vermeintlich Bekanntes anzuknüpfen.

Act: Aktiv mit dem Stoff arbeiten

FASTER versteht Lernen explizit als aktive Tätigkeit. Das deckt sich mit gut belegten Erkenntnissen aus der Lernforschung. Strategien wie Retrieval Practice oder Elaboration zeigen, dass Behalten vor allem dann gelingt, wenn man Informationen aktiv abruft, verknüpft und umformuliert. Für selbstgesteuertes Lernen bedeutet das, sich nicht auf Lesen oder Zuhören zu beschränken, sondern bewusst mit dem Stoff zu arbeiten. Aktivität ist hier kein Bonus, sondern Voraussetzung.

State: Den eigenen Zustand beachten

Der emotionale und körperliche Zustand beeinflusst, wie Lerninhalte verarbeitet werden. Diese Einsicht ist nicht neu, doch Lernende ignorieren sie oft. Selbstgesteuertes Lernen verlangt daher auch Selbstwahrnehmung. Wenn man lernt, ohne den eigenen Zustand zu reflektieren, riskiert man oberflächliche Verarbeitung. Mental Replay, also das bewusste innere Durchgehen von Lerninhalten, zeigt, wie stark Emotion, Aufmerksamkeit und Erinnerung miteinander verbunden sind. FASTER macht diesen Zusammenhang explizit, ohne ihn theoretisch auszudeuten. Der bewusste Blick auf den eigenen Zustand schafft die Grundlage dafür, das Gelernte später auch weitergeben zu können.

Das FASTER-Modell: Infografik Das FASTER-Modell im Überblick (eigene Darstellung mit ChatGPT)

Teach: Verstehen durch Weitergabe

Das Element „Teach“ greift eine der wirksamsten Lernstrategien auf: Wer etwas erklären kann, hat es in der Regel verstanden. Für selbstgesteuertes Lernen ist das besonders relevant, da externe Prüfungen oder Rückmeldungen oft fehlen. Die Vorstellung, das Gelernte jemand anderem vermitteln zu müssen, erzwingt Struktur, Präzision und Auswahl. Didaktisch lässt sich hier eine enge Verbindung zur Retrieval Practice ziehen, ergänzt durch Elaboration: Erklären bedeutet erinnern und vertiefen zugleich. Doch damit dieser Schritt gelingt, braucht es Verbindlichkeit im Alltag.

Enter: Verbindlichkeit schaffen

Ein oft unterschätzter Aspekt selbstgesteuerten Lernens ist die Organisation im Alltag. FASTER adressiert dies nüchtern über den Kalender. Lernzeit wird nicht als Restposten behandelt, sondern als fixe Verpflichtung. Der Kalendereintrag macht den Unterschied zur blossen To-do-Liste: Er reserviert Zeit, schafft Verbindlichkeit und reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass andere Aufgaben dazwischenkommen. Diese Perspektive ist wenig spektakulär, aber realistisch. Ohne zeitliche Struktur bleibt selbst die beste Lernabsicht erfolglos. In der Praxis zeigt sich, dass selbstgesteuertes Lernen weniger an Motivation scheitert als an fehlender Planung. Die geplante Zeit allein reicht aber nicht – das Gelernte muss gesichert werden.

Review: Wiederholen mit System

Der letzte Schritt verweist auf Spaced Practice, also verteilte Wiederholung. Diese gilt als eine der robustesten Strategien für langfristiges Behalten. Entscheidend ist, dass Wiederholen nicht als passives Durchlesen verstanden wird, sondern als aktiver Abruf. Das bedeutet: Statt Notizen erneut zu lesen, versucht man, das Gelernte aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Erst danach gleicht man es mit den Unterlagen ab. Bewährt haben sich Abstände von einem Tag, einer Woche und einem Monat nach dem ersten Lernen. FASTER bleibt hier bewusst offen, bietet aber einen klaren Hinweis: Lernen endet nicht mit dem ersten Verstehen. Für selbstgesteuertes Lernen ist diese Einsicht zentral, da Lernprozesse selten extern getaktet werden.

Einordnung und praktische Empfehlung

Aus pädagogischer Sicht ist FASTER kein vollständiges Modell selbstgesteuerten Lernens. Fragen der Zieldefinition, der Erfolgskontrolle oder des Transfers bleiben weitgehend ausgeklammert. Das Modell setzt voraus, dass man weiss, was man lernen will und warum. Diese Leerstelle ist relevant, schmälert aber nicht den praktischen Wert des Ansatzes. FASTER will nicht erklären, was Lernen ist, sondern Orientierung im Lernhandeln bieten.

Ich verstehe das FASTER-Modell als praxistaugliche Heuristik für selbstgesteuertes Lernen. Es ersetzt weder didaktische Konzepte noch wissenschaftliche Modelle, schafft aber einen klaren Rahmen für bewusste Lernentscheidungen. Seine Stärke liegt in der Konzentration auf Aufmerksamkeit, Aktivität und Wiederholung. Wer selbstgesteuert lernt, findet hier keine Abkürzung, aber eine strukturierte Erinnerung daran, worauf es ankommt.

Meine Empfehlung lautet daher: Nutze FASTER nicht als Methode, sondern als Checkliste. Dort, wo Lernen ins Stocken gerät, lohnt sich der Blick auf diese sechs Schritte:


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Literatur Jim Kwik (2021): Limitless. Wie du schneller lernst und dein Potenzial befreist. Gräfelfing: Next Level.

Bildquelle Jean-Étienne Liotard (1702–1789): Portrait de Marie-Adélaïde de France en tenue turque, Uffizien, Florenz, Public Domain.

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet. Die Übersichtsgrafik zum Modell wurde basierend auf meiner Inhaltsangabe von ChatGPT (GPT-5.2) generiert. Prompt: „Erstelle mir aus nachfolgendem Text eine Infografik, im Stil von Flipcharts in Trainings. Nutze ausschliesslich meinen Text und erstelle die Infografik im Querformat, weisser Hintergrund.“

Themen #Erwachsenenbildung | #Coaching

Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.