Mit der Truppe führen lernen – warum Militärdienst Führungskräfte stärkt
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Der preisgekrönte Dokumentarfilm Echte Schweizer, der derzeit in der 3sat-Mediathek verfügbar ist, hat mich erneut daran erinnert, wie prägend der Militärdienst sein kann. Regisseur Samir Popadić, selbst Schweizer Offizier mit serbischen Wurzeln, erzählt von erlebtem Zusammenhalt und davon, wie der Militärdienst Integration ermöglicht – über Herkunft und Sprache hinweg. Für ihn wurde die Armee nach dem frühen Tod seiner Eltern sogar zur Ersatzfamilie. Diese doppelte Perspektive als Filmemacher und Offizier macht deutlich: Militär bedeutet nicht nur Verteidigung, sondern stiftet auch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch ich habe als Offizier erlebt, wie militärische Erfahrung Führungskräfte formt und ihnen hilft, Teams im Zivilen zu führen.
Teamgeist als Fundament
Popadić' Film rückt einen oft übersehenen Aspekt in den Vordergrund: die Armee als Raum gelebten Zusammenhalts. In seinem Fall war sie nicht nur Ausbildungsstätte, sondern auch soziales Netz, das Herkunft und Sprache überbrückt. Diese Erfahrung ist für Unternehmen wertvoll. Wer schon früh lernt, dass Erfolg nur durch Vertrauen möglich ist, trägt dieses Verständnis in Teams jeder Branche.
Aus meiner eigenen Dienstzeit erinnere ich mich an Situationen, in denen die Zugehörigkeit zur Einheit entscheidend war. Das Bewusstsein, dass alle im gleichen Boot sitzen – buchstäblich, wenn man mit dem Schlauchboot über einen nächtlichen Fluss muss – schweisst zusammen. In Unternehmen entstehen ähnliche Effekte, wenn Teams ein anspruchsvolles Projekt gemeinsam stemmen. Militärischer Zusammenhalt ist keine romantische Vorstellung, sondern eine Schule für Kooperation.
Führen unter Druck
Militärische #Führung bedeutet, Entscheidungen zu treffen, wenn Zeit, Informationen und Ressourcen knapp sind. Unteroffiziere und Offiziere üben dies wiederholt: zuerst für eine Gruppe, später für einen ganzen Zug oder eine Kompanie. Diese Routine im Umgang mit #Stress unterscheidet militärische Ausbildung von vielen zivilen Führungskursen.
In Unternehmen zeigen sich Parallelen bei unerwarteten Marktveränderungen, Lieferengpässen oder IT-Ausfällen. Wer in der Armee gelernt hat, Prioritäten zu setzen und unter Druck klar zu kommunizieren, bringt entscheidende Stärken mit. Die deutsche WirtschaftsWoche verweist auf den Wert dieser Belastbarkeit. Sie nennt dies einen Grund, weshalb Konzerne wie Amazon gezielt ehemalige Militärangehörige rekrutieren.
Klarheit bei der Aufgabenstellung – Flexibilität bei der Umsetzung
Ein weiterer Vorteil liegt in der Verbindung von klaren Strukturen und pragmatischer Umsetzung. In der Armee ist das Mandat eindeutig: Eine Führungsperson erhält einen Auftrag und muss ihn mit den gegebenen Mitteln ausführen. Anschliessend wird sie bewertet. Diese Transparenz in der Leistungsbeurteilung schafft eine Kultur der Klarheit.
Gleichzeitig hat sich der Führungsstil gewandelt. Heute geht es weniger um Befehl und Gehorsam, sondern um Sinnvermittlung und Motivation. Offiziere wissen: Wer Menschen gewinnen will, muss selbst Vorbild sein. Das gilt ebenso für Führungskräfte in Unternehmen. Sie müssen Teams nicht nur steuern, sondern auch inspirieren. Die Schweizer Handelszeitung zitiert Offiziere aus der Wirtschaft, die betonen, dass glaubwürdiges Vorleben entscheidend ist.
Lebenslanges Training
Anders als viele Managementprogramme endet die militärische Ausbildung in der Regel [1] nicht mit einem Zertifikat. Sie ist auf lebenslange Wiederholung angelegt. Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften kehren in der Schweiz alle zwei Jahre in den sogenannten Wiederholungskurs zurück. Diese Zyklen vertiefen Führungsroutinen und halten Fachwissen aktuell. Sie zwingen zu kontinuierlicher Selbstreflexion.
Diese regelmässige Rückkehr in ein forderndes Umfeld verstärkt den Lerneffekt erheblich. Wer immer wieder mit neuen Aufgaben konfrontiert wird, entwickelt nicht nur methodische, sondern auch persönliche Widerstandskraft. Für Führungskräfte ist dies vergleichbar mit einem fortlaufenden, praxisnahen Executive-Programm – nur intensiver.
Netzwerke und gesellschaftlicher Wert
Ein Aspekt, der in der zivilen Debatte oft unterschätzt wird, ist das Netzwerk. Viele Schweizer Führungspersonen berichten, dass Kameraden aus der Offiziersschule oder aus Einsätzen bis heute wertvolle Ansprechpartner sind – sei es für fachlichen Rat oder bei der Besetzung von Schlüsselpositionen. Diese Netzwerke beruhen auf gemeinsam bestandenen Belastungsproben. Sie schaffen Vertrauen, das sich nicht einfach einkaufen lässt.
Hinzu kommt der gesellschaftliche Nutzen. Militärdienst ist in der Schweiz nicht nur eine individuelle Erfahrung, sondern Teil der Sicherheitsarchitektur des Landes. Wer Führung gelernt hat, leistet damit auch einen Beitrag zum Gemeinwohl. Das stärkt die gesellschaftliche Verankerung von Führungskräften. Es vermittelt ein Bewusstsein für Verantwortung über das eigene Unternehmen hinaus.
Ein kurzer Blick ins Ausland zeigt, dass der Stellenwert dieser Erfahrung variiert. In den USA oder Grossbritannien ist es selbstverständlich, dass ehemalige Offiziere in die Wirtschaft wechseln und dort geschätzt werden. In Deutschland wird der Nutzen zwar zunehmend erkannt, doch Vorbehalte bleiben. Die Schweiz liegt irgendwo dazwischen: Die Bedeutung militärischer Führungsausbildung wird wieder sichtbarer, nicht zuletzt durch die veränderte Sicherheitslage in Europa.
Grenzen und Herausforderungen
Trotz aller Vorteile bleibt der militärische Werdegang kein Selbstläufer für die Karriere. Wiederholungskurse bedeuten Abwesenheiten, die Arbeitgeber einplanen müssen. Manche Unternehmen sehen dies weiterhin als Belastung. Zudem existieren Vorurteile: Wer Offizier war, gilt mitunter als zu hierarchisch geprägt oder zu wenig flexibel.
Doch die Realität ist differenzierter. Die heutige Armee setzt stark auf Eigenverantwortung und kooperative Entscheidungsprozesse. Wer dort führt, muss zuhören, vermitteln und Konflikte konstruktiv lösen können. Unternehmen, die militärische Erfahrung als starres Befehlssystem missverstehen, verschenken Potenzial.
Was Führungskräfte konkret mitnehmen können
Militärdienst ist weit mehr als eine Episode zwischen Schule und Beruf. Er ist eine Schule der Führung, die auf Praxis und Wiederholung basiert. Die Beispiele aus Echte Schweizer zeigen, wie tiefgreifend Zusammenhalt wirken kann – als Motor der Integration und als tragfähiges Fundament für Vertrauen in Teams.
Für Dich als Führungskraft bedeutet das konkret: Nutze die Prinzipien militärischer Führung in Deinem beruflichen Alltag. Schaffe klare Mandate für Deine Teams, aber lass ihnen Raum für eigenverantwortliche Umsetzung. Trainiere Entscheidungsfindung unter Zeitdruck regelmässig – nicht erst im Krisenfall. Baue Sie Vertrauen durch Vorbild und Verlässlichkeit auf.
HR-Verantwortliche sollten militärische Erfahrung als wertvollen Kompetenznachweis betrachten. Wer Dienst geleistet hat, bringt nicht nur Durchhaltevermögen mit, sondern auch die Fähigkeit, Menschen in komplexen Situationen zu einen. Angesichts wachsender Unsicherheiten in Wirtschaft und Gesellschaft wird diese Kompetenz immer wichtiger.
Die Botschaft ist klar: Militärische Führungserfahrung verdient einen festen Platz in der Personalentwicklung und Rekrutierung – nicht als Relikt vergangener Zeiten, sondern als Baustein für die Herausforderungen von morgen.
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Fussnote [1] Die Führungsausbildung in der Schweizer Armee hat einen besonderen Hintergrund: Sie ist zivil anerkannt und kann zu einem im zivilen Führungskontext gleichwertigen Zertifikat führen – dem Leadership-Zertifikat der Schweizerischen Vereinigung für Führungsausbildung (SVF). Dieses Zertifikat entstand 2000 unter Beteiligung der Schweizer Armee und hat sich seither als anerkannter Abschluss etabliert. Ich selber unterrichte im zivilen Kontext angehende Führungskräfte in der Vorbereitung auf dieses Zertikfikat und profitiere dabei auch von meiner militärischen Führungserfahrung.
Bildquelle Ferdinand Bol (1616–1680): Five officers of the Gouda city militia, Museum Gouda, Public Domain.
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde NotebookLM von Google verwendet.
Topic #ProductivityPorn
Michael Gisiger
Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.