Man muss nicht überall mitspielen
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„Obwohl sich die Sicherheit vor den Menschen bis zu einem gewissen Grad durch wohlgefestigte Macht und Reichtum ergibt, so entsteht doch die reinste Sicherheit aus der Ruhe und dem Rückzug vor der Masse.“ (KD 14) [1]
Wer sich heute zurückzieht, versieht die Abwesenheit oft gleich mit einer Funktion. Eine Woche ohne Smartphone soll den Kopf freimachen, das Retreat neue Energie liefern, das Sabbatical Abstand schaffen. Danach geht es weiter. Der Rückzug wird zum Unterbruch, der die Rückkehr in dieselben Anforderungen erleichtert.
Epikurs Garten führt zu einer anderen Vorstellung. Auch sein Rückzug verfolgt einen Zweck: Sicherheit, Seelenruhe und ein gutes Leben. Dieses gute Leben beginnt jedoch bereits im Rückzug. Der Garten ist kein „Wartungsintervall“ für eine spätere Rückkehr in den Wettbewerb. Er gehört zu einer Lebensweise, die den Wert dieses Wettbewerbs selbst prüft.
Wie viel von dem, was uns beschäftigt, brauchen wir tatsächlich? Und welche Abhängigkeiten entstehen erst dadurch, dass wir etwas für unverzichtbar halten?
Ein Garten ausserhalb des Spiels
Epikur gründete in Athen eine philosophische Gemeinschaft, die als „der Garten“ bekannt wurde. Sie verband philosophische Praxis mit einem Leben unter Freunden und hielt Abstand zur politischen und gesellschaftlichen Konkurrenz der Polis. Die #Epikur zugeschriebene Formel lathe biosas, meist als „lebe im Verborgenen“ wiedergegeben, passt zu dieser Haltung. In seinen erhaltenen Schriften findet sie sich allerdings nicht; ihre enge Verbindung mit der epikureischen Tradition ist vorwiegend durch spätere Überlieferung bezeugt [2].
Der vierzehnte Hauptlehrsatz, der am Anfang dieses Beitrags steht (KD 14), begründet den Rückzug mit Sicherheit. Macht und Reichtum können Schutz verschaffen; Epikur misst der Ruhe und Distanz zur Masse jedoch den höheren Wert bei. Für die Gegenwart lässt sich daraus eine weiterführende Frage ableiten: Wer sein Wohlergehen an Ansehen, Einfluss und öffentliche Anerkennung bindet, überlässt einen Teil davon Umständen, über die andere verfügen.
Rückzug betrifft unter diesen Voraussetzungen mehr als räumliche Distanz. Zur Disposition steht auch, welche Güter überhaupt als Voraussetzung eines gelungenen Lebens gelten.
Wie viel benötigt ein gutes Leben?
Hier kommt die autarkeia, die Selbstgenügsamkeit, ins Spiel. Im Brief an Menoikeus nennt Epikur sie „ein grosses Gut“. Er verbindet damit ausdrücklich keine Forderung nach möglichst karger Lebensführung. Wer Selbstgenügsamkeit übt, soll auch mit wenig auskommen können, wenn das Viele fehlt (Ep. Men. 130). Überfluss darf Freude machen, verliert aber seinen Rang als Voraussetzung des Wohlbefindens.
Ein Kriterium dafür liefert die epikureische Begierdenlehre. Einige Begierden sind natürlich und notwendig, andere natürlich, aber entbehrlich, weitere entstehen aus „leeren Meinungen“ (KD 29–30; Ep. Men. 127). Vereinfacht lässt sich das an drei Beispielen zeigen: Hunger verlangt Nahrung. Ein aufwendiges Mahl kann angenehm sein, ohne erforderlich zu werden. Ruhm und grenzenloser Reichtum besitzen dagegen kein natürliches Sättigungsmass. Gerade weil ihnen eine solche Grenze fehlt, können sie immer weiter anwachsen.
Selbstgenügsamkeit fragt somit, wie viele äussere Bedingungen erfüllt sein müssen, bevor wir uns ein gutes Leben zugestehen. Mit jeder zusätzlichen Bedingung wächst die Abhängigkeit von Geld, Status, Zustimmung oder günstigen Umständen.
Eine epikureische Sentenz aus dem Gnomologium Vaticanum fasst den Zusammenhang knapp: „Die bedeutendste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist die Freiheit“ (VS 77). Diese Freiheit bezeichnet keinen Zustand völliger Unabhängigkeit. Sie eröffnet Spielraum gegenüber dem, was die Welt gewähren oder verweigern kann.
Warum Autarkie Freunde braucht
Hier entsteht eine offensichtliche Spannung. Epikur misst der Freundschaft ausserordentlich hohen Wert bei. In den Kyriai doxai zählt er sie zu den wichtigsten Gütern, welche die Weisheit für das #Glück bereitstellt (KD 27). Freunde schaffen Vertrauen, Nähe und Sicherheit. Der selbstgenügsame Mensch bleibt also auf andere angewiesen.
Simon Varga rekonstruiert zwei Dimensionen epikureischer Autarkie: eine äussere oder physische und eine innere oder psychische [3]. Die äussere Dimension betrifft den Umgang mit materiellen Bedingungen und verfügbaren Gütern. Die innere zielt auf die Fähigkeit, Begierden, Ängste und fremde Meinungen vernünftig zu beurteilen und ein eigenes Urteil zu bewahren. Beides wird im Garten gemeinsam mit anderen eingeübt.
Freundschaft verändert damit die Art der Abhängigkeit. Sie antwortet auf Bedürfnisse nach Nähe, Vertrauen und Sicherheit, die innerhalb der epikureischen Lebensform einen begrenzbaren Platz besitzen. Ruhm, Status oder grenzenloser Reichtum folgen dagegen Wünschen, denen keine natürliche Grenze gesetzt ist. Die Begierdenlehre erklärt damit auch, weshalb eine Beziehung zu Freunden und die Abhängigkeit von öffentlicher Anerkennung philosophisch verschieden bewertet werden können.
Autarkie bedeutet bei Epikur folglich keine Beziehungslosigkeit. Sie bleibt sozial eingebettet. Gerade die Gemeinschaft kann Menschen darin unterstützen, äussere Ansprüche zu begrenzen und die eigene Urteilskraft zu entwickeln.
Das Gefängnis der Geschäftigkeit
Einige überlieferte Sentenzen formulieren die Distanz zur öffentlichen Welt ausgesprochen scharf. Im Gnomologium Vaticanum heisst es: „Jeder muss sich selbst aus dem Gefängnis befreien, das Alltagsgeschäfte und Politik bilden“ (VS 58).
Einer Gegenwart, in der selbst Erholung häufig mit Konzentration, #Resilienz oder späterer Leistungsfähigkeit begründet wird, ist dieser Satz fremd. Digital Detox, Retreat oder Minimalismus können Abstand schaffen und gleichzeitig problemlos in die bestehende Leistungslogik passen. Man zieht sich zurück, erholt sich und kehrt leistungsfähiger zurück.
Epikurs Frage reicht weiter: Warum nehme ich an einem Wettbewerb teil, dessen Preis ich vielleicht gar nicht brauche?
Der Garten verändert damit die Perspektive auf Belastung. Manche Anforderungen müssen nicht besser bewältigt werden, wenn bereits ihre Voraussetzungen fragwürdig geworden sind.
Der politische Einwand
An dieser Stelle stösst die Übertragung auf die Gegenwart an eine Grenze. Moderne demokratische Gesellschaften sind auf Menschen angewiesen, die öffentliche Aufgaben übernehmen, Entscheidungen mittragen und Institutionen erhalten. Wer deren Schutz geniesst und sich dauerhaft aus ihrer Gestaltung heraushält, profitiert von einer Arbeit, die andere leisten. Der Vorwurf des Trittbrettfahrens lässt sich durch persönliche Seelenruhe kaum ausräumen.
Ganz fremd ist Epikur diese gesellschaftliche Dimension allerdings nicht. In den Kyriai doxai versteht er Recht als eine Vereinbarung zum gegenseitigen Nutzen, durch die Menschen vermeiden sollen, einander Schaden zuzufügen oder Schaden zu erleiden (KD 31–38). Auch Regeln und Institutionen besitzen für eine epikureische Lebensform insofern einen Wert, als sie Sicherheit ermöglichen. Seine Texte entwickeln daraus jedoch kein Kriterium dafür, wie viel aktive politische Beteiligung ein einzelner Mensch einer solchen Ordnung schuldet.
Hier endet die unmittelbare Auskunftskraft der epikureischen Lehre. Für moderne Verhältnisse bleibt eine Unterscheidung hilfreich: Die Verantwortung für gemeinsame Institutionen ist etwas anderes als die Konkurrenz um Status, Einfluss und Sichtbarkeit. Wer sich dem Zweiten entzieht, muss sich deshalb nicht zwangsläufig auch dem ersten entziehen.
Der politische Einwand bleibt trotzdem bestehen. Ein Leben im Garten setzt Bedingungen voraus, die nicht allein im Garten geschaffen werden.
Der Garten als Gedankenfigur
Seine stärkste Wirkung entfaltet der Garten als Gedankenfigur. Er lenkt den Blick auf die Liste dessen, was einem guten Leben vermeintlich vorausgehen muss. Noch etwas erreichen, erledigen, verdienen oder absichern – und erst danach soll Zeit für das Eigentliche bleiben.
Eine epikureische Sentenz formuliert den Preis dieses Aufschiebens drastisch: „Das Leben aber vergeht unter lauter Zögern und jeder Einzelne von uns stirbt, ohne auch nur einmal Musse gehabt zu haben“ (VS 14). Das Problem liegt auch in den Voraussetzungen, die wir dem guten Leben voranstellen. Solange sie als notwendig gelten, muss das Eigentliche warten.
Epikurs Unterscheidung der Begierden bietet dafür einen Prüfstein: Ein Bedürfnis kann eine natürliche Grenze besitzen, eine angenehme Ergänzung entbehrlich bleiben oder ein Wunsch gerade deshalb wachsen, weil ihm kein solches Mass gesetzt ist. Die Frage nach Selbstgenügsamkeit wird so zur Frage nach den Bedingungen, unter denen wir zu leben bereit sind.
Wenn unser Leben begrenzt ist, welchen Dingen wollen wir darin die Macht geben, notwendig zu erscheinen?
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Quellen
[1] Alle Epikur-Zitate werden in den Übersetzungen von VS: Rapp (2010), KD: Hossenfelder (2010) und Ep. Men.: Gigon (1991) wiedergegeben.
[2] G. Roskam, Live Unnoticed (Lathe biosas): On the Vicissitudes of an Epicurean Doctrine. Leiden: Brill, 2007.
[3] S. Varga, „Leben im Verborgenen: Autarkie im Garten des Epikur“, Mnemosyne, Bd. 77, Nr. 4, S. 589–614, 2024, doi: 10.1163/1568525X-BJA10186.
Bildquelle Max Liebermann (1880–1945): Die Gartenbank, Alte Nationalgalerie, Berlin, Public Domain (Wikimedia Commons).
Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.
Topic #Philosophie | #GegenDenStrich