Lesen ist nicht nur Einzelsport

Kars:  Čtenářka

Lesen lebt vom Rückzug. Ein Buch, möglichst wenig Ablenkung, für eine Weile Abstand von Nachrichten, Benachrichtigungen und anderen Reizen. Gerade diese Konzentration gehört für mich zu den grossen Qualitäten des Lesens. Später kann derselbe Text allerdings zum Ausgangspunkt einer ausgesprochen sozialen Tätigkeit werden. Zwei Menschen haben dieselben Seiten vor sich und stellen im Gespräch fest, dass beim Lesen keineswegs dasselbe entstanden ist.

Was die Wissenschaft sagt

Mit dieser sozialen Seite beschäftigt sich auch die Forschung. Ein aktueller Beitrag in Psychological Medicine verweist unter anderem auf Untersuchungen zu Shared Reading [1]. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 hat elf Studien mit Menschen über 60 ausgewertet [2]. Untersucht wurden angeleitete Gruppen mit mindestens drei Personen, in denen Texte gemeinsam gelesen oder vorgelesen und besprochen werden. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf mehr soziale Interaktion, geringere Einsamkeit und teilweise höheres Wohlbefinden.

Die Evidenz ist allerdings noch begrenzt. Die Studien unterscheiden sich in Aufbau, Qualität und untersuchten Wirkungen teilweise erheblich. Die Autoren sprechen entsprechend von einem vielversprechenden Ansatz, nicht von einem nachgewiesenen Rezept gegen Einsamkeit. Vor allem bleibt eine Frage offen: Trägt das Lesen überhaupt etwas Eigenständiges bei, oder genügt bereits das regelmässige Zusammensein mit anderen Menschen?

Und wenn es gar nicht am Lesen liegt?

Ein Chor, eine Wandergruppe oder ein Stammtisch schaffen ebenfalls soziale Kontakte. Selbst der gemeinsame Gegenstand unterscheidet eine Lesegruppe nicht grundsätzlich von anderen Aktivitäten. Auch ein Chor arbeitet schliesslich an einem Lied und dessen Interpretation.

Der Unterschied liegt eher darin, was mit unterschiedlichen Deutungen geschieht. Ein Chor muss sie am Ende zumindest teilweise angleichen, sonst funktioniert das gemeinsame Musizieren nicht. Eine Lesegruppe muss das nicht. Dort können die Abweichungen selbst zum Material des Gesprächs werden.

Herman Melvilles Erzählung Bartleby der Schreiber liefert dafür ein dankbares Beispiel. Der Schreiber Bartleby beginnt, die ihm aufgetragenen Arbeiten mit seinem berühmten „ich möchte lieber nicht“ abzulehnen. Was steckt hinter dieser zunehmenden Verweigerung? Passivität? Widerstand gegen die Arbeitswelt? Selbstschutz? Die Erzählung zwingt uns nicht, uns auf eine Lesart zu einigen.

Wer darüber spricht, redet zunächst über Bartleby. Dabei werden aber schnell die eigenen Massstäbe sichtbar. Was unterscheidet Verweigerung von Widerstand? Wann ist Rückzug legitim? Welche Pflichten hat ein Mensch gegenüber anderen, und welche gegenüber sich selbst? Der literarische Text schafft zunächst Distanz, erlaubt aber gerade dadurch ein Gespräch über Fragen, die sehr persönlich werden können.

Ob dieser Mechanismus die positiven Effekte erklärt, die in Studien zu Shared Reading beobachtet wurden, ist nicht belegt. Die Frage nach der Wirkung ist berechtigt. Aber sie verdeckt eine andere: Was für ein Gespräch entsteht da eigentlich?

Derselbe Text, eine andere Lektüre

Beim Deep Reading bleibt oft unsichtbar, wie stark wir einen Text durch eigene Erfahrungen und Wertvorstellungen lesen. Das ändert sich, sobald jemand dieselbe Passage ganz anders versteht. Vielleicht erkennt mein Gegenüber in Bartlebys Rückzug etwas aus dem eigenen Leben, das mir fremd ist. Nun reicht es nicht mehr, meine Interpretation einfach für selbstverständlich zu halten. Ich muss erklären, weshalb ich zu ihr gekommen bin.

Darin liegt eine soziale Qualität des gemeinsamen Lesens, die sich nicht auf Wohlbefinden oder Einsamkeit reduzieren lässt. Nicht der Konsens ist entscheidend, sondern die Möglichkeit, unterschiedliche Lektüren an demselben Text sichtbar und besprechbar zu machen. Erst weil der Wortlaut derselbe ist, zeigt sich, wie verschieden die Lektüren sind.

Zwischen Rückzug und Begegnung

Zumindest bei jener Form gemeinsamen Lesens, bei der alle einen Text zunächst für sich lesen, ist der Rückzug vom Anfang deshalb keine Gegenposition zur späteren Begegnung. Er ist ihre Voraussetzung. Jeder bringt aus der stillen Lektüre etwas mit, das die anderen bislang nicht kennen.

Ein Buch verbindet Menschen nicht von selbst. Es legt einen Text zwischen sie, den alle kennen und keiner gleich liest. Dort beginnt das Gespräch.


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Quellen

[1] B. J. Sahakian, V. Perrin und C. Langley, “Reading and associations with brain health, cognition, well-being, and mental health”, Psychological Medicine, vol. 56, e262, 2026, doi: 10.1017/S0033291726105625. Frei verfügbar: https://www.cambridge.org/core/journals/psychological-medicine/article/reading-and-associations-with-brain-health-cognition-wellbeing-and-mental-health/1A3565FA61831A975813113DE1AB2B09

[2] C. Milani et al., “Shared reading interventions to promote psychosocial well-being in older adults: a systematic review”, Health Promotion International, vol. 40, no. 2, daaf036, 2025, doi: 10.1093/heapro/daaf036. Frei verfügbar: https://academic.oup.com/heapro/article/40/2/daaf036/8110077

Bildquelle Georges Kars (1880–1945): Čtenářka (Die Leserin), Ceské Muzeum Vytvarnych Umení, Prag, Public Domain (Wikimedia Commons).

Disclaimer Teile dieses Texts wurden mit Deepl Write (Korrektorat und Lektorat) überarbeitet. Für die Recherche in den erwähnten Werken/Quellen und in meinen Notizen wurde Gemini Notebook (ehem. NotebookLM) von Google verwendet.

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Michael Gisiger

Michael Gisiger

Erwachsenenbildner und Coach mit 20+ Jahren Erfahrung. Aus philosophischer Perspektive schreibe ich über Produktivität, PKM und Coaching – fundiert und praxisnah.